Der New Yorker

Hannah Arendts »Eichmann in Jerusalem« darf ich als bekannt voraussetzen. Die Wendung »die Banalität des Bösen« hat hier ihre Quelle. Aber wer weiß schon, dass der Text nicht zuerst als Buch erschien, sondern im New Yorker?

Ab Februar 1963 veröffentlichte das Magazin Arendts Prozessberichte. Fünf Teile erschienen unter der Rubrik »A reporter at large« und haben einen Eindruck hinterlassen, für den »nachhaltig« ein zu schwaches Wort ist. Arendts starker Text erschien in einem Magazin, das man heute auch mit kleinen, intelligenten, Cartoons, Essays und Texten über New Yorker Restaurants verbindet. So wird der Text in der Ausgabe vom 16. Februar 1963, von zahlreichen profanen Anzeigen begleitet. Im vorderen Teil werden die Filme »Lawrence von Arabien« und »West Side Story« kurz besprochen.

Genau diese Spannweite macht The New Yorker aus. Seit 100 Jahren (im vergangenen Jahr 2025 war das Jubiläum) ist das Magazin, trotz Social Media, eine Anlaufstelle für die großen Texte der Zeit. Und wenn wir über New York sprechen, sprechen wir natürlich auch über jüdische Intellektuelle. Bis heute. Eine neue Netflix-Dokumentation von Marshall Curry, die Ende 2025 zum hundertsten Geburtstag erschien, erzählt diese Geschichte. Oder sagen wir: in groben Zügen. Alle Aspekte kann auch die Dokumentation offensichtlich nicht einfangen und dieser spezielle Teil wird natürlich nicht explizit behandelt.

Wie entstehen die Geschichten? Wie groß ist der Aufwand für die Faktenchecks? Und wie bleibt ein Magazin über ein Jahrhundert hinweg relevant?

Der Zuschauer sieht den Menschen bei der Arbeit zu. Für den faszinierten Bewunderer magisch. Kaum vorstellbar, dass es sich für die Journalisten und Angestellten des Magazins normal anfühlen mag, in dieser Umgebung zu arbeiten: Im Stress zu sein, Überstunden zu machen und vielleicht nicht so viel Geld zu verdienen, wie man eigentlich meint, verdienen zu müssen.

Da sind wir bei einem unromantischen Teil. Wieviel verdient eigentlich so ein Star-Autor? 2025 schrieb Condé Nast (das Unternehmen, zu dem der New Yorker heute gehört) einen Job als festangestellter Autor aus (siehe hier) und stellte ein Jahresgehalt von 115.000 bis 150.000 US-Dollar in Aussicht. Ganz nett. Doch das gilt nicht für alle der Mitarbeiter. Einige beginnen mit einem Jahresgehalt von 42.000 US-Dollar und erhalten nach 20 Jahren anscheinend bis zu 60.000 US-Dollar im Jahr (Bericht in der New York Times).

Aber begeben wir uns wieder auf eine höhere Ebene: Wie kann man den Filmkritiker Richard Brody nicht sympathisch in seiner kauzigen Art und den genialen Rezensionen finden? Auch wenn er zuweilen vollkommen daneben liegt mit seiner Einschätzung. Hier ein kurzes Video (Youtube) mit seiner Einschätzung der besten Filme 2025. Oder Michael Schulman (auf YouTube zu den besten »Performances 2025«), wie er über »Bad Bunny« spricht?

Hannah Arendt war bei weitem nicht der einzige große Name. Der New Yorker wurde zur Heimat für Schriftsteller wie Isaac Bashevis Singer (mehr als sechzig Geschichten), für Kritiker wie Susan Sontag oder für Cartoonisten wie Saul Steinberg.

Das Magazin bringt noch immer lange, durchdachte Texte. Nicht: Kürzer, kürzer, prägnanter (also simpler), prägnanter. Anscheinend auch keine Klickbait-Texte. Mit einer Ausnahme vielleicht: Masha Gessens Artikel »In the shadow of the Holocaust« war intellektueller »Rage bait« (Definition auf Wikipedia).

Die Dokumentation zeigt, wie The New Yorker seit seiner Gründung 1925 zu genau dieser Institution wurde. Besonders eindrucksvoll ist die Erinnerung an die Hiroshima-Reportage von John Hersey aus dem Jahr 1946, die das Magazin in einer vollständigen monothematischen Ausgabe veröffentlichte – ein Meilenstein des Journalismus, der auch Albert Einstein beschäftige. So berichtet es jedenfalls die Dokumentation.

Die kurzweilige Dokumentation (mit ein paar Auftritten bekannterer Leserinnen und Leser) ist also zu empfehlen. Eigentlich auch ein Abo, ganz gleich ob digital oder Print (Königsklasse natürlich).

Weitere bemerkenswerte Artikel mit einem jüdischen Bezug:

Maxim Biller hat übrigens zwei Kurzgeschichten im New Yorker veröffentlicht, beide 2007, »The Maserati Years« und »The Mahogany Elephant«.