Artikel

Der Militärbundesrabbiner

Bild von Rabbiner Zsolt Balla
Rabbiner Zsolt Balla (Foto: Zentralrat der Juden in Deutschland)

Seit Dezember 2019 ist bekannt, dass der Zentralrat und die Bundeswehr kooperieren und 10 Rabbiner für die Bundeswehr entsenden. Diese sollen sich, unter anderem, um die jüdischen Bundeswehrsoldaten kümmern, aber auch darüber hinaus lehren und informieren. Im Zuge der Vorstellung wurde verschiedentlich die Zahl von 300 jüdischen Soldatinnen und Soldaten bei der Bundeswehr in den Raum gestellt. Diese Schätzung ist grundsätzlich zu hoch (siehe eine andere Schätzung hier) – aber das ist gar nicht entscheidend! Die Quantität ist hierbei überhaupt kein wichtiger Faktor!

Zum (neuen) Selbstverständnis und zu einem vernünftigen Selbstbewusstsein gehört, dass man eine Unterstützung für jüdische Soldatinnen und Soldaten auch dann einfordert, wenn es nur eine jüdische Person bei der Bundeswehr gäbe oder gibt. Also selbst für eine einzige Person müsste es jemanden geben, der sich kümmert. Es ist also nur folgerichtig, dass man diese Position geschaffen hat. Gleiches gilt übrigens auch für muslimische Soldatinnen und Soldaten. Es könnte sein, dass ein Rabbiner die alltäglichen Probleme dieser Gruppe besser nachvollziehen kann, als ein christlicher Theologe dies könnte. Aber das nur am Rande.

Der erste Rabbiner für die Bundeswehr und eine Art »Rosch« aller Rabbiner bei der Bundeswehr, wird der Leipziger Rabbiner Zsolt Balla sein, der am 21. Juni 2021 in sein Amt eingeführt wurde. Er wird fortan (für fünf Jahre jedenfalls) »Militärbundesrabbiner« sein. Rabbiner Balla gehört zu denjenigen, die an einem lebendigen Judentum in Deutschland bauen und war derjenige, der mit Aufkommen der Pandemie Zoomübertragungen aus seiner Synagoge an den Start gebracht hat. Er ist kein »Verwalter« einer Rabbinatsstelle und ihm traut man zu, diese neue Position aktiv auszugestalten. Von Fame war an diesem Tag übrigens nur kurz etwas spürbar. Während er in den abendlichen Nachrichten gezeigt wurde, streamte er – wie immer – das Ma’ariw-Gebet auf Zoom und Facebook.

Wegweisend wird sein, ob man ihn als Symbol benutzen möchte, eine jüdische Renaissance herbeiredet oder eine große Zahl jüdischer Menschen herbeirechnet. Die Erwartungen der nichtjüdischen Gesellschaft sind hoch: Ein Schritt soll es sein, der Dinge wieder normalisiert. Deutschland kann hier zeigen, wie gut es wieder um die Dinge bestellt ist.
Nicht in diese Falle der Erwatungshaltung zu tappen, dürfte nicht sehr leicht fallen. Denn das verspricht öffentliche Aufmerksamkeit und Beliebtheit. Bei Rabbiner Balla sehe ich die Gefahr nicht, denn ihm geht es, soweit ich das bisher beobachten konnte, um die Sache und nicht um seine eigene Person oder öffentliche Aufmerksamkeit. Die sei ihm gegönnt, aber er machte nicht den Eindruck, er brauche das für seinen Job.

Ob dann tatsächlich zehn Rabbiner benötigt werden, wird die Zeit zeigen. Das wird ein Prozess sein, der sicherlich mit Interesse verfolgt werden wird.

Artikel

Wieder Gelsenkirchen

Weniger als einen Monat nach dem kleinen Pogromversuch von Gelsenkirchen, hat es in Gelsenkirchen wieder eine Einrichtung der Gemeinde getroffen: Das Fenster der Trauerhalle des Gemeindefriedhofs wurde beschädigt. Eine übersichtliche Pressemeldung der Polizei klärte jetzt darüber auf (hier zu finden). Dabei ist der Friedhof, ja offensichtlich aus guten Gründen, nur noch mit einem Schlüssel zugänglich und liegt nicht zentral in der Stadt. Er ist also kein Ziel, an dem zufällig vorbeischlendert und im Affekt handelt.

Einer der älteren Grabsteine auf dem Friedhof der Gemeinde.

Heute ist er übrigens etwas weniger versteckt als früher. Doch der Reihe nach: Der Friedhof war lange über einen christlichen Friedhof direkt zugänglich oder über eine kleine Zufahrt. Die Zufahrt hat ein verschließbares Tor und ist recht lang. Dafür muss man nicht über den christlichen Friedhof laufen. Der Zugang von Friedhof zu Friedhof wurde dann in den letzten Jahren geschlossen und mit einem Zaun und einer Hecke ersetzt. Natürlich wäre es toll, wenn jeder Mensch sich das anschauen könnte, aber Zugänglichkeit hat ihren Preis – wie jetzt gerade bewiesen wurde. Einige Zeit schien auch jemand im überdachten Eingangsbereich der Trauerhalle zu übernachten. Klar. Abgelegenheit bedeutet auch, dass man ungestört ist. Direkte Nachbarn sind der andere Friedhof und ein Gebiet mit kleinen Autowerkstätten und Verschrottern. Flankiert wird der Friedhof von einem Bereich, der früher die Trasse der Rheinischen Eisenbahn war. Das Gebiet war dicht bewachsen. Doch heute ist die Trasse ausgebaut zu einem Spazier- und Radweg. Dieser liegt nun etwas über dem Friedhof und gestattet nun einen perfekten Blick auf das, was sich dort abspielt. Spaziergänger können sich also heute mit einer zooartiger Faszination anschauen, was dort unten passiert. So war es jedenfalls bei meinem letzten Besuch dort. Die topographische Distanz suggeriert physische Distanz und sorgt eher für ein Gaffen, statt für ein freundliches »zur Kenntnis nehmen«. Es ist also kein geschützter Bereich mehr – zumindest in Bezug auf die Privatsphäre.

Soll ich nun tatsächlich floskelhaft fragen, was wohl die Reaktionen auf die Sachbeschädigung sein werden? Das lassen wir lieber. Alle kennen die Antwort.

Artikel

Har­ry Kemelman beschleunigt

Harry Kemelmans Bücher sind in Deutschland vor allem einem älteren und philosemitischen Publikum ein Begriff. Elf seiner Detektivromane mit Rabbi Small gibt es in deutscher Übersetzung. Tatsächlich sind sie gar nicht so schlecht und beschreiben das Leben eines konservativen (im Sinne von Masorti) Rabbiners in den USA. Dass der Verlag, der die Bücher heute in deutscher Sprache herausgibt (Unionsverlag) ein zufälliges Bild charedischer Juden auf den Umschlag von »Am Freitag schlief der Rabbi lang« (Friday the Rabbi Slept Late) packt, sagt recht viel – dabei hat das Buch in der englischen Originalausgabe (die sich sensationell verkauft hat) den Untertitel »an unorthodox mystery«. Kemelmans Bücher haben, zumindest in den USA, auch ein großes jüdisches Publikum gefunden und einen interessanten Helden erschaffen. Wichtiger als der eigentliche Fall waren die Einblicke in das Gemeindeleben und die Beziehungen der Akteure untereinander. Das hat Kemelman nicht immer ohne Kritik an den Verhältnissen gemacht.

Rachel Sharona Lewis hat direkt daran angeknüpft, sprachlich (sie ahmt den Stil Kemelmans nach), inhaltlich und natürlich auch visuell (man vergleiche die Cover der Originalausgaben). Allerdings hat die Autorin die Schraube viel weiter gedreht. Aus Rabbi Small wurde eine Rabbinerin. Rabbinerin Vivian. Eine lesbische Rabbinerin. Statt um Mord, geht es hier aber um Brandstiftung, Immobiliengeschäfte und gesellschaftliche Schieflagen. Es geht um ihre Schwierigkeiten mit Leuten, die in der Gemeinde viel zu sagen haben, weil sie viel Geld einbringen und darum, wie sie selber ihren Platz in der Gemeinde findet. Das Buch behandelt viele kleine dieser Themen, mit zahlreichen Figuren – das ist vielleicht eine Schwäche des Buches: Das ambitionierte Einführen zahlreicher Figuren.

Wie Kemelmans Buch, ist auch das Buch von Rachel Sharona Lewis eine Momentaufnahme eines Teils der US-amerikanischen Gemeinden und sollte auf keinen Fall stellvertretend für alle gelesen werden. Für jemanden, der religiös anders verdrahtet ist, ist das herausfordernd. Ziemlich weit weg von der Lebensrealität der Gemeinden in den deutschsprachigen Ländern ist es sowieso, aber immerhin ein Einblick.

The Rabbi who prayed with Fire
2021 Ladiesladies Press
ISBN13: 9781792356537
Preis: Taschenbuch 12,29 Euro (ca.); ebook: 6,73 Euro (ca.)