Das israelische Wahlergebnis – schlecht für die Diaspora?

Geht es um Hass, Menschenfeindlichkeit oder Vorurteile, dann sind Jüdinnen und Juden weltweit oft die erste Gruppe, die davon betroffen ist. Zugleich sind es jüdische Werte, die eine Gleichbehandlung von Menschen fordern und es sind Jüdinnen und Juden weltweit, die gegen Hass, Vorurteile und auch gegen Antisemitismus kämpfen. Nicht nur dann, wenn es die eigene Gruppe betrifft. Dieses starrsinnige Festhalten an der Idee, dass es moralische Leitlinien geben könnte, die darüber hinaus gehen, ob jemand für die Gesellschaft »nützlich« sein könnte, hat Jüdinnen und Juden jedenfalls auf der Liste der beliebtesten Menschen nicht auf die vorderen Ränge gebracht.

Wenn man sehr versöhnlich ist und einfache Antworten liebt, wird man nun, nach der Wahl (am 1. November 2022) in Israel, behaupten, es sei ein Zeichen der »Normalität«, wenn auch Israel einem globalen Trend folgt: dem Erstarken rechter Strömungen. Vermeintlich aus Protest gegen die schwierigen Umstände. Diese Strömungen, so könnte man denken, seien ein »Phänomen«, das verschwinden wird, sobald schwerwiegende Probleme gelöst worden sind. Eine Art Fieberschub. Da keine Lösungen präsentiert werden, würden die Menschen schon sehen, dass es nicht »vernünftig« sei, auf diese Akteure zu setzen.

Das Problem dabei: Israel ist weder Ungarn noch Italien oder Schweden. Die Entscheidungen dieser Länder sind eingebunden in ein großes Netzwerk. Sei es die EU oder kleinere politische (und korrigierende) Netzwerke. Aber keines dieser Länder ist fortwährend mit existentiellen Bedrohungen der äußeren und inneren Sicherheit konfrontiert. Wenige Entscheidungen reichen aus, um eine gesamte Region zu destabilisieren. Diese Länder haben keine Soldaten in Regionen, in denen sie leidenschaftlich gehasst werden, keine Menschen innerhalb und außerhalb der Grenzen, die darauf warten, Terroranschläge zu verüben und sie haben keinen Tempelberg mit internationaler Aufmerksamkeit und der Sicherheit eines Lagerfeuers in einem Sprengstofflager. »Die einzige Demokratie im Nahen Osten« hat das Problem aller westlicher Demokratien, aber unter anderen Voraussetzungen.
Dazu kommt noch eine »moralische« Funktion: Jüdinnen und Juden in aller Welt schauen nach Israel und sehen den Traum nach einem Ende des Exils verwirklicht. »Atchalta d’geula« der Beginn der Erlösung, oder für nichtreligiöse Menschen einfach die Verheißung auf ein selbstbestimmtes Leben. Ja, sicherlich ist Israel zu einem großen Teil auch ein imaginierter Ort, eine Art Ideal.

In diese Gemengelage marschiert Itamar Ben-Gvir. Radikal (siehe hier, hier und hier), anscheinend ein Bewunderer von Baruch Goldstein, der 29 Menschen tötete und 150 verletzte. Er ist kein Freund der »Araber, um es zurückhaltend zu formulieren. Er widerspricht als Person klar dem, was wir eingangs als »jüdische Werte« kennengelernt haben.
Dem kann die Diaspora sich nicht entziehen. Man müsste sehr viel kognitive Dissonanz einbringen, um das nicht zu bemerken. Der Umgang damit liegt in jüdischer Verantwortung. Darauf eine Antwort zu finden, könnte eine kommende Aufgabe außerhalb Israels sein.
Es wird nicht mehr verfangen, wenn (meist nichtjüdische) »israelsolidarische« Gruppen jede Meldung Netanajahus als Zeichen eines starken Israel feiern und dabei übersehen, dass Benjamin Netanjahu schon länger ein Freund der populistischen Sprache ist. Hier schließt sich der Kreis zu den Problemen der westlichen Demokratien.

Bedeutet das also, dass die Juden der Diaspora den Preis dafür zahlen müssen?
Nein!
Die jüdischen Menschen in der Diaspora zahlen den Preis dafür, dass Menschen antisemitisch denken und handeln. Die »Hater« werden begeistert über die neue Regierung in Israel sein – sollte sie gebildet werden können – aber sie haben schon vorher Jüdinnen und Juden nicht gemocht und es spielt keine Rolle, ob Falken oder flauschige Kätzchen in Israel an der Macht sind. Für den Hass wird sich immer eine Rechtfertigung finden und deshalb ist es gut, dass es den Staat Israel gibt.

Um es »rund« zu machen: Genau aus diesem Grund kann auch der Diaspora nicht gleichgültig sein, was im Land Israel geschieht.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon. Sein Buch »Tzipporim: Judentum und Social Media« behandelt den jüdischen Umgang mit den sozialen Medien. || Um per Mail über neue Beiträge informiert zu werden, bitte hier klicken

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