Alle so Yeah und dann so oooh…

Im Juli 2018 gab die Karel de Grote Hochschule in Antwerpen bekannt, dass eine (jüdisch) orthodoxe Studentin, Rezi Friedman, eine Auszeichnung für ihre besonderes Engagement und ihre guten Ergebnisse. Das wurde auch dementsprechend als Ereignis gewürdigt: »Belgian Jewish Graduate Receives Major Historic Award from Antwerp University KDG« (Video hier). Besonders wurde hervorgehoben, dass ihre Religion sich mit der weltlichen Bildung verbunden hat und die Synthese ein gutes Vorbild sei. Auch das belgische Pendant zur Jüdischen Allgemeinen, Joods Actueel, fand das gut und reichte das oben verlinkte Youtube-Video weiter.
Auch die Jewish Telegraphic Agency brachte einen euphorischen Bericht und berichtete von der Tochter eines haredischen Rabbiners, die ausgezeichnet worden sei und beleuchtete gleich, wie gut jüdische Studenten im Allgemeinen so abschneiden.

Soweit, so großartig und vorbildhaft.

Dann aber bekam die Geschichte eine interessante Wendung. Es stellte sich nämlich heraus, dass Rezi Friedman die Tochter von Mosche Arjeh Friedmann ist. Ein Mann, den Mitglieder der Jüdischen Gemeinde vielleicht noch kennen könnten. Er war dort nämlich antizionistischer Neturei-Karta-»Rabbiner«, wenngleich man sowohl in Wien, als auch in Belgien anzweifelt, dass er tatsächlich den Rabbiner-Titel trägt. Das ist auch der Mann, der schon Achmadiendschad die Hand schütteln durfte. Nach Wien ging er nach Antwerpen und klagte seine Kinder in die Jüdische Schule ein. Die Verwaltung der jüdischen Schulen lehnten nämlich eigentlich den Besuch der Schulen durch Friedmans Kinder ab.

Dass die fleißige junge Frau nun auch noch für die christlich-demokratische Partei »Christen-Democratisch en Vlaams« kandidiert, »überrascht« die jüdische Gemeinde Antwerpens und die Begeisterung ist nicht mehr ganz so groß. Vielleicht auch nicht bei der Politik. Für die Stadt Antwerpen hatte man sich um jüdische Kandidaten bemüht, um auch bei den jüdischen Wählern punkten zu können und hat nun eine Kandidatin ins Rennen geschickt, deren Familie im Allgemeinen vollständig gemieden wird. Übrigens ist Mosche Friedman rein äußerlich nicht mehr der Mosche Friedman aus Wien, in schwarzer Kleidung und großem Hut und zotteligem Bart. Er sieht heute sehr viel stylisher und moderner aus. Derzeit scheint er sich mit seiner Familie eine Kreuzfahrt durch den Mittelmeerraum zu gönnen. Irgendwie bestreitet er also seinen Lebensunterhalt. Trotz der Isolation innerhalb der Gemeinschaft.

Auf der anderen Seite: Rezi ist nicht ihr Vater. Ihre Ansichten sind bisher nicht publik geworden. Niemand weiß, ob sie die Ansichten ihres Vaters teilt – aber es ist interessant, welche Bandbreite die Reaktionen der selben Leute, auf die selbe Person haben können – abhängig vom Kontext. Kleiner Kontext – jüdisch, orthodox, weiblich: Hey! Eine von uns hat es geschafft. Strebsam und wissbegierig.
Erweiterter Kontext: jüdisch, orthodox, weiblich, Tochter eines Neturei Karta-Manns: Oh. Naja. Hoffentlich macht sie nichts kaputt.

Was sie letztendlich ausmacht, sollte man nicht von ihrem Vater abhängig machen, sondern an dem, was sie tun wird.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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