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Hochmotivierte Mitglieder warten auf ihren Einsatz

Im Herbst 2019 tat der Zentralrat etwas recht bemerkenswertes: Er lud zu einer Umfrage ein (Details siehe hier). Die Zielstellung könnte man, etwas vereinfacht, vielleicht so formulieren: Wie ist die Haltung derjenigen, die wir erreichen können, zu ihrer oder den Gemeinden insgesamt?

Also weniger eine sozialwissenschaftliche Studie und mehr Einblick in das, was man von den Gemeinden eigentlich »draußen« erwartet und welche Haltung man entwickelt hat. Warum kommt man, wenn man kommt? Warum kommt man nicht? Warum ist man ausgetreten? Warum nimmt man nicht an Veranstaltungen teil?
Und tatsächlich haben 2.716 Personen teilgenommen. Überwiegend Vertreter der Generationen, die demographisch in der Minderheit sind. Also weniger Senioren – das Durchschnittsalter der Befragten lag bei 48 Jahren. 45 Prozent der Teilnehmer sind in Deutschland geboren worden.

Das ist bemerkenswert. Während man in den europäischen Nachbarländern nicht einmal weiß, wie viele Gemeindemitglieder im eigenen Dachverband organisiert sind (siehe Schweiz), kennt man recht konkrete Details zur jüdischen Demographie – zumindest für die Gemeinden, die im Zentralrat organisiert sind. Nun kommen weitere Daten hinzu.

Was ist bemerkenswert? Mehrere Punkte

Gleich mehrere Punkte sind bemerkenswert.
Beginnen wir mit einem positiven Aspekt:
Zwei Drittel aller Befragten würden gerne (mehr) aktiv in einer Gemeinde mitarbeiten. Das ist ein enormes Potential.
Die Gegenfrage liegt nahe: Warum denn dann nicht?

Die Antwort gibt ein anderer Aspekt (möglicherweise): Nur 18 Prozent der befragten (derzeitigen) Gemeindemitglieder haben das Gefühl, sie hätten Einfluss auf die Entscheidungen innerhalb einer Gemeinde. Eine Mehrheit gibt an, dass ihre Stimme überhaupt kein Gehör in der Gemeinde findet.
41 Prozent der Gemeindemitglieder geben an, dass sie nicht an Veranstaltungen teilnähmen, weil sie Probleme mit anderen Personen in der Gemeinde hätten.

Partizipation in der Gemeinde, Abbildung Zentralrat der Juden in Deutschland, infas

Es lässt sich also behaupten: Die Leute wollen mitmachen! Die Leute wollen sich engagieren. Da ruht also richtig viel Potential.
Dazu passt, dass sich 47 Prozent der ehemaligen Mitglieder eigene jüdische Räume schaffen und immerhin noch 35 Prozent derjenigen, die Mitglieder sind, ebenfalls tun. Hier könnten Gemeinden vielleicht ansetzen?

Strömungen Die alte Frage

Wer ist orthodox, wenn »Ja«, wie sehr?
Die Umfrageergebnisse erlauben es, innerhalb der Strömungen zu differenzieren. »Ja, orthodox und observant« oder» Ja, traditionell und observant« oder eben »traditionell und nicht observant«. Demnach wären 15 Prozent der Gemeindemitglieder orthodox, 37 Prozent »traditionell« und 27 Prozent liberal. Dann gibt es noch die »feuilletonistischen« Jüdinnen und Juden (»kulturell«) mit etwa 16 Prozent. Bei den Nichtmitgliedern und ehemaligen Mitgliedern ist die Zusammensetzung etwas anders. Hier findet man mehr Jüdinnen und Juden, sie sich über die »Kultur« mit dem Judentum identifizieren. Interessant wäre es, Veränderungen hier nachzuverfolgen. Überraschend ist, dass die Zahlen recht nah an diejenigen herankommen, die hier im Blog 2016 erhoben wurden (siehe hier). Die Einheitsgemeinde ist also wichtiger als noch vor Jahren. Wie religiöse Konfliktfelder moderiert werden, wird also eine Aufgabe für Gemeinden bleiben. Moderation und Heimat für alle und nicht Parteinahme wäre vermutlich ein wichtiger Aspekt der Zukunft.

Wer kann erreicht werden? Wenig Schnittstellen

Vorsicht Metaphernhagel: Es liegt auf der Hand, dass nur Menschen teilnehmen konnten, die irgendwie noch im jüdischen Orbit unterwegs sind. Sie müssen nicht auf dem Planet Gemeinde wohnen, aber noch irgendwie eine Verbindung haben. Offenbar ist die Jüdische Allgemeine das Medium mit der größten Reichweite.

Genützte Medien, Abbildung Zentralrat der Juden in Deutschland, infas

Bemerkenswert ist aber, dass die Jüdische Allgemeine stärker außerhalb der Gemeinde genutzt wird. Das gilt für fast alle Medien – mit Ausnahme des Blatts »Zukunft« des Zentralrats (gibt es das außerhalb der Gemeinden überhaupt?).
Was also vielleicht noch immer fehlt, ist ein Medium, das auch diejenigen erreicht, die schon recht weit weg sind. Eines, das vielleicht Interesse weckt. Schwierig.

Erstmals wahrgenommen Vaterjüdinnen und Vaterjuden

Es ist auch nach denjenigen gefragt worden, die in Deutschland nicht Mitglieder eine jüdischen Gemeinde werden können: Denjenigen, die einen jüdischen Vater haben, aber keine jüdische Mutter. Von 622 Nichtmitgliedern waren das 29 Prozent, also etwa 180 Personen. Von ihnen haben 88 Prozent angegeben, dass sie in eine Gemeinde eintreten würden, wenn es ihnen ermöglicht werden würde – wir erinnern uns – diese Befragung wurde von Menschen ausgefüllt, die sich noch im jüdischen Orbit befinden. 72 Prozent würden übertreten, wenn der Übertritt vereinfacht werden würde und immer noch 62 Prozent würden bei einem transparenten Prozess übertreten (also schwierig, aber transparent).
Interessant wäre hier die Frage, wie groß die Gruppe eigentlich wäre?
Bei der Beantwortung dieser Frage könnte die Studie »Jews in Europe at the
turn of the Millennium« von Sergio DellaPergola (dem Großmeister der jüdischen Demographie) aus dem Oktober 2020 helfen.
Er gibt die »Core Jewish Population« (jüdische Eltern) von Deutschland mit 118.000 Personen an. Die »Jewish parent(s) population« (mindestens ein jüdischer Elternteil) beziffert er mit etwa 150.000. Wenn man von dieser Zahl die »Core Jewish Population« ab und etwa 2.000 Konvertiten, dann erhält man die beeindruckende Zahl von etwa 30.000. Hier ist offen, was mit diesen Erkenntnissen in Zukunft passieren wird.

Kurzes Fazit Jüdisches zuhause gesucht

Die Aussagen aus der Studie legen den Schluss nahe, dass viele Jüdinnen und Juden ein »jüdisches Zuhause« suchen und sich das durchaus in einer Gemeinde wünschen. Fällt dieses »Zuhause« weg, orientieren sich viele Menschen um und schaffen sich Räume dafür selber. Man kann hoffen, dass dies gehört wird und in Zukunft erneut abgefragt wird, ob es hier Schritte gegeben hat. Hoffentlich werden diese dann erfolgreich gewesen sein.
Die Auswertung wird von konkreten Hinweisen abgeschlossen. Was wäre nun zu tun? In Kürze: Zuhören, Zugehörigkeit, Beziehungen, Jüdische Bildung, Transparenz, Vernetzt denken, Zukunftsvisionen.

Und ja: Es wird Verantwortliche vor Ort geben die das vom Tisch wischen. Es wird diejenigen geben, die sich aussuchen möchten, mit wem sie in den Gemeinden etwas machen möchten, aber es wird auch viele geben, die in die richtige Richtung gehen und Zukunft gestalten und nicht in der Verwaltung und im Rückschritt verharren wollen. Hier wird sich zeigen, wer Gestalter ist und wer Strukturen nutzt, um Selbstbestätigung zu finden.

Die Studie steht hier zum Download und zur Ansicht zur Verfügung. Hier findet man alle Details gut aufbereitet.

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Im Andenken an Rabbiner Jonathan Sacks

Der Tod von Rabbiner Jonathan Sacks (sel. Ang.) am 7. November 2020 war ein großer Verlust, nicht nur für Großbritannien, sondern für die gesamte »englischverstehende« Welt. Kaum jemand hat es verstanden wie er, jüdische Inhalte in dieser und in diese Zeit zu präsentieren.
Die United Synagoge hat am 19. November ein Memorial gestreamt. Dieses kann man sich hier bei YouTube anschauen und die 70 Minuten sollte man sich nehmen.

Man hört Wegbegleiter, Familie und Menschen, die er beeinflusst hat. Eingebettet ist ein beeindruckender Einblick in die Slichot in der Hampstead-Synagogue. Die Draschah von Rabbi Sacks zu diesem Anlass kann man sich hier anschauen.

Das Video geht übrigens nach dem Abspann weiter mit einer Botschaft für Chanukkah.

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So nah – fast schon Freunde

Ach, siehe da. Antisemitismus eint die katholische und die evangelische Kirche.
Ist das nicht ein schöner, polemischer, Beginn?
Jetzt nehmen wir ein wenig Hitze raus und schreiben, um was es geht. Beide Kirchen wollen etwas gegen Antisemitismus tun. Das ist nicht neu. Neu ist aber, dass man nun zum Mittel des Plakats greift. Eine Kampagne soll sich insbesondere an Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen wenden und hier diejenigen abholen, die innerhalb der Gemeinden antisemitisch denken – das soll es ja auch geben.

Jüdisches und fremdes

Es steht im Allgemeinen bei Wohlmeinenden die Vermutung im Raum, dass »jüdisches« fremd ist oder einigen Leuten »fremd« vorkommt. Um dem zu begegnen, will man diesen Eindruck abbauen. Judentum soll nicht länger etwas fremdes sein.
Das ist nicht zu verwechseln mit den Initiativen , die Berührungsängste abbauen wollen und Begegnungen ermöglichen. Die (jüdische) Initiative Meet a Jew soll dabei helfen, dass auch jüngere Leute mal einen jüdischen Gesprächspartner erleben und vielleicht etwas länger überlegen, bevor sie etwas nachplappern. Andere machen kleinere Filme, bauen Instagram-Profile auf und zeigen, was Jüdinnen und Juden so machen. Diese Aktionen sind Bausteine eines größeren Konzepts. Ausschließlich darauf zu setzen, könnte in die falsche Richtung weisen. Denn wir wissen: Auch Leute, die tatsächlich Jüdinnen und Juden kennen, können Antisemiten sein. Antisemitismus ist nicht immer nur ein Mangel von Information. Nie war es übrigens einfacher als heute, sich zu informieren. Jüdinnen und Juden haben Jahrhunderte neben ihren nichtjüdischen Nachbarn gelebt, die deutschen Juden galten kurz vor der Schoah als »assimiliert« und dennoch war es nur ein kleiner Schritt, sie wieder auszugrenzen. Aber wir schweifen ab.

Was wäre also der nächste Move? Nehmen wir den Menschen die Angst vor dem, was sie nicht kennen, oder machen wir das Fremde weniger fremd?Die Kirchen haben sich, anscheinend jedenfalls, für die letzte Option entschieden und das hat Konsequenzen. Wenn man die zu tragen bereit ist: Alles gut.

Plakatmotiv Sukkot
Plakatmotiv Sukkot der gemeinsamen Aktion der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Es sollen, wie man oben am Motiv zu Sukkot sehen kann, Gemeinsamkeiten herausgestellt werden. Der Claim lautet

#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst

Das bringt eine Reihe von Problemen mit sich. Das offensichtlichste ist: Die Feste sind nicht vergleichbar. Na klar, man kann eine Botschaft extrahieren und diese dann betonen, es bleibt aber der Eindruck hängen, Sukkot sei »das jüdische Erntedankfest«, so wie Pessach häufig als das »jüdische Ostern« beschrieben wird.

Plakatmotiv Sukkot der gemeinsamen Aktion der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Um interkulturelle Kompetenz zu stärken, ist das genau der falsche Schritt. Zu »lernen« etwas in sein eigenes System von Schubladen zu quetschen, dürfte nicht sehr tragfähig sein. Letztendlich wird hier die eigene Normativität unterstrichen: Schmuel Normaljude feiert ähnliche Feste wie ich – also ist er fast wie ich oder meine Gruppe – also ist er gut.
Wäre er anders als ich, wäre er also schlecht?
Von der »Dignity of Difference« von der Rabbiner Lord Jonathan Sacks (seligen Angedenkens) so häufig schrieb und sprach, bleibt hier nichts mehr.
Es ist doch das zentrale Problem derzeit, dass »Anderssein« nicht ertragen werden kann und nicht ertragen werden will. Das zu erlernen, ist aber schmerzhaft und diesen Schmerz will niemand so recht auslösen.

Antisemitismus oder Antijudaismus?

Noch etwas: Die Kampagne zielt auf »Religion« ab und das beschreibt das Judentum nur sehr unzureichend. Judentum ist nicht nur »Religion« und Antisemitismus ist nicht nur Antijudaismus. Antisemitismus kommt sogar ohne Juden aus. Er bezieht sich auf etwas, das man für jüdisch hält und für jüdisch erklärt, wenn man Antisemit ist.

Im Augenblick könnte dies der Einstieg in einen Diskurs sein. Der polemische Auftakt zu diesem Artikel hat vielleicht gewirkt und ein oder zwei Leser weiterlesen lassen. Vielleicht eingängiger als ein rundherum freundlicher Auftakt. Vielleicht könnte man auch hier ein wenig mutiger sein und nicht nur kuschelig. Wenn alle es gut finden und nicht aneckt, wird es vielleicht keine Emotionen auslösen und deshalb niemanden so richtig berühren.

Alle Plakate kann man sich hier anschauen.
Pressemitteilungen der Kirchen zur Aktion.