Ergebnisse der Umfrage zum jüdischen Deutschland – Gemeindemitgliedschaft

An der Befragung zum jüdischen Leben in Deutschland haben 173 Personen teilgenommen. Unter »Wer war dabei?« kann man sich genau anschauen, wer an der Befragung teilgenommen hat: Personen, die sich aktiv für jüdisches Leben interessieren. Dabei müssen sie nicht zwangsläufig religiös sein oder eine bestimmte Strömung vertreten.

Die Frage nach einer Gemeindemitgliedschaft haben 169 Personen beantwortet. Von ihnen sind 73% Mitglied einer jüdischen Gemeinde. Kann man dies hochrechnen?
Möglicherweise ist das nicht unrealistisch.
Vergegenwärtigen wir uns: Hier haben Aktive geantwortet.
Mitglied einer jüdischen Gemeinde in Deutschland

Aus welchen für Gemeinden kommen die Befragten? Wie groß sind die jeweiligen Gemeinden? Das Ergebnis scheint das zu spiegeln, was auch die Mitgliederzahlen der ZWST aussagen: Etwa die Hälfte der Juden kommen aus großen Gemeinden mit mehr als 2000 Mitgliedern:
groesse_gemeinde

Gemeindegröße
> 2000 54%
1500-1999 1%
1000-1499 5%
700-999 12%
500-699 5%
350-499 4%
200-349 8%
100-199 3%
Keine Ahnung 7%

Einige Befragte haben sogar eine weitere Gemeinde in der Stadt, wie Adass Jisroel, Chabad oder eine liberale Gruppe:

In der Stadt gibt es eine weitere jüdische Gemeinde

In der Stadt gibt es eine weitere jüdische Gemeinde

In den Städten mit größeren Gemeinden gibt es also in der Tendenz auch mehrere Gemeinden. Tatsächlich gibt es Berlin mehrere Gemeinden, in Köln, Düsseldorf und München ebenfalls. In Frankfurt am Main scheinen alle Strömungen unter dem Dach der Gemeinde unterzukommen.

Hier lag es nahe zu fragen, warum jemand sich für eine Gemeinde entschlossen hat oder gegen die Mitgliedschaft (123 Personen haben diese Frage beantwortet):

Warum man Gemeindemitglied ist
Die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk (liest sich vielleicht ein wenig pathetisch) wurde häufiger genannt als Religion. Vielleicht kann das ein Hinweis auf die Veranstaltungen sein, die eine Gemeinde anbieten könnte.

Unter Sonstiges wurde genannt:

  • ohne Mitgliedschaft Nachteile wie höhere Kosten
  • Damit ich durch Wahl versuchen kann, Dinge zu ändern
  • Macht Sinn, da ich in der jüdischen Gemeinschaft aktiv bin.
  • bin da reingeboren
  • Wegen der Beerdigung
  • Gehe zu Chabad, will aber die Gemeinde solidarisch unterstützen

Schauen wir auch, warum man sich gegen eine Gemeindemitgliedschaft entschlossen hat (49 Antworten):
Warum man kein Gemeindemitglied ist
Da gibt es den Punkt »Politik«. Was damit gemeint ist, dürfte den Mitgliedern der Gemeinden bekannt sein: Auseinandersetzungen um den Gemeindevorstand oder Auseinandersetzungen der Mitglieder untereinander. Interessanterweise wurde »Geld sparen« nur in etwa 12% der Fälle genannt.

Unter Sonstiges wurde genannt:

  • keine Gemeinde in der Nähe (mehrfach genannt)
  • Jüdische Gemeinde Berlin bearbeitet Aufnahmeanträge nicht (mehrfach genannt)
  • Gemeindekrieg
  • Persönliche Erfahrungen
  • Ausgetreten. Würde wieder eintreten, wenn ich in den Vorstand kommen könnte.
  • wegen des nicht Akzeptierens meiner nichtjüdischen Ehefrau und Kinder
  • Unterstütze keinen russischen Kulturverein
  • Ausgetreten, weil ich die konservativen Ansichten meiner Gemeinde nicht vertrete
  • Ich nehme sowieso nur an den Hohen Feiertagen an etwas teil

Zur Infrastruktur der Gemeinden – Rabbinerdichte 87 Prozent

Wie sieht es mit der Rabbinerversorgung aus? Gemeint ist natürlich nicht die Versorgung der Rabbiner, sondern die Versorgung mit Rabbinern.
Die Rabbinerdichte scheint bei 87 Prozent zu liegen. Ein Großteil der Mitglieder dürfte also versorgt sein – aber nicht alle Gemeindemitglieder kennen ihren Rabbi vor Ort (172 Personen haben diese Frage beantwortet). Dass 76% (der Aktiven) ihren Rabbiner kennen, scheint kein schlechter Wert zu sein.

Rabbiner in der Stadt

Wie sieht es mit einer Mikwe aus? Der Talmud sagt (Megillah 27a), eine Mikwe sei wichtiger für eine jüdische Gemeinde, als eine Synagoge.
In 71 Prozent der Fälle (170 Antworten) gibt es eine Mikwe. Nur eine kleine Zahl von Nutzern wusste mit dem Begriff nichts anzufangen. Ob die Befragten sie nutzen, wurde nicht abgefragt. Der Fragebogen wollte, um auch beantwortet zu werden, nicht bei allen Themen in die Tiefe gehen.

Es gibt eine Mikwe in meiner Stadt (170 Antworten)

Es gibt eine Mikwe in meiner Stadt (170 Antworten)


Unter dem Tag »Fakten zu Juden in Deutschland« findet man weitere Ergebnisse.

Download der Rohdaten

Download_ Jüdisch in Deutschland (Antworten) Im Idealfall fügt jemand andere Sichtweisen hinzu oder arbeitet andere Zusammenhänge heraus. Eine Adaption von Gemeinden oder Organisation für eigene Zwecke wird ausdrücklich begrüßt. Es wäre natürlich fantastisch, wenn auch diese ihre Daten teilen würden.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für die weitere Auswertung, finde das jetzt fast noch spannender als den ersten Teil. Vielleicht hätte man bei Mikwe noch fragen sollen, ob sie nutzbar ist oder nur ein Museum 😉 Sehr spannend auch die Geschichte mit den Aufnahmeanträgen in der Berlin. Dem müsste man (ich?) mal nachgehen. Ich hörte das vor Jahren schon mal, geriet allerdings selbst an Rabbiner Assabi z’l’… Bleibt Berlin also, wie bisher, ein fragwürdiges Beispiel einer Gemeinde…

    Nochmals herzlichen Dank für die Idee und all die Arbeit, die Du Dir machst.

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  2. Sehr spannend. Danke auch.
    In Berlin gibt es übrigens eine Rabbinerstelle in der Hauptgemeinde für das orthodoxe Rabbinat. Ob das überhaupt wieder besetzt werden soll? Berlin hat da ja so seine eigenen Methoden: lange warten, gute Chancen verpassen (Rabbiner Apel ist inzwischen in Frankfurt), mit Zwischenlösungen lange rabbinerlose Zeiten überstehen, Rabbiner im Ruhestand ehrenamtlich möglichst lange vor Ort wirken zu lassen etc. Dabei wird zwar Geld gespart, weiterhin aber die junge Generation vernachlässigt und verschiedensten Outreachern überlassen. Hillel ist übrigens inzwischen auch in Deutschland. Ein Lichtblick unter all den Kiruvniks, weil sie die Leute nicht in die Ultraorthodoxie bringen wollen.

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    • Berlin ist für jemanden, der von außen schaut, gar nicht so einfach zu verstehen. Aber wenn ich das richtig sehe, ist die »möglichst lange ehrenamtliche« Tätigkeit des bisherigen Amtsinhabers in der Orthodoxen Synagoge nicht erwünscht; sondern hat sich aus der Situation entwickelt. Wenn ich die Beter von dort richtig verstanden habe, hat man das weder verlangt, noch gefordert. Ich versuche das möglichst ohne Wertung zu formulieren.

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  3. Es scheint mir aber trotzdem so zu sein, dass die „möglichst lange ehrenamtliche Tätigkeit des bisherigen Amtsinhabers in der Orthodoxen Synagoge“, wie Du es nennst, sehr praktisch für die Jüdische Gemeinde zu sein scheint, aus finanziellen und aus ideologischen Gründen. Wenn finanziell Kiruvorganisationen vieles anbieten und dafür bezahlen, ist es der Gemeinde immer recht. Was „drin“ ist im Packet – Nebensache. Dazu kommt, dass man nun schon sehr, sehr lange äusserst zufrieden damit war (vor allem in den Jahren unter liberalem Gemeindeparlament), dass sich neben der orthodoxen Gemeindesynagoge INNERHALB der Gemeinde nichts bilden konnte, was in das liberale Selbstbild der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gepfuscht hätte. Man konnte so sehr gut alles „aussitzen“. Ein junger, engagierter Rabbiner, der womöglich junge Leute angezogen hätte und das orthodoxe Gemeindeleben innerhalb verlebendigt hätte und somit eventuell auch zu mehr Forderungen orthodoxerseits geführt hätte, war nicht erwünscht. Der Dauervertrag des bislang amitierenden Rabbiners war daher immens praktisch. Dass er nun nicht gehen will ist noch praktischer. Und Chabad und Lauder kann es auch nur recht sein, wenn keiner kommt, der ihren Outreachprojekten junge Leute entziehen könnte…

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  4. @ Juna
    That’s what I mean!
    Chajm scheint da Insiderkenntnisse zu haben, wie bei vielem, was sich in Berlin abspielt ;).

    Nicht böse sein jetzt, Chajmele.
    „Wenn ich die Beter von dort richtig verstanden habe, hat man das weder verlangt, noch gefordert.“ Du kannst sicher sein, dass auch dort der ehemalige Mara d’Atra seine Chassidim hat. Das ist ganz normal.

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  5. Pingback: Ergebnisse der Umfrage zum jüdischen Deutschland – Kindergärten und Schulen | Chajms Sicht

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