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Von Nackensteaks und Tomaten

In einer fiktionalen Welt würde ein großes Interview – in einem der reichweitenstärksten Magazine des Landes – eine große Diskussion mit einem Knall beenden. Keine Fragen wären übrig. Alle Kritiker beschämt. Alle enttäuschten Fans versöhnt. Die – jetzt folgende – Wendung in diesem Text hier war erwartbar: Wir leben natürlich nicht in einer fiktionalen Welt. Weniger erwartbar war, dass Dr. Max Czollek im November dem SPIEGEL ein Interview gegeben hat und sein Interview nicht dazu genutzt hat, Kritiker und Freunde zu überraschen. Das Interview ist übrigens betitelt mit »Maxim Biller und ich sind uns so ähnlich wie ein Nackensteak und eine Fleischtomate«. Ist ein Nackensteak nicht immer vom Schwein? Aber das nur am Rande.
Wir spulen ganz kurz zurück (die gesamte Diskussion hier):
Als er in (s)einem Tweet den Inhalt eines privaten Gesprächs mit dem Autoren Maxim Biller offengelegt hat – vielleicht aus Kränkung – konnte er die folgende Entwicklung anscheinend nicht vorhersehen und die entstehende Dynamik nicht erkennen. Bei knapp 37.000 Followern bei Twitter allerdings verwunderlich, dieses Werkzeug der Massenkommunikation so zu unterschätzen. Im SPIEGEL-Interview sagt er übrigens, es folgte ein »Shitstorm«, der »durch die Printmedien und Radiostationen fegte«. Er meinte die öffentliche Diskussion, die er angestoßen hatte: »Patrilinearität« sagte plötzlich auch nichtjüdischen Kulturredakteuren etwas. Kaum ein überregionales Blatt wollte auf einen Bissen vom »Jüdische-Identität-Bagel« verzichten.

Eine Diskussion über Vaterjuden?

»Patrilinearität« war das Label, dass sich Czollek in seinem Tweet mit dem Hashtag verpasste. Nur: Das Label passte nicht zu ihm. Das war zuvor kein großes Thema, aber durch sein Aufgreifen dann doch eines und leider wurden auch hier Details veröffentlicht. Das stand am Ende der Diskussion um Patrilinearität – bei der es nicht immer um nur um Max Czollek ging – auch wurde hitzig über die Töchter und Söhne von jüdischen Vätern (ohne jüdische Mutter) diskutiert – als sei das Thema neu für die jüdische Community in Deutschland.
Dem hält Max Czollek im Interview trotzig entgegen: »Ich bin Jude«. Natürlich kann er das sagen, aber er muss dann aber auch die Definition mitliefern, wer denn nun Jüdin oder Jude ist. Eines ist der Community klar: Eine Selbstdefinition reicht nicht aus. »Ja, na klar fühle ich mich jüdisch« mag für das eigene Befinden ausreichen – im Zusammenspiel mit anderen Jüdinnen und Juden gelten dann aber Absprachen.

Die Dramaturgie des Interviews im SPIEGEL sieht das sogar vor. Der Redakteur Tobias Becker (der Czollek seit 2018 kennt) fragt nach:

Wie lautet denn Ihre Definition?

SPIEGEL online

Und Czollek antwortet:

Das jüdische Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk, dessen Stipendiat ich war, fördert die ganze Vielfalt jüdischer Realitäten, was natürlich über die Halacha hinausgeht.

SPIEGEL online

Zur Verdeutlichung: Es geht um eine Definition.
Wenn also Naturwissenschaftler A sagt: »Dieses Ergebnis entspricht der Definition« und Wissenschaftler B fragt zurück: »Wie lautet die Definition?« – dann ist die Antwort »Wissenschaftler C sieht es wie ich« keine ausreichende Begründung. Der Verweis auf das Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk, dessen Stipendiat Czollek war und in dessen Beirat er heute sitzt, sagt eigentlich nichts.

Interviewer Tobias Becker arbeitet mit und bereitet schon über die Frage ein gewisses Setting sorgfältig vor, denn er fragt nach traditionellen jüdischen Definitionen (und nicht unbefangen nach einer jüdischen):

Nach traditioneller halachischer Definition war schon Ihr Vater kein Jude.

SPIEGEL online

Hier kommen wir zu einem Punkt, den man zunächst für ein Missverständnis halten könnte: Max Czollek geht davon aus, dass die jüdische Zivilisation (diese Definition von Mordecai Kaplans Definition des Am Jisrael ist nicht unattraktiv, man könnte auch mit Rabbiner Steinsaltz schreiben »Familie«) in eine religiöse und eine kulturelle Sphäre zerfällt. Dabei übersieht er, dass das Konzept von Religion auf das Judentum nicht uneingeschränkt anwendbar ist (und eigentlich eine christliche Kategorie ist).
Wenn man aber ihm jedoch aufmerksam zuhört, dann könnte es auch Programm sein:

Ich habe nie probiert, Teil einer Gemeinde und damit Teil des religiösen Judentums zu werden. Und plötzlich treten Leute auf und halten mir die religiöse Definition vor, als sei das die einzige jüdische Lebensrealität in Deutschland. Sie ist es nicht. Ich komme aus einer Familie, für deren jüdischen Teil der Zentralrat nie eine Rolle gespielt hat, denn der war ja in Westdeutschland.

SPIEGEL online

Die Absicht dahinter scheint zu sein, eine Art von Establishment zu konstruieren gegen das aufgestanden werden muss. Moderne (progressive, nicht im Sinne von jüdisch-liberal) Jüdinnen und Juden gegen die konservativen, ja religiösen Jüdinnen und Juden. Ganz nebenbei wird angedeutet, dass es schlecht ist, sich der Halacha verpflichtet zu fühlen.
Und warum?
Weil die Halacha, laut Czollek, ein »sehr religiöses« Gesetz ist und wer sich der Halacha verpflichtet fühlt, der scheint Homosexuelle steinigen zu wollen:

Die Halacha regelt zum Beispiel auch, welche Konsequenzen Homosexualität haben sollte. Nämlich die Todesstrafe. Die Halacha ist ein sehr religiöses, sehr konservatives Gesetz, mit dem man modern umgehen sollte.

SPIEGEL online

Der Satz demonstriert – ziemlich eindrücklich – dass Czollek entweder nicht sonderlich viel über die Halacha weiß, oder sie absichtlich falsch und verkürzt darstellt. Da könnte er eigentlich den Direktor des genannten Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk fragen, der in diesen Tagen das Vorwort für ein Buch mit dem Titel »Jüdisches Religionsgesetz heute« verfasst hat (»Religionsgesetz« ist das nichtjüdische umschreibende Wort für Halacha). Vielleicht ist die Todesstrafe für Homosexualität ja in dem Buch Thema. Mit seiner Beschreibung der Halacha als konservativem, ja anscheinend grausamen, Gesetz könnte man auch an die (immer seltener werdende) christliche Verzerrung des »jüdischen Gesetzes« denken. Nicht freundlich.

In der folgenden Diskussion wurden von den Redaktionen Vertreter aller Richtungen angefragt. Einige sprachen sich leidenschaftlich für Max Czollek aus. Andere sprachen überhaupt nicht über ihn und ausschließlich über die Debatte zur Patrilinearität und wiederum andere nutzten das Thema um über sich selber zu sprechen. Die Wahrnehmung Czolleks ist also etwas verengt:

Wenn eine nichtjüdische deutsche Medienöffentlichkeit vor allem religiös argumentierenden Stimmen Raum bietet, dann macht sie die Anerkennung der neuen jüdischen Lebendigkeit schwerer, als es sein müsste.

SPIEGEL online

Wer die Liste mit allen Beiträgen zur Debatte aufmerksam durchgeht (hier zu finden), wird feststellen, dass diese Beobachtung nicht zutreffend ist. Sie ist eine geschickte Konstruktion, mit deren Hilfe sich Czollek zum Sprecher dieser neue jüdischen Lebendigkeit (es gibt anscheinend auch eine alte) macht. Aber diese neue Lebendigkeit definiert sich ausschließlich selber und einige (!) der Initiativen werden übrigens auch durch den Zentralrat mitfinanziert. Ebenso verhält es sich mit dem Themenkomplex Patrilinearität. Durch den Hashtag hat er die Diskussion darüber für seine Zwecke genutzt. Dabei wäre es – ganz nebenbei erwähnt – interessant, den Betroffenen zuzuhören und ihnen die Möglichkeit zu geben, sichtbar zu werden. Vielleicht sollte man das Buch »Väter unser« von Ruth Zeifert an dieser Stelle erwähnen…

Wir erleben also keinesfalls eine Emanzipation neuer jüdischer Lebendigkeit. Wir erleben die Konstruktion eines neuen Judentums für die nichtjüdische Öffentlichkeit. Ein leicht zugängliches, nicht fremdes (das erklärt vielleicht, woher Philipp Gessler vom evangelischen Zeitzeichen-Magazin seine Idee eines Judentums hat, das nicht zu fremd und nicht zu halachisch ist). Eines, das Gedächtnistheater zurückweist, aber zugleich umgänglich ist. Ein wenig Revolution und Abgrenzung, aber viel Mitmachpotential für alle. Das Spannungsfeld von »Desintegration« als Befreiungsschlag von der Umklammerung des Jüdischen durch die deutsche Öffentlichkeit – in der deutschen Öffentlichkeit für diese Zielgruppe ist jedenfalls recht viel Bühne.
Czolleks Autorität für diese Position bezog er aus seiner Identität – die nun von Teilen der jüdischen Community eher kritisch betrachtet wird – siehe dazu auch den Beitrag von Jana Hensel in der ZEIT.

Das tragische Ergebnis eines Tweets

Dies alles ist das tragische Ergebnis eines einzigen Tweets an zahlreiche Follower, der eigentlich nur sagen wollte: »Hey, ich habe mit Maxim Biller gesprochen.« Seiner Popularität bei seinen Anhängern wird es nicht schaden, das SPIEGEL-Interview trägt aber nicht dazu bei, andere auf seine Seite zu ziehen. Es hat nun einige Journalisten und Feuilletonisten zum Widerspruch animiert. Wenn er seiner eigenen Beschreibung des jüdischen Lebens in Deutschland »(…) weil nicht nur die Gesellschaft pluraler wird, sondern auch das Judentum« folgt, müsste er diese Pluralität anerkennen und nicht einem Teil der Community bescheinigen, dass sie eine Agenda habe, nämlich »linke und progressive Positionen«, für die er stehe »an den Rand zu drängen«. Zirkelbezug (man kennt das auch Excel): Indem man seine Nichtdefinition dessen, was jüdische Identität ist, zurückweist?


Letztendlich ist es vielleicht so, dass es weniger um Patrilinearität oder ein neues lebendiges Judentum geht, sondern etwas mehr um die Festigung der eigenen Position und Sichtbarkeit?
Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Das Interview war nicht der allerbeste Move für eine Beruhigung der Angelegenheit.

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Kulüp – der Club – eine jüdische Serie aus Istanbul

Netflix hat erneut eine Serie mit jüdischem Inhalt in sein Angebot aufgenommen. Dieses Mal ist der Rahmen jedoch komplett anders als das, was wir so gewohnt sind. Nicht New York, nicht Jerusalem und aschkenzentristische Sichtweise. Dieses Mal schauen wir als Zuschauer nach Istanbul. Genauer gesagt, wir schauen auf das Istanbul der 60er Jahre. Ähnlich wie bei Primes »The Marvelous Mrs. Maisel« (spielt 1958), erleben wir also auch den Style der späten 50er und der beginnenden 60er Jahre. In dieser Hinsicht gab es wohl schlimmere Epochen.

Die Figuren Mordo und Raşel (Alle Rechte am Bild: Netflix)

Gleich die erste Szene macht klar, dass die Serie keine ethnografische Betrachtung wird, sondern ein Drama: Wir sehen eine Szene auf dem Dach eines Hauses. Eine Frau richtet eine Waffe auf einen Mann und drückt ab.

Siebzehn Jahre später wird Matilda Aseo (gespielt von Gökçe Bahadir) im Rahmen einer Generalamnestie durch die türkische Regierung aus dem Gefängnis entlassen (interessant, wie wenig historisches Wissen über die Türkei man so als Durchschnittsmensch hat). Wir erfahren, dass sie wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde und ihr erster Weg führt sie zu David (Murat Garibagaoglu), den Leiter eines örtlichen jüdischen Gemeindezentrums für Frauen. Das ist übrigens die erste Begegnung mit einer Welt, die dem mitteleuropäischen jüdischen Zuschauer nicht unbedingt bekannt ist. Denn hier wird Ladino gesprochen. Einige sprechen ausschließlich Ladino miteinander, andere ein Gemisch aus Türkisch (oder der aktivierten Synchronsprache) und Ladino. Matilda will nach Israel gehen und im Verlauf des Gesprächs lernen wir, dass ihre Tochter Raşel (Asude Kalebek) in einem Waisenhaus aufwachsen musste. David möchte die beiden zusammenbringen, doch Matilda zögert, ja zerreißt sogar ein Foto von Raşel ohne es zu betrachten. Nach einem Szenenwechsel lernen wir dann auch Raşel kennen, während sie sich um den Taxifahrer Ismet (Baris Arduç) bemüht. Mit seinem Vater Ali Seker (Istar Gökseven) hat der offenbar ein schwieriges Verhältnis. Auf dieser Grundlage entfaltet sich die Geschichte in sechs Folgen – es soll ja hier nicht gespoilert werden und es geht (natürlich) um einen »Club«.

Bei der, bereits genannten, Mrs. Maisel wurde oft bemängelt, dass es in Details an Genauigkeit und Sorgfalt fehlte. Eine Melodie aus der Synagoge sei erst später aufgekommen, ihr Fleisch kaufte sie sicher nicht bei irgendeinem Metzger etc. Wir kennen das auch von deutschen Produktionen – manchmal sind gewisse Zutaten einfach zu großzügig verwendet worden. Bei »Kulüp« scheint man etwas genauer gearbeitet zu haben. Die jüdischen Figuren sind nicht überzeichnet oder einseitig. Kleine Details, wie das beiläufige Küssen der Mesusah, oder Szenen von einem Schabbatessen stimmen einfach. Bei der Geschichte und der dramaturgischen Zeichnung der Protagonisten muss man jedoch Einschränkungen machen. Sie folgen natürlich den Gesetzen einer dramatischen Serie und sind deshalb zuweilen nicht so fein gearbeitet.
Definitiv ist die Serie eine Bereicherung und bietet Einblicke, die wir sonst nicht haben. Interessant, wie die Serie bei der nichtjüdischen Community mit türkischen Wurzeln ankommt.

Die Serie ist mit deutscher Synchronisation oder im türkischen Original (mit Untertiteln, wenn gewünscht) verfügbar.

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Ratschlag zurück

Lieber Phillipp, also ich denke, ich darf Philipp schreiben, immerhin hast Du den Jüdinnen und Juden in Deutschland (und dem Zentralrat der Juden in Deutschland) einen väterlichen Rat erteilt und das hat uns ja schon in eine Art Beziehung gebracht und was wäre das für eine Beziehung, wenn wir nicht auf Augenhöhe kommunizieren könnten? Du bist Redakteur des Magazins »Zeitzeichen« – des Kulturmagazins der evangelischen Kirche und es liegt doch nahe zu fragen, woher die Berufung kommt, Jüdinnen und Juden über ihre Tradition zu belehren?

Es gab einen Grund dafür, dass einige Vertreter aus der jüdischen Community gefordert haben, eine Diskussion über die Zugehörigkeit zum Judentum solle innerhalb der Community geführt werden und nicht über die Medien des Landes (Übersicht hier). Das Potential für Verletzungen und Missverständnisse ist schon innerhalb der eigenen Gemeinschaft recht groß, wenn dann noch Sprecher hinzutreten, die sich darab abarbeiten wollen, von welchem Judentum sie träumen, dann wird es unübersichtlich. Aber kommen wir zu Deinem Anliegen. Offenbar sorgst Du Dich darum, dass im Judentum die Prioritäten verschoben sind und rückst sie wieder zurecht und informierst uns darüber, warum das matrilineare Prinzip nicht mehr aktuell ist.

Es ist vormodern, schreibst Du. Jüdinnen und Juden mit Bezug zur Halachah sind nicht in der Moderne angekommen?

Das hatte in vormodernen Zeiten eine zwingende Logik, ist aber rein biologistisch und traditionell gedacht.

zeitzeichen.net

Dass es biologistisch gedacht ist, ist ein interessanter Vorwurf. Es könnte darauf hindeuten, dass Jüdinnen und Juden unterstellt wird, sie seien ausschließlich Anhänger (heute heißt das Follower) einer Religion. Das ist nicht richtig. Judentum ist auch Zugehörigkeit zum jüdischen Volk.

Es widerspricht dem heutigen Leben und einer kulturell-familiären Interpretation des Judentums, die in einer zunehmend säkularen jüdischen Gemeinschaft immer wichtiger wird.

zeitzeichen.net

Das ist ein interessant. Diese Interpretation ist gut, während eine andere schlecht ist. Welche sollte das sein, fragen wir uns. Danke, dass Du diese Frage beantwortest:

Der Zentralrat und die Gemeinden sollten sich auf diese gute Tradition berufen und sich ganz offiziell für „Vaterjuden“ öffnen, anstatt ängstlich auf orthodoxe Gruppen in Deutschland oder Israel zu schielen. Eine zu enge Auslegung religiöser Gesetze, die derzeit in allen Religionen weltweit eine Gefahr darstellt, sollte nicht die Richtschnur in einer auch religiös immer bunteren Gesellschaft sein.

zeitzeichen.net

Lesen wir das noch einmal genau:

  1. Der Zentralrat soll (gemeint ist wohl die jüdische Gemeinschaft), Deiner Meinung nach, eine andere Definition von »Wer ist Jude« anwenden. Was soll man dazu sagen? Das ist eine Angelegenheit der jüdischen Gemeinschaft. Ich sehe aber durchscheinen, dass Du Dir ein anderes, weniger religiöses, Judentum wünschst. Vielleicht, weil es nicht so anstrengend ist? Weil es nicht so fremd ist? Was passiert, wenn Jüdinnen und Juden das nicht tun?
  2. Die »zu enge Auslegung religiöser Gesetze« unterstellt Fundamentalismus – freilich ohne das Wort zu nutzen. Es ist nur freundlich formuliert. Wer also die Interpretation von Phillipp Gessler der Halachah nicht teilt, ist ein Hardliner? Die letzten 2.000 Jahre sind Jüdinnen und Juden mit dem Ausloten der halachischen Grenzen ganz gut alleine zurechtgekommen.
  3. Info: Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist keine religiöse Einrichtung – er ist der Dachverband der Jüdischen Gemeinden Deutschlands. Er ist kein rabbinisches Gericht und klärt keine Statusfragen.

Der Versuch der Kirchen, jüdische Inhalte zu korrigieren ist, historisch betrachtet, nicht immer so richtig gut gelaufen. Allein dieser Grund hätte ausgereicht, sich die Zeilen einfach zu verkneifen. Jüdinnen und Juden leben das Judentum und füllen es mit Sinn und Inhalt. Es ist keine Projektionsfläche.

Kommen wir noch zu einem Punkt:

Auch nach dem Holocaust fragte niemand in den jüdischen Gemeinden der Bundesrepublik so genau nach, ob nun jemand eine  jüdische Mutter oder „nur“ einen jüdischen Vater habe – die glücklich überlebte Verfolgung durch die Nazis war Ausweis des Judentums genug, und das völlig zurecht.

zeitzeichen.net

Ich verkneife mir den Hinweis darauf, WER hier mit WEM über WAS spricht und WER das bewertet.

Da Du Dir ja Gedanken um das Judentum in Deutschland machst: Vielleicht könntest Du einfach in Deinem Einflussbereich etwas tun? Ja, ich weiß, es gibt diese »Juden sind nicht fremd« Kampagne der Kirchen. Das war alles nett gemeint, aber was, wenn Jüdinnen und Juden am Ende doch ihre eigene Meinung und Haltung zu den Dingen haben?
Vielleicht hast Du es schon gehört: Deutschland hat ein Antisemitismus-Problem. Das wird nicht so richtig ernstgenommen. Jüdinnen und Juden müssen sich damit beschäftigen, würden aber vielleicht einfach in Ruhe untereinander vollkommen banale Dinge diskutieren. Kirchenfassaden, auch die evangelischer Kirchen, zeigen noch antisemitische Abbildungen. Beginnen wir doch damit.

Und eines noch: Bitte nicht wieder.

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Ida

Besser spät als nie ein Hinweis auf den großartigen Film »Ida« von Regisseur Pawel Pawlikowski (er war schon 2014 in einigen Kinos zu sehen). Ein Film zu einem jüdischen Thema über dem kein großes leuchtendes Schild »hier jüdischer Content« hängt. Die Beschreibung enthält spoilernde Elemente.

Lis (Dawid Ogrodnik) und Ida (Agata Trzebuchowska) Copyright Opus Film

Die Hauptfigur des Films trägt zunächst auch nicht dazu bei, hier ein jüdisches Thema zu erkennen. Anna, so heißt sie, ist nämlich Nonne. Anscheinend steht sie vor der Entscheidung, sich fest für das Leben im Kloster zu entscheiden. Bevor sie das tut, erfährt sie von der Leiterin des Klosters (Priorin heißt das wohl), dass sie ihre Tante Wanda besuchen muss – ihre einzige lebende Verwandte. Die Reise geht nach Warschau und Wanda entpuppt sich als kettenrauchende, trinkfeste, eher promiskuitive Frau und – überraschend – Richterin.

Sie offenbart Anna, dass ihr eigentlicher Name Ida sei, Ida Lebenstein. Tochter von Róża and Haim Lebenstein. Juden, die während der Schoah ermordet wurden. Ida wurde von Nonnen aufgenommen und als Waise in einem Kloster aufgezogen. Wanda war kommunistische Widerstandskämpferin und später eine berüchtigte Staatsanwältin, die »blutige Wanda« (Krwawa Wanda).

Hier nimmt der Film zunächst eine, vielleicht etwas konventionelle, Wendung:

Wanda rät Ida (natürlich), einige der Verlockungen der Welt »draußen« zu probieren, bevor sie sich entscheidet, definitiv im Kloster zu bleiben. Prompt trifft Wanda den Anhalter Lis (»Fuchs«), ein Jazzmusiker, der zum gleichen Zielt möchte. Nun versucht Wanda noch Ida, sie zum Konzert von Lis zu bringen. Klar, Lis interessiert sich für Ida.

Aber an dieser Stelle wird der Film ungemütlicher und weicht von der »weltliche Versuchungen Geschichte« doch (im wahrsten Wortsinne) dramatisch ab , denn Ida möchte die Gräber ihrer Eltern besuchen, oder sehen, wo sie umkamen. Doch das ist nicht genau bekannt. Wanda fährt mit ihr zu ihrem Elternhaus. Diesen wird jetzt von einem polnischen Bauern bewohnt. Hier zeigt sich, dass seine Familie das Haus schon während des Krieges übernahm und die Lebensteins zunächst vor den Deutschen versteckt hat. Der Vater erinnert sich an Róża, erzählt aber nicht viel. Auch Wandas Sohn habe in diesem Haus gelebt, erzählt sie. Er konnte natürlich als Neugeborener nicht mit in den Widerstand. Nach einer Diskussion erklärt der Bauer sich bereit, den Frauen zu zeigen, wo die Toten begraben sind – wenn diese ihren Anspruch auf das Haus aufgeben. Im Wald stoßen sie auf die Überreste von Idas Eltern und Wandas Sohn. Es stellt sich heraus, dass der Bauer sie getötet hat und Ida nur hat leben lassen, weil sie offenbar »nicht jüdisch« aussah. Die Frauen nehmen sich also der Überreste an und nehmen sie mit. Hier folgt keine Quentin Tarantino Wendung der Geschichte – Paweł Pawlikowski erzählt in seinem eigenen Tempo die Geschichte der Frauen weiter. Das Ende wird natürlich nicht verraten.

Der Schwarzweißfilm ist eine Art Roadmovie, allerdings bewegen sich die Akteure in die Vergangenheit, die zugleich nur implizit präsent ist. Niemand nennt die Schoah und die Täter beim Namen. Das politische System Polens der 60er Jahre wird nicht auserklärt – die Konflikte mit der Vergangenheit ebenfalls nicht. Die Geschichte von Ida soll hier offensichtlich exemplarisch sein. Jede Einstellung des Films erzählt diese Geschichte eines Landes, das ein Fünftel seiner Bevölkerung im Krieg gegen Deutschland verloren hat. Drei Millionen Jüdinnen und Juden waren darunter. Riesige, graue, leere Himmel, nahezu leere Dörfer. Schöne und zugleich beunruhigende Bilder. Auf der anderen Seite eine gewisse Wärme von schicken jungen Leuten, die sich zur Musik treffen. Und in diese Szenerie hat der Regisseur die zwei Frauen gesetzt. Jede der beiden beeindruckend besetzt und wenngleich Ida/Anna an einem Kreuz am Wegesrand aussteigt um zu beten, so behandelt er ein jüdisches Thema. Das muss man denjenigen auch nicht erklären, die den Film gesehen haben. Die Vergangenheit, die zugleich die Gegenwart durchwirkt natürlich und wenn Wanda auf den Bauern trifft, blitzt auch kurz die Möglichkeit von Rache auf. Die 80 Minuten entfalten eine interessante Wirkung.

Es gibt den Film bei einigen Streamingdiensten. An dieser Stelle sei er ausdrücklich empfohlen.