Was wir gelernt haben

Ukrainische Zivilisten und Soldaten schützen sich unter eine Brücke in der Nähe von Kyiv. Mvs.gov.ua, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Dieser Text wird keine Analyse des Krieges. Dieser Text ist ein Blick darauf, wie der Krieg in der Ukraine und die Menschen dort in westeuropäischen Augen betrachtet werden. Um eines direkt zu sagen: Der Befund ist nicht sonderlich aufbauend.

Was wir bisher von (vielen) »Experten« (Strategie, Verteidigung, Politik) im TV, im Radio und auf Twitter lernen konnten: Eine tiefsitzende antislawische Haltung und ein fundamentales Unverständnis davon, was in den Nachbarstaaten tatsächlich passiert. Wie bitte?!

Haltung?

Diese Haltung drückt sich unter anderem dadurch aus, dass man paternalistisch den Durchblick hat, während man es den Ukrainern nicht zutraut, die gleichen Fakten zu beurteilen:
Schon in der ersten Woche des Krieges hat man beobachten können, dass die ukrainische Armee anscheinend gut mit Informationen versorgt wird. Die Staatsführung der Ukraine ebenso.
Auf der anderen Seite lautete ein häufiger Satz »Die russische Führung hat nicht mit dem Widerstand der Ukrainer gerechnet.« Wer das noch an Tag 12 in ein Mikrofon sprach, hätte eigentlich direkt »off air« genommen werden müssen. Natürlich hat die russische Führung die Situation nicht »falsch eingeschätzt«! Das ist auch nur Ausdruck einer herablassenden Haltung. Die Menschen dort sind nicht weniger intelligent als die westlichen »Experten«. Sie sind tun aber genau das, was auch in Westeuropa in Management-Seminaren gelehrt wird: »Sei nicht dumm, schätze das Projekt bloß nicht realistisch ein! Sonst wirst Du nicht weiterkommen!« (siehe hier als gut verkauftes Beispiel, YouTube). Diese Haltung muss man dann in ein autokratisches System hochskalieren und kann sich dann vorstellen, dass »oben« nicht die Realität ankommt, sondern eine stark geschönte Situation.
Ein besonders schönes Beispiel für eine paternalistische Fremdeinschätzung der konkreten Situation wurde im Radio gesendet. Auf Deutschlandfunk Kultur durfte der Ex-Generalinspekteur der Bundeswehr Harald Kujat am 25. Februar seine »Expertise« unter Beweis stellen. Am Tag nach der Invasion sagt er, die ukrainische Armee hätte (gar) keine Chance und spinnt fleißig weiter das Märchen, es ginge Russland um die NATO. Was nicht gesagt wurde: Harald Kujat lobte das Handeln Russlands 2015 und 2016 in Syrien und war seit jeher Gegner des NATO-Beitritts der Ukraine. Anderes a.D. Personal der Bundeswehr tauchte in verschiedenen Brennpunkten im Fernsehen auf und durfte dort seine Einschätzungen mitteilen. Woher sie ihre Gewissheiten nahmen? Sie galten und gelten als »Experten«. Punkt. Auf der Welt gibt es sehr viele ausgebildete Ökonomen, viele werden als »Experten« auf ihrem Feld gesehen. Die Krise von 2008 hat nur Nassim Taleb vorhergesagt. Wie kann man auf die Idee kommen, Funktionäre des Bundeswehr – die ja in der Öffentlichkeit nicht gerade als Musterbeispiel für Effektivität und Effizienz gilt – die also Teil dieses Prozesses waren, hätten ausgerechnet auf diesem Gebiet eine großartige und prophetische Expertise?

Journalisten, Talkmaster, Aktivisten, Multiplikatoren

Journalisten, Talkmaster, Aktivisten oder Multiplikatoren hatten die Situation offenbar schnell »analysiert« und dabei übersehen, dass die Menschen keine Anweisungen oder Besserwisserei von Personen brauchen, die nicht einmal Russisch (oder Ukrainisch) verstehen. Die Menschen in der Ukraine brauchen stattdessen konkrete Hilfe und sie dürfen auch verbalisieren, wie diese ausschauen soll. So wies Markus Lanz (nicht nur er) in einer Sondersendung den ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk für dessen Ton zurecht. In der ARD-Sendung »Wir helfen« zeigte sich, dass die ukrainische Musikerin und Komponistin Mariana Sadovska nicht ausreichend »Opfer« war und schnell für einen Auftritt von Peter Maffay Platz machen musste (hier noch einsehbar, etwa ab Minute 18). Das war ein schönes Beispiel für die Rollenverteilung: Ukrainische Menschen dürfen passive Hilfsempfänger sein, aber ihre Zukunft nicht aktiv selber gestalten wollen oder sich gar dazu äußern.
Kommen wir zu einem anderen Beispiel für Journalisten und Multiplikatoren, die auch in diesem Konflikt wahrgenommen werden wollen, aber einen anderen Arbeitsschwerpunkt haben und deshalb eigentlich keine Relevanz haben. Leute die sich für Israel interessieren kennen die »Nahost-Experten« ohne Hebräisch- und/oder Arabischkenntnisse und sind genervt von deren Einschätzungen zur Lage. Richard Schneider ist tatsächlich Nahost-Experte, aber kein Experte für Osteuropa. Aber im Moment ist das kein Brennpunktthema. Deshalb muss man Ball bleiben und leider geht es nicht ohne »Weltenbrand« (siehe hier und hier):

Man sollte sich keine Illusionen machen: Für #Kiew gibt es kaum Chancen. #Putin wird wenig Rücksicht auf “Empfindlichkeiten” dee Westens nehmen. Wer könnte ihn stoppen? Die Wahrheit: niemand. Wahrscheinlich nicht einmal der ukrainische Widerstand

@rc_schneider auf twitter am 13. März 2022

Auch Michael Wolffsohn kümmert sich um sein Stück vom Kuchen und formuliert Forderungen: »Historiker Wolffsohn plädiert für eine Bundesrepublik Ukraine« (siehe hier) und sagt: »Es gibt eindeutig das Bedürfnis der Bevölkerung oder Bevölkerungsteilen auf der Krim und im Osten der Ukraine, näher an Russland zu rücken.« Schöner könnte es die Presseabteilung des Kremls nicht formulieren. Leider scheint er die Situation vor Ort nicht zu kennen.

In einigen Medienberichten wurde auf russische Meldungen zum Fortschritt Bezug genommen. Übersehen wurde dabei, dass auch ukrainische Quellen vertrauenswürdig sein können. Jede Nachricht müsste eigentlich auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden.

Was tun?

Deshalb muss hier der Appell lauten: Hört Leuten mit Orts- und Landeskenntnissen zu! Also nicht wie der Stern, der einfach keine Ukrainer dazu befragt, sondern Alice Schwarzer (»Warum ich Putin verstehe«), Richard David Precht, Diana Kinnert und einige andere.
Achtet auch auf die Sprache und den Blickwinkel: Bombardierte Städte sind kein »Schlachtfeld«.

Übrigens: Die Menschen bekommen durchaus mit, dass wir hier den Energiepreis der Tatsache vorziehen, dass man durch Verzicht von Gas und Öl vom Aggressor aktiv etwas tun könnte.

Und: Ja, ja, ich weiß schon, man hat natürlich keine Vorbehalte gegen Menschen aus Osteuropa…

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon. Sein Buch »Tzipporim: Judentum und Social Media« behandelt den jüdischen Umgang mit den sozialen Medien. || Um per Mail über neue Beiträge informiert zu werden, bitte hier klicken

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Ein sehr interessanter Text, mit so einigen Hintergründen, die mir noch nicht bekannt waren.
    Herzlichen Dank dafür.

    Doch auch auf die Gefahr hin, mich hier in die Nesseln zu setzen – und folgendes meine ich keineswegs herablassend und schon gar nicht halte ich Slawen für dumm, rückständig oder Herrn Putin für dumm – doch besteht nicht die Möglichkeit, dass sich er und die Kreml-Führung darin getäuscht haben, was die hohe Solidarität mit der Ukraine seitens der Bevölkerung in vielen Ländern dieser Welt angeht?
    Nicht, dass es entscheidende Auswirkung auf das Kriegsgeschehen hätte, aber könnte die erwähnte hohe Solidarität Putin nicht überrascht haben, weil er angenommen hat, dass der Rest der Welt coronamüde ist und so überhaupt keine Lust mehr darauf hat, sich noch um das Geschehen in anderen Ländern zu kümmern oder zumindest Anteil zu nehmen?

    Doch wie gesagt, herzlichen Dank für diesen Text, der mich weiter informiert hat und zum nach- und weiterdenken anregt. Ihr Blog hat nun einen Leser mehr.

    Herzliche Grüße und Shabbat Shalom

    Roland K.

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