Artikel

Die Lehre aus Halle?

Was könnte die Lehre aus dem Anschlag auf die Synagoge in Halle sein?
Der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt Reiner Haseloff scheint da seine eigene Theorie zu haben.
Christina Feist, die während des Anschlags in der Synagoge von Halle war, hat auf Twitter vom diesjährigen Jom Kippur in der Synagoge von Halle berichtet (hier). Den »Thread« sollte man sich durchlesen, denn er ist nahezu exemplarisch für den Umgang mit lebendigem jüdischen Leben in Deutschland.
Nachdem die Delegation um den Ministerpräsidenten in das laufende Gebet geplatzt war und es deshalb unterbrochen werden musste, sagte dieser in einer kurzen Ansprache:

»Was letztes Jahr geschah, wäre nicht passiert, wenn es mehr Versöhnung gäbe.«

Der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt Reiner Haseloff an Jom Kippur in der Synagoge von Halle Tweet von Christina Feist

Es wäre also an der Zeit, dass Jüdinnen und Juden endlich mal mit den »Deutschen« versöhnen?
Unerwähnt sollte nicht bleiben, dass anschließend (laut Tweet) ein christlicher Vertreter eine Ansprache gehalten hat und den Torahabschnitt von Jom Kippur ausgelegt hat.
Wer also erfahren möchte, dass es eventuell mit der Haltung der Mehrheitsgesellschaft ein Problem gibt, der sollte sich den Thread durchlesen hier (zusammengefasst auf einer Seite).
Man möchte fast Mitleid mit denen haben, die über den Besuch in der Synagoge berichten wollten. Das wären tolle Bilder gewesen. Jüdische Beter, festlich gekleidet, festliche Atmosphäre und in der Mitte der Landesvater, der zu den lieben jüdischen Mitbürgern spricht. Ach nein. Doch kein Mitleid. Jüdinnen und Juden sind keine Dienstleister.

Artikel

Nicht zwei Geschichten an zwei Tagen Rosch haSchanah

Die Torahlesung(en) von Rosch haSchanah sind Abschnitte, die aufeinander folgen. Der Abschnitt des zweiten Tages folgt in der Torah direkt auf den Abschnitt des ersten Tages (hier nachzulesen). Im Abschnitt des ersten Tages wird die Geschichte von Awraham, Hagar und Jischmael gelesen. Sie ist bekannt: Sara verlangt von ihrem Mann, Hagar und deren Sohn Jischmael, der auch der Sohn Awrahams ist, wegzuschicken. Am zweiten Tag dann die Awraham, Sarah und Jizchak. Awraham wird von G-tt aufgefordert, seinen Sohn Jizchak als Opfer zu bringen. Ein schwieriger Abschnitt. Zwei interessante Geschichten. Nein! Eine Geschichte! Beide Schilderungen nehmen sprachlich und inhaltlich aufeinander Bezug. Ineinander verwoben. Nicht einfach eine Abfolge von: »er hat das gemacht, dann das, dann jenes…«.

Den gesamten Artikel dazu kann man auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen nachlesen: Hier »Familiengeschichten«.

Bild: Die Fortsendung Hagars von Moyses van Wtenbrouck, entstanden um das Jahr 1620

Artikel

Sehbefehl: Masel Tov Cocktail

Dima

Spielfilme über Jüdinnen und Juden in Deutschland gibt es nicht extrem viele. Meist öffentlich-rechtlich gedreht, nur wenige davon haben alle glücklich gemacht – also innerhalb der jüdischen Community. Außerhalb natürlich schon. Wann immer es etwas stereotyp wurde, wurde dem Zuschauer warm ums Herz. Ja – so sind sie, die Leute im Film. Irgendwie immer liebenswert/schlau/intelligent/witzig – man kann sich etwas aussuchen.

»Masel Tov Cocktail« von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch (Drehbuch Arkadij Khaet und Merle Kirchhoff) gehen einen anderen Weg. Laut der Filmemacher gehören in den »Masel Tov Cocktail«

Zutaten: 1 Jude, 12 Deutsche, 5cl Erinnerungskultur, 3cl Stereotype, 2 TL Patriotismus, 1 TL Israel, 1 Falafel, 5 Stolpersteine, einen Spritzer Antisemitismus Zubereitung: Alle Zutaten in einen Film geben, aufkochen lassen und kräftig schütteln. Im Anschluss mit Klezmer-Musik garnieren. Verzehr: Vor dem Verzehr anzünden und im Kino genießen. 100% Koscher.

Der Film konzentriert die zahlreichen Erlebnisse, die jüngere Jüdinnen und Juden über die Zeit sammeln, auf einen Tag im Leben von Dima (gespielt von Alexander Wertmann), der mit vollem Namen Dimitrij Liebermann heißt und kurz vor dem Abitur steht. Dima hat Tobi in der Schule einen kräftigen Schlag verpasst und ihm die Nase gebrochen. Dafür soll er sich nun bei Tobi entschuldigen. Was er eigentlich nicht will. Man sieht schon warum. Also zieht Dima durch seine Gegend – endlich mal das Ruhrgebiet statt immer nur Berlin – und teilt seine Gedanken. Es wird nur wenige jüdische Zuschauer geben, die nicht nicken, denn sie sind alle dabei: Die verständnisvollen Betroffenen, diejenigen, die nicht »Jude« sagen können, der Schuldirektor, der sich einen dankbaren Juden wünscht, der Typ aus der Gemeinde der fragt, wann mal wieder kommt – aber ich will nicht alles ausplaudern. Alles großartig geschnitten. Der Film nimmt richtig Tempo auf.

Zwischendurch spricht Dima direkt mit dem Zuschauer. Hier gelingt tatsächlich der Kunstgriff, dass sich sowohl Jüdinnen und Juden wiederfinden, aber auch Nichtjuden abgeholt werden. Nichtjüdischen Leuten in Dimas Alter sollte der Film unbedingt gezeigt werden. Das wird funktionieren, weil Bildsprache und Dialoge hier voll aufgehen. Sogar kurze Einspieler mit »Bonusinformationen« sind unterhaltsam in den Kontext eingebracht. Wie viele Deutsche haben wohl tatsächlich ihren jüdischen Nachbarn zur Zeit der Schoah geholfen? In der Selbstdarstellung waren es sehr viele, das wird schon der oder die andere mal gehört haben. Aber in der Realität?
Unbedingter Sehbefehl an dieser Stelle.

Wo kann ich den Film sehen? Auf dem JFBB

Der Film »wandert« schon seit einiger Zeit durch das Land, doch nun hat man über das »Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg« die Möglichkeit, sich den Kurzfilm streamen zu lassen (hier). Das sollte ab dem 7. September 2020 für 7 Tage möglich sein.

3Sat hat einen kurzen Film zum Film produziert (hier zu sehen). Der ist eine interessante Mischung aus Interview (mit Regisseur und Hauptdarsteller) und Trailer. Interessant, dass 3Sat einen jüdischen Friedhof als Ort für das Interview ausgesucht hat…

Wo kann ich den Film sehen? Update

Der Film ist (ja, für Eure »Zwangsgebühren«) nun in der ARD-Mediathek zu sehen (hier).