Böhmermann ist neutral – wie bitte?

Es war wie im richtigen Leben. Man findet jemanden sympathisch, entdeckt relativ viele Schnittmengen und dann *zack* sagt die Person etwas wie: »Das ist wieder typisch. Wie lange wollen die Juden uns das noch vorhalten?«. Weg sind die Schnittstellen. So ähnlich war es, als ich Jan Böhmermann in seiner Sendung vom 2.2.2017 dabei zusah, wie er scheiterte.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich Jan Böhmermann über den mangelnden Rückhalt durch die Bundesregierung beklagt hat.
In seiner Sendung »Neo Magazin Royale« kam es jetzt zu einem Rollentausch im kleineren Format.
Es ging nicht um große Weltpolitik, aber in seiner Sendung, war es an ihm, eine klare Haltung gegen Loyalität zu stellen. Er entschied sich für Loyalität und gegen Haltung.
Die Geschichte ist in zwei Sätzen erzählt:
Rapper »Kollegah« wird vom Zentralrat für Antisemitismus kritisiert, übrigens nicht im Zusammenhang mit einer Reise in das Westjordanland. Wenige Tage später ist er zu Gast in Böhmermanns Sendung.
Schon das kein besonders cleverer Schachzug.
Noch uncleverer war es dann aber, das Thema »Antisemitismus« überhaupt anzuschneiden.

Böhmermann, der sich sonst eindeutig politisch positioniert, jedenfalls dann, wenn ihm der politische Gegner nicht gegenübersitzt, geriet ins Trudeln.

Zunächst lässt er »Kollegah« kurz über seinen Beef mit dem Zentralrat berichten, wirft dann aber ein, er sei als Moderator und Person »neutral«.
Ganz so, als könnte es bei Antisemitismus so etwas wie Neutralität geben. Das ist eine erfrischend neue Haltung dem Phänomen gegenüber.
Statt: »Ich habe von nichts gewusst«, »ich habe nichts gesehen« oder »wie konnte das nur passieren« kann man jetzt wohl sagen:
»Da bin ich neutral!«

Aber damit nicht genug. Böhmermann geht noch einen Schritt weiter und droppt zwei jüdische Namen:
Kat Kaufman und das neue jüdische Lieblingskind des nichtjüdischen Feuilletons Shahak Shapira. Mit denen solle Kollegah mal telefonieren. Das war Totalausfall Nummer zwei.
Mit anderen Worten: Sollen doch die Juden sich selber um den Antisemitismus kümmern und sich darüber unterhalten.
Gestern sah es noch so aus, als sei Antisemitismus ein Problem der gesamten Gesellschaft. Shapira griff übrigens auf facebook nach den tiefhängen Fame-Früchten, lobte Kollegah für seine Reise und sein Engagement und bot ihm ein Gespräch an.

Totalausfall Nummer drei folgte wenige Minuten später. Es ging um eine Entscheidungsfrage:
Israel oder Palästina?
Eine Frage aus der Böhmermann-Redaktion. Während Böhmermann so tat, als sei das besonders heikel, sagte Kollegah: »Kommt drauf an, was du beruflich machen willst.« Der Verweis auf den großen »Einfluss« der jüdischen Lobby, die Karrieren verhindern kann, ist offensichtlich. Vor allem, weil Kollegah schon mehrfach über die »Rothschilds« gerappt und geschrieben hat. Böhmermann sagt nichts.

Aber hier irrte die Redaktion. Hier ging es nicht um »Israelkritik«. Es ging darum, ob Kollegah nun Antisemit ist oder nicht. Darüber könnte man mit Kollegah diskutieren.
Oder man ist einem Kollegen gegenüber loyal und tut das falsche. Eine Redaktion, die sonst komplexere Sachverhalte recherchiert, wäre jedenfalls dazu in der Lage gewesen, das Thema angemessen vorzubereiten. Wenn sie gewollt hätte.
Aber was das betrifft: Die neue Haltung heißt »wir sind neutral«.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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HappyCurves
HappyCurves
3 Jahre zuvor

Mich wundert ehrlich gesagt, dass Du erst jetzt (wo es Dich irgendwie betrifft?) solche Dinge bei Böhmermann entdeckst. Als er damals wegen Begriffen wie “Ziegenficker” in der Kritik stand, welches eine klar rassistische Konnotation hat, konnte man gut sehen, wie gut Böhmermann in Selbstreflexion ist – und daraus schließen, wie er tickt. Auch seine ständige Deutschtümelei ist höchst problematisch. Ein weiteres großes Problem bei ihm ist wie gesagt die fehlende Selbstreflexion. Der “Polizistensohn” kann anscheinend nicht aus seiner Haut, und deshalb passieren ihm auch immer wieder solche Sachen. Ich hätte mir jedenfalls gewünscht, dass Leute sensibler wären und nicht erst dann aufschreien, wenn es um Antisemitismus geht, dem Böhmermann anscheinend “neutral” gegenübersteht. Selbst wenn das Teil seines ironischen Gehabes gewesen sein sollte, ist es problematisch. Da kann man nur hoffen, dass er nie “Wie stehst Du eigentlich zum Holocaust?” gefragt wird. Böhmermann ist Vertreter des deutschen “politisch inkorrekten” “Humors”. Das finden viele (gerade in heutiger Zeit) gut.

fiftysix
fiftysix
3 Jahre zuvor

ich mag es falsch verstanden haben, aber ich glaube das “mit denen solle Kollegah mal telefonieren” war ein Teaser auf eine kommende Folge Schulz und Boehmermann mit moeglicherweise einer Diskussion? Wenn das nicht so war, dann sehr schwach. Das wuerde natuerlich nicht die anderen beiden Punkte betreffen, wobei ich ihm da nicht vorhandene Sensibilität unterstelle.

Martin
Martin
3 Jahre zuvor

böhmermann ist gegen jede form von ausgrenzung und zeigt das in seinem gesamten schaffen recht deutlich. und er ist ganz klar gegen antisemitismus. aber wenn es um den israel-palästina konflikt geht, kann man nicht anders, als sich neutral zu verhalten, weil von beiden seiten aus große verbrechen passieren.

Martin
Martin
3 Jahre zuvor

ich denke, dass böhmermann auch sehr sexistische, rassistische, alters- und behindertenfeindlche und sonst über wen witze macht und das immer durch die erkennbare ironie und seine grundhaltung gedeckt ist. und ein bisschen denke ich, dass das hier nicht anders ist, du dich aber besonders betroffen fühlst. das er bei diesem thema gekniffen und sich nicht mit israel solidarisiert hat, liegt denke ich daran, dass er den zettel auf dem diese entscheidungsfrage stand, vorher nicht kannte und überfordert war mit der frage, weil sie nicht nur einen politschen hintergrund hat und sich eine seite auf jeden fall aufregen wird darüber. und seine redaktion wollte mit der frage einfach provozieren. sicherlich war es unglücklich, die sache überhaupt zum thema zu machen, aber ich würde es (sicherlich auch als nicht betroffener) nicht zu hoch hängen. und es ist sicherlich auch wichtig sich kritisch damit auseinanderzusetzen, was da passiert ist, aber ich will böhmermann da einfach in schutz nehmen, weil ich ihn wirklich für einen sehr toleranten, differenzierten und offenen menschen halte, der sich nur manchmal in der wortwahl vergreift.
bei kollegah können wir darüber reden, ob er tatsächlich antisemit ist oder nur gern mit verschwörungstheorien spielt, die einen strukurellen oder tatsächlichen antisemitischen hintergrund haben und da besteht gesprächsbedarf, dem sich kollegah aber trotz seines ignoranten images auch zu stellen bereit ist. und ja er hat diese themen in seinen songs und quatscht auch manchmal solchen scheiß in interviews und damit beeinflusst er jugendliche und zeigt eine gefährliche haltung, die grad bei leuten, die meinen die wahrheit bei youtube-verschwörungsvideos gefunden zu haben, anklang findet. aber inwieweit man denen überhaupt helfen kann, weiß ich nicht.

Heinz
Heinz
3 Jahre zuvor

“»Kollegah« wird vom Zentralrat für Antisemitismus kritisiert” — hihi. 🙂

Meister Petz
3 Jahre zuvor

Habe mir auch ein paar Gedanken dazu gemacht! Vielen Dank für die Inspiration!
https://zettelsraum.blogspot.de/2017/03/zitat-des-tages-ich-halt-mich-als.html

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[…] Und welcher Chochem war es, der ausgerechnet Kat Kaufmann und Shahak Shapira dazu nominierte? Ach ja! Es war Jan Böhmermann. Als er seine eigene Hilfslosigkeit damit dokumentierte, diejenigen zu nennen, die ihm anscheinend […]

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[…] warum Oliver Polak dann die Sendung dennoch mit bester Laune beendet hat und nach Wunsch des Gastgebers beendet hat. Klar besteht da eine wirtschaftliche Abhängigkeit. Aber soll das so sein? Der […]