Schöne Ausgabe der Tehillim/Psalmen

Die Tehillim, die Psalmen, begleiten den observanten Juden durch den Tag. Sie sind Teil der täglichen Gebete. Zitate kommen selbst im Tischgebet vor. Zudem gibt es in einigen Strömungen des Judentums die Tradition, die Tehillim im Verlauf einer Woche vollständig zu lesen oder zu sprechen.

Die 150 poetischen Texte stehen dabei für menschliche Erfahrungen und Erlebnisse mit G-tt: Es kann eine Klage sein oder ein Dank. Es können Wohltaten gepriesen werden oder es kann um Rettung oder Erlösung gebeten werden. Das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrungen wird abgedeckt. Aus diesem Grund auch Tehillim, die man traditionell zu verschiedenen Situationen im Leben sprechen kann. Einige Siddurim, Gebetbücher, zählen diese dementsprechend auf.
Manchmal ist es fast zu schade, dass man sie während des Gebets recht schnell spricht und sich vielleicht nicht intensiv mit ihnen auseinandersetzt.

Blick in den Innenteil – die deutsche Übersetzung mit kommentierenden Anmerkungen.

Chabad, einem einfache Zugang zu grundlegenden Informationen über das Judentum verpflichtet, legt mit »Ohel Josef Jizchak« genau für den Zweck des wöchentlichen und monatlichen Sprechens und Lernens der Tehillim eine kommentierte deutschsprachige Ausgabe vor.

Titelblatt der Tehillim

Die deutsche Ausgabe wiederum wiederum basiert auf einer Ausgabe, die mit einer englischen Übersetzung in den USA erschienen ist. Beide beziehen sich auf eine hebräische Ausgabe. Alle drei wären nebeneinander nutzbar – durch die gleichen Seitenzahlen an den gleichen Stellen. Diese »Standardisierung« erlaubt es Chabad, ungeübte Beter mit unterschiedlicher Herkunft ohne große Probleme neben- und miteinander beten zu lassen, ohne auf die Eigenschaften jeder individuellen Ausgabe eingehen zu müssen. Auf der anderen Seite bedeutet das natürlich auch, dass die Übersetzer und Herausgeber jede Entscheidung des ursprünglichen Herausgebers mitgehen müssen, auch wenn diese ein wenig »aus der Zeit« zu sein scheinen.

Der hebräische Text erscheint, wie das lange Zeit üblich war, als Blocksatz, ohne jegliche Einteilung in Absätze oder Zeilen. Hier könnte man natürlich sagen: Das wäre Interpretation.
In der Vergangenheit war es jedoch nicht üblich, die Tehillim anders darzustellen. Der Platz war knapp und irgendwann haben sich viele Beter an dieses »Layout« gewöhnt. Aber mit »Ohel Josef Jizchak« sucht man mit der zeitgemäßen Übersetzungen und Anmerkungen zu einigen Textteilen einen Kompromiss.

Der hebräische Text der Tehillim

Die Übersetzung des hebräischen Textes hat Miriam Magall (sel. A.) vollständig neu erarbeitet. Wie bei dem, kürzlich erschienenen, Gebetbuch Tehillat HaSchem blieb sie dabei recht nah am Text (zuweilen auch mit einem Seitenblick auf die Übersetzung in der Ausgabe Hebräisch-Englisch) und hat vielleicht auch Formulierungen verwendet, die weniger Nachdichtungen sind, als vielmehr Darstellungen des Textinhalts. Gewisse Zugeständnisse an das, was der Leser gewohnt ist, werden dabei durchaus gemacht. Der Name G-ttes wird mit »der Ewige« übertragen, und die Angaben der Schriftstellen folgen der lateinischen Bezeichnung. Bereschit ist dementsprechend »Genesis«. Das Buch richtet sich also nicht nur an Insider, sondern ausdrücklich auch an Neueinsteiger. Die Anmerkungen konzentrieren sich auf Bereiche, die sich dem Leser nicht unbedingt selber erschließen. So erfährt man, was ein Maskil ist, oder dass ein »Schlauch« eine gängige Aufbewahrungsart von Wasser und Getränken war. Im Anhang findet man zudem noch ein erklärendes Glossar zu wichtigen Begriffen die mehrfach vorkommen.

Glossar der Tehillmausgabe

In der Einleitung und im Anhang (hier meist ohne Übersetzung in Jiddisch und Hebräisch) wird viel auf die speziellen Bräuche und Anforderungen von Chabad eingegangen, die Gruppe derjenigen, die von dem Buch profitieren können, dürfte aber über Chabad hinaus gehen.
Wer sich also lernend mit den Tehillim auseinandersetzen möchte, findet hier einen guten Startpunkt.

Das gesamte Vorhaben wurde offenbar ohne öffentliche Gelder finanziert – einfach weil der Bedarf vorhanden war. Dazu wurden private Spender herangezogen und so entstand ein schönes neues Buch. Ein gutes Beispiel auch für andere.

Hier im Schnelldurchlauf als Video:

Was fehlt?

Eingangs wurde es erwähnt: In einigen Siddurim gibt es Auflistungen der Tehillim für verschiedene Situationen und eine Zuordnung zu den verschiedenen Schabbatot des Jahres – aber vielleicht ist dies kein Brauch von Chabad und fehlt deshalb hier?

Wo gibt es das Buch?

Die Übersetzung ist auch online zu finden, bei chabad.de – hier klicken.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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