Artikel

Was denn jetzt?!

Synagoge Baumweg (Frankfurt am Main) im Juli 2014

Synagoge Baumweg (Frankfurt am Main) im Juli 2014

Ist es viel, wenn 38,8 Prozent der Flüchtlinge eine antisemitische Einstellung haben und meinen »Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich«?
Das wäre jedenfalls die Prozentzahl derjenigen Menschen, die das in Deutschland annehmen. Wären also etwa ein Drittel der Flüchtlinge Antisemiten, entspräche das dem bundesdeutschen Durchschnitt.
Jeder Antisemit ist einer zuviel.
Egal aus welcher Gruppe.

Aber das Thema wurde medial entdeckt.
Darüber berichtete der Deutschlandfunk (irgendwiejuedisch hat darüber gebloggt, mittlerweile ist der Artikel aber aus dem Netz des Radiosenders verschwunden) aber auch die Welt »Zentralrat der Juden warnt vor arabischem Antisemitismus«.
Der Tagesspiegel analysiert unter der Überschrift »Sorge vor neuem Antisemitismus wegen Flüchtlingen«: »Viele Flüchtlinge kommen aus Ländern mit juden- und israelfeindlicher Kultur, warnen jüdische Verbände« (hier).
Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung titelt ebenfalls »Juden wegen Flüchtlingen in Sorge um ihre Sicherheit«.
Die NWZ gibt einen Evangelischen Pressedienst als Quelle an und titelt etwas wissender: »Angst deutscher Juden wächst«.
Auf der Website evangelisch.de findet man einen Beitrag, der ähnliches verlauten lässt.
Die Sorge ist plötzlich groß, jetzt wo plötzlich offensichtlich ist, dass die Flüchtlinge aus Ländern kommen, in denen sie »den Antisemitismus mit der Muttermilch eingesogen haben« (wie es in einem Artikel heißt). Rührend.

Und dann betrachtet man, wie, teilweise die gleichen Medien, über die Situation vor Ort (im weitesten Sinne) schreiben. Dort, wo sich Menschen mit ähnlicher Erziehung (wenn man den Medienberichten vertraut) mit dem Staat Israel auseinandersetzen.
Hier müsste man nun Verständnis für den Staat erwarten, der, von Antisemiten umgeben, um seine Existenz kämpft. Weit gefehlt.
Hier ist das Schema genau umgekehrt.
Israel ist der Aggressor. Das geht sogar soweit, dass Spiegel Online titelte »Palästinenser sterben bei Messerattacken auf Israelis«, tagesschau online ist der Meinung, bei der Tötung von Juden gehe es nicht um Hass auf Juden. Die Umkehr des Schemas in der Berichterstattung wurde hier bei lizaswelt ganz passend nachvollzogen.

Da lautet meine Frage: Was denn jetzt??!
Kommen da jetzt Horden von Antisemiten aus dem Nahen Osten? Dann wäre es ja offensichtlich notwendig, wenn sich ein Staat in dem größtenteils Juden leben, dagegen wehrt und geeignete Maßnahmen trifft.
Oder: Die Bewohner der Nachbarländer sind friedliche Menschen – aber werden immer wieder von einem expansiven Land mit Krieg überzogen, dass ein Großisrael will (um mit Jürgen Todenhöfer zu sprechen) und sind deshalb manchmal ein wenig sauer auf den Staat mit den vielen jüdischen Bewohnern. Dann hätten die Juden in Deutschland doch nichts zu befürchten?

Oder: Ist es alles ganz anders? Nicht Schwarz-und-Weiß? Wohl eher das. Kommen da vielleicht einfach Menschen? Einige von ihnen sind bestimmt Antisemiten (weil es die überall auf der Welt gibt) und die gehören ebenso bestraft, wie Antisemiten aus regionaler Produktion. Andere sind es nicht.

Dann benötigen wir aber keine Berichterstattung die so tut, als mache man sich ernsthaft Sorgen um das Judentum in Deutschland. Die gab es kaum zum Beschneidungsurteil und die gab es kaum, als der Mob tatsächlich antisemitisch demonstriert hat.
Könnte es vielleicht sein, dass die Juden hier als Deckmäntelchen dienen, um Vorbehalte so zu formulieren, dass sie so klingen, als machte man sich aufrichtig Sorgen?
Und wie sollte man das nennen, wenn man Juden nur für einen Zweck benutzt?

Update 25. Januar 2016

In diesem Blog (Mandolina) wurde das noch einmal auf den Punkt gebracht:

Denn Antisemitismus ist kein mystisches Spaghettimonster, das sich wahlweise auf verschiedene Bevölkerungsgruppen setzt, dort sein Unheil anrichtet, und dann weiterfliegt, um sich ein neues Zuhause zu suchen. Antisemitismus ist, in diversen Ausformungen und Facetten, ein integraler Bestandteil des christlichen Abendlandes, und wenn jetzt zur „Antisemitismus-Prävention“ Flüchtlingsunterkünfte und Moscheen brennen, dann schützt der weiße Europäer nicht die hier lebenden Juden, sondern benutzt sie zur Legitimation seines eigenen Rassismus.
von hier – Mandolina| Das Experiment

Artikel

Kefije für Israel-Freunde

Auch genervt vom Symbol des bewaffneten Kampfes gegen Israel, das gerne als modisches Accessoire getragen wird?
Das begegnet einem in der Fußgängerzone häufiger. Es sagt:
»Ich mag den Staat Israel nicht.
Ich mag seine Bewohner nicht.
Und weil ich dem jüdischen Volk keine Heimat gönne, mag ich auch keine Juden.«
Es ist klar: Es geht um die Kefije, auch Palästinensertuch genannt.
Das konnte nicht lange so bleiben und so wurde 2006 eine Gegenvariante verkauft. Mit Erfolg. Selbst in Deutschland habe ich hier und da mal eine gesehen. Das ist/war eine gute Nachricht.
Besser ist diese Nachricht: Es gibt eine Neuauflage!

Kefije - Israeli style

Kefije – Israeli style

Dieses Mal gibt es sogar noch eine kabbalistische und eine US-amerikanische Variante. Die kann man tragen um zu zeigen, dass man nicht zu denen gehört, die meinen die USA steckten irgendwie hinter allem Übel der Welt (und weiter unten in der Argumentationskette dann irgendwann auch Juden).
Das dazugehörige Label heißt »The Semitic«. Die deutsche Entsprechung wäre »Semiten«, erinnert aber irgendwie an das Magazin »Der Semit«, welches nicht unbedingt supersolidarisch mit dem Staat Israel war.

Wer den Baal haBlog (also mich) total gern hat und möchte, dass er auch mal etwas zu lachen hat, der spendiert ihm den Tallit Gadol:

Tallit Gadol von »The Semitic«

Tallit Gadol von »The Semitic«

Jewlicious hat darauf aufmerksam gemacht

Artikel

Messerattacken und die Botschaft dahinter

Ma'ariv Montag 14. März 2011

Ma’ariv Montag 14. März 2011

Was ich nach Teroranschlägen in den israelischen (und jüdischen) Medien früher selten gesehen habe, waren Bilder der Körper der Opfer. Dem jüdischen Diktum folgend, dass man die Ehre des Toten bewahren sollte, sah man eher die Gesichter der Angehörigen und die Trauer, die sich in ihnen spiegelte.
Wer etwas Empathie aufbringen kann, der spürt den Verlust und die schrecklichen Folgen der Tat. Nicht nur, weil ein Leben genommen wurde, sondern weil man das Leben vieler anderer Menschen zerstört hat und ihnen Schmerz zugefügt hat.
Manchmal sahen wir zur gleichen Zeit andere Bilder von Menschen. Menschen die auf der Straße Täter feierten und ihren Sieg über die Menschlichkeit. Die aufgepeitschte Menge trug schon einmal Bilder von blutigen Leibern oder verstümmelten Körpern. Das war kein Zustand, den wir auch erreichen wollten.
In letzter Zeit tauchen bei Facebook und bei Twitter aber vermehrt Bilder toter und verstümmelter Körper auf. In seltenen Fällen von den Opfern, in vielen Fällen von den Attentätern.
Will man diese Bilder sehen?
Weiter zirkulieren lassen?
Werte einfach vergessen?
Wie konnte es dazu kommen?
Genau darauf zielen die jüngsten Attacken auf Menschen in Israel – oder sie sind zumindest ein Ziel. Man soll diese Werte von Bord werfen.

Die Taktzahl der neuerlichen Attentate spricht dafür, dass es darum geht, Druck auf die israelische Gesellschaft aufzubauen.
Man kann davon ausgehen, dass bereits bei einem solchen Messerattentat in Europa die Hysterie groß wäre und so müsste man die israelische Haltung eigentlich bewundern. Auch wenn es hier und da zu heftigen Reaktionen kommt (häufig verurteilt), die Gesellschaft insgesamt ist nicht am Rande eines hysterischen Zusammenbruchs. Dennoch stellt man sich natürlich die Frage, wie es weitergehen soll.
In Europa anerkennt man diese Haltung nicht. Man fragt, warum die Attentäter unbedingt erschossen werden müssen und lässt sich den Diskurs der Täter aufzwängen oder führt ihn gerne und freiwillig weiter.
So darf, nur als ein Beispiel, im Deutschlandradio der Vorsitzende der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft, Raif Hussein, unwidersprochen behaupten, die Attentäter seien ermordet worden und spricht von »vehementen Demonstrationen« und versucht die Attentate als Ergebnis einer enttäuschten Friedenshoffnung darzustellen.

Ein Ziel der Attentate nannte ich. Worauf zielen die Attacken noch?
Sie zielen sehr genau auf das Zusammenleben von Israelis arabischer Herkunft und jüdischen Israelis. Um die Gesellschaft zu zerbrechen, um auf der anderen Seite diejenigen radikalisieren zu können, die sich im Augenblick noch wohlfühlen. Man muss man ihnen das Gefühl vermitteln können, sie stünden sowieso weit außerhalb der Gesellschaft.

Und die Botschaft hinter der jüngsten Terrorwelle? Die ist so klar, dass man sie nicht kompliziert entschlüsseln muss:
Es geht nicht um Frieden. Es geht darum, Israelis zu töten.
Es geht nicht um ein Zusammenleben in zwei Staaten. Oder darum, die Anerkennung eines Staates zu erzwingen.
Es geht darum, der anderen Seite das Lebensrecht nicht nur abzusprechen, sondern es ihr zu nehmen.

Jetzt sind diejenigen gefragt, die eine andere Botschaft haben. Es stünde auch den Medien hierzulande gut zu Gesicht, wenn sie Vertreter mit dieser anderen Botschaft zu Wort kommen lassen und nicht einem Raif Hussein Sendezeit für Propaganda überlässt.

Übrigens würde ich es begrüßen, wenn die Nutzer sozialer Netzwerke meine Einleitung beherzigen und auch andere Nutzer dazu auffordern würden, keine Bilder von Leichen mehr einzustellen.

Artikel

Klezmerwelten – Hulyanke Session

Dozenten des Klezmer-Workshops 2015

Dozenten des Klezmer-Workshops 2015: Merlin Shepherd, Ilya Shneyveys, Andreas Schmitges, Benjy Fox-Rosen, Deborah Strauss, Alan Bern und (leider) abgeschnitten Polina Shepherd

שפאס Spaß hat es wohl gemacht – denn mit Spaß trat am Sonntag eine Art von Riesenklezmergruppe auf. Die war bunt gemischt.
An diesem Abend präsentierten sich nämlich die Teilnehmer des Klezmerworkshops Gelsenkirchen 2015.
Da dieser in diesem Jahr nicht nur für Kinder und Jugendliche offen war, sondern auch für alle anderen Interessenten, waren die auch die Generationen ein wenig gemischter als in der Vergangenheit. Die Jugendlichen waren jedoch klar in der Mehrzahl, integrierten die Erwachsenen musikalisch dann aber ganz gut.
Und so lernten Nichtjuden und Juden gemeinsam etwas über jiddische Musik und Kultur in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen und darüber, dass diese Musik durchaus auch für jüngere Leute relevant sein kann. Wer zur Zeit des Workshops in die Gemeinderäume kam, hörte, wie sich die Teilnehmer in einem Gemisch aus Deutsch, Jiddisch, Russisch und Englisch unterhielten und austauschten.
Das lag natürlich auch daran, dass einige der Dozenten aus den USA und Großbritannien kamen und international auf der Bühne stehen. So brachten sie Eindrücke und Erfahrungen mit, welche die Teilnehmer sonst in einer Gegend wie dem Ruhrgebiet eher selten abgreifen können.

Aber es wurde nicht nur gespaßt, geplaudert und genetzwerkt – es wurde auch ernsthaft Musik gemacht. Aus den unterschiedlichen Instrumenten und Fertigkeiten wurden kleine Gruppen gebildet, die nach sieben (eigentlich 6) Tagen Arbeit an diesem Sonntag ihre Ergebnisse präsentierten und das konnte sich hören und sehen lassen.
Das hatte sich vom letzten Workshop 2013 wohl herumgesprochen – dieses Mal waren nämlich auch Zuschauer da, die nicht mit den Teilnehmern verwandt waren, wie das häufig bei solchen Veranstaltungen ist.
Die meisten Jugendlichen wollen sich in einem weiteren Workshop wiedersehen – was wohl an die Stadt Gelsenkirchen ein Signal ist, dass diese Veranstaltung erneut stattfinden sollte. Die ganze Veranstaltungsreihe ist ein guter Beitrag dazu, dass vielleicht der Klezmer hier auch mal ohne Feidman stattfinden kann und viel mehr transportiert als traurige Stimmung und seltsame getragene Musikanten (siehe dazu alle anderen Beiträge zu den Klezmerwelten). Jugendliche (größtenteils) haben jedenfalls gezeigt, dass man sich diesen Hut nicht anziehen muss. Sie haben hier nach einem zeitgemäßen Zugang gesucht und diesen begeistert gefunden. Mit Spaß eben – aber dem nötigen Ernst, wenn es um die musikalische Umsetzung geht.

Hulyanke Session im Gelsenkirchener Schloss Horst

Hulyanke Session im Gelsenkirchener Schloss Horst – Dozentin Polina Shepherd im Vordergrund

Hulyanke Session 2015 - Ilya Shneyveys  dirigiert

Hulyanke Session 2015 – Ilya Shneyveys dirigiert

Weitere Videos und Bilder:

Artikel

Die Shepherds und einige mehr in Gelsenkirchen

Im Rahmen der Klezmerwelten standen am Donnerstag Polina und Merlin Shepherd auf dem Programm – in einem Doppelkonzert mit Dozenten eines Klezmerworkshops (Rückschau auf den letzten hier) der in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen stattfindet. Die meisten Teilnehmer des Workshops, also Jugendliche (in diesem Jahr auch ein paar Erwachsene), saßen im hinteren Bereich des Saals auf Schränken, feierten ihre Dozenten und senkten der Altersdurchschnitt des Publikums.

Das Ehepaar Shepherd (er aus Wales, sie aus Sibirien) kam direkt zur Sache:
Ohne große Einführung setzte sich Polina Shepherd an den Flügel und Merlin Shepherd schnappte sich die Klarinette. Dann spielten sie etwa 45 Minuten nahtlos und ohne jede Unterbrechung eine interessante Bandbreite an Stücken. Bekannte Klezmertöne waren zu hören, ein russisches Lied a capella, man meinte Edvard Grieg durchzuhören, dann wurde es ein wenig jazzig, dann wiederum wurde jiddisch gesungen, im nächsten Augenblick spielte Merlin Shepherd nahezu meditativ vor dem geöffneten Deckel des Flügels. Es war schnell, langsam, still und laut. Wann immer Fahrt aufgenommen wurde, klatschten und sangen die Teilnehmer des Workshops mit. Es entstand eine interessante Dynamik zwischen den beiden Polen des Saals.

Die Shepherds zwischen den Workshop-Teilnehmern.

Die Shepherds zwischen den Workshop-Teilnehmern.

Wenn man Merlin Shepherd für diejenigen beschreiben müsste, die ihn (noch) nicht live gesehen haben, könnte man vielleicht sagen, Merlin Shepherd sei der Tim Mälzer des Klezmer. Manchmal wirkt er ein wenig rotzig (in einem positiven Sinn), scherzt mit dem Publikum und nimmt sich selbst nicht so ernst – zur gleichen Zeit aber arbeitet er hochkonzentriert und meisterhaft – um das Ganze dann wieder mit einer selbstironischen Geste zu brechen. Um sich das leisten zu können, muss man natürlich sein Handwerk beherrschen. Nicht zufällig war er musikalischer Leiter Royal National Theatre in London.

Die Dozenten des Workshops gemeinsam auf der Bühne

Die Dozenten des Workshops gemeinsam auf der Bühne

Benjy Fox-Rosen (überraschte mit selbstkomponierten jiddischen Stücken), Ilya Shneyveys, Alan Bern und später auch Andreas Schmitges wechselten einander ab, präsentierten sehr unterschiedliche Stücke und verschmolzen am Ende zu einer Gruppe, die tanzbares spielte. Auch hier waren die Teilnehmer des Workshops diejenigen, die Initiative zeigten und den wenigen Platz nutzten.
Andreas Schmitges und Alan Bern moderierten ein wenig. Alan Bern merkt man dabei an, dass er das deutschsprachige Publikum schon sehr gut kennt.
Und an dieser Stelle, traditionell, ein Blick auf das Publikum. Vielleicht mit meinem Lieblingszitat des Abends (eines Zuhörers):
»Ich verstehe nicht, dass die Jugendlichen hier so herumspaßen. Das ist hier eine ernsthafte Sache. Klezmermusik ist eine ernste Angelegenheit.«
Tatsächlich aber: Die Jugendlichen haben wirklich Spaß an der Musik und daran, wie sie von den Dozenten vermittelt wird. Sie verbrachten im Workshop Stunden mit Niggunim und sehen das alles als organische Angelegenheit, die auch im Fluss ist und mitgestaltet werden kann. Dieser progressive Ansatz zerschellt natürlich an den Erwartungen eines konservativeren Publikums – welches hier aber in der Unterzahl gewesen sein dürfte und von den verschiedenen Veranstaltungen derzeit ein wenig miterzogen wird.

Artikel

Große Synagogen und so

Westend-Synagoge (Frankfurt am Main) von Dontworry (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Westend-Synagoge (Frankfurt am Main) von Dontworry (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

In zahlreichen Synagogen (vor allem im Ausland, vereinzelt auch in den Groß-Groß-Gemeinden in Deutschland) muss man sich Platzkarten für die Gebete an Rosch haSchanah und Jom Kippur besorgen. Das sind ja DIE Tage, zu denen man sich in der Synagoge sehen lässt.

Gebete in großen Gemeinden sind beeindruckend, oft gut durchorganisiert und etwas für diejenigen, die eine konzertartige Atmosphäre schätzen. In der Vergangenheit habe ich mich bei einem Jom-Kippur Gebet in einer großen Synagoge gefragt, wie das Gebet gewesen sein muss, bei dem Franz Rosenzweig beschloss, zum Judentum zurückzukehren. Vielleicht war das eben keine große Synagoge.
Vielleicht auch eine mit wenig Zuschauern, als vielmehr mit zahlreichen Mitbetern und das allein macht für mich die Stimmung der Hohen Feiertage aus:
Wenn alle Anwesenden sich auf eine ähnliche Sache konzentrieren und vom Tag beseelt sind (darf man dieses Wort noch verwenden?) – da spielt es keine Rolle, ob es eine große oder kleine Synagoge ist – ob 700 Beter anwesend sind oder 10.
Rosch haSchanah und Jom Kippur war ich in einer mittelgroßen Synagoge einer kleinen Gemeinde und leider waren kaum Beter da. Selbst an Jom Kippur kam erst am späten Vormittag ein zehnter Mann.
Und dennoch war die Stimmung nicht so sehr schlecht. Es wäre sicherlich etwas gemütlicher gewesen, wenn wir eine kleinere Synagoge hätten nutzen können. Es bleiben während der normalen Gebete viele Plätze leer und das drückt auf die Atmosphäre, man kann auch sagen, es lässt nicht so sehr viel Kawanah zu.

Dann gibt es aber auch (große) Synagogen, in denen die Atmosphäre weniger konzertartig ist; aber nicht, weil alle mit voller Konzentration dabei sind, sondern eher, weil viele eher mit anderen Dingen beschäftigt sind.
Dass man sich zwischendurch unterhält ist verständlich oder mindestens nachvollziehbar. Aber wenn man das auf richtig viele Anwesende hochrechnet, dann wird es doch relativ unruhig und das lenkt wiederum von der Hauptsache ab.

Vielleicht sogar so unruhig, dass auch erfahrene Organisatoren das Handtuch werfen. Der (neue?) Blogger Daniel war wohl Organisator (Experten sprechen von einem Gabbaj) in der Westend-Synagoge (Frankfurt am Main) – nicht die kleinste Gemeinde und nicht die kleinste Synagoge. Jedenfalls hat er nun das »Handtuch geworfen«, wie er schreibt.

Immer und immer wieder haben wir uns in den letzten zehn Jahren im Synagogenvorstand gemeinsam mit den verschiedenen Gemeinderabbinern, der Gemeindedirektion oder auch diversen Vorstands- und Gemeinderatsmitgliedern den Kopf darüber zerbrochen, was man wohl alles noch tun könne, um insbesondere zu den hohen Feiertagen für mehr Ruhe und Würde in der Synagoge zu sorgen.
von hier (danielsblog.kornfamily.de)

Dem könnte man entgegnen: »Luxusprobleme! Seid doch froh, wenn die Leute kommen!«
Aber das greift vielleicht doch zu kurz, weil es das Problem nicht treffend beschreibt, welches wir heute haben. Es mag sein, dass zu gesellschaftlichen Aktivitäten recht viele Leute erscheinen, aber wenn es um Inhalte geht, wird es schon etwas dünner. Wenn es dann um religiöse Inhalte und eine Auseinandersetzung geht, wird es noch weniger.
Die Aufgabe sollte also nicht lauten:
Wie bewege ich mehr Leute in die Synagoge
– sondern:
Wie bewege ich mehr Leute dazu, in die Synagoge kommen zu wollen.

Das dürfte dann auch die negativen Begleiterscheinungen mildern.

Vielleicht wäre das Motto des Shtiebels Budapest ein guter Start: »We just need a minyan plus one«. Ein Projekt, das winzig(st) begann und dann von innen heraus gewachsen ist (2011 erwähnte ich das Projekt hier).

Update nach einem Kommentar von Yankel Moishe:

Tiergarten Synagoge

Tiergarten Synagoge

Die Synagoge in der Franz Rosenzweig an Jom Kippur des Jahres 1913 zum Judentum »zurückkehrte«, war die die Synagoge »Potsdamer Brücke« in der Rabbiner Dr. Marcus Petuchowski tätig war. Dr. Marcus Petuchowski war Absolvent des Berliner Rabbinerseminars, welches von R. Hildesheimer gegründet wurde. Die Synagoge soll etwa 100 Plätze gehabt haben – war also mittelgroß. Betrieben wurde die Synagoge durch den Verein »Tiergarten-Synagoge e.V.«. Sie wurde 1875 erbaut und 1928 abgerissen, weil die Mitglieder sich innerhalb Berlins andere Wohnorte gesucht haben (sollen).

Artikel

Klezmerwelten Gelsenkirchen – KlezTalk

KlezTalk in der Gelsenkirchener Flora

KlezTalk in der Gelsenkirchener Flora, Merlin Shepherd am Mikrofon


An der Misere, dass die meisten Leser unter 65 bei dem Stichwort »Klezmer« mit den Augen rollen und weiterklicken, haben viele Akteure mitgearbeitet. Unter anderem die vielen evangelischen Oberstudienräte, die ihre Musik in Pseudo-Jiddisch ansagen und schwarze Hüte dabei tragen (ich habe nichts gegen Oberstudienräte im Allgemeinen). Andere Faktoren mögen auch eine Rolle dabei gespielt haben, warum diese Art der Musik für viele Leute meiner Generation (und auch für die nachfolgende) die Popularität einer Wurzelbehandlung hat und eigentlich als ein »Ding für Nichtjuden« betrachtet wurde und wird.

Dass dies (teilweise jedenfalls) zu Unrecht so ist, versuchte in den vergangenen Jahren das Festival Klezmerwelten zu beweisen. Unter anderem mit einem Workshop für Kinder und Jugendliche (der auch in dieser Woche wieder begonnen hat), aber auch mit Musikern, die immer wieder Konventionen gebrochen haben und gezeigt haben, dass Klezmer mehr ist, als der traurige Jiddel mit Fiddel.

Den Auftakt machte das London Klezmer Quartett und am Sonntag-Abend folgte ein KlezTalk, bei dem fünf Musiker von ihrem Weg zur Klezmermusik erzählten. Zwei Musiker mit sowjetischer Vergangenheit (Polina Shepherd und Ilya Shneyveys) hatten einen anderen Zugang, als etwa die zwei Amerikaner Alan Bern und Benjy Fox-Rosen, oder der Waliser Merlin Shepherd. Unter den Musikern dürfte Alan Bern derjenige sein, der in Deutschland am bekanntesten ist – jedenfalls unter denen, die sich für Klezmer-Musik interessieren. Er hat jedenfalls keinen geringen Anteil daran, dass es auch eine Klezmer-Szene neben den Feidman-Verehrern gibt.
Es war interessant zu hören, dass einige der Akteure Klezmer nach ihren ersten Begegnungen überhaupt nicht mochten und erst im Laufe der Zeit Begeisterung für die Musik entwickelten.

Der Moderator Andreas Schmitges öffnete die Runde schnell für die Fragen des Publikums und eine der ersten Fragen offenbarte, dass es noch Nachholbedarf bei der Definition des Begriffs »Klezmer« gibt (der auch relativ jung ist) und dies nicht eine spezielle Musik aus einer speziellen Quelle meint, sondern viele verschiedene Quellen hat und viele Einflüsse vereint: Es wurde nach authentischer Musik gefragt. Alan Bern merkte an, dass er heute lieber von »new jewish music« sprechen würde.
Irgendwann folgte die Frage, ob nur Juden Klezmermusik spielen können. Merlin Shepherd entgegnete rasch, dass er schon diese Separierung in jüdische und nichtjüdische Musiker überhaupt nicht mag. Alan Bern merkte dazu an, dass man die Musik natürlich spielen kann, aber es natürlich nur dann gute Klezmermusik ist, wenn man sich mit der Geschichte und dem Kontext der Musik beschäftigt hat. Zuvor wies einer der Musiker darauf hin, dass man natürlich die Musik vom Notenblatt spielen könnte, aber es natürlich mehr brächte, wenn man gelernt hat, sie zu interpretieren.
Und endlich sagte jemand von den Musikern in einem Nebensatz auch mal, dass Klezmer, nicht DIE jüdische Musik ist, sondern eine.
Dass dies noch nicht zu allen durchgedrungen ist, offenbarte sich 2012 bei einem Konzert von Yiddish Princess, dass ein paar ältere (nichtjüdische) Zuschauer verließen und anmerkten, dass das überhaupt keine Klezmer-Musik sei.

Ein interessanter Abend, der aber eine Frage nicht beantwortete:
Warum ist Klezmermusik (jetzt mal als Sammelbegriff verwendet) ausgerechnet in Deutschland so sehr populär? Die Frage hätte natürlich ich stellen können, aber ich will das mal als Hintergrundmotiv mitlaufen lassen.

Artikel

Als Schmulik die beste Synagoge des Landes entdeckte

tallit_stapel

Schmulik schreckte hoch.
Er war jetzt hellwach. Er hörte absolut nichts.
Gar nichts.
Jetzt hörte er irgendwo das Flattern eines Vogels.
Gespenstische Ruhe lag über seiner Suite.
Die absolute Ruhe war dafür verantwortlich, dass er am frühen Morgen hochschreckte. Am Tag zuvor hatte noch Lena mit ihrem gleichmäßigen Schnarchen dafür gesorgt, dass Schmulik sanft weiterschlummern konnte. Sie war dann aber am Nachmittag abgereist. Obwohl das ein großes Wort ist. Schmulik hatte sie in ein Taxi gesetzt, dass sie für viel Geld nach München brachte. Die Ruhe, die Schmulik suchte, war nichts für Lena.
»Wir hören in uns hinein« hatte Schmulik angekündigt und für die Suite im Landhotel ein kleines Vermögen auf den Tisch gelegt.
Im Hotel hatte Lena hatte das gemacht, was Schmulik verlangt hatte – in sich hineingehört. Aber das war einfach nichts. Es war genau so ruhig, wie vor Schmuliks Suite.
Es antwortete niemand. Das war nichts für Lena. Sie verließ das kleine Städtchen. Es war wirklich sehr klein – aber sehr beliebt bei anderen »in-sich-hinein-hörenden« Gutverdienern. Zuletzt hatte Schmulik es mit Schloss Elmau versucht. Gebaut von jemandem, der meinte, nur durch Taufe sei mit Juden überhaupt irgendetwas anzufangen, war es heute regelmäßig Convention-Center der Anhänger des feuilletonistischen Judentums.
Da musste doch etwas dran sein?
War es nicht.
Warum musste man sich mit Kultur vom Pöbel unterscheiden, wenn man das hier schon über das Geld machte?
Und so landete Schmulik in diesem Kaff. Weiterlesen