Sag zum Abschied leise Tschüß

»Sag zum Abschied leise Tschüß« war der Titel eines kurzen Talks in der Alten Synagoge Essen, im Rahmen von Limmud Essen (besser: Limmud Ruhrgebiet). Dort stellte ich die aktuelle Mitgliederentwicklung der Jüdischen Gemeinden vor. Einen besonderen Blick richtete ich natürlich auf die lokale Situation im Ruhrgebiet und diskutierte mit den anwesenden Leuten aus den verschiedensten Gemeinden die, eher ungute, Entwicklung der Mitgliederzahlen der Gemeinden.
Alle kannten oder kennen die Situation bereits, aber dass der Mitgliederrückgang so schnell voranschreitet, ist erst dann offensichtlich, wenn man ihn visualisiert und sich die Konsequenzen bewusst macht.

Allem voran stand die Behauptung meinerseits, dass es die, oft beschworene, Renaissance des Judentums in Deutschland nie gegeben habe. Es entstand nicht an jedem Ort lebendiges jüdisches Leben, schon gar kein Anknüpfen an eine Tradition. Es war vielerorts neues jüdisches Leben, mancherorts ein kurzes Aufblitzen. Ob es Bestand hat, zeigt sich gerade jetzt.
Jahrelang stiegen die Mitgliederzahlen, nun fallen sie wieder.
Dieses Aufblitzen belebte auch Gemeinden, die irgendwie noch existierten, aber in einer Art Winterschlaf. Eine Teilnehmerin meldete sich zu Wort und berichtete von Gemeinden in Ostdeutschland, die während der DDR formal noch bestanden, aber praktisch keine Mitglieder hatten und erst mit dem Zuzug von Kontingentflüchtlingen wieder Mitglieder hatten. Formal gab es diese Gemeinden natürlich, aber praktisch nicht.

Chajm bei Limmud Essen/Ruhr

Wir haben gemeinsam betrachtet, dass die Mitgliedszahlen sowohl in den kleinen, als auch in den großen Gemeinden zurückgehen. Die Zahlen der großen Gemeinden dienen hier als Beispiel.

Entwicklung der Mitgliederzahlen – Berlin

Entwicklung der Mitgliederzahlen – Frankfurt am Main

Entwicklung der Mitgliederzahlen – Düsseldorf

Hier lautete eine Frage aus dem Plenum, ob Juden einfach zu wenig Kinder bekämen. Offenbar haben Juden in Deutschland durchschnittlich viele Kinder (also nicht sehr viel), aber selbst wenn sie viele hätten, stünde dem die Altersstruktur gegenüber.

Altersstruktur der Mitglieder 2015

Wir haben uns gemeinsam gefragt, ob jüdische Infrastruktur wie Kindergarten, Grundschule und Gymnasium die Mitgliedersituation verändert. Messbar wäre das erst dann, wenn die Zahlen vor einer entsprechenden Einrichtung hätte und dann schauen könnte, wie die Zahl der Zuzüge sich dann verändert. Überhaupt wäre es interessant zu erfahren, ob das ein Argument für einen Umzug wäre. Dazu fehlen derzeit die Zahlen und Daten.

Eine weitere Frage war, was mit Übertritten sei. Wie fallen die ins Gewicht?
Gar nicht.

Sind Übertritte die Rettung?

Schon gar nicht, wenn man ihnen die Zahl von 400 Austritten aus den Gemeinden gegenüberstellt:

Austritte und Übertritte in Relation

Die Anzahl der Gemeindemitglieder insgesamt sinkt, aber die Anzahl der Austritte bleibt nahezu konstant. Theoretisch müsste auch diese Zahl etwas sinken. Auch hier das Problem: Wir wissen nicht, warum die einzelnen Personen ausgetreten sind. Vielleicht um Geld zu sparen? Vielleicht kein Interesse an der konkreten Gemeinde? Vielleicht die Hinwendung zu einer anderen Religion?

Wie groß sind die anderen Gemeinden? Das wissen wir nur dann, wenn sie auch im Zentralrat organisiert sind. Die meisten liberalen Gemeinden machen keine genauen Angaben zu ihren Mitgliedern, aber die Statistik dürfte es nicht retten.
Die neue Kahal Adass Jisroel gibt ihre Mitgliederanzahl mit »über 300« (hier) an.

Was wir wissen ist, dass kleine Gemeinden – die ja auch gebraucht werden – eigentlich nur kleine Chancen, auch in zwanzig Jahren noch zu existieren.

Was nun?

Diese Frage stand ebenfalls im Raum: Was wäre jetzt zu tun?
An der Situation kann man nicht viel ändern. Neue Gemeindemitglieder zu gewinnen, ist schwierig (siehe hier den Ansatz der Israelitischen Gemeinde Basel), vielleicht kann man ausgetretene bewegen, zurückzukommen. Frankfurt am Main hat den Vorteil, dass immer wieder neue Einrichtungen und Firmen dorthin ziehen. Mit ihnen auch vielleicht jüdische Mitarbeiter.

Einige Punkte wurden kurz andiskutiert, für viele war einfach keine Zeit mehr. Deshalb hier eine Liste, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber mit Anspruch auf Polemik. Gerne darf widersprochen werden. Es geht in erster Linie darum, ein neues Denken zu ermöglichen und die Perspektive zu wechseln.

  • Daten sammeln. Klingt langweilig. Ist es aber nicht. Je mehr man über die Mitglieder weiß, desto besser kann man verstehen, welche Entwicklungen gerade vor sich gehen. Natürlich wäre es interessant zu erfahren, warum jemand ausgetreten ist. Ein Fragebogen wäre hervorragend. Zudem fehlt es an Daten darüber, warum jemand nicht an Gemeindeangeboten teilnimmt, oder auch, warum er eigentlich teilnimmt. Maßnahmen sind ansonsten nur schwer zu messen. Wer kennt die Gemeinde? Wer ist über Angebote informiert?
    Wer erwägt eine Mitarbeit? Was hat ihn oder sie bisher davon abgehalten? Alle anderen Einschätzungen sind lediglich Bauchgefühle: »Ich habe das Gefühl, das Gebet ist zu langweilig.« Kann sein, aber es ist nur eine Einzelwahrnehmung. Die kann man nicht generalisieren.
    Das müsste in regelmäßigen Abständen erfolgen.
  • Ein Ende der Politik in den Gemeinden Ein beliebte Beschäftigung ist der Streit über Gemeindeangelegenheiten. Dafür ist keine Zeit mehr. Mitglieder können nicht nur verwaltet werden und um Eitelkeiten kann es nicht mehr gehen. Es geht um Kompetenzen. Wer kompetente Gemeindemitglieder hat, sollte diese als Ressource auch nutzen. Viele Projekte werden scheitern, aber unter 15 könnte eines funktionieren.
    Um dieses geht es.
    Übrigens bringen sich zahlreiche Menschen gerne auch ehrenamtlich ein. Sie müssen es nur wissen, dass ihre Hilfe gebraucht wird.
  • Gemeinden öffnen und Freiräume schaffen Die Infrastrukturen könnten für Gruppen zur Verfügung stehen, die sich ad hoc und nach Interessenlage bilden. Häufig werden Gruppen geplant organisiert. Wo es möglich ist, sollten auch Freiräume für ein einfach so entstehen.
  • Große Infrastrukturen skalieren Meint: Große Synagogen durch Gebäude oder Räume ersetzen, die auch bespielbar sind. Synagogen sind und waren immer auch Symbole an die Außenwelt: Hier gibt es jüdisches Leben. Große Infrastrukturen erzeugen aber auch hohe Kosten. Zudem liegen Synagogen heute häufig in Zentrumsnähe und nicht immer sind dies die Orte, an denen die meisten Gemeindemitglieder wohnen. Die Jüdische Gemeinde München liegt im Herzen der Stadt. Ein schönes Zeichen. Wer aber in Gehweite wohnen möchte, muss ein paar Scheinchen auf den Tisch legen. In der Vergangenheit sind Synagogen dort entstanden,
    wo ihre Mitglieder und Beter lebten.
  • Zum jetzigen Zeitpunkt keine großen Bauprojekte mehr durchführen. In der Diskussion wurde berichtet, dass es vergleichsweise einfach sei, Gelder für Neubauten zu beschaffen, einfacher als Gelder für konkrete Projekte wie Religionsunterricht oder Jugendarbeit. Oft kommen die Kommunen und Städte den Gemeinden entgegen. Natürlich freut man sich, dass jüdische Gemeinden sichtbar existieren (siehe den Punkt über diesem), aber die Belastung beginnt erst richtig mit dem Unterhalt des Gebäudes.
    In Baden-Baden (2016 720 Gemeindemitglieder, im Jahr 2012 waren es 736); soll demnächst eine Synagoge gebaut werden. Sie soll 140 Plätze haben. Das wären etwa 20% der gesamten Gemeindemitglieder. Es ist unwahrscheinlich, dass die jemals alle besetzt werden. Es gibt größere Gemeinden mit Minjanproblemen. Die Statistik zeigt, dass viele Gemeindemitglieder eher Senioren sind. Hier müsste etwas entstehen, um diese zu versorgen. Ein kleiner Betsaal dürfte hier vermutlich ausreichen – wie auch in vielen anderen Gemeinden. Regensburg (2016 999 Mitglieder) ist ebenfalls im Bau.
    Eine Infrastruktur vorzuhalten und zu hoffen, dass sie gefüllt wird, dürfte nicht der Königsweg sein.
  • Es wird zahlreiche ältere Gemeindemitglieder geben. Man könnte einen günstigen Mittagstisch anbieten. So bleiben die Senioren nicht alleine und haben eine Anlaufstelle. Andere Einrichtungen werden vermutlich auch benötigt.
  • Synagogenführungen? Gibt es Synagogenführungen mit kompetenten Gemeindemitgliedern? Sofort damit aufhören und diejenigen, die Ahnung haben, für die Mitglieder der Gemeinde nutzen. Es kann passieren, dass das Angebot zunächst nur von sehr sehr wenigen Menschen in Anspruch genommen wird, aber wenn man nur eine Person erreichen kann, ist das schon viel. In zahlreichen Städten gibt es andere Organisationen die ebenfalls Führungen zum Judentum anbieten können. Im Ruhrgebiet gibt es die Alte Synagoge Essen und das Jüdische Museum Dorsten. In der Regel finden Synagogenführungen nicht während des laufenden Betriebes statt, so dass die Geführten ohnehin nicht viel vom echten jüdischen Leben mitbekommen. Das kann man also ruhig an Profis delegieren.
    In meiner Gemeinde gibt es im Rahmen einer anderen Veranstaltung die Möglichkeit, an einem Kabbalat Schabbat teilzunehmen. Das wird gut angenommen, wird groß aufgezogen und ist immer sehr nett. Dieses Vorgehen kann man durchaus empfehlen.
    Schwierig wird es, wenn Besucher immer bei Gemeindeaktivitäten anwesend sind. Für weitere Schritte sollte gelten: Innerreligiöses Gespräch hat Vorrang vor dem interreligösen. Nur wenn die Basis stimmt, kann man auch nach außen kommunizieren.
  • Gleichgesinnte sammeln. Massives Netzwerken auch außerhalb und zwischen den Gemeinden und Gemeindemitgliedern um Gemeinsamkeiten besser abgleichen zu können und sich zu spontanen Gruppen zusammentun zu können.

Die Diskussion hat gezeigt, dass es weiteren Gesprächsbedarf gibt. Es gibt Bedarf über jüdische Inhalte zu reden, über kulturelle Anlegen, über Kinder und Erziehung, über Schule etc. Auch dafür könnten übrigens Gemeinden Räume schaffen.

Vielleicht, oder hoffentlich, wird die Dringlichkeit dieses Themas immer mehr Menschen bewusst.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Du triffst einen Punkt. Es ist leichter eine neue Synagoge zu bauen, als einen Kindergarten einzurichten. Eine Körperschaft zahlt dabei 12% Eigenanteil, da können bei großen Kindergärten Summen im Bereich von 30.000€ werden. Wenn man, wie in Duisburg, nur einen Bruchteil jüdischer Kinder vorweisen kann, rentiert sich die Sache nicht. Die Jüdische Gemeinde finanziert damit soziale Infrastrukturen, die wichtig sind, die Gemeinde aber nicht unbedingt voran bringen.

    In Osnabrück hat der jüdische Kindergarten einen Kirche als Träger, auch ein Weg.

    Den Zahlen kann ich nur bedingt glauben. Die Umzüge werden nicht ordentlich dokumentiert, man hat Nichtjuden aufgenommen etcpp., die Probleme sind zahlreich. Die Lage in Wirklichkeit noch sehr viel schlimmer, als es die Zahlen suggerieren.

    Antworten

    • Sich einen richtigen Job suchen und einfach nur ihrem Ruf folgend „Rabbiner“ sein? Für die notwendigsten Dinge, wird kein Rabbiner gebraucht (Brit Mila, Beerdigung, Gebet…). Wofür wird ein Rabbiner überhaupt zwingend gebraucht?

      Antworten

      • Ich beabsichtige, in den folgenden Ausführungen möglichst nicht patzig zu werden 😉

        Im förmlichen Sinn gibt es einen „Rabbiner” nicht. Klingt komisch? Setzen sich drei Leute zusammen und beschließen, Recht zu sprechen, so gilt deren Urteil, sofern die streitenden Parteien sich vorher darauf geeinigt haben, das Urteil dieser drei Laien anzunehmen. Kenner der Literatur werden jetzt einwenden: ja, aber… (z. B.: bei Fehlern, die auf Abweichung von der herrschenden Meinung hin zu einer Minderheitsmeinung betreffen, sind professionelle Richter frei und Laienrichter schuldig; Todesurteile — die’s eh nicht mehr gibt — können nur Profis aussprechen; gleiches gilt für „Strafen” [kenaß] und solche Dinge). Ernsthaft gesagt: Wer solche Probleme hat, sollte nicht den Ortsrabbiner ansprechen, der höchstwahrscheinlich nicht die richtige Kragenweite hat.

        Scheidungen (weniger als die folgenden); Eheschlüsse; Konversionen kann im Prinzip jeder machen und hat auch vor nicht zu langer Zeit jeder (mehr oder wenig) Dahergelaufene gemacht, nur dass es zu ekligen Situationen führen kann (glaubste nicht? Mamser und Co. kommen um die Ecke gelaufen!), die nur sehr viel Sorgfalt eindämmen, wenn auch nicht völlig verhindern kann. Hier braucht man einen Rabbiner, denn einer, der schon mal ein Buch aufgemacht hat und regelmäßig Bibel liest, hält sich für qualifizierter, als er ist (das ist nicht sehr böse gemeint!), und wird im Zweifelsfall die falsche Entscheidung treffen, die danach nur sehr schwer auszubaden ist (schlagendes und altes Beispiel: https://www.sefaria.org/Mishnah_Chagigah.1.7?vhe=Mishnah,_ed._Romm,_Vilna_1913&lang=bi&with=all&lang2=en) oder möglicherweise gar nicht.

        Vorbeten? Kann jeder (lernen — Synagogen sind ihrem Wesen nach keine Konzertsäle). Beschneiden? Naja, sollte sich nicht jeder trauen. Kaschrut? Sollte jeder können (damit ist nicht schächten gemeint). Beerdigung? Kleider machen in diesem Zusammenhang Leute (das ist ebenfalls nicht fies gemeint).

        Der folgende Absatz ist ebenfalls nicht bös gemeint, auch wenn er so aufgefasst werden könnte: Wer glaubt, dass Rabbiner nur für Gebet und Beschneidung und solches Zeug gut sind, braucht gar keine Rabbiner. Eine solche Person vergisst, dass ein Rabbiner noch zwei wesentliche Aufgaben hat, die in den meisten Gemeinden nicht nur zu kurz kommen, sondern schlichtweg entfallen:

        * Macht (er entscheidet gewisse Dinge, die von der Halacha geregelt werden, worunter Kaschrut fällt; Kurrikulum der Schule bzw. des Kindergartens; Kleiderordnung der Synagoge; Ordnung des Gebets; Beaufsichtigung der Mikwa(ot); der Schechita; Friedhof und Chewra Kadischa — all dies sind rabbinische Funktionen im weiteren Sinne, weswegen funktionierende Gemeinden sich dafür gesonderte und eigens qualifzierte Beauftragte leisten)

        * Lehre (Tora zu lernen ist ein grundlegendes Gebot in der Tora; wo es fortfällt, verschwindet nachweislich spätestens nach der vierten Generation jede Erinnerung an das Judentum — dafür gibt’s eine Quelle im Midrasch, die ich auf Nachfrage heraussuche, ich bin nur zu faul, nach dem Buch zu greifen — die Vorträge, die in manchen Gemeinden noch existieren, sind weitestgehend — nicht böse gemeint, sondern wissenschaftlich-trocken-deskriptiv — Bespaßung des zu Teilen nicht-jüdischen Publikums, das seine Holokaust-orientierte Neurose heilen möchte und daher ein wenig über Konversion nachdenkt, oder noch nicht einmal das; Beweis letzterer Behauptung: (a) warum arbeitet (fast) niemand mit primären Quellen und Textarbeit, wie man auch in der Schule Aristophanes (meist übersetzt) und Goethe (original) liest und sich nicht einfach nur berieseln lässt? (b) warum ist das Beste, was das Publikum leisten kann, Publikum zu sein — warum ist es in (praktisch) keinem der Fälle im Stande, nach einer gewissen Vorbereitung selbst einen solchen Vortrag auf die Reihe zu bringen (bitte nicht mit anekdotischen Gegenbeispielen kommen, ein Frosch allein macht noch keinen Sumpf!) (c) wann wird das Publikum (je nach genauem Ort) im Stande sein (1) hebräische Buchstaben zu lesen (2) hebräische Wörter (3) den Chumasch auf Hebräisch (4) Raschis Kommentar dazu (5) die Mischna (6) den (halachischen) Midrasch (7) Eyn Jaakow? Reihenfolge dabei unwichtig — man sieht also, dass das gegenwärtige Ideal im Tora-Lernen auf Stillstand oder noch weniger zielt)

        Ich spreche noch gar nicht davon, dass ein Rabbiner vielleicht ein Vorbild sein könnte (wiederum werde ich auf Anfrage die Quelle suchen, aber als Kriterium für einen rabbinischen Lehrer wird angegeben, dass man nur dann von ihm lernen darf, wenn er wie ein Engel ist — kein geringfügiges Kriterium!).

        Allein diese zwei (wenn auch sehr bedeutenden) Beispiele zeigen, dass keine der in Deutschland existierenden Gemeinden wirklich einen Rabbiner brauchen, denn für das sehr reduziert stattfindende Gemeindeleben tut’s auch ein ordentlicher Vorbeter (ich zitiere Roman: Brit Mila, Beerdigung, Gebet…), der weiß, wann er eine qualifiziertere Persönlichkeit hinzuziehen sollte.

        Die folgende Bemerkung ist durchaus ein wenig böse gemeint: Die Situation ähnelt ein wenig der Lage von Quacksalbern, die „alternative” Medizin anbieten wollen. Sie dürfen das durchaus nach Belieben tun, müssen aber neben ihrer „alternativen” Qualifikation eine solche haben, die sie beurteilen lässt, wann der Patient einen richtigen Arzt braucht! (Und es ist natürlich viel einfacher, ernste Erkrankungen zu erkennen, als sie zu behandeln.)

        Antworten

  2. Hallo Chajm,

    Mir scheint, die absehbaren Spannungen in schrumpfender und alternden jüdischen Gemeinden haben etliche Gemeinsamkeiten mit dem strukturellen Wandel in den evangelischen Stadt-Gemeinden, die ich persönlich kenne.

    Zwei Beobachtungen:

    1. Die Gemeinde und ihre Immobilien: Es fällt schwer, eine religiöse Gemeinde als – gemeinnützigen – mittelständischen Wirtschaftsbetrieb zu verstehen. Doch wenn es um Immobilien (und Personal) geht, ist das die beste Sichtweise, weil es dabei um Millionenbeträge und Entscheidungen auf Jahrzehnte geht. Doch, wie trennt sich beispielsweise eine Gemeinde angemessen von einem Gotteshaus, das mit Blick auf die kalte Zahlen viel zu groß und teuer ist? Verkaufen? Abreißen? Umbauen? Vermieten? Umfunktionieren? Das sind sehr schwere Entscheidungen.

    2. Austritte und Kirchensteuer: Deine Frage, warum bestimmte Menschen aus der Gemeinde ausgetreten sind, wirkt auf mich wie ein „Deja vue“. Da denke ich an eine ehemaligen Gemeinde und ihre Liste mit Kirchenaustritten. Sieht man so eine Austrittsliste ist es einfach, steuerliche Gründe anzunehmen, zur Tagesordnung überzugehen und sich nicht zu fragen, was dort sonst noch schief gelaufen sein könnte. Ein offene Zukunftsfrage in diesem Zusammenhang ist übrigens, ob das System der vom Staat eingezogenen Kirchensteuern in Deutschland auf Dauer Bestand haben wird. Das ist nicht sicher.

    Meine persönliche Erfahrung ist, dass man bei solchen Spannungen nicht „ohne Politik“ und scharfe gemeindeinterne Auseinandersetzungen auskommt, dafür sind die Fragen zu komplex und zu schmerzhaft. Wenn man als Gemeinde in solchen Situationen wirtschaftlich und inhaltlich tragfähige Lösungen für die Zukunft findet und sich dabei weiterhin respektvoll begegnen kann, dann ist das schon eine große Leistung.

    Beste Grüße

    Ludwig

    Antworten

    • Danke für diese Rückmeldung!
      »Ohne Politik« ist insbesondere auf diejenigen Gemeinden bezogen, in denen es viel um Egospielchen untereinander geht – damit ist natürlich nicht die sachbezogene Auseinandersetzung gemeint 😉

      Man kann bestimmte Aspekte von Gemeindearbeit natürlich nicht nur unter kaufmännischen Gesichtspunkten betrachten, aber man darf sie mit den Werkzeugen eines Wirtschaftsbetriebs analysieren, finde ich. Daraus ergeben sich natürlich Hinweise, wie man wirtschaftlich vernünftig agiert und die Existenz der Gemeinde sichert. Eine Synagoge aufgeben? Das könnte natürlich auch eine Konsequenz sein. Wir haben hier noch das Phänomen, dass die nichtjüdischen Partner in den Verwaltungen und Kommunen so etwas auf jeden Fall verhindern wollen. Das wäre aber zuweilen unabwendbar.

      Antworten

      • Die Aufgabe von Gemeindegebäuden ist nur ein Beispiel für die Fragen, die kommen können.

        Ansonsten hast Du völlig Recht, Chajm. Gemeinden sollten die sozialen und wirtschaftlichen Dimensionen ihrer Entwicklung bedenken und langfristig planen, sonst gibt es vermeidbare Überraschungen.

        Die meisten christlichen Gemeinden schrumpfen seit Jahren. Andererseits findet man im Umfeld der Kirchen etliche Initiativen und soziale Unternehmen, die versuchen religöse Räume (wieder) zu beleben.

        Daraus haben die Kirchen einiges gelernt, was auch für jüdische Gemeinden interessant sein könnte. Und sei es nur um herauszufinden, wie man es nicht machen sollte. 😉

        Antworten

  3. Pingback: Gemeindemitglieder 2017: interessante Zahlen | Chajms Sicht

  4. Man hört ja gelegentlich, dass manche Gemeinden angeblich ihre Mitgliederzahlen aufhübschen, indem sie auch halachischen Nichtjuden eine „Mitgliedschaft zweiter Klasse“ anbieten, diese aber nicht separat ausweisen. Falls da was dran ist, frage ich mich natürlich, wie die Statistik aussähe, wenn man sie um derartige Faktoren bereinigte.

    Antworten

  5. Pingback: Synagogen bauen | Chajms Sicht

  6. Pingback: Im Gespräch mit dem WDR: Kleinere Gemeinden werden schließen müssen. | Chajms Sicht

  7. Pingback: Kein Grund für sinnlosen Optimismus – Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur | Chajms Sicht

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.