Sehbefehl: Masel Tov Cocktail

Dima

Spielfilme über Jüdinnen und Juden in Deutschland gibt es nicht extrem viele. Meist öffentlich-rechtlich gedreht, nur wenige davon haben alle glücklich gemacht – also innerhalb der jüdischen Community. Außerhalb natürlich schon. Wann immer es etwas stereotyp wurde, wurde dem Zuschauer warm ums Herz. Ja – so sind sie, die Leute im Film. Irgendwie immer liebenswert/schlau/intelligent/witzig – man kann sich etwas aussuchen.

»Masel Tov Cocktail« von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch (Drehbuch Arkadij Khaet und Merle Kirchhoff) gehen einen anderen Weg. Laut der Filmemacher gehören in den »Masel Tov Cocktail«

Zutaten: 1 Jude, 12 Deutsche, 5cl Erinnerungskultur, 3cl Stereotype, 2 TL Patriotismus, 1 TL Israel, 1 Falafel, 5 Stolpersteine, einen Spritzer Antisemitismus Zubereitung: Alle Zutaten in einen Film geben, aufkochen lassen und kräftig schütteln. Im Anschluss mit Klezmer-Musik garnieren. Verzehr: Vor dem Verzehr anzünden und im Kino genießen. 100% Koscher.

Der Film konzentriert die zahlreichen Erlebnisse, die jüngere Jüdinnen und Juden über die Zeit sammeln, auf einen Tag im Leben von Dima (gespielt von Alexander Wertmann), der mit vollem Namen Dimitrij Liebermann heißt und kurz vor dem Abitur steht. Dima hat Tobi in der Schule einen kräftigen Schlag verpasst und ihm die Nase gebrochen. Dafür soll er sich nun bei Tobi entschuldigen. Was er eigentlich nicht will. Man sieht schon warum. Also zieht Dima durch seine Gegend – endlich mal das Ruhrgebiet statt immer nur Berlin – und teilt seine Gedanken. Es wird nur wenige jüdische Zuschauer geben, die nicht nicken, denn sie sind alle dabei: Die verständnisvollen Betroffenen, diejenigen, die nicht »Jude« sagen können, der Schuldirektor, der sich einen dankbaren Juden wünscht, der Typ aus der Gemeinde der fragt, wann mal wieder kommt – aber ich will nicht alles ausplaudern. Alles großartig geschnitten. Der Film nimmt richtig Tempo auf.

Zwischendurch spricht Dima direkt mit dem Zuschauer. Hier gelingt tatsächlich der Kunstgriff, dass sich sowohl Jüdinnen und Juden wiederfinden, aber auch Nichtjuden abgeholt werden. Nichtjüdischen Leuten in Dimas Alter sollte der Film unbedingt gezeigt werden. Das wird funktionieren, weil Bildsprache und Dialoge hier voll aufgehen. Sogar kurze Einspieler mit »Bonusinformationen« sind unterhaltsam in den Kontext eingebracht. Wie viele Deutsche haben wohl tatsächlich ihren jüdischen Nachbarn zur Zeit der Schoah geholfen? In der Selbstdarstellung waren es sehr viele, das wird schon der oder die andere mal gehört haben. Aber in der Realität?
Unbedingter Sehbefehl an dieser Stelle.

Wo kann ich den Film sehen? Auf dem JFBB

Der Film »wandert« schon seit einiger Zeit durch das Land, doch nun hat man über das »Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg« die Möglichkeit, sich den Kurzfilm streamen zu lassen (hier). Das sollte ab dem 7. September 2020 für 7 Tage möglich sein.

3Sat hat einen kurzen Film zum Film produziert (hier zu sehen). Der ist eine interessante Mischung aus Interview (mit Regisseur und Hauptdarsteller) und Trailer. Interessant, dass 3Sat einen jüdischen Friedhof als Ort für das Interview ausgesucht hat…

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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