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Antisemitismus Top-Ten

In jedem Jahr veröffentlicht das Simon Wiesenthal Center eine Top-Ten Liste mit antisemitischen Personen, Vorfällen oder Einrichtungen. Jakob Augstein wird die Liste kennen. In diesem Jahr findet man auf der Liste Louis Farrakhan, Airbnb, Hakenkreuze an US-Universitäten, die British Labour Party, Roger Waters und die Bank für Sozialwirtschaft.

Die Liste wird viel zitiert, erhält extrem viel mediale Aufmerksamkeit und steht offenbar in der Tradition der Jahresrückblicke. Aber die Liste ist vor allem eines: Einfach nur eine Liste.

Irgendjemand entscheidet offenbar aus dem hohlen Bauch heraus, wer oder was auf der Liste stehen soll.
Dabei wird sie nicht einmal ihrem Titel gerecht: »Top Ten List Of Worst Global Anti Semitic Incidents«. Der Anschlag auf die Synagoge in Pittsburgh ist mit Sicherheit der schlimmste denkbare »Incident« 2018, Roger Waters tut und sagt seltsame Dinge und vielleicht könnte er ein Antisemit sein, aber er ist kein »Incident«, sondern eine Person und so pendelt die Liste zwischen tatsächlichen antisemitischen »Incidents« und Personen hin- und her.

Es gibt keine Kriterien, wie die »Incidents« zusammengestellt wurden, oder warum die Bank für Sozialwirtschaft ein schlimmerer »Incident« ist, als – sagen wir mal – die Attacke auf Adam Armoush in Berlin im April 2018. Wir erinnern uns: Er wurde verprügelt, weil er eine Kippah trug. Das Video ging um die Welt. Sorry, dieser »Incident« hat es leider nicht in den Recall geschafft.
Die Bank für Sozialwirtschaft führt nämlich das Konto der Minigruppe »Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost«, die der BDS Bewegung nahestehen soll. Das ist – wenn man der Logik des Simon Wiesenthal Centers folgt, ja weitaus schlimmer als der Mord an Mireille Knoll im März 2018. Auch dieser »Incident« steht nicht auf der Liste.
Wo ist der Angriff auf die Synagoge von Danzig Jom Kippur?

Ernst nehmen könnte man die Liste, wenn es Kriterien gäbe: Das ist schlimm, weil es diese und jene Wirkung auf dies und das hat. Mit nachvollziehbaren Faktoren. Transparent. Eine Antisemitismus-Definition könnte den Anfang machen. So ist es einfach nur eine Aufzählung von Dingen und Personen, welche die Autoren missbilligen.
Die Liste sagt also nichts über den real existierenden Antisemitismus aus. Sie zeigt nur irgendwelche Schnipsel, macht daraus die »schlimmsten« Vorfälle, wertet damit also alle anderen ab. Die werden nicht betrachtet. Dabei gab es auch in Deutschland und anderen Ländern 2018 ausreichend Vorfälle über die man berichten kann.

Übrigens: Das sagt nichts über die Vorfälle oder Ereignisse auf der Liste aus. Hier wird die Liste kritisiert. Das sagt inhaltlich nichts über die dargestellten Tatsachen aus. Das wäre eine ganz andere Geschichte.

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Kein Grund für sinnlosen Optimismus – Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur

Vor nur einer Woche gab es ein Gespräch mit dem WDR über den Rückgang der Mitgliederzahlen der Jüdischen Gemeinden mit einem besonderen Blick auf Nordrhein-Westfalen. Nun gab es für die Sendung »Aus der Jüdischen Welt« von Deutschlandfunk Kultur ein Gespräch über den Rückgang mit einem Blick auf die Gesamtentwicklung in Deutschland.
Gibt es Grund für Optimismus? Was könnte/sollte man jetzt tun?
Interessanterweise hat der Sender das Interview mit »Kein Grund für sinnlosen Optimismus« betitelt und das trifft es eigentlich auch ganz gut.

Das Interview könnt Ihr hier nachhören.

Hier ein Link mit einem Onlineplayer (Pocket Casts).

Einen Blogbeitrag mit vielen Zahlen und den Schlussfolgerungen findet man hier »Sag zum Abschied leise Tschüß«.

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Im Gespräch mit dem WDR: Kleinere Gemeinden werden schließen müssen.

Die Folgen des Mitgliederverlustes der Jüdischen Gemeinden werden schwerwiegend sein.
Einige Maßnahmen (die nur die Folgen mildern können, aber den Trend schwerlich aufhalten) schilderte ich hier.

In einem Interview mit dem WDR, für die Sendung »Jüdisches Leben«, habe ich die Situation für Nordrhein-Westfalen geschildert – oder besser – über die gegenwärtige Situation gesprochen:
Das Interview könnt Ihr hier nachhören.

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Chanukkah: Drejdel und Ratsche

Drejdel

Es gibt zu fast jedem Brauch eine Deutung, die über die Angabe der Herkunft hinausgeht. Kürzlich stolperte ich über diese Gegenüberstellung zweier Symbole von Chanukkah und Purim:

Rabbi Avraham Jitzchak Sperling, in Ta’amei HaMinhagim 859, der das Buch »Korban Ani« des HaRitza zitiert:

Aus folgendem Grund spielt man mit dem Drejdel zu Chanukkah und zu Purim mit der Ratsche:
Zu Chanukkah war der stete Gnadenstrom, der vom Himmel zur Erde und von der Erde zum Himmel fließt, unterbrochen: es stieg keine Erhebung von unten auf, alles geschah durch die Gnade von oben.
Denn die Menschen taten nicht Buße, wie es sich geziemt, doch G-tt gepriesen sei Er, blieb bei seinem Erbarmen.
Darum spielt man mit dem Drejdel, den man von oben anfasst.
Purim aber, da man Fasten anordnete, und viele Sack und Asche zu ihrem Lager machten, stieg Erhebung von unten auf.
Darum spielt man mit der Ratsche, die man unten anfasst.