Ein ganz kleiner, leiser Tabubruch. Es ist kein großer lauter Skandal, sondern der unscheinbare Einsatz eines Werkzeugs: Sefaria, jene digitale Bibliothek, die sich der demokratischen Verfügbarkeit jüdischer Texte verschrieben hat, ließ einen klassischen Torakommentar des 17. Jahrhunderts – den Kli Jakar – zunächst von einer künstlichen Intelligenz übersetzen, bevor ein menschlicher Übersetzer jedes einzelne Wort prüfte, korrigierte und glättete. Das Ergebnis wurde jetzt, im Februar 2026, veröffentlicht und markiert die erste vollständig KI-assistierte Übersetzung eines solchen Werks im Sefaria-Kanon – vielleicht sogar überhaupt.

Doch warum sollte dieser Vorgang mehr sein als eine technische Fußnote? Weil Übersetzen im Judentum nie eine neutrale Angelegenheit war. Schon der Talmud ringt um die Frage, ob die Übersetzung der Torah ins Griechische gut für die Juden oder eine Katastrophe war. So heißt es in Massechet Soferim (1,7):

Es geschah einmal, dass fünf Weise die Torah für König Ptolemäus auf Griechisch niederschrieben. Dieser Tag war für das Volk Israel ebenso schrecklich wie der Tag, an dem das Goldene Kalb geschaffen wurde, denn die Torah konnte nicht angemessen übersetzt werden.

Und tatsächlich: Jede Übersetzung birgt das Risiko, nicht nur Worte, sondern ganze Konzepte zu verändern oder gar unsichtbar zu machen. Ein klassisches Beispiel findet sich im Wochenabschnitt Metzora: Viele Übersetzungen sprechen von »Aussätzigen« – ein Begriff, der heute mit der Krankheit Lepra assoziiert wird. Doch die Torah meint damit etwas anderes, etwas, das sich der medizinischen Kategorisierung entzieht. Plötzlich steht der Leser vor der Frage: Betritt er mit dieser Übersetzung das Feld der Medizin oder verliert er (oder sie) den Zugang zu einer ursprünglichen Bedeutung?

Die Ambivalenz ist also nicht neu: Übersetzer sind immer auch ein wenig Verräter, wie das italienische Sprichwort „Traduttore, Traditore“ treffend formuliert. Gerade bei der Torah, deren Worte seit Jahrhunderten gedeutet, ausgelegt und weitergegeben werden, wird jede Übertragung zum Balanceakt zwischen Treue und Transformation. Der Übersetzer entscheidet darüber, was als Sinn gilt und was als Randnotiz verschwindet. Dass Sefaria diesen Akt nun mit KI-Unterstützung wagt, ist daher nicht nur eine praktische Innovation, sondern berührt den Kern einer tradierten Spannung.

Die Befürworter der KI‑Übersetzung argumentieren nüchtern. Große Sprachmodelle seien mittlerweile erstaunlich präzise, vor allem bei gut erschlossenen, strukturell linearen Texten. Kli Jakar eigne sich dafür besonders, da der Text sich eng am kommentierten Text bewege und überwiegend bekannte Quellen zitiere. Laut den verantwortlichen Editoren (siehe hier) lag die maschinelle Rohübersetzung bei etwa 98  Prozent Genauigkeit – ein Wert, von dem menschliche Erstübersetzungen oft nur träumen können. Der Gewinn ist vor allem ein praktischer: Zeit, Geld und Energie werden gespart, wodurch mehr Texte in kürzerer Zeit zugänglich gemacht werden können.

Doch Präzision ist nicht gleich Bedeutung. Die restlichen zwei Prozent sind, gerade bei jüdischen Quelltexten, oft die entscheidenden. Dort spielen sich die Wortspiele, die Anspielungen, die Mehrdeutigkeiten ab. Also das, was den Text lebendig macht. Ein klassisches Beispiel ist wäre Gematria, bei der Buchstaben Zahlenwerte tragen und semantische Verbindungen über numerische Gleichheiten hergestellt werden. Für eine Maschine ist das ein Rechenproblem, für einen Übersetzer mit Textkenntnis ist es eine kulturelle Praxis mit Regeln, Grenzen und einem impliziten Sinn ob etwas funktionieren kann. Dass KI kulturelle Nuancen übersieht, ist kein technisches Versagen, sondern ein strukturelles. Wie der Literaturwissenschaftler Tuhin Chakrabarty in einer Studie1 zeigte, können selbst feinabgestimmte Modelle die Stimme eines Autors imitieren, aber nie dessen Bewusstsein. Als er KI auf die Werke der Nobelpreisträgerin Han Kang trainierte, produzierte das System Sätze, die Leserinnen und Leser für menschlich hielten, bis sie erfuhren, dass sie von einer Maschine stammten. Die Torah, deren Worte seit Jahrtausenden gedeutet werden, stellt die KI vor ein ähnliches Paradox: Sie kann den Text reproduzieren, aber nicht die Tradition, die ihn trägt.

Hier zeigt sich ein grundlegendes Problem maschineller Übersetzung, das weit über jüdische Texte hinausreicht. Sprachmodelle operieren statistisch, nicht erfahrungsbasiert. Sie erkennen Muster, aber sie »verstehen« nicht im menschlichen Sinn. Gerade bei Texten, die von historischen, rechtlichen und emotionalen Kontexten durchzogen sind, stößt diese Methode an ihre Grenzen. Studien zur KI‑Übersetzung betonen immer wieder, dass kulturelle Nuancen, Ironie, implizite Kritik oder tiefere Schichten von Bedeutung von Maschinen nur unzureichend erfasst werden können.

Im jüdischen Kontext kommt eine weitere Dimension hinzu: die religiöse Verantwortung. Halachisch ist Übersetzung keine heilige Handlung im engeren Sinne. Eine Torar‑Rolle muss von Hand geschrieben werden, eine Übersetzung darf hingegen technisch vermittelt sein. Dennoch bleibt die Sorge, dass der Einsatz von KI eine Grenze verwischt: zwischen Überlieferung und Optimierung, zwischen Lernen und Konsum. Sefaria reagiert darauf mit Transparenz und klaren Leitlinien. KI soll helfen, nicht ersetzen; sie soll Zugang schaffen, nicht Autorität beanspruchen.

Vielleicht liegt genau hier der eigentliche Erkenntnisgewinn dieses Experiments. Die Debatte um KI‑Übersetzungen jüdischer Texte ist weniger eine technologische als eine kulturelle. Sie erzwingt, alte Fragen neu zu stellen: Was bedeutet »Verstehen«? Wem gehört ein Text? Und wie viel Vermittlung verträgt der tradierte Text? Die Maschine, so scheint es, ist dabei weniger Bedrohung als Spiegel. Sie zeigt mit unerbittlicher Klarheit, was sich automatisieren lässt – und was nur im Raum menschlicher Erfahrung, Verantwortung und Demut sinnvoll geschieht.

Am Ende bleibt eine paradoxe Hoffnung: Dass ausgerechnet die Kälte des Algorithmus den Wert der warmen, fehlbaren, menschlichen Auslegung neu sichtbar macht. Zwischen Alef und Algorithmus liegt kein Abgrund, sondern ein Arbeitsraum. Man muss ihn nur mit Vorsicht betreten. Vielleicht ja auch eine Chance, vorhandene deutsche Übersetzungen schneller zur Verfügung stellen zu können…


  1. Chakrabarty, Tuhin, u. a. „Creativity Support in the Age of Large Language Models: An Empirical Study Involving Emerging Writers“. arXiv:2309.12570, arXiv, 30. Januar 2024. arXiv.org, https://doi.org/10.48550/arXiv.2309.12570↩︎