Fleißig verbreitet
Ganz egal, in welchem sozialen Netzwerk jüdische Nutzer in diesen Tagen unterwegs waren: Überall das gleiche Bild: Ein antisemitischer Schriftzug auf einem Haus irgendwo in Deutschland (Auswahl gibt es ausreichend) oder sogar ein Hakenkreuz. Irgendjemand hat es irgendwo an eine Wand gesprüht. Nicht in einem Geschichtsbuch, nicht in einer Dokumentation mit warnendem Vorwort, sondern einfach so, zwischen Katzenvideos und Werbung für Proteinpulver (sehe ich meist nicht). Nicht selten ein Kommentar dazu: »Das muss man sehen, um zu verstehen, wie schlimm das ist.« Oder: »Ich distanziere mich in aller Form, aber hier ist der Beweis.« Als ob das Posten des Bildes selbst kein Akt der Verbreitung wäre. Als ob das bloße Zeigen nicht schon eine Form der Komplizenschaft ist.
Ist das wirklich so? Die Verbreiter verweisen auf die eigenen ehrenwerten Motive. Schauen wir uns diese doch an.
»Man muss die Realität zeigen, um aufzurütteln.«
Ja, die Realität ist grausam. Aber die Realität ist auch, dass ein Hakenkreuz oder ein judenfeindlicher Spruch auf Instagram nicht die Realität abbildet, sondern sie vervielfacht. Es ist der Unterschied zwischen einem Gift, das man beschreibt, und einem Gift, das man in den Brunnen kippt, um zu beweisen, wie tödlich es ist. Die einen schreien: „Schaut her, wie ekelhaft!“ und die anderen, die es ohnehin schon ekelhaft finden, müssen es immer wieder und wieder sehen, während die Täter sich freuen, dass ihre Botschaft viral geht. Ist das Aufklärung? Nein. Das ist Trauma als Klickbait. Oder Antisemitismus-P-rn.
»Ich dokumentiere nur«
Dokumentation ist ein Handwerk. Und wie bei jedem Handwerk kommt es auf die Werkzeuge an. Ein Chirurg dokumentiert eine Wunde nicht, indem er sie aufreißt und ins Internet stellt. Er beschreibt sie, desinfiziert sie anschließend, er näht, er heilt. Wer ein Hakenkreuz oder eine judenfeindliche Botschaft postet, ohne es zu kontextualisieren, zu schwärzen, zu kommentieren, der dokumentiert nichts. Der verlängert die Tat einfach nur in den virtuellen Raum hinein. Die Wand war schon beschmiert. Jetzt ist es auch noch unser Feed.
»Wenn wir es nicht zeigen, leugnen die Leute, dass es passiert.«
Ach, die Leute. Die gleichen Leute, die auch ohne Bild wissen, dass es Antisemitismus gibt, die aber trotzdem wegschauen, wenn es nicht in ihr Weltbild passt. Ein Foto ändert daran nichts. Im Gegenteil: Es gibt den Betrachtern das Gefühl, schon etwas getan zu haben – nämlich: empört zu sein. Empörung ist der billigste Luxus unserer Zeit. Ein Like, ein Teilen, ein »Das darf nicht sein!« und schon fühlt man sich als Held. Dabei hat man nur die Reichweite der Täter vergrößert.
»Die wahren Profiteure: Die Empörungs-Händler«
Und dann sind da noch die anderen. Die, die wissen, was sie tun. Die bewusst diese Bilder streuen, nicht aus Naivität, sondern aus Kalkül. Die Medien, die mit reißerischen Überschriften und unzensierten Fotos Klicks generieren. Fast hätte ich geschrieben, dass sich Politiker damit als moralische Instanz inszenieren können, aber tatsächlich umschifft man dieses Thema heute liber. Dafür haben wir die Influencer, die ihre Follower-Zahlen mit Empörung pushen. Sie alle profitieren vom Schmerz der anderen. Geier, die über dem Schlachtfeld kreisen und rufen: »Seht nur, wie schrecklich!« Und hoffen, dass bald ein dicker Fleischbrocken gepickt werden kann. Ihr Geschäft ist nicht die Aufklärung. Ihr Geschäft ist die Verwertung von Hass. Und wir, die wir teilen, liken, kommentieren, sind ihre besten Kunden.
Was also konkret tun?
Schwärzen. Beschreiben. Verlinken zu denen, die es besser machen. Nicht die Täter sichtbar machen, sondern die, die dagegen kämpfen. Und vor allem: Aufhören, den Hass zu verbreiten. Denn am Ende ist es egal, mit welcher Absicht man ihn postet.
Der Algorithmus kennt keine Moral. Er kennt nur Sichtbarkeit. Und die gibt er jedem, den Opfern wie den Tätern.
