Es gibt Nachrichten, bei denen man ein zweites Mal hinschaut und den Text prüft. Nicht weil ihn nicht versteht, sondern weil man hofft, ihn beim zweiten Mal anders zu verstehen. Buchstaben im Kopf ersetzt oder irgendwie Wörter weggelassen. Jede und jeder dürfte das kennen. Die Meldung, dass Dieter Nuhr den Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden erhalten soll (hier, juedische-allgemeine.de), gehört dazu.
Der Leo-Baeck-Preis ist keine Kleinigkeit, nicht nur, weil er dotiert ist. Er wird seit 1957 an Persönlichkeiten verliehen, die sich in herausragender Weise für die jüdische Gemeinschaft eingesetzt haben. Bisherige Träger sind etwa Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker oder Joachim Gauck. Und jetzt: Dieter Nuhr.
Eben jener Mann, dessen Verhältnis zum Thema Antisemitismus ungefähr so konsistent ist wie sein Verhältnis zur Selbstkritik: schwer zu durchschauen.
Dabei sprach Nuhr in seiner Sendung das Thema wohl einige Male an. Das Problem ist nur: Es geht ihm vor allem dann etwas an, wenn er damit gegen die richtigen Feinde schießen kann. Woke-Aktivisten, den »Mob«, die »totalitäre Cancel Culture«. Wenn Antisemitismus hingegen aus einer Richtung kommt, die er schätzt oder schützen will, sieht die Sache anders aus.
Nehmen wir den August 2020. Die Kabarettistin Lisa Eckhart war vom Hamburger Harbour Front Literaturfestival ausgeladen worden, nachdem ein älterer WDR-Auftritt von ihr viral gegangen war. Ein Auftritt, in dem sie unter anderem fragte, ob #MeToo nicht eigentlich antisemitisch sei, weil Weinstein, Allen und Polanski Juden seien. Dann folgerte sie: »Den Juden Reparationen zu zahlen, das ist wie dem Mateschitz ein Red Bull auszugeben.« Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung nannte das »geschmacklos und kritikwürdig«. RIAS und die Jüdische Allgemeine verurteilten einhellig den Auftritt als Reproduktion antisemitischer Stereotype. (Siehe auch juedische-allgemeinde.de).
Nuhrs Reaktion damals? Er schrieb auf Facebook: »Wer Lisa Eckhart Antisemitismus vorwirft, muss entweder geistesgestört sein oder böswillig«. Keine Einschränkung, keine Differenzierung. Geistesgestört oder böswillig – das gilt damit auch für den Antisemitismusbeauftragten, für RIAS, für die jüdischen Verbände, für die Jüdische Allgemeine. Nuhr, der Antisemitismusbekämpfer, hatte gerade weite Teile der organisierten jüdischen Gemeinschaft Deutschlands für geisteskrank oder bösartig erklärt. Oder könnte man das auch anders betrachten?
Was er Eckhart zugutehielt – künstlerische Freiheit, Kunstfigur, Ironie – hätte er gerne selbst in Anspruch genommen, als ihm zwei Jahre zuvor ein Trailer für seine Sendung um die Ohren flog. Darin erklärte er, der 8. November sei eigentlich der wichtigere Tag in der deutschen Geschichte, verglichen mit dem 9. November, weil da seine Sendung laufe (siehe etwa spiegel.de). Der 9. November? Nur so mittelwichtig. Dass der Trailer unmittelbar nach dem »ARD-Antisemitismusreport« ausgestrahlt wurde, im Jahr des 80. Jahrestags der Reichspogromnacht, und dass Nuhr Geschichte auf Lehramt studiert hat, machte die Sache nicht besser. Die ARD entschuldigte sich. Nuhr nicht.
Auf die Idee, den Pogrom-Begriff für eigene Zwecke zu nutzen, ist Nuhr übrigens auch schon gekommen. Einen Shitstorm, digitale Kritik, Tweets, Kommentare, bezeichnete er als die »humane Variante des Pogroms« (siehe uebermedien). Pogrom als Metapher für Onlinekritik. Man muss das nicht kommentieren. Es kommentiert sich selbst.
Und dann wäre da noch Nuhrs Rhetorik auf einer Anti-Woke-Konferenz, wie Übermedien die Veranstaltung nannte, wo er davon sprach, dass »eine machtvolle kleine Elite versucht zu steuern gegen einen Großteil der Bevölkerung.« Der Medienkritiker Andrej Reisin hat auf Übermedien sorgfältig herausgearbeitet, dass solche Formulierungen, unabhängig von der Absicht, klassische antisemitische Codes bedienen: die verborgene Minderheit, die im Hintergrund die Fäden zieht, gegen den gesunden Volkskörper. Wer heute als Kämpfer gegen Antisemitismus verstanden wird, sollte die Bilder zumindest erkennen, auch im eigenen Vokabular.
Das ist Nuhrs eigentliches Kunststück: Er bekämpft Antisemitismus nur dort, wo er in seine Welterzählung passt.
Der Leo-Baeck-Preis ehrt Menschen, die für die jüdische Gemeinschaft eingetreten sind. Um fair zu bleiben, habe ich nachgeschaut, über welche Beiträge für die Jüdische Gemeinschaft von Dieter Nuhr die Jüdische Allgemeine in den letzten Jahren berichtet hat.
- Fünf Minuten mit Rabbiner Joel Berger, der 2014 sagte: »Herrn Nuhr halte ich nicht für einen Humoristen, sondern für einen Unterhalter. Humor habe ich bei ihm noch nicht erkennen können. Bei uns in Ungarn hieß es: Beim Humor verstehe ich keinen Spaß. Dass Herr Nuhr sich Themen sucht, bei denen sich eine Minderheit beleidigt fühlt, ist für beide Seiten negativ.«
- 2020 schreibt Philipp Engel »Judenhass unter dem Deckmantel der Satire« und Nuhrs Sendung.
- Ebenfalls 2020 wird über »Antisemitismus aus der WDR« Mediathek geschrieben. Hier ging es um eine andere Entgleisung von Lisa Eckhart in der Sendung von Nuhr.
- Die Meldung an sich am 11. Mai 2026: »Dieter Nuhr erhält Leo-Baeck-Preis 2026 des Zentralrats der Juden«
Das war es. Möglicherweise spielt Social Media hier eine Rolle. Vermutlich wurden seine Monologe aus seinen ARD-Sendungen geteilt, in denen er sich mit den »Free Palestine« Studenten beschäftige, die Jüdinnen und Juden das Leben ein großes Stück bitterer machen. Aber wie gesagt: Die Fehler des Anderen zu sehen, ist sehr leicht und die Fallhöhe auch nicht sonderlich hoch.
Gab es 2025 und 2026 niemanden da draußen, der Nuhr in Sachen Engagement für die jüdische Community das Wasser reichen konnte? Hat nicht Hape Kerkeling 2026 eine bemerkenswerte Rede gehalten? Wird er nicht seit 2023 angefeindet, nachdem er in Düsseldorf sagte »Antisemitismus aber ist keine Meinung, sondern ein Angriff auf die Menschlichkeit«? Jüngst sprach er sich für eine Teilnahme Israels am ESC aus. Auch keine Selbstverständlichkeit in diesen Tagen.
Dieter Nuhr hat jüdische Organisationen anscheinend indirekt als geistesgestört bezeichnet, den Begriff des Pogroms verharmlost, eine Kabarettistin, deren Auftritte als antisemitisch verurteilt wurden, in seiner Sendung hofiert und verteidigt – und sich niemals für irgendeine dieser Vorkommnisse entschuldigt.
Vielleicht ist die Preisverleihung ein Ausdruck der Verzweiflung über die geringe Anzahl der Verbündeten, auf die die Community wirklich zählen kann? Die Nominierung einer Person, die in diesen Tagen Menschen verbindet, wäre sicherlich ein stärkeres Zeichen gewesen. Mit den Reaktionen darauf wird das entscheidende Gremium leben können und vielleicht entsteht daraus eine interessante Diskussion?
Hoffen wir, dass Dieter Nuhr dies zum Anlass nimmt, sich selber zu befragen.
