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Der 27. Januar – Einschränkung der Komfortzone

In diesen Tagen nahm die Öffentlichkeit einige Minuten Anteil an dem eindrücklichen Film »Die Wannseekonferenz«. Ganz kurz war der Film auch Thema in den sozialen Medien. Dann fiel die Öffentlichkeit wieder in den Normalzustand und es wurde viel über das Dschungelcamp gesprochen. Ach ja: In Heidelberg starb eine Studentin. Menschen, die nicht möchten, dass man sie darauf hinweist, dass ihre Freiheit nicht zulasten Dritter gehen sollte, pappen sich einen gelben Stern auf die Kleidung und fühlen sich »wie damals«. Dass von denen niemand eine Ahnung hat, was »damals« war, ist damit offensichtlich. Wer es dennoch weiß, der bagatellisiert dann absichtlich. Der 27. Januar soll der »Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus« sein. Seit 1996 ist das so. Das Programm wird vermutlich auch in diesem Jahr pflichtschuldig absolviert. Es wird viel versprochen werden und mit Blick auf die Gegenwart, wird man sich über das »Wachsen« der Jüdischen Gemeinden freuen und sich demütig für das »Geschenk« bedanken. Aus »Erinnerung« sollte jedoch Verantwortung erwachsen. Ist das passiert? Intellektuell wurde das Konzept »Erinnern« übrigens in diesen Tagen energisch in der FAZ als »jüdisch« zurückgewiesen. Professor Dr. Wolfgang Reinhard beklagte in der FAZ vom 10. Januar 2022, dass diese »Kultur des Erinnerns« den Deutschen (und dem Rest der Welt) aufgezwungen wurde – so las sich das jedenfalls:

Vielmehr ist Er­innerung seit Jahrtausenden eine religiöse oder zumindest eine kulturelle Pflicht des Judentums. Jude sein heißt sich zu erinnern (Elie Wiesel). Aber diese uralte jüdische Erinnerungskultur hat durch die Auseinandersetzung mit den deutschen Verbrechen inzwischen die Erinnerungskultur der Welt geprägt. Dazu gehört auch ein Geschichtsverständnis, dem es weniger um die Realität von Gegenständen geht als um ihre Deutung und Wahrnehmung.

FAZ, 10.01.2022

Auch wenn die Veranstaltungen bundesweit stattfinden werden, so wird es zahlreiche Möglichkeiten geben, diesem Tag aus dem Weg zu gehen. Natürlich gibt eine Gedenkstunde des Bundestages, lokale Veranstaltungen und Kranzniederlegungen. Aber das Gedenken ist denjenigen überlassen, die eine Veranstaltung bewusst aufsuchen oder zufällig einer »begegnen«. So ist das leicht mit der historischen Verantwortung. Die Besucher können sich gegenseitig zeigen, auf der richtigen Seite zu stehen. Das ist eigentlich ein bequemes Arrangement. Diejenigen, die statt »Wannseekonferenz«, »Unsere Mütter, unsere Väter« (übrigens auch im ZDF) gesehen haben, können weiter derartige Veranstaltungen meiden und einem anderen Mythos nachhängen.

Dieser Zustand sollte nun beendet werden. Die Komfortzone muss aufgegeben werden – nicht erweitert. Es ist Zeit für einen Tag, an dem sich der Staat und seine Bürger vor den Opfer der Schoah verbeugen. Zwei Minuten um das kollektive Bewusstsein anzusprechen. Vielleicht fragt ja jemand: Warum tun wir das?

Nationale Dodenherdenking auf dem Dam-Platz
Nationale Dodenherdenking auf dem Dam-Platz in Amsterdam. Alle Rechte am Bild: Nationaal Comité 4 en 5 mei, Jasper Juinen

Das wird nicht nur in Israel getan. Auch in den Niederlanden. Dort steht das gesamte öffentliche Leben für 2 Minuten am 4. Mai für das »Nationale Dodenherdenking« still. Heute sind auch die Opfer der Schoah in das Gedenken ausdrücklich eingebunden. Ist das schwer umzusetzen? Mit Sicherheit. Die Diskussion wird dem Land sicher nicht schaden.

Wo wir gerade dabei sind: Das könnte auch der 9. November sein.

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Erinnerungsarbeit in Karlsruhe

In Karlsruhe gibt es seit 2009 ein Mahnmal für die 1940 nach Gurs deportierten Jüdinnen und Juden. Die Initiative für die Aufstellung des Mahnmals ging von der Evange­li­schen Landes­kir­che in Baden und der Erz­di­özese Freiburg aus. Schü­le­rin­nen und Schüler der Katho­li­schen Fachschule für So­zi­al­päd­ago­gik Karlsruhe Agneshaus haben das Mahnmal mit einem Bildhauer erschaffen und am 10. November 2009 der Öffentlichkeit übergeben. Das Mahnmal legt den Fokus auf die deportierten Kinder und deshalb sieht man einen Teddybären, einen Puppen­wa­gen, Hut, Tasche und Trommel. Spielzeuge, die von den Kindern zurück­ge­las­sen wer­den mussten (siehe auch Beschreibung der Stadt Karlsruhe).

Eine Initiative aus der Gesellschaft heraus – spät genug und wichtig.

Derzeit sieht das Mahnmal jedoch so aus, wie auf dem folgenden Bild. Ist das also die Wertschätzung?

Mahnmal in der Sophienstraße Karlsruhe, Januar 2022

Müssten nicht auch diejenigen, die das Mahnmal aufgestellt haben, sich weiter darum kümmern und eine Haltung dazu entwickeln? Aufgestellt gleich abgehakt?