Liebe für alle – nicht für Juden?

Vor einigen Wochen (am 18. September 2021) hat die »Ahmadiyya Muslim Jamaat« den versuchten Terroranschlag auf die Synagoge in Hagen verurteilt (ahmadiyya.de):

Wir werden nicht nachlassen für ein friedliches Miteinander einzutreten und unsere Stimme gegen jegliche Form von Extremismus erheben.

ahmadiyya.de

Die Gemeinden laden regelmäßig zu Infoveranstaltungen in die Moscheen ein und sind im religiösen Dialog sehr aktiv. So gab es auch gemeinsame Fußballspiele mit Makkabi Frankfurt (Bericht bei der Jüdischen Allgemeinen). Gerade deshalb ist es irritierend, dass Inhalte der Webseite der Bewegung in einigen Texten eigenwillige Sichtweisen auf das Judentum zeigt.

Eine »Revue der Religionen« zeigt die eigenen Inhalte, geht jedoch auch auf die Feste und Feiertage anderer Religionen ein. In einer der Ausgaben konnte man über diese Aussage stolpern:

Selbst eine oberflächliche Betrachtung des Alten Testaments genügt, um festzustellen, dass G-tt dort nur am Volk der Israeliten besonders interessiert ist.

Die Revue der Religionen | Januar – März 2012, Seite 23–24

Das war nicht sonderlich nett, stimmt auch nicht und blendet wichtige Passagen der hebräischen Bibel einfach aus. Diese schräge Darstellung ist nicht ungewöhnlich für Texte mit einem missionarischen Charakter. Eine etwas tiefergehende Recherche auf der Seite zeigte jedoch leider, dass es ein grundsätzliches Problem mit der Wahrnehmung des Judentums in der Ahmadiyya-Bewegung zu geben scheint. Die Ahmadiyya-Bewegung ist übrigens Körperschaft des öffentlichen Rechts ist und somit den Kirchen und den Jüdischen Gemeinden gleichgestellt. Das hat sie anderen islamischen Gemeinschaften in Deutschland voraus.

Zitate aus »Die Neue Weltordnung des Islam«

Schauen wir in das Buch »Die Neue Weltordnung des Islam« (Auflage in deutscher Sprache 2018), das man vollständig auf der Website vollständig nachlesen konnte (konnte? Am 19. September sind die Inhalte von der Seite gelöscht worden, mehr dazu unten): ahmadiyya.de, die englische Ausgabe kann auf der englischsprachigen Seite eingesehen werden: alislam.org

Das Buch war vollständig auf der Website nachzulesen (und wurde auch verlegt) und man konnte sich vergewissern, dass die Zitate nicht aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Zugleich kann man sehen, dass es sich nicht um eine sorgfältige Auslegung eines jüdischen Textes handelte. Es gibt keinen Zusammenhang, der es plausibel erscheinen lässt, dass die zitierten Textstellen wertfrei seien. Das Buch wurde, wie oben erwähnt, erst jüngst übersetzt, stammt aber vom zweiten spirituellen Anführer der Gruppe, genannt Khalif. Das dürfte es schwierig machen, die Inhalte innerhalb der Gruppe offen zu diskutieren. Spiegeln sie ganz eindeutig den Zeitgeist des Jahres 1942 wieder (in dem das Werk entstand), so hätte ein zeitgenössischer Übersetzer über die Abschnitte doch zumindest stolpern müssen.

Das System, welches die Juden unterstützen, ist ein rein rassisches. Es besitzt keinerlei universelles Element. Zum Beispiel wird im Judentum gelehrt, dass allein die Nachkommen Israels (Jakob, Anm. d.Ü.) Gottes auserwähltes Volk seien und der Rest der Menschheit dazu erschaffen, um diesem zu dienen. Wenn Anhänger dieser Religion in der Welt eine Vormachtstellung erlangen, dann ist vielmehr ein Anstieg als ein Rückgang der Tyrannei sicher.

Die Neue Weltordnung des Islam, Seite 85

Der Grund dafür ist, dass das Judentum ein rassenspezifischer Glaube ist, der im Fall von Nicht-Juden Dinge erlaubt, die in Bezug auf Juden nicht gebilligt werden. Herrscht dieser Glaube auf der Welt vor, ist es offensichtlich, dass er Nicht-Juden mit Abgaben belasten und den Gewinn daraus unter den Juden verteilen wird.

Die Neue Weltordnung des Islam, Seite 86

Der Rest der Menschheit kann auf ewig in Sklaverei gehalten werden, das Judentum hat damit kein Problem. Das Judentum verlangt weiter eine äußerst harte Herangehensweise, was gegnerische Nationen anbelangt. (Zitat 5. B.M. 20:10-15 folgt)

Die Neue Weltordnung des Islam, Seite 86

Dies ist das soziale und wirtschaftliche System des Judentums. Würde das Judentum die Vormachtstellung haben, hätte jeder männliche Nichtjude durch das Schwert umzukommen und ihre Frauen und Kinder würden versklavt. Nicht nur christliche Männer, Frauen und Kinder, die das Land Kanaans heute bewohnen, sondern auch Pferde, Hunde, Katzen, Schlangen und Eidechsen im Land hätte man auszurotten, denn das Gebot lautet, alles zu töten, das atmet. Unter diesem System mögen die Juden vielleicht einen Aufwind erleben, aber andere Nationen würden völlig vernichtet.

Die Neue Weltordnung des Islam, Seite 87

Ist das also eine Auslegung von 5. B.M. 20:10-15, oder Kritik an der Torah? Nein. Gehen wir mehrere Schritte:

Anhand des Torahabschnitts soll bewiesen oder gezeigt werden, dass eine Vormachtstellung des Judentums zu Tyrannei führt. Die Aussage, dass das Judentum (also insgesamt) »eine äußerst harte Herangehensweise« gegen andere Völker/Nationen zeigt, ist auch anhand der Textstelle nicht abzuleiten. Die Stelle, die zu den schwer verdaulichen Abschnitten der Torah gehört, bezieht sich (schmerzhaft) auf eine konkrete Situation und befiehlt keinesfalls ein Vorgehen gegen andere Völker oder Nationen. Es ist ein missionarischer Taschenspielertrick, die Schriften anderer Gruppen ohne Kontext und Auslegungsgeschichte auszulegen, während man das für die eigene Schrift sehr wohl tut.
Die Behauptung der Besteuerung und Ausbeutung von Nichtjuden ist auch mit dieser Textstelle überhaupt nicht gedeckt.

Ein Hinweis auf den Zeitgeist ist ein Exkurs über die weltpolitische Bühne. Hier wird angedeutet, das Judentum hätte in Russland eine »Vormachtstellung« – lenke also die Geschicke des Staates. Diese Erzählung spiegelt eindeutig antijüdische Propaganda der Zeit wider und spielt nebenbei den Antisemitismus der Zeit herunter:

In Verfolgung dieser Theorie fing Hitler an, die Juden und die römisch-katholischen Christen zu verfolgen. Unter der Befürchtung, dass die Juden, die in Russland eine Vormachtstellung besaßen, sich für die Verbreitung des Bolschewismus stark machen sollten, ging Hitler dazu über, ihre gesamte Rasse in Deutschland auszurotten, selbst wenn viele davon längst den christlichen Glauben angenommen hatten.

Die Neue Weltordnung des Islam, Seite 60

Weitere Zitate Verschiedene Werke

Im Buch »Licht der Wahrheit« wird ganz beiläufig geschrieben »… so wie bei den Juden, die verflucht sind…« (Seite 58).

Auf Seite 109 des Buches gibt es eine weitere interessante Textstelle:

Wenn einmal bereits eine Entscheidung gefallen ist, diese Sache jedoch noch einmal zur Diskussion gebracht wird, dann bedeutet dies, zu einem Juden zu werden.

»Licht der Wahrheit« Seite 109

In eine ähnliche Kerbe schlägt »Das Verkünden der Wahrheit«:

Sie beschimpften mich und hielten mich für einen Verworfenen und Irrsinnigen. Ich sagte mich von solchen Gelehrten und ihrem Wissen los. Ich folgte jenen, an denen Frieden gezweifelt wird. Ich beobachtete, dass die Eigenschaften ihrer Herzen denen der Juden gleichen, wie etwa Argwohn und Hochmut dem Herrn gegenüber.

»Das Verkünden der Wahrheit«, Seite 27

Soweit die Zitate aus Büchern, die auch in die deutsche Sprache übertragen worden sind. In anderen Schriften der Bewegung, in anderen Sprachen, ist das Bild ähnlich. Der vierte Khalif hat mit »The Gulf Crisis and the New World Order« eine weitere Betrachtung angestellt. Hier wird ganz offen Bezug auf antisemitische Werke genommen:

At about the same time another Jewish document or manuscript came before the world for the first time, namely: Protocols of the Elders of Zion. This is the same Zion that I have referred to earlier, which stands for Israel.
Deutsch: Etwa zur gleichen Zeit wurde ein anderes jüdisches Dokument oder Manuskript zum ersten Mal der Welt vorgestellt, nämlich die Die Protokolle der Weisen von Zion. Dies ist dasselbe Zion, auf das ich bereits hingewiesen habe und das für Israel steht.

Mirza Tahir Ahmad (4. Khalif): »The Gulf Crisis and New World Order«, Seite 198f.

Und etwas zur Geschichte der Protokolle:

It is a small booklet, the date of its publication, I do not remember but I can recall with certainty that towards the end of the 19th century, around 1897, this document, was for the first time, discovered by a Russian woman who was in fact working as a secretary for these Elders of Zion in Germany, and one of them was her friend in his house, she casually picked up a manuscript from his table, just to kill time. This happened to be the manuscript known as The Protocols of the Elders of Zion. She became so flabbergasted upon reading through an awe-inspiring scheme to conquer the world that she ran away with the manuscript and smuggled it to Russia where it was published for the first time and its first English translation appeared in 1905.
Deutsch: Es handelt sich um ein kleines Büchlein, an das Datum seiner Veröffentlichung kann ich mich nicht erinnern, aber ich kann mich mit Sicherheit daran erinnern, dass dieses Dokument gegen Ende des 19. Jahrhunderts, um 1897, zum ersten Mal von einer russischen Frau entdeckt wurde, die als Sekretärin für die Ältesten von Zion in Deutschland arbeitete, und einer von ihnen war ihr Freund in seinem Haus, sie nahm beiläufig ein Manuskript von seinem Tisch, nur um die Zeit totzuschlagen. Dabei handelte es sich um das Manuskript, das als »Die Protokolle der Weisen von Zion« bekannt ist. Die Lektüre dieses ehrfurchtgebietenden Plans zur Eroberung der Welt verblüffte sie so sehr, dass sie mit dem Manuskript davonlief und es nach Russland schmuggelte, wo es zum ersten Mal veröffentlicht wurde und 1905 in der ersten englischen Übersetzung erschien.

Mirza Tahir Ahmad (4. Khalif): »The Gulf Crisis and New World Order«, Seite 198f.

Was war zu tun?

Skandalisieren kam nicht in Betracht. In erster Linie sollte man sich bemühen, Irritationen direkt auszuräumen und dem Gegenüber die Chance zu geben, sich zu erklären und vielleicht zu verbessern.
Also schrieb ich im Jahr 2020 eine Reihe von Mails an die Herausgeber der Seite. Falls jemand interessiert an einer Klärung gewesen wäre, hätte man sicher geantwortet.
Nichts passierte.
Im März 2021 witterte ich ein paar Zitate und bat den Twitter-Account der Bewegung um Aufklärung (hier nachzulesen).
Die Bewegung reagierte nicht. Dafür eine ganze Reihe von verbundenen Accounts. Das sei Islam-Hass und Hetze und überhaupt aus dem Zusammenhang gerissen. Offenbar funktionierte die Vernetzung und Mobilisierung hier ganz gut, den Thread kann man noch nachlesen. Der Beauftragte der Landesregierung gegen Antisemitismus von Baden-Württemberg, Dr. Michael Blume, schaltete sich ein und sprach mit Vertretern der Gemeinde. Diese sicherte zu, den Fall zu prüfen. Seitdem passierte was? Genau. Nichts.
Jetzt, nach den Statements zu Hagen wurde auf Twitter (durch Nutzerin Polly Girl @nomnomcookieez) erneut gefragt:

Der einfachste Schritt im Kampf gegen Antisemitismus, noch vor allen Statements und Solibekundungen, wäre, die antisemitischen Inhalte von den eigenen Webseiten zu löschen.

Tweet von @nomnomcookieez

Und dann tatsächlich: Am 19.9. wurde das Dokument tatsächlich von der Seite gelöscht. Aber es erfolgte keine Distanzierung und keine Einordnung der Schrift, die nicht ganz unerheblich für die Bewegung zu sein scheint, immerhin wird in Schulungsmaterial darauf Bezug genommen. Ein Tweet am 20.09.2021 folgte:

Da erneut Anschuldigungen gegen die Ahmadiyya Muslim Jamaat erhoben werden, in denen ihr Antisemitismus und Antijudaismus vorgeworfen werden, möchten wir klarstellen, dass die Ahmadiyya Muslim Jamaat Antisemitismus stets verurteilt hat und ihn in keiner Weise toleriert.
Seit der Gründung der Ahmadiyya Muslim Jamaat in Deutschland im Jahr 1923 hat es keinen einzigen antisemitischen Vorfall gegeben, der von einem Mitglied der Gemeinde ausgegangen wäre. Ebenso beinhalten die grundlegenden Lehren des Islam, die die Richtlinien der Ahmadiyya Muslim Jamaat bestimmen, dass jeder Mensch zu respektieren ist und niemand aufgrund seiner Religion, Herkunft oder Hautfarbe diskriminiert werden darf. Aussagen bzw. Schriften der Gemeinde, die in diesem Kontext kritisiert werden und potenziell zu Missverständnissen führen können, wurden vorläufig von der Homepage ahmadiyya.de entfernt. Unverständlich und völlig unangemessen ist indes, dass ein ehemaliger Bundestagsabgeordneter und Politiker der Grünen, ein religiöses Oberhaupt auf eine solch schmähende Art und Weise verunglimpft. Kritik an Textstellen ist in jeglicher Hinsicht berechtigt und entspricht auch unserem Verständnis der Meinungsfreiheit, allerdings ist es nicht nachvollziehbar, Beleidigungen und falsche Behauptungen in den Raum zu werfen und so die Gefühle von Ahmadi Muslimen weltweit zu verletzen. Ein solches Verhalten zeugt von eigener Polemik und Borniertheit und zeigt uns, dass kein Bedarf an einem konstruktiven Dialog besteht. Nach diesen unangebrachten Äußerungen sehen wir ebenfalls keinen Bedarf an ein Gespräch mit solchen Personen. Für einen konstruktiven Dialog stehen wir jedoch weiterhin zur Verfügung und hoffen, dass diese Missverständnisse aufgeklärt werden können. So pflegt die Ahmadiyya Muslim Jamaat in Israel mit allen jüdischen Gruppierungen einen konstruktiven und respektvollen Austausch. Abschließend verdeutlichen wir noch einmal, dass die Ahmadiyya Muslim Jamaat, sich stets gegen Antisemitismus eingesetzt hat und es auch weiterhin tun wird.

@AhmadiyyaDE, 20.09.2021 (eine Reihe mehrerer Tweets wurde hier zusammengefasst)

Was folgt nun daraus?

Das könnte den Schluss zulassen, dass die Bewegung selber etwas ratlos war und man nicht erkannt hat, welche Haltung hier eigentlich transportiert wurde. Bestimmte Bilder, die man vom und über das Judentum hat, scheinen nicht als Vorurteil erkannt zu werden – das geht aus den Worten »potenziell zu Missverständnissen führen können« hervor. Wäre es erkannt worden, hätte man transparent reagieren müssen:
Gründe nennen,
Beweggründe erklären,
sich klar zum Text positionieren.

Es gab Hinweise und es gibt auch sicher Ansprechpartner, die dabei behilflich sind, die Selbstwahrnehmung zu korrigieren. Der angesprochene Beauftragte, der Autor dieses Artikels hier hat sich mehrfach gemeldet.
All das bedeutet nicht, dass die Anhänger der Strömung Antisemiten seien. Sicher nicht. Aber diese Haltung muss auch zum Ausdruck gebracht werden, wenn es um die eigene Gruppe geht.
Solange dies nicht der Fall ist, ist die Bewegung, aus meiner Sicht, kein Partner in der Arbeit gegen Antisemitismus und sollte grundsätzlich in Dialogarbeit nicht mehr einbezogen werden.
Wer den Kampf gegen Antisemitismus ernsthaft betreiben will, der muss zunächst bei sich selber beginnen.

Randnotiz

2014 schrieb ich einen Artikel über Hamid Marcus – der als Jude geboren wurde und dann zum Islam fand. In dem Artikel fand auch die Wilmersdorfer Moschee Erwähnung. Um an mehr Bildmaterial zu gelangen, schrieb ich dem entsprechenden Zweig der Ahmadiyya-Gemeinde, dem die Moschee früher angehörte, in Lahore. Der Kontakt war extrem freundlich und gewinnbringend. Die Ansprechpartner waren sehr entgegenkommend und überrascht über das Fotomaterial aus dem Bundesarchiv. Hamid Marcus hat übrigens den Koran der Bewegung (mit) ins Deutsche übersetzt und gehört damit zu Vätern der (Lahore-) Bewegung in Deutschland. Die »Lahore« Bewegung ist jedoch eine andere, als diejenige, der viele Ahmadiyya-Gemeinden in Deutschland angehören.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon. Um per Mail über neue Beiträge informiert zu werden, bitte hier klicken

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