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Ewiges Licht – Ner Tamid

Es gibt Artikel, bei denen hat man schon während des Schreibens die Absicht, vielleicht etwas Widerspruch zu erzeugen und kalkuliert eine heftige Reaktion ein. Bei religiösen Themen ist das zuweilen der Fall, wenn es um besonders umstrittene Bereiche geht, Frauen an der Westmauer vielleicht, Siedlungen sind auch immer ein gutes Thema. Aber manchmal bleibt die Reaktion aus. Man liest, aber reagiert nicht. Dann aber gibt es Themen, die versucht man sachlich darzustellen und erntet heftigen Widerspruch.
So war es bei meinem Artikel zum Kerzenzünden am Schabbat. Dieses Kerzenzünden ist emotional stark besetzt, das unterschätzte ich ganz klar bei der nüchternen Formulierung der Herkunft des Kerzenzündens und des »Hand-vor-Augen-Haltens« (aus dem ein paar Damen die ich dabei beobachten konnte, eine große magische Sache gemacht haben), dass keinerlei mystische Herkunft hat, sondern einfach nur eine Art halachischer Workaround ist (steht alles im Artikel).
Bei dem neuen Artikel »Ner Tamid«, also das »ewige Licht« in der Synagoge war es ähnlich. Es gab mehrere, (aber meist) sehr freundliche, Reaktionen auf dieses Thema auf das Thema. Erneut entschied ich mich, nicht die Interpretation des Lichts zu präsentieren, sondern zu schauen, wo es eigentlich herkommt und seit wann es in den Synagogen verwendet wird.
Übrigens kenne ich mittlerweile ein paar Synagogen in denen das Ner Tamid ein sehr temporäres Licht ist und vom Hausmeister kurz vor dem Gebet eingeschaltet wird. Das scheint allerdings nicht die Tradition zu sein, die sich allgemein durchgesetzt hat…

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Die Zeit dazwischen

Mit dem 17. Tammuz, dem Fastentag der vielleicht weniger populär ist als Tischa beAw, beginnt eine Zeit, die auf Hebräisch Bejn haMetzarim genannt wird. Das könnte man ungefähr mit »zwischen den Bedrängnissen« übertragen. Wenngleich überall in Europa Sommerferien sind und die Zeit eigentlich leicht sein sollte, so haben wir hier einen schweren Gegenentwurf. Damit umzugehen, fällt mir recht schwer.

In allen Phasen der Geschichte hat das jüdische Volk ähnliche Erfahrungen gemacht. Manchmal sogar zu ähnlichen Zeiten im Jahr. Ereignisse kehren immer wieder. Die Verfolgungen mit der Absicht das gesamte Judentum auszulöschen etwa.
Deshalb würde ich die Geschichte des Judentums als eine Art Helix betrachten, wie die Wendeltreppe unten. Bestimmte Arten von Ereignissen wiederholen sich – sogar zu ähnlichen Zeiten im Jahr. Das alles läuft besonders in der Zeit Bejn haMetzarim zusammen.

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von Das Original wurde von Ralf Roletschek in der Wikipedia auf Deutsch hochgeladen (Übertragen aus de.wikipedia nach Commons.) [GFDL oder CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Bereits die Mischnah nennt tragische Ereignisse dieser Zeit (siehe hier Ta’anit 4,6).
In diese Zeit fielen etwa die Pogrome zu Beginn des ersten Kreuzzugs (1095), bei denen Tausende Juden aus Frankreich und dem Rheinland getötet wurden. Es folgte die Vertreibung der Juden aus England (1290), das Ultimatum, bis zu dem alle Juden Spanien zu verlassen hatten (31. August 1492) und zuletzt das Terrorattentat auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires 1994 mit 86 Todesopfern. In der charedischen Welt ist Tischa beAw auch ein Tag des Gedenkens an die Schoa.
In einem Artikel für die Jüdische Allgemeine (im Volltext hier) beschreibe ich den Charakter dieser Zeit. Es geht nicht nur um Trauer und das zurückschauen, sondern auch um das »nach-vorne-schauen« und die Frage, was ich als Einzelperson tun kann, um die Welt zu ändern.