Kafka und die nationaljüdischen Hardliner

Reiner Stach hat eine viel beachtete, ausführliche und sehr lesbare Biographie von Franz Kafka geschrieben. Ein wahres Lebenswerk. Warum dies noch niemand vor ihm gemacht hat, konnte nicht einmal Stach beantworten. In seinem Buch versucht er, der Frage nachzugehen, kommt jedoch zu keinem klaren Ergebnis.
Reiner Stach ist also jemand, der sich auf dem Gebiet auskennen dürfte, wie kaum eine andere Person.
Aber Reiner Stach sieht Kafka in erster Linie als deutschsprachigen Autoren und erst dann als einen jüdischen und ist sich der Tragweite dieser kleinen Nuance anscheinend nicht bewusst – wenngleich auch Antisemitismus und Ausgrenzung eine Rolle in seiner Beschreibung von Franz Kafkas Leben spielen.
Doch einen Schritt zurück: Im Juni fällte ein israelisches Gericht ein Urteil zum Nachlass des Kafka-Freundes und Verlegers Max Brod. Max Brod war der Mann, der Kafka groß gemacht hat. Bestandteil des Nachlasses sind zahlreiche Dokumente von Franz Kafka selber. Mit diesen kam Brod 1939 aus Prag ins damalige Palästina. Bekanntlich hatte Kafka, der 1924 starb, Brod als Nachlassverwalter eingesetzt und wollte, dass seine Papiere verbrannt werden. Das tat Brod nicht. Ihm verdanken wir also, dass zahlreiche Werke überhaupt heute lesbar sind.
Das Gericht bestimmte nun, die Dokumente seien in der Nationalbibliothek Jerusalem zu deponieren. Eine großartige Entscheidung, denn so bleiben die Unterlagen nicht nur zusammen und bewahrt, sondern werden auch digitalisiert und der Öffentlichkeit zu weiteren Forschungszwecken zur Verfügung stehen. In Jerusalem sind die Unterlagen dort aufbewahrt, wo man das kulturelle Erbe der jüdischen Diaspora wertschätzt.
Das ist eine Tatsache, die Stach nicht anerkennt. Er sähe die Unterlagen gerne im Literaturarchiv Marbach. In einem Text in der ZEIT vom 18. August 2016 (Seite 38) mit der Überschrift »Muss ich alles umschreiben« schreibt er über einen Verkauf von Kafka Manuskripten an das Literaturarchiv Marbach:

Es ist ein Glücksfall – und keineswegs historisches Unrecht, wie nationaljüdische Hardliner gerne vorbringen –, dass das Deutsche Literaturarchiv Marbach […] Kafkas Process erwarb.
DIE ZEIT, Ausgabe 35 vom 18. August 2016, Seite 38

Wer sind also diese nationaljüdischen Hardliner?
Merke: Keine israelischen. Es sind nationaljüdische Hardliner.
Die Formulierung ist jedenfalls reichlich fragwürdig.
Vielleicht Hardliner wie Brod selbst?
Der Deutschland als »verfluchte Nation« bezeichnet hat?
Gibt es hier ein generelles Problem damit, dass die Unterlagen in Israel verbleiben und dort sicher sind? Warum sollte ausgerechnet ein deutsches Archiv diesen Schatz aufbewahren? Warum nicht auch ein tschechisches?
Reiner Stach hält das Marbacher Archiv für die bessere Adresse, weil dort die »deutsch-jüdischen Nachlässe« »mustergültig erschlossen« seien. Erschlossen, also suchbar, vielleicht. Aber nutzbar im Zeitalter der Digitalisierung?
Schauen wir doch einmal nach, was das Literaturarchiv Marbach so alles online gestellt hat: Nichts.
Man kann im Katalog nach Kafka suchen und erfährt, dass das Archiv die Handschriften besitzt und streckenweise als Mikrofiche vorhält. Eine Veröffentlichung dieser Unterlagen im Netz scheint nicht angedacht zu sein. Nicht einmal die Hanschriften von Kafkas Process sind auszugsweise verfügbar. Einige Seiten seien in einer Dauerausstellung zu sehen.

Wer will, kann sich einmal die Publikationsgenehmigung für Handschriften anschauen.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Danke. Das ist sehr aufschlussreich. Ich muss sagen mich hat bei der Lektüre insbesondere des ersten Bandes, die sehr offensichtliche Max Brod Verachtung nachhaltig irritiert, die sich ja wie Sie schreiben bis in die jüngste Gegenwart fortsetzt. Dies hinterlässt doch einen gewissermaßen schalen Beigeschmack angesichts der ja nicht zu bestreitenden Kafka-Verortung, die Stach leistet.

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