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Designvorschläge von 1720

Um das Jahr 1720 herum entstand in Wien ein Siddur mit »Amsterdamer Buchstaben«. Das großartige Manuskript hat die British Library digitalisiert (hier).

Siddur 1720 Wien mit Amsterdamer Buchstaben

Das Dokument enthält interessante Illustrationen, wie etwa dieses »Schiwiti«, um sich besser auf das Gebet konzentrieren zu können:

Aber nicht nur das! Das Manuskript enthält ein paar interessante Ideen für das Layout eines modernen Siddurs (wie ich finde). Es gibt in der Keduschah für das Mussafgebet verschiedene Hinzufügungen oder Änderungen des Textes. Je nachdem, welcher Schabbat oder Feiertag gerade ist. Das haben Herausgeber durch Kästchen gelöst, oder Varianten auf speziellen Seiten, oder mit Hilfe von Auflistungen.

Hier hat man die Varianten formschön in Kugeln verpackt. Man muss sich nur die entsprechende auswählen: Chanukkah, oder Rosch Chodesch und Schabbat. Einige der Hinzufügungen sind in vielen Siddurim nicht mehr verzeichnet:

Einfügungen in die Keduschah.

Im Detail:

Detailansicht der Einfügungen: Schabbat Bereschit, Schabbat und Rosch Chodesch, Schabbat und Chanukkah

Detailansicht der Einfügungen: Schabbat Nachamu, für einen Feiertag, Schabbat Teschuwah, Chol haMoed Sukkot, für einen Schabbat zu einer Hochzeit, für einen Schabbat mit Milah.

Bei der British Library kann man im gesamten Dokument stöbern und sich inspirieren lassen. Es ist sehr gut lesbar und sehr interessant – wenn man sich für derartige Details interessiert.

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Endlich mal wieder eine Richtungsdebatte

Du bist Jüdin oder Jude und hast einen Social Media Account?
Du hast ein paar jüdische Follower oder »Freunde«?
Du willst richtig Traffic erzeugen?
Du kannst das mit zwei Dauerbrennern schaffen:

  • eine »Wer-ist-Jude-Diskussion« vom Zaun brechen
  • eine Diskussion über verschiedene Strömungen beginnen

Richtig gut wird es, wenn man beide Themen verbinden kann: Wer hat das Recht, wem zu sagen, wer jüdisch ist und wer hat das Recht, das auszulegen?
Man muss kilometerweit scrollen, um die neuesten Kommentare lesen zu können. Wie durch Zauberhand werden die Kommentare zunehmen. Menschen die sich nicht kennen, werden Argumente präsentieren.
»Präsentieren« steht hier absichtlich, denn sie werden nicht ausgetauscht. Sie werden nur präsentiert. Denn eines gilt für die Dauerbrenner mit Sicherheit: Die Diskussion ist l’art pour l’art. Sie bietet keinerlei Erkenntnisgewinn. Aber es besteht die Möglichkeit, sich öffentlich zu blamieren. Man muss nur leicht aus der Fassung zu bringen sein und jemanden beleidigen. Dann haben wenigstens die anderen Diskussionsteilnehmer etwas über einen gelernt. Aber bevor wir weiter abschweifen kehren wir zurück zu Fällen, bei denen das relevant sein könnte:

Relevant sind diese Themen dann, wenn sie dazu dienen sollen, Leitlinien für Organisationen zu formulieren. Dass es dann schwierig ist, dies dann zu tun, liegt daran, dass wir zuvor immer obiges Phänomen beobachten konnten.

Die JSUD Eine Richtungsentscheidung?

Die »Jüdische Studierendenunion Deutschland« (JSUD) ist ein jüdischer Verband für jüdische Studentinnen und Studenten. Sie wurde erst 2016 gegründet, aber ist durch ihre Anbindung an den Zentralrat gut vernetzt und kann die Netzwerke des Zentralrats für politische Arbeit nutzen. Vorstand und Geschäftsführung wird also zugehört. Eine Vollversammlung findet jährlich zusammen mit dem Jugendkongress der ZWST statt. Im vergangenen Jahr wurde offenbar eine »Policy« »Pluralistisches Judentum innerhalb der JSUD« eingereicht und abgestimmt. Zum größten Teil geht es in dieser Policy um Homosexualität und die Zusammenarbeit mit der LGBTQ*-Community. Aber es gibt auch einen Satz, der festhält, dass in »hierzulande dominierenden orthodoxen und einheitlichen Gemeinden die Integration patrilinearer Jüdinnen und Juden in die jüdische Gesellschaft strikt abgelehnt wird«. Weiter: »obwohl es einen bedeutenden Anteil von patrilinearen Juden gibt sowie ein Großteil der eingewanderten und einheimischen Jüdinnen und Juden hierzulande mittlerweile nicht nur in halachisch jüdischen Ehen und Familien leben.« Die Forderung ist eine stärkere Einbindung derjenigen Leute, die einen jüdischen Vater haben, aber keine jüdische Mutter.
Nun, kurz vor der nächsten Vollversammlung im März, ging eine Website namens Jüdische Zukunft an den Start und fordert mit einem offenen Brief eine stärkere Orientierung an der Ausrichtung der Gemeinden. Erstunterzeichner ist – unter anderem – der Vorstand der Orthodoxen Rabbinerkonferenz.
Die Reaktionen in den sozialen Medien entsprach zu großen Teilen dem, was ich eingangs zu diesen geschildert habe.

Konfliktlinien

Anscheinend gibt es gewisse Konfliktlinien. So veröffentlichte das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk am Freitagmittag einen Facebook-Post (hier) mit dem Titel »Vielfaltsverteidigung«, der ohne den Kontext der Diskussion vermutlich etwas schwerer zu verstehen wäre und sich wie eine Stellungnahme lesen könnte:

»Das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk setzt sich seit seiner Gründung für eine offene und vielfältige Gesellschaft ein, gerade im innerjüdischen Diskurs. Zur Vielfaltsverteidigung gehört notwendig und unabdingbar die Achtung und Förderung jedes Individuums und seines/ihres Weges in der Gemeinschaft. Ein wichtiger Partner in der Stärkung der Gemeinschaft ist die JSUD – Jüdische Studierendenunion Deutschland, die sich der Vielfalt der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland in Gegenwart und Zukunft verschrieben hat, und mit tollen Projekten und wichtigen Grundsatzentscheidungen viele entscheidende Impulse setzt!«

Gibt es also hier unterschiedliche Interessen, je nach religiöser Strömung?
Willkommen in der jüdischen Welt!

Die Konflikte, die hier und da zwischen den einzelnen Lagern innerhalb der Gemeinden aufflammen, müssen sich zwangsläufig natürlich auch in einer Organisation widerspiegeln, die den Anspruch hat, alle (möglichst viele?) zu repräsentieren. Das ist unvermeidbar. Welche Richtung soll das also sein, die beide (vermutlich gibt es sogar mehr) Lager zufriedenstellt?

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Gelbwesten

Das Auge über den Banken und der Parasit daneben. Wer antisemitische Aussagen zu deuten weiß, ist hier direkt im Bild.
Foto von: Stefan jaouen [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Das Video mit Alain Finkielkraut verbreitete sich schnell. Der Philosoph wird von demonstrierenden Gilets jaunes (Gelbwesten) in Paris erkannt, übel antisemitisch beschimpft und muss dann von der Polizei geschützt werden.
In den Tagen zuvor kursierten Fotos von Geschäften auf deren Schaufenster man »Jude« gemalt hatte.
Der Quenelle-Gruß wurde schon zuvor mehrfach gesehen. Es gab zahlreiche antisemitische Zwischenfälle (wie diesen hier) und Banner. Die Argumentationskette ist dabei häufig die gleiche: Macron ist ein Knecht der Banken und die werden von wem gesteuert? Natürlich von den Juden (alternativ auch: von den Zionisten). Im Dezember schaffte es Hervé Lalin, vom äußersten rechten Rand, den Le Monde als antisemitisch bezeichnet, auf die Titelseite von Paris Match – als Stellvertreterbild für die Proteste.

Mit Finkielkraut traf es übrigens jemanden, der nicht unmittelbar erkannte, dass sich diese Bewegung von Beginn an gegen eine unsichtbare Elite aus Verschwörungstheorien richtete – und wann immer von einer steuernden Elite die Rede ist, geht es meist um – wer mag es raten? Um Juden natürlich.

Es ist kein Zufall, dass der französische Innenminister Christophe Castaner erst kürzlich berichtete, dass es in Frankreich 2018 deutlich mehr antisemitische Vorfälle gab als in den Vorjahren. 541 Fälle. Das sind 74 Prozent mehr als 2017. Castaner sprach davon, dass sich der Antisemitismus »wie ein Gift« ausbreite. Der Zusammenhang der Ereignisse ist offensichtlich.

Verteidiger der Gelbwesten wenden dann gerne ein, das seien »Ausnahmen«. In großen Gruppen würden diese Menschen würden die Bewegung nicht repräsentieren. Auf der anderen Seite sei das eine großartige politische Bewegung, denn die »eigentlichen« Ziele sind zu unterstützen. So sei es anfänglich um die Verhinderung einer höheren Versteuerung von fossilen Brennstoffen gegangen. Dann ging es auch um Steuersenkungen, um mehr direkte Demokratie und dann natürlich auch um den Kampf gegen die Finanzwirtschaft im Allgemeinen. Und von Beginn an brannten dabei Autos, gab es Zerstörungen der öffentlichen Infrastruktur und gewalttätige Übergriffe. Bernard-Henri Lévy sprach in Le Point von »gilets bruns«, die an den Zorn der Faschisten in den 1930er Jahren erinnerten (Le Figaro).

Wieder heißt es: Das sind einige. Damit offenbart sich das Dilemma. Entweder ist es eine Bewegung der Massen mit gleichen Zielen, oder einfach nur eine Versammlung von vielen Individuen. Mit wem sollte man sich da solidarisch zeigen?
Allein die Tatsache, dass sich sowohl die extreme Rechte, als auch die Linke hinter die Bewegung stellt, sollte nachdenklich machen. Aber wenn man sich mit der Lupe eine Person aus der Menge heraussucht, wird schon jemand dabei sein, mit dem man sich solidarisieren kann. Bestimmt verlangt jemand »bezahlbare Wohnungen«, oder »eine Arbeit von der man leben kann« oder sonstige Allgemeinplätze (Luft zum Atmen, spielende Kinder, Altern in Würde, Frieden für alle). Aber dann darf man halt nicht das andere Auge zuhalten und ignorieren, woher eine solche Massenbewegung sich ihre Gründungsideen bezieht. Der schließt ohnehin jede Verständigung mit dem politischen Gegner aus. Der muss, weil er ja ein krankes System repräsentiert, vollständig verschwinden. Daniel Cohn-Bendit hat das in einem Interview mit der taz zusammengefasst: »Diese Bewegung hat mehr als nur leicht autoritäre Züge. Sie lehnt das Gespräch ab, sie will keinen Kompromiss finden.« (taz.de, hier)

Wer sich mit den Gelbwesten solidarisiert, der solidarisiert sich natürlich auch mit deren Antisemitismus. Der ist Teil des Systems und keine bloße Begleiterscheinung.