Hashtag Patrilinear

Wer hätte gedacht, dass die Aufregung, die auf einen Tweet folgte, der einen Teil eines privaten Gesprächs abbildete, große Kreise zieht und ein nichtjüdisches Publikum über Wochen entertaint und ihnen das Versprechen gibt, dass es noch Jüdinnen und Juden gibt, die nicht so sehr fremd sind, wie andere?
Die verschiedenen Mitspieler und die verschiedenen Motive sind schwer zu identifizieren. Hier die aufgeklärten lockeren Vertreter eines kompatiblen Judentum zur nichtjüdischen deutschen Öffentlichkeit und dort, die Jüdinnen und Juden, die daran festhalten, dass das Judentum nicht die Aufgabe hat, zu gefallen. Wieder andere bringen sich ins Spiel, um wahrgenommen zu werden und einfach mal als jüdischer Akteur, als jüdische Akteurin, gesehen zu werden. Die »großen« Namen (oder die als groß gelten möchten) nutzen die Öffentlichkeit und sorgen dafür, dass es keine innerjüdische Diskussion bleibt. Übrigens ist dabei alles gesagt zum Thema Vaterjuden (Patrilinearität) – jedenfalls halachisch. Offen blieben noch Diskussionen zur Zugänglichkeit jüdischer Gemeinden in Deutschland. Aber auch tat sich langsam etwas. Irritierend an der Diskussion war, dass Druck auf diejenigen aufgebaut werden soll, die sich der Halachah verpflichtet fühlen – das betrifft übrigens in Deutschland alle Strömungen des Judentums: die Netten gegen die Bösen.
Diese Dokumentation der Auseinandersetzung, die sehr subjektiv kommentiert ist, soll der Leserin und dem Leser dienen, die einzelnen Stränge nachzuvollziehen und sich ein Bild von der gesamten Angelegenheit zu machen. Sicherlich werden weitere Links folgen.

Max Czollek öffnete den Vorhang für das gesamte Spiel am 20. Juli 2021 – dieses Detail sollte man bei einer Bewertung nicht übersehen, wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, es handele sich bei der Angelegenheit um eine Kampagne:

Für Maxim Biller bin ich übrigens kein Jude. Vielleicht sollten wir auch mal über inner-jüdische Diskriminierung sprechen. #patrilinear

Twitter, @rubenmcloop

Anscheinend erreichte die (gewünschte?) Aufregung schnell den angesprochenen Maxim Biller. Obwohl er Twitter nicht nutzt, schwappte die Aufregung der Leserinnen und Leser schnell über das Medium Twitter hinaus. Biller nutzte für eine Antwort (am 12.08.2021) seine Kolumne in der ZEIT, um darauf einzugehen:

Nur eine Stunde nachdem ich auf der Terrasse der Akademie der Künste zu Max gesagt hatte, dass er für mich kein Jude ist, schrieb er auf Twitter, ich hätte genau das zu ihm gesagt.

ZEIT, 12.08.2021

Maxim Biller legte den Finger in seinem Biller-Style (siehe auch hier) in eine offene Wunde und sicherte sich sein Alleinstellungsmerkmal jüdischer Schriftsteller in Deutschland. Zugleich wies er darauf hin: Nicht patrilinear wäre man, wenn der Vater des Vaters jüdisch war. Biller war der zehnte Mann, der die Synagoge verlässt und damit den Minjan aufhebt: Aufmerksamkeit und Rage garantiert. Plötzlich ging es um Solidarität mit Max Czollek und eine öffentliche Diskussion eines halachischen Themas. Über den Zusammenhang von Halachah und jüdischer Kultur haben Juna Grossmann und meine Wenigkeit bei »Anti und Semitisch« etwas gesagt. Hier abrufbar (Podcast, 01.09.2021). Maxim Biller hat sich danach übrigens dazu nicht mehr gemeldet.

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, nutzt die Gunst der Stunde, um mit der Halachah abzurechnen. Dass das Judentum von der Mutter weitergegeben werde, sei nicht mehr zeitgemäß und überhaupt, sei Deutschland doch die Wiege des liberalen Judentums gewesen – sicher hätte dies heute diese Themen anders bewertet. ZEIT, 18.08.2021
Der Text erweckte den Eindruck, über das Prinzip der Matrilinearität zu berichten, gab aber im Grunde die Sichtweise von Meron Mendel wieder. Im Radio konnte er seine Sicht dann ebenfalls darlegen: rbb Kultur vom 14.09.2021.

Die Jüdische Allgemeine griff die Debatte Ende August auf. Dr. Josef Schuster muss viele Anfragen zu dem Thema erhalten haben, denn er veröffentlichte über die Jüdische Allgemeine einen Meinungsbeitrag: »Nach den Regeln der Religion« juedische-allgemeine.de (24.08.2021).
Die Jüdische Allgemeine befragte sechs Vertreter nach ihrer Haltung zu dem Thema: die Autorin Lena Gorelik, Rabbiner Arie Folger, die ehemalige Leiterin eines Jugendzentrums Margarita Khomenker, dem Jugendreferenten der ZWST Nachumi Rosenblatt, der Journalistin Esther Schapira und dem Rabbiner Andrew Steiman. juedische-allgemeine.de (26.08.2021). Rabbiner Steimans Haltung ist detaillierter auch bei »Anti und Semitisch« nachzuhören.

Fast zeitgleich zum Podcast veröffentliche das Deutschlandradio einen Beitrag von Ofer Waldman : »Wer gilt als Jude und wer darf als solcher reden?« deutschlandfunkkultur.de (01.09.2021) Waldman führt die Nürnberger Rassengesetze in die Diskussion ein und macht es etwas schwieriger, die Debatte sachlich zu führen. Aber Spoiler: Nicht die Gegner des Judentums definieren wer Jüdin oder Jude ist, sondern die jüdische Gemeinschaft selber. Für Antisemiten kann jede und jeder zum Juden oder zur Jüdin erklärt werden. Antisemitische Phantasien, nach denen Christian Drosten oder Angela Merkel Juden sind, existieren draußen jede Menge.

Mirna Funk nutzte Beginn September die Möglichkeit, gelesen und gesehen zu werden. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (faz.net 02.09.2021) schrieb sie über ein Treffen mit Maxim Biller und einem mit Max Czollek. In aller Inkonsequenz weist sie darauf hin, dass die Diskussion eigentlich eine jüdische sei, fährt dann aber dennoch fort und unterrichtet die Leserinnen und Leser darüber, dass die Halachah ein Gesetzbuch sei. Das würde bedeuten, sie sei kein lebendiger Organismus…und das verkennt den Charakter der Halachah komplett.

Halachah als Gesetzbuch

Am 5. September 2021 hatte Meron Mendel dann Gelegenheit, in einem Streitgespräch mit Dr. Josef Schuster für die ZEIT, seine Thesen teilweise zu wiederholen und Dr. Schuster konnte darauf hinweisen, dass die Diskussion eigentlich eine innerjüdische ist. ZEIT.de

In der Berliner Zeitung stellte sich Michal Bodemann an die Seite von Max Czollek. berliner-zeitung.de (02.09.2021) Er bringt ein Verfolgungsargument vor und erwähnt als einer der wenigen Autoren, die Lage der Jüdinnen und Juden, die aus der ehemaligen Sowjetunion kamen und ein Problem hatten: Galt dort »jüdisch« als Nationalität, so wurden Menschen zu Jüdinnen und Juden ohne halachisch jüdisch zu sein. Auch Erica Zingher geht in ihrem Artikel über das Thema auf diesen Themenkomplex ein (taz.de 15.09.2021) »Verschleppter Konflikt«:

30 Jahre nach dem Beginn der Einwanderung von säkularen postsowjetischen Jüdinnen und Juden fokussiert man sich lieber auf Befindlichkeiten einzelner Personen, anstatt Probleme und Realitäten normaler Menschen zu thematisieren.

Erica Zingher (taz.de 15.09.2021) »Verschleppter Konflikt«

In der taz hat sich auch Professor Micha Brumlik (siehe auch Update vom 30.09.2021) geäußert und – neben einer historischen Betrachtung – sich auch für eine praktische Seite ausgesprochen (taz.de 05.09.2021) »Wer entscheidet, wer Jude ist?«:

Das heißt heute praktisch, dass die liberale, die Allgemeine Rabbiner Konferenz in Deutschland Menschen, die einen jüdischen Vater haben und die von ihm auch jüdisch erzogen wurden, einen erleichterten, niedrigschwelligen Übertritt anbietet. Der Autor dieser Zeilen hält genau diese Regelung für vernünftig und richtig. Haben doch Rituale – so der Übertritt – ihren guten Sinn: Sie bekräftigen nach anerkannten symbolischen Regeln einen Status oder eine Haltung, sind also mehr als nur Ausdruck einer individuellen Entscheidung, sondern zugleich Ausdruck einer intersubjektiven Anerkennung der Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft.

(taz.de 05.09.2021) »Wer entscheidet, wer Jude ist?«

Damit wendet sich Brumlik gegen Ronen Steinke, der auf twitter behauptete:

Uff, ernsthaft? Unsäglich, wie hier Josef Schuster meint, ⁦@rubenmcloop⁩ sei als Vaterjude nicht jüdisch genug. Ich finde, das entscheidet mal schön jeder selbst, ob er/sie jüdisch ist – und alle anderen respektieren‘s und sind ruhig. https://t.co/XrIbqa2INA

Ronen Steinke auf twitter, @RonenSteinke

Einer der Rabbiner der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, Andreas Nachama, wurde zu der gesamten Angelegenheit für das Blog die Eule interviewt. »Die Aufregung entsteht, wenn jemand mit dem Kopf durch die Wand will« die Eule, 08.09.2021. Er beschreibt die Problemstellung einem christlichen Gegenüber. Interessant ist übrigens die Einschätzung, der Tanach kenne nur das patrilineare Prinzip. Das ist nicht unbedingt Konsens und lässt sich auch anders darstellen:

Na ja, die Halacha ist das eine, wenn sie die Bibel aufschlagen, haben sie das andere. Da ist alles patrilinear. Das Judentum hat erst später zur matrilinearen Praxis gefunden, weil man keine Vaterschaftstests machen konnte.

Die Aufregung entsteht, wenn jemand mit dem Kopf durch die Wand will« die Eule, 08.09.2021

Im Allgemeinen gibt er aber einen Einblick für den eingeschüchterten Beobachter.

Eine Stimme, die eine Aufweichung des matrilinearen Prinzips fordert, ist Debora Antmann. In ihrer Kolumne für das Missy Magazine (»Die Kolumne aller Kolumnen«, 10.09.2021) schreibt sie (unter anderem):

Diese völlige Fixierung auf religiöses und vor allem orthodoxes Judentum, es so selbstverständlich als Norm zu setzen, ist eine Folge der Ausrottung sämtlicher jüdischer Vielfalt in Europa. 

»Die Kolumne aller Kolumnen«, 10.09.2021

Es ist problematisch, so zu tun, als ginge es hier um den Kaschrut-Stempel eines Rabbiners einer Bewegung, dem man nicht vertraut oder den man nicht benötigt, weil man nicht observant sei (siehe/höre »Anti und Semitisch«). Jüdische Identität ist nicht ohne den Kern des Judentums denkbar, ob man sich davon abgrenzt, oder nicht. Auf der anderen Seite schreibt sie über das Judentum, das sie kennengelernt hat und das hoffentlich weitergegeben wird.

Nun kam die Zeit der konservativeren Vertreter. Jacques Schuster von der WELT titelte »Von der deutschen Sehnsucht, Jude zu sein« (welt.de 06.09.2021). Michael Wolffsohn nutzte die Bühne der NZZ (10.09.2021): »Wird hier Judenpolizei gespielt? Nein! Es ist ganz einfach: Du sollst nicht lügen.«:

Anders als Max Czollek gab sich Wolf Biermann nie als Jude aus, und nie hat er sein Image durch Jüdeln vergoldet oder in die Welt trompetet. Das hatte Biermann auch nicht nötig. Biermann ist Biermann, und Reif ist Reif – mit und ohne Judentum.

nzz.ch 10.09.2021

Einer der angesprochenen äußerte sich ebenfalls in einer Schweizer Zeitung. Wolf Biermann schrieb für den Tachles über die Angelegenheit: »Jude oder Jude?« (Tachles, 17.09.2021)

Früher begegnete man Rafael Seligmann häufiger in den Medien. Gerne wurde er zu jüdischen Themen befragt. Nun bekam er im Cicero die Möglichkeit, die Causa zu beleuchten. »Erbarmen mit Musterjuden« cicero.de, 05.09.2021 Nicht zufällig eine Anspielung auf Seligmanns eigenes Werk.

Jemand, der auch wahrgenommen werden möchte, ist der Autor Tuvia Tenenbom. Ein Garant für saftige Sprüche und provokative Texte, aber nicht für inhaltliche Tiefe. Im gab Spiegel-Online die Möglichkeit, seine Meinung zu der Angelegenheit zu veröffentlichen. spiegel.de (13.09.2021)

Gerrit Bartels vom Tagesspiegel (tagesspiegel.de 15.09.2021) sieht eine rechtskonservative Instrumentalisierung der Diskussion. Ähnlich sah es Hanno Loewy (Leiter des Jüdischen Museums Hohenems) in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur (deutschlandfunkkultur.de, 14.09.2021):

Diese Wut der Angriffe auf Max Czollek ist nur darüber erklärbar, dass er offenkundig mit seinen Positionen aneckt und Leute provoziert und das ist etwas, dass man eigentlich aushalten muss.

Hanno Loewy deutschlandfunkkultur.de, 14.09.2021

Ein offener Brief (renk, 14.09.2021) geht in eine ähnliche Richtung. Dieser ist hier nachzulesen.

Am Tag nach Jom Kippur erscheint in der Süddeutschen Zeitung ein umfangreicher Text von Nele Pollatschek »Unter Gaffern«:

Wer Jude ist, das bestimmen Juden, mit allem Streit, allen Ambivalenzen, aller Bedürftigkeit, mit großen Verletzungen und hoffentlich großen Versöhnungen.

sueddeutsche.de 17.09.2021

Lediglich die BUNTE scheint noch keinen Artikel zu diesem Thema veröffentlicht zu haben.
Updates folgen.

Update 22.09.2021

Ein interessanter Satz fiel im Deutschlandfunk:

„Wir müssen eigentlich davon ausgehen, dass Halacha heute für die meisten Juden außerhalb Israels keine Relevanz mehr hat“, sagt Sandra Anusiewicz-Baer.

deutschlandfunk.de 06.09.2021

Gesagt hat ihn Dr. Sandra Anusiewicz-Baer, die am Zacharias Frankel College lehrt und die konservative (Masorti) Rabbinerausbildung leitet. Aber sie fährt fort:

Wo Halacha jedoch Bedeutung beansprucht und Relevanz, ist in der Statusdefinition.

deutschlandfunk.de 06.09.2021

Das hinterlässt uns zunächst einmal ratlos, aber zugleich versichert man den Zuhörern, dass Statusentscheidungen weiterhin auf der Halacha basieren und Identität hingegen ein vollkommen anderes Konzept ist.

Susan Neiman, die Direktorin des Einstein-Forums in Potsdam, veröffentlichte ebenfalls ihren Blick auf das Zusammenspiel und hätte vielleicht eine solche Artikelzusammenstellung verwenden können um zu erkennen, dass schon einige Akteure Zusammenfassungen verfasst haben: »Wie auf Max Czollek geschossen wird, ist eine Schande« (Berliner Zeitung, 22.09.2021). Die Dramatikerin Sascha Marianna Salzmann meldete sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit dem Artikel »Wir müssen uns gegenseitig aushalten« (faz.net, 14.09.2021):

Minderheiten sind manchmal ganz unterhaltsam. Vor allem wenn sie aufeinander losgehen. … Minderheit zu sein bedeutet nicht zwangsläufig, einer von wenigen zu sein, doch es bedeutet stets, weniger Platz in der öffentlichen Meinungsarena einzunehmen. Es gibt eben nur eine überschaubare Anzahl von Mikrofonen, die Hauptrollen sind schnell aus der Mehrheitsgesellschaft besetzt.

Sascha Marianna Salzmann, faz.net, 14.09.2021

Was nicht erwähnt wird ist, dass jüdische Themen durchaus in der Öffentlichkeit verhandelt werden und dass es auch Akteure gibt, die sich damit ganz gut Präsenz verschaffen. Diese Auflistung aller Artikel und Beiträge zeigt ja, dass jüdische Themen in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Good for the Jews?

Update 23.09.2021

Deniz Yücel holt in der Welt (welt.de, 23.09.2021) zu einem großen Wurf aus und hinterfragt einen offenen Brief (siehe oben) der sich mit Max Czollek solidarisiert:

Was sonst zu jedem Brief gehört, fehlt völlig: der Empfänger. Klar scheint nur das Thema: eine Debatte. Und zwar eine, von der es heißt, sie habe mit einer Kolumne von Maxim Biller in der „Zeit“ begonnen.

welt.de, 23.09.2021

Und auch Yücel fällt auf, dass stets behauptet wird, Biller habe den Beef begonnen und weist auf den ursprünglichen Auslöser hin und beobachtet aufmerksam das Solidarisierungsspiel.

Update 24.09.2021

Valerie Wendenburg nimmt die gesamte Diskussion zum Anlass, die Thematik »Patrilinearität« für die Schweiz zu beleuchten: »Die anderen Juden« (tachles.ch, 24.09.2021)

Update 30.09.2021

Micha Brumlik publiziert mehrfach zum Thema (siehe oben schon): Auch er greift den offenen Brief ohne Adressaten auf und versucht eine »gesellschaftstheoretische Analyse«. In »Neues Deutschland« nd-aktuell.de (vom 25.09.2021). Tatsächlich scheint er einen ähnlichen Ansatz gewählt zu haben, wie Deniz Yücel.

Update 04.10.2021

Die Jüdische Allgemeine greift denn Fall erneut unter dem Titel »Sehr kontrovers« auf (Jüdische Allgemeine, 04.10.2021). Zu Wort kommen Michael Movchin, Vorsitzender des Verbands Jüdischer Studenten in Bayern, Lorenz S. Beckhardt, erneut (oder schon wieder) Mirna Funk (»Die Debatte um Czollek und Biller hat innerhalb, aber auch unglücklicherweise außerhalb der jüdischen Community für viel Aufregung gesorgt« schreibt sie, als hätte sie nicht in einer Tageszeitung mit landesweiter Verbreitung ihren Teil dazu beigetragen), Rabbiner Alexander Nachama, Landesrabbiner von Thüringen (er erinnert daran, dass die Allgemeine Rabbinerkonferenz sich um patrilineare Jüdinnen und Juden kümmern könne), Rabbiner Elischa Portnoy, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Dessau und David Seldner vom Bund traditioneller Juden.

Update 06.10.2021

In der taz (»Es braucht sichere Räume«, 06.10.2021) sprechen sich Monty Ott und Ruben Gerczikow für einen »safe space« für die Debatte aus. Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) sähe das vor. Hier darf man gespannt sein, wann das Konzept aus dem Artikel in die (jüdische) Breite gestreut wird.

Update 10.10.2021

In »Neues Deutschland« nd-aktuell.de (vom 09.10.2021) zeigt der Autor Alexander Estis, dass zum Thema eigentlich alles gesagt ist: Er beschäftigt arbeitet sich am Begriff »orthodox« ab, ist aber im Grunde etwas zu spät zur Party gekommen. Es wurde alles schon einmal geschrieben seit dem 20. Juli.

Update 20.10.2021

BR24 hat zum Thema noch etwas zu sagen. Veronika Wawatschek fasst das Thema erneut (schon wieder) zusammen und befragt Professor Meron Mendel dazu.

Update 24.10.2021

Die taz hat in ihrem Podcast »Couchreport« das Thema bereits am 11. 10. 2021 aufgegriffen. Soziologin Ruth Zeifert, die Autorin »Nicht ganz koscher – Vaterjuden in Deutschland« spricht mit taz-Redakteurin Erica Zingher darüber, wie Kinder jüdischer Väter und nicht-jüdischer Mütter Zugehörigkeit formulieren. Eigentlich geht das auch als innerjüdischer Beitrag durch.

Update 09.11.2021

Der vielleicht unangemessenste Beitrag stammt von Philipp Gessler, Redakteur der »zeitzeichen« (November 2021), einem evangelischen Magazin. Er geht mit Forderungen an den Zentralrat und die Jüdischen Gemeinden an den Start und nennt sie »Ratschläge«:

Das Prinzip „Vaterjuden“ schließt diese große Gruppe, wohl mehrere zehn­tausend Menschen, de jure aus den jüdischen Gemeinden aus, die insgesamt nur etwas mehr als 100 000 Mitglieder haben. Die veraltete Regel „nur Vaterjuden“  schwächt die sowieso nicht besonders große jüdische Gemeinschaft in Deutschland noch mehr.

zeitzeichen, Phillip Gessler

Der Artikel endet mit dem indirekten Vorwurf, der Zentralrat lege religiöse Gesetze aus. Dass dies gar nicht der Aufgabenbereich des Zentralrats ist, weiß der Autor vermutlich gar nicht:

Der Zentralrat und die Gemeinden sollten sich auf diese gute Tradition berufen und sich ganz offiziell für „Vaterjuden“  öffnen, anstatt ängstlich auf orthodoxe Gruppen in Deutschland oder Israel zu schielen. Eine zu enge Auslegung religiöser Gesetze, die derzeit in allen Religionen weltweit eine Gefahr darstellt, sollte nicht die Richtschnur in einer auch religiös immer bunteren Gesellschaft sein.

zeitzeichen, Phillip Gessler

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit diesem Artikel gibt es hier.

Professor Alfred Bodenheimer schafft es auf Republik.ch (vom 28.10.2021), die gesamte Diskussion doch noch so aufzurollen, dass sie einen neuen Dreh erhält. Er beschreibt das Feld zwischen Halacha und Identitätspolitik.

Die Situation stellt sich paradoxer­weise so dar, dass niemandem das Recht abgesprochen werden darf, sich als jüdisch zu bezeichnen – es darf aber auch niemandem das Recht abgesprochen werden, anderen dieses Recht abzusprechen. Hochtrabende Verurteilungen in beide Richtungen verbieten sich.

Prof. Alfred Bodenheimer auf Republik.ch

Update 21.11.2021

Es wäre hilfreich gewesen, das Thema langsam auslaufen zu lassen. Der SPIEGEL jedoch veröffentlichte am 20.11.2021 ein Interview mit dem Verursacher der gesamten Diskussion, Max Czollek, einen Text, den der SPIEGEL Interview nennt und doch recht kooperativ ist. In dem Artikel gab es Gelegenheit zu behaupten, es hätte keine Kontaktaufnahme keiner der Zeitungen gegeben, die oben genannt sind. Das ist nicht richtig, das hat Max Czollek bereits bei Twitter teilweise eingeräumt.

Update 25.11.2021

Autorin Jana Hensel betrachtet in der ZEIT (24.11.2021) das gesamte Interview und schraubt es für die Leserinnen und Leser auseinander. Sie beschäftigt sich mit dem, was Czollek bei der Darstellung seiner Familiengeschichte weggelassen hat – eben die Dinge, die ihn daran gehindert hätten, eine »radikale Sprecherposition« zu konstruieren bei der das »Täter*innenkollektiv« eine wichtige Rolle spiele und es notwendig sei, »keine Brücken zu bauen«.

Deniz Yücel (die Welt, 25.11.2021) stellt, wie Jana Hensel, fest, dass Max Czollek die Reaktionen auf die laufende Debatte etwas umkonstruiert. So hieß es im SPIEGEL Interview:

SPIEGEL: »Keine der Redaktionen hat sich bei Ihnen gemeldet?«
CZOLLEK: »Für mich war das eine echte Erschütterung. Kein einziger Journalist der beteiligten Redaktionen hat bei mir nachgefragt, ob eigentlich wahr ist, was da behauptet wird. Sie waren der erste.«

DER SPIEGEL 20.11.2021

Deniz Yücel erinnert sich aber gut daran, dass er ihn befragt hat und auch Jana Hensel weiß zu berichten, dass sie Ende August ein einstündiges Telefoninterview mit Czollek geführt habe, das dieser zwei Tage später zurückgezogen hätte. Yücel hinterfragt auch die Konstruktion Czolleks, dass es sich bei den Reaktionen um Versuche handele »linke und progressive Positionen, für die ich stehe, an den Rand zu drängen«. Selbst diese Zusammenstellung hier zeigt, dass das nicht stimmt. Vertreter aller Richtungen wurden angefragt. Einige sprachen sich leidenschaftlich für Max Czollek aus. Andere sprachen überhaupt nicht über ihn und ausschließlich über die Debatte zur Patrilinearität und wiederum andere nutzten das Thema um über sich selber zu sprechen. Yücel sieht in Czolleks Verhalten den Versuch »sich zum Opfer einer rechten Kampagne stilisieren, dadurch die eigene Reputation retten, im Idealfall sogar gestärkt aus allem hervorgehen.«

Der Autor dieses Blogs hier kommentiert Max Czolleks Wahrnehmung von Halacha.

Update 26.11.2021

Jan Küveler zitiert in der »Welt« weitere Journalisten, die Anfragen an Max Czollek gerichtet haben und nimmt erneut dessen Aussage unter die Lupe, es hätten sich keine Journalisten bei ihm gemeldet.

Update 29.11.2021

Jan Fleischhauer, der sich darin gefällt, Leute zu triggern – um dann anschließend (vermutlich) schmunzelnd bei der Entrüstung zuzusehen, hat sich der Thematik der Selbstzuschreibung ebenfalls gewidmet janfleischhauer.de »Ich fühle, was ich bin«.

Update 06.12.2021

Die Allgemeine Rabbinerkonferenz hat im Dezember 2021 (kein genaues Datum vermerkt) durch Rabbiner Jonah Sievers einen längeren Artikel veröffentlicht. Er bezieht sich in dieser auch auf den Fall Czollek, hält die Stellungnahme allgemeiner. Es geht um den allgemeinen Umgang mit dieser Thematik und hinterfragt, ob ein Gijur (ein Übertritt) tatsächlich notwendig sein muss. Der Text ist anscheinend als Meinungstext zu verstehen und nicht als Handlungsanweisung.

Dr. Karen Körber beschäftigt sich in ihrem Artikel »Ausgeschlossen dazugehören« in der Zeitschrift Medaon (15, 2021) mit russischsprachigen Töchtern vaterjüdischer Familien im Prozess der Migration nach 1990 (nach Deutschland). Sie beschäftigt sich mit konkreten Beispielen und zeigt, was religiöse und kulturelle Angebote zu einem jüdischen Lebensentwurf eben dieser Personengruppe beitragen können.

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Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon. Um per Mail über neue Beiträge informiert zu werden, bitte hier klicken

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Es ist genug Judentum für alle da. Die Debatte zu Max Czollek und darüber hinaus. Eine Artikelliste – Serdargunes' Blog

  2. ich rechne damit, dass die identitären juden irgendwann die bezeichnung juden und judinnen und -aussen einführen, denn die debatte scheint ihnen noch nicht verrückt genug zu sein. friedrich nietzsche trifft den punkt: die eitelkeit andrer geht uns nur dann wider den geschmack, wenn sie wider unsre eitelkeit geht.

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  3. Pingback: Ratschlag zurück - Chajms Sicht

  4. Pingback: Von Nackensteaks und Tomaten - Chajms Sicht

  5. Die Allgemeine Rabbinnerkonferenz (ARK) erkennt Patrilinearität an. Patrilineare Juden werden durch ein Beit Din in ihrem Status als Juden bestätigt und könne damit auch Gemeindemitglieder in jeder deutschen Einheitsgemeinde werden. Details siehe Rundbrief der ARK vom Dez. 2021

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  6. @Gershon Der Meinungsartikel von R. Sievers liest sich anders. Er merkt an, wie er es sieht und wie er es gerne hätte. Das ist keine Bestandsaufnahme. Es geht aus dem Artikel hervor, dass derzeit ein erleichterter Gijur oder ein Babygijur notwendig ist. Der Text ist derjenige, der auch im Rundbrief zu finden ist.

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