Als Schmulik die beste Synagoge des Landes entdeckte

tallit_stapel

Schmulik schreckte hoch.
Er war jetzt hellwach. Er hörte absolut nichts.
Gar nichts.
Jetzt hörte er irgendwo das Flattern eines Vogels.
Gespenstische Ruhe lag über seiner Suite.
Die absolute Ruhe war dafür verantwortlich, dass er am frühen Morgen hochschreckte. Am Tag zuvor hatte noch Lena mit ihrem gleichmäßigen Schnarchen dafür gesorgt, dass Schmulik sanft weiterschlummern konnte. Sie war dann aber am Nachmittag abgereist. Obwohl das ein großes Wort ist. Schmulik hatte sie in ein Taxi gesetzt, dass sie für viel Geld nach München brachte. Die Ruhe, die Schmulik suchte, war nichts für Lena.
»Wir hören in uns hinein« hatte Schmulik angekündigt und für die Suite im Landhotel ein kleines Vermögen auf den Tisch gelegt.
Im Hotel hatte Lena hatte das gemacht, was Schmulik verlangt hatte – in sich hineingehört. Aber das war einfach nichts. Es war genau so ruhig, wie vor Schmuliks Suite.
Es antwortete niemand. Das war nichts für Lena. Sie verließ das kleine Städtchen. Es war wirklich sehr klein – aber sehr beliebt bei anderen »in-sich-hinein-hörenden« Gutverdienern. Zuletzt hatte Schmulik es mit Schloss Elmau versucht. Gebaut von jemandem, der meinte, nur durch Taufe sei mit Juden überhaupt irgendetwas anzufangen, war es heute regelmäßig Convention-Center der Anhänger des feuilletonistischen Judentums.
Da musste doch etwas dran sein?
War es nicht.
Warum musste man sich mit Kultur vom Pöbel unterscheiden, wenn man das hier schon über das Geld machte?
Und so landete Schmulik in diesem Kaff.

Im Hotel lagen verschiedene Prospekte zur Stadt aus. Schmulik war überrascht, auch einen Flyer zu einer Barock-Synagoge zu finden. Das sah gar nicht schlecht aus. Noch überraschter war Schmulik, als er den letzten Absatz des Flyers las. Dort konnte man lernen, dass man die Synagoge nicht nur besichtigen konnte, sondern dass sie heute noch immer einer kleinen Gemeinde dient.
Schmulik rief das Museum an und erkundigte sich. Freitagsabends und Samstagsmorgens gäbe es eine »Messe«, wie die Dame am Telefon sagte. Freitagabend um 19:00 Uhr. Den Termin für Samstagmorgen kannte sie nicht.
Also beschloss Schmulik, sich das Eintrittsgeld zu sparen und am Freitagabend zum Gebet zu gehen. Nicht zu früh.Man fällt nur auf, wenn man zu früh in der Synagoge herumsitzt. Schmulik timte seine Ankunft für ein paar Minuten nach 19:00 Uhr.
Er öffnete die Tür. Sie führte in einen kleinen Garderobenraum, dieser ging in einen Raum über, in dem schon für den Kiddusch gedeckt war. Es sah gemütlich aus. Aus der Synagoge nebenan hörte er einen Vorbeter wunderschön singen.
Er betrat vorsichtig die Synagoge. Da saßen vielleicht zwanzig Männer und ebenso viele Frauen. Die Synagoge war wunderschön. Eine steinerne Bimah in der Mitte. Vorne, neben dem wunderschönen Torahschrein ein Vorbeterpult – erleuchtet durch Kerzenlicht. Rundherum saßen freundliche Menschen. Ein kleiner Mann mit Hipsterbart und einer großen Davidsternkette über einem schwarzen Hemd tauchte neben Schmulik auf. Er wirkte wie der Gründer einer Sekte oder wie ein orthodoxer Pope. Der Guru stellte sich als Ilan vor. Ein Israeli also. Ilan hielt ein schwarzes Gebetbuch in der Hand. Ausschließlich Hebräisch.
Schmulik vermutete, dass hier sei nur ein Test. Die Besuche in anderen Gemeinden hatten ihn – vollkommen berechtigt – misstrauisch gemacht. Ilan wollte nur testen, ob Schmulik damit umgehen konnte.
Als Schmulik sagte, er könne mit einem Machsor für Jom Kippur nicht viel anfangen, nickte Ilan huldvoll, klopfte ihm auf die Schulter und führte ihn zu einem freien Platz. Er wies auf den Vorbeter. Ein großer, drahtiger Mann mit Pferdeschwanz.
»Das ist unser Chazan, Mark. Er singt gerne. Er ist Musiker. Er wohnt jetzt hier.«
»Hier« war wohl der winzige Ort mit der fantastischen Synagoge.
Nach dem Gebet konnte man hören, dass Mark aus den USA kam. Einige andere Beter ebenfalls. Andere schienen aus verschiedenen englischsprachigen Ländern zu kommen, ein paar Israelis, eine Familie die Französisch miteinander sprach, eine Familie schien Russisch als Muttersprache zu haben. Was war das für eine Gemeinde?!
Und was die Geschichte bis in den Bereich des Unglaubwürdigen treibt: Alle waren sehr nett zu Schmulik.
Er wurde vom Guru-Popen herumgeführt, schüttelte alle Hände, ließ sich vorstellen, führte kurze Gespräche und erfuhr viel über die bunte Gruppe in diesem Ort der Zugezogenen.
Und das Essen! Es gab warme Suppe, es gab Fisch, es gab verschiedene Brotsorten, es gab einfach viel zu viel. Schmulik schlug richtig zu.
Als Schmulik allerdings nach dem Morgengebet fragte, sprudelten die Auskünfte nicht so aus den Anwesenden.
Mark sagte direkt: »Ach. Buddy, mach dir keine Gedanken darüber. Du bist zum Entspannen gekommen. Schlaf dich mal aus. Der Almighty Ruler wird es dir schon nachsehen, wenn du mal ein wenig entspannst.«
Und Ilan klopfte mir auch auf die Schulter »Du hast doch Urlaub Habibi. Mach mal langsam.«
Schmulik fand das nett und irgendwie unverbindlich. Also tauchte er am nächsten Morgen um 10:15 Uhr in der Synagoge auf. Das schien eine gute Zeit zu sein. Im Saal war auch schon gedeckt. Da stand schon am Vormittag der Tscholent herum. Vielleicht ein wenig zu früh aus dem Ofen genommen? Brot war auch schon geschnitten. Wurde das nicht trocken?
Schmulik betrat den Synagogenraum. Weniger Leute als am Abend zuvor. Neun Tallits konnte Schmulik zählen – Juden zählt man ja nicht direkt ab.
Was für eine Ehre er seiner neuen Lieblingsgemeinde erweisen konnte!
Und welche Ehre er seinen neuen Freunden erwies?! Der zehnte Mann! Der Minjanmann!
Er hatte sie soeben die Gemeinde auf das »nächste Level« gebracht. Nicht nur Lena zu Beginn des Urlaubs.
Die Messingkronen, die das Geländer der Bimah zierten, gehörten ja wohl zweifellos auf seinen Kopf.
Schmulik hatte zuletzt so gegrinst, als er Lena gerade erst kennengelernt hatte und begann, ihre gedankliche Leere zu schätzen.
Der Hipster-Pope war nicht zu sehen. Vorne stand wieder der Vorbeter dessen Haare länger waren als der Tallit. Die Gesichter der anderen Anwesenden krönten jedoch Schmuliks Haupt nicht gerade. Ihr Gesichtsausdruck lies eher darauf schließen, dass Schmulik hier gerade mit einem Sprengstoffgürtel hineinmarschiert war.
»Chawerim, wo seid ihr alle? Warum wird nicht gegessen?« war die Stimmung des Gurus zu hören. Sein Bart schaute um die Ecke.
»Was? Minjan? Ich habe Hunger! Das dauert doch jetzt mindestens noch 90 Minuten?!«
Der Vorbeter-Mime zuckte mit den Schultern und beeilte sich. Der Guru nahm irgendwo hinten Platz. Weitere Männer und Frauen trafen ein. Alle kündigten sich schon aus dem eingedeckten Bereich an: »Hallo? Wo seid ihr alle?«
Die Mägen knurrten jetzt lauter als der Vorbeter singen konnte. Er quälte sich durch die Gebete. Schmulik merkte gleich, dass hier wohl häufiger gegessen wurde, als gebetet.
Schmulik stimmte hier und da ein und lies Hoffnung im Popen aufglimmen.
Er setzte eine Grinse-Maske auf: »Schmulik, Habibi. Wie schön dich zu sehen. Vielleicht hast du Lust, auch ein wenig vorzubeten?«
Zeit für den Gegenschlag!
»Ach. Würde ich gerne. Ihr habt jetzt ja jetzt Minjan. Im Hotel gibt es jetzt Brunch. Wir sehen uns.«

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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