Messerattacken und die Botschaft dahinter

Ma'ariv Montag 14. März 2011

Ma’ariv Montag 14. März 2011

Was ich nach Teroranschlägen in den israelischen (und jüdischen) Medien früher selten gesehen habe, waren Bilder der Körper der Opfer. Dem jüdischen Diktum folgend, dass man die Ehre des Toten bewahren sollte, sah man eher die Gesichter der Angehörigen und die Trauer, die sich in ihnen spiegelte.
Wer etwas Empathie aufbringen kann, der spürt den Verlust und die schrecklichen Folgen der Tat. Nicht nur, weil ein Leben genommen wurde, sondern weil man das Leben vieler anderer Menschen zerstört hat und ihnen Schmerz zugefügt hat.
Manchmal sahen wir zur gleichen Zeit andere Bilder von Menschen. Menschen die auf der Straße Täter feierten und ihren Sieg über die Menschlichkeit. Die aufgepeitschte Menge trug schon einmal Bilder von blutigen Leibern oder verstümmelten Körpern. Das war kein Zustand, den wir auch erreichen wollten.
In letzter Zeit tauchen bei Facebook und bei Twitter aber vermehrt Bilder toter und verstümmelter Körper auf. In seltenen Fällen von den Opfern, in vielen Fällen von den Attentätern.
Will man diese Bilder sehen?
Weiter zirkulieren lassen?
Werte einfach vergessen?
Wie konnte es dazu kommen?
Genau darauf zielen die jüngsten Attacken auf Menschen in Israel – oder sie sind zumindest ein Ziel. Man soll diese Werte von Bord werfen.

Die Taktzahl der neuerlichen Attentate spricht dafür, dass es darum geht, Druck auf die israelische Gesellschaft aufzubauen.
Man kann davon ausgehen, dass bereits bei einem solchen Messerattentat in Europa die Hysterie groß wäre und so müsste man die israelische Haltung eigentlich bewundern. Auch wenn es hier und da zu heftigen Reaktionen kommt (häufig verurteilt), die Gesellschaft insgesamt ist nicht am Rande eines hysterischen Zusammenbruchs. Dennoch stellt man sich natürlich die Frage, wie es weitergehen soll.
In Europa anerkennt man diese Haltung nicht. Man fragt, warum die Attentäter unbedingt erschossen werden müssen und lässt sich den Diskurs der Täter aufzwängen oder führt ihn gerne und freiwillig weiter.
So darf, nur als ein Beispiel, im Deutschlandradio der Vorsitzende der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft, Raif Hussein, unwidersprochen behaupten, die Attentäter seien ermordet worden und spricht von »vehementen Demonstrationen« und versucht die Attentate als Ergebnis einer enttäuschten Friedenshoffnung darzustellen.

Ein Ziel der Attentate nannte ich. Worauf zielen die Attacken noch?
Sie zielen sehr genau auf das Zusammenleben von Israelis arabischer Herkunft und jüdischen Israelis. Um die Gesellschaft zu zerbrechen, um auf der anderen Seite diejenigen radikalisieren zu können, die sich im Augenblick noch wohlfühlen. Man muss man ihnen das Gefühl vermitteln können, sie stünden sowieso weit außerhalb der Gesellschaft.

Und die Botschaft hinter der jüngsten Terrorwelle? Die ist so klar, dass man sie nicht kompliziert entschlüsseln muss:
Es geht nicht um Frieden. Es geht darum, Israelis zu töten.
Es geht nicht um ein Zusammenleben in zwei Staaten. Oder darum, die Anerkennung eines Staates zu erzwingen.
Es geht darum, der anderen Seite das Lebensrecht nicht nur abzusprechen, sondern es ihr zu nehmen.

Jetzt sind diejenigen gefragt, die eine andere Botschaft haben. Es stünde auch den Medien hierzulande gut zu Gesicht, wenn sie Vertreter mit dieser anderen Botschaft zu Wort kommen lassen und nicht einem Raif Hussein Sendezeit für Propaganda überlässt.

Übrigens würde ich es begrüßen, wenn die Nutzer sozialer Netzwerke meine Einleitung beherzigen und auch andere Nutzer dazu auffordern würden, keine Bilder von Leichen mehr einzustellen.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. … Es geht nicht um Frieden. Es geht darum, Israelis zu töten … Es geht darum, der anderen Seite das Lebensrecht nicht nur abzusprechen, sondern es ihr zu nehmen…

    Tja, genauso wahr wie das leider ist, so alt ist diese Denk- und Handlungsweise auch! Ich komme gerade aus Israel zurück und bin noch immer bass erstaunt, wie entspannt der ‘Normalisraeli’ mit der jetzigen Situation Tag für Tag umgeht. Wirklich beachtlich!

    Wenn jetzt aber die hübsche Tzipi in diesem angeheizten Klima davon träumt, die Israelische Fahne auf dem Tempelberg zu hissen, dann kann man getrost davon ausgehen, dass sich im Laufe des heutigen Tage noch weitere Palästinenser mit gezückten Messerchen auf den Weg ins Kernland machen werden. Aber egal, solange es noch einige durchgeknallte Israelis gibt, die es ihnen gleichtun und mit Klappmessern rumfuchteln, können sich die “Irren von Zion” (H. Broder) ja getrost zurücklehnen und auf bessere Zeiten hoffen. Die Bilder dazu sehen wir dann ja in den Abendnachrichten!

    Shalom

    Miles

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.