Die ZEIT und jüdische Debatten

Die großen Debatten des jüdischen Deutschlands scheinen derzeit in der ZEIT ausgetragen zu werden. Mirna Funk begann mit »Wir lebenden Juden« (2016), einem Artikel, in dem sie Buddies von sich als jüdische Intellektuelle empfahl (und ganz nebenbei auch sich) – als Antwort auf einen Satz von Maxim Biller in der Jüdischen Allgemeinen. Dort sagte er, er kenne (derzeit) keine jüdischen Intellektuellen in Deutschland (Artikel hier, Jüdische Allgemeine), Juni 2016. Maxim Biller legte mit »Zurzeit bin ich nicht so gern jüdischer Schriftsteller in Deutschland« (2017) nach. Es folgten weitere Artikel von Biller (2018) und im Mai (2021) gab die ZEIT online Fabian Wolff Platz für »Nur in Deutschland« einem Text, der die zwei Pole des jüdischen Deutschlands deutlich gezeigt hat. Nicht durch den Text, sondern durch die Reaktionen darauf (zumindest diejenigen, die vom Text gehört haben) – natürlich getriggert durch den Text. Spätestens jetzt war Maxim Biller nicht mehr der einzige (jüdische) Autor (in Deutschland), von dem man sagen konnte, er habe keine Angst vor den Reaktionen auf seine Texte. Diese Reaktionen kannten wenig Zwischentöne. Übrigens gab es darauf eine Replik von Mirna Funk, ebenfalls in der ZEIT.

Jetzt legte Maxim Biller nach. Er sprach im Juli mit Max Czollek. Das Gespräch vermeldete Czollek aus erster Hand und direkt bei twitter – also nicht gerade in einem kleinen Kreis. Anscheinend war es kein sehr angenehmes Gespräch:

Für Maxim Biller bin ich übrigens kein Jude. Vielleicht sollten wir auch mal über inner-jüdische Diskriminierung sprechen. #patrilinear Twitter, @rubenmcloop

Nun, am 12. August (2021) schilderte Biller das gesamte Gespräch – genau in der ZEIT und ging genau darauf ein:

Nur eine Stunde nachdem ich auf der Terrasse der Akademie der Künste zu Max gesagt hatte, dass er für mich kein Jude ist, schrieb er auf Twitter, ich hätte genau das zu ihm gesagt. ZEIT, 12.08.2021

Es ist nicht klar, ob die beiden eine Interviewsituation teilten, oder ein privates Gespräch führten. Falls es ein privates Gespräch war, ist die Wiedergabe in einem Zeitungsartikel fragwürdig – oder es ist eine reichweitenstarke Antwort auf den Tweet. Biller teilt aus, wie es Biller stets tut (und entsprechend gnadenlos in der Beurteilung von Akteuren ist) und knöpft sich Czolleks Selbstverortung als jüdischer Intellektueller und »öffentlicher Jude in Deutschland« vor. Womit wir wieder an das Jahr 2016 anknüpfen und Billers behauptetes Alleinstellungsmerkmal »jüdischer Intellektueller in Deutschland«. Dieser Titel wird anscheinend mit harten Bandagen – wie bei einem Boxkampf – errungen. Derjenige, der als Sieger aus dem Ring steigt, erhält den Titel. Ist nur schwer für denjenigen, der nicht verstanden hat, dass der Kampf bereits läuft.

Die Thematik »wer ist von wem wann als jüdisch zu betrachten« ist nun (wieder) im Raum. Sie ist wichtig und stellt die Frage, ob eine eigene Positionierung ausreichend ist, um als jüdisch zu gelten.
Dazu gäbe es einiges zu sagen/schreiben, aber das soll zu späterer Zeit geschehen.

Fakt ist: Eine solche Debatte konnte nur Maxim Biller triggern – ob man den Text emotional hart fand, oder nicht, ob man meint, Biller verteidigt sein Revier, oder nicht. Denn offenbar verfügt er über eine entsprechende Reichweite und Wichtigkeit, denn er wird offensichtlich ja gelesen.

Aber! Warum muss das in der ZEIT passieren?

Nicht, dass die Diskussionen nicht in die Öffentlichkeit gehörten… das tun sie. Jede und jeder muss auch unangenehme Themen der jüdischen Gegenwart aushalten.

Die Antwort ist: Es gibt im deutschen Sprachraum kein Medium, in dem solche Diskussionen (man kann auch schreiben Streit) ausgetragen werden können. Es gibt kein Quartely mit (jüdischen) Themen und Texten (literarische Texte und Sachtexte), die wirklich wehtun und die man aushalten muss. In Bezug auf den Text von Fabian Wolff konnte man erkennen, dass einige Leserinnen und Leser nicht bereit waren, überhaupt zuzuhören (»zulesen« wäre das richtige Wort) – obwohl immer wieder eine jüdische Diskussionskultur beschworen wird. Es scheint mehr Texte zu geben, es gibt aber kein zentrales Medium dafür. In diesem Medium kann (gut, könnte) dann auch einmal gründlich diskutiert werden, wie der Umgang mit patrilinearen Jüdinnen und Juden (die sich selber als jüdisch bezeichnen würden, es gibt ja auch diejenigen, die daran nicht anknüpfen möchten) aussehen kann. Es werden Antworten dabei sein, die nicht allen Interessierten schmecken. Die Jüdische Allgemeine ist die einzige ernstzunehmende regelmäßige Publikation in deutscher Sprache, in der das möglich wäre. Hier dürften aber technische Aspekte Grenzen setzen. Etwa die begrenzte Zeichenzahl in Print-Publikationen und die (große) Arbeit für Redakteure, Debatten so abzubilden, dass die Leserinnen und Leser ihnen folgen können. Online wäre eine Alternative.

Solange müssen wir damit leben, dass andere Publikationen diesen Diskussionen Platz einräumen. Eine Einmischung Dritter ist aber in beiden Fällen nicht zu vermeiden.

Das Magazin »Jalta«, an dem auch Czollek mitwirkt, kann diesen Anspruch nicht einlösen. Es ist Sprachrohr einer Auffassung davon, wie Prozesse heute interpretiert werden können, aber kein Debattenformat.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon. Um per Mail über neue Beiträge informiert zu werden, bitte hier klicken

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Es gab einige jüdische Zeitungen, die meisten sind pleite oder wollen sich nicht in Gemeindethemen einmischen (Jüdische Rundschau) u. a., weil die Jüdische Allgemeine überall verfügbar ist. Was aber meinst du mit Einmischung Dritter? Die starke Stellung des Zentralrates ist auch eine Einmischung Dritter.

    Allerdings halte ich deine Seite für ein wichtiges Medium für die Juden in Deutschland, da du Themen aus anderen Zeitungen/Medien aufgreifst und hier verknüpfst.

    Brauchen die Juden eine explizit jüdische Zeitung? Ich bin unsicher.

    Antworten

  2. Zeitungen (also von Formaten, die häufiger als 6 Mal erscheinen) schreibe ich eigentlich gar nicht. Ich schätze, die JA deckt vieles ab. Da braucht es, meiner Meinung nach, eigentlich kein weiteres Format, das inhaltlich nahezu deckungsgleich ist. Die Jüdische Rundschau ist eine Monatszeitung, aber ideologisch so klar positioniert, dass sie eigentlich nur noch Sprachrohr des Herausgebers ist. Aber das nur am Rande.
    Kommerziell dürfte sich ein solches Projekt nicht lohnen.

    Ich spreche von einer »Zeitschrift«, vielleicht vierteljährlich, mit Texten, die länger sind als 10.000 Zeichen. Sachtexte, Debatten, Literatur. Mit dem Platz, Dinge auszuformulieren. Zeitungen sind ja platzbeschränkt und die Leser erwarten dort auch keine ausführlichen, seitenlangen, Texte.

    Einmischung Dritter: Nichtjüdische Akteure, die sich in die Diskussion einhängen, etwa über Social Media.

    Danke für die Erwähnung meiner Seite 🙂 Naja. Ich weiß nicht, ob das so relevant ist. Es ist – hoffentlich – ein Baustein, aber nur ein kleiner.

    Antworten

  3. Dass Max Czollek in den Augen von einem Maxim Biller kein Jude ist, braucht ihn vermutlich nicht zu kratzen. Dass er es im Urteil maßgeblicher halachischer Autoritäten erst recht nicht ist, schon eher.
    Meine Frage daher: Hat sich Max Czollek auch beklagt über
    https://www.sefaria.org/Kiddushin.66b.16?lang=bi&with=all&lang2=en
    oder über
    https://www.sefaria.org/Shulchan_Arukh%2C_Even_HaEzer.8.5?lang=bi&with=all&lang2=en
    Wenn nein, warum nicht?

    Antworten

  4. Hallo Chajm,
    danke für die superschnelle Reaktion.
    Die Goldschmidt-Übersetzung habe ich selbst (seit kurzem sogar in einer Original-Ausgabe.)
    Igor und Dir gebührt natürlich ein XXL יישר כחך‎ für die Bewältung dieser Mammut-Aufgabe, diese der Welt online verfügbar zu machen.

    Mich würden natürlich nach wie vor Hinweise darauf interessieren, warum Max Czollek das Urteil eines Maxim Biller wichtiger ist als die Meinung von Autoritäten der Vergangenheit oder Gegenwart.

    Antworten

  5. Es scheint, ich habe mir selbst eine mindestens Teilantwort ergoogelt.
    Er schrieb letzte Woche dieses:
    https://twitter.com/rubenmcloop/status/1430808669051097088
    Offenbar mag er “Religion” nicht.
    (Judentum/Halachah als “Religion” zu abzukanzeln, ist wohl etwas ignorant.
    Aber als “Intellektueller” darf man das wohl.
    Siehe/höre auch Chajm ab Minute 16 in
    https://anchor.fm/antiundsemitisch/episodes/Deeskaliert-Euch-e16on4n )

    Antworten

  6. Der derzeitig offen ausgetragene Meinungsaustausch jüdischer Intellektueller, ist das unvermeidliche Ergebnis einer sich selbst den nötigen Raum nehmenden Thematik, der endlich progressiv und eben nicht mehr im nichtjüdischen Dunkel geführt wird. Wenn Chajm zur Wahl des Mediums schrieb:

    “Jede und jeder muss auch unangenehme Themen der jüdischen Gegenwart aushalten.“,

    so entsteht doch hieraus für mich ein so angenehmer Impuls, dass ich das wahllose Muss gegen ein befreiendes Kann substituiere. Die Auseinandersetzungen um solch brisante Themen fanden hierzulande bisher viel zu selten statt und das bei 200.000 Juden. Nun ist es allerdings auch kein Automatismus der sich in der Breite abbildet, sondern ganz klar nur eine sehr übersichtliche Elite des jüdischen Literaturwesens, die es aber dennoch in sich hat und zuletzt mehr Aufmerksamkeit erregte als ihr komplett nicht jüdischer Counterpart.

    Maxim Biller ist kein Schriftsteller geworden, um prosaisch die Schönheit der Deutschen Wälder abzubilden, sondern weil er sich frei äußern will; FREI! Das er Czollek im Zwiegespräch damit konfrontiert, dass er aus seiner halachischen Sicht kein Jude ist geschieht indes aus der Sicht eines G-ttlosen; so Billers Selbsteinordnung. Ferner rudert er doch auch schon wieder am Ende des Zeit Artikels zurück, doch nun ist es bereits zu spät, denn Zentralratspräsident Schuster reißt nun seinerseits die bereits geschwächte jüdische Spiritualität komplett aus Czollek heraus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Biller diese Aktion unterstützt.

    Biller könnte doch seinen Bruder Czollek an die Hand nehmen und ihn so durch die Konvertierung begleiten. Ich würde es tun, doch wer bin ich schon? Einfach nur ein anderer Feigling.

    Shalom und Glück Auf

    Antworten

  7. “Meinungsaustausch jüdischer Intellektueller”
    Sind im Bezug auf die Frage, wie jüdisches Recht funktioniert, die Diskutanten nicht eher Ignoranten als “Intellektuelle”? Der Präzedenz-Mechanismus macht es inhärent nicht-progressiv. Die Tatsache, dass die relevante Stelle im Talmud keine abweichende Meinung zitiert, macht es auch Gutwilligen schwer, von der Matrilinearität abzuweichen. Ausserdem scheint es ein wenig vermessen, wenn die deutsche Twitter-Blase sich einbildet, sie sei in irgendeiner Form relevant für halachische Rechtssetzung.
    Worauf basiert die Annahme, eine mehr oder weniger jüdische Sozialisation verschaffe einen rechtlichen Status als Jude? Das ist doch beim gewöhnlichen Staatsbürgerschaftsrecht auch nicht so.
    Unabhängig vom halachischen Status mutet es doch seltsam an, wenn sich Menschen mit 3 nicht-jüdischen Großeltern als Sprecher in jüdischen Belangen aufschwingen.

    Antworten

  8. Yankel Moshe,

    ein schöner Name übrigens. Doch ja Du hast Recht, denn es steht so geschrieben, aber ich verstehe an dieser Diskussion etwas Grundsätzliches überhaupt nicht; abseits meiner Freude über diese neue Offenheit. Das was da so an meinem Verständnis kratzt, ist eine winzig kleine Differenz zwischen Haschems Willen in statu nascendi und dessen was seit gut 100 Jahren getan wird.

    Der Zeitraum in der die Patrilinearität beendet wurde liegt mir zu plan auf den Trümmern des 2. Tempels. Das was vorher war, war näher dran am Sinai. Für mich fühlt sich durch die Umkehr des Ursprünglichen die Parascha nicht mehr richtig. Warum sagt Adam dort: “Darum verlässt der Mann seinen Vater und seine Mutter und hängt an seiner Frau, und sie werden zu einem Fleisch.”? Wenn Haschem seinem Ebenbild Adam keine Frau gereicht hätte, dann würde Adam doch noch heute leben. Wo wären wir dann?

    Es geht hier um Justice; um SEINE Gerechtigkeit und die ist in uns. Ich bin durch und durch ein Ruhrpottbengel und so verstehe ich diese ganze Swinger-Spiritualität nicht im Geringsten. Es gab eine Zeit und die ist noch gar nicht solang her; da suchte ich und fand es bei Noahiden. Konvertieren, ich? Da müsste ich doch wirklich nicht mehr ganz gar sein und außerdem, ich soll diese am Ende auch noch zum Licht bringen? Die Dinge aber ändern sich manchmal schnell und damit mag ich enden, Freund.

    Shalom

    Antworten

  9. Ich leite das Kompliment bezüglich meines Namens gern weiter. Habe ich nicht selber gewählt. Bin benannt nach Großonkel und Urgrossvater.
    Wenn Deine These bzgl “Trümmern des 2. Tempels” wahr wäre, wie erklärst Du dann folgendes:
    https://ohr.edu/explore_judaism/ask_the_rabbi/ask_the_rabbi/7242
    Vor Matan Torah galt in der Tat Patrilinearität. Aber Matan Torah war 14 Jahrhunderte vor der Zerstörung des Herodianischen Tempels.

    Ein weiterer gern übersehener Faktor in dieser Diskussion: wir können nicht gegen den Talmud entscheiden, ohne das (präzendenz-basierte) jüdische Rechtssytem zu verlassen.
    Natürlich könnte man nach modernem Gutdünken von der Tradition abweichen, und dem Resultat dennoch das Etikett “jüdisch” anhaften wollen. Aber wo ist da der Unterschied zu einem billigen Fernost-Uhren-Imitat mit einer aufgedruckten Krone, von der der Verkäufer behauptet, es sei eine Rolex?

    Antworten

  10. Pingback: Es ist genug Judentum für alle da. Die Debatte zu Max Czollek und darüber hinaus. Eine Artikelliste – Serdargunes' Blog

  11. Pingback: Hashtag Patrilinear - Chajms Sicht

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.