Initialwörter in hebräischen Texten

Eine Initiale kennt man im Deutschen ja ganz gut (und wenn alles geklappt hat, sieht man auch eine am Beginn dieses Textes). Das ist ein schönes Gestaltungselement. Wenn es smart ausschauen soll, dann kann man auch schmuckvolle Initale verwenden.
In hebräischen Drucken – in erster Linie in religiöser Literatur – findet man weniger Initiale als vielmehr ganze Initialwörter. Das ist ein Element welches man sehr selten in anderen Sprachen sieht. Noch nie gesehen? Doch! Wer schon einmal ein Werk von Artscroll (Mesorah) gesehen hat, der hat auch das Initialwort gesehen.

Der Platz unter dem ersten Worten des Textes ist frei und man erkennt, welcher Text folgt und wie er zusammengehört:

Artscroll Siddur - Initialwort

Artscroll Siddur – Initialwort

Das Initialwort wäre also hier:

Initialwort im Artscroll Siddur - hervorgehoben

Initialwort im Artscroll Siddur – hervorgehoben

Man sieht recht gut (hier durch den gelben Kasten hervorgehoben), dass unter dem ersten Wort Raum gelassen wurde. Dieser strukturiert den Text insgesamt ein wenig. Der gesamte Block benötigt keine Überschrift, sondern nutzt das erste Wort als solche. Ein Element zur Textstrukturierung. Nicht erst seit Artscroll.

Auch andere Siddurim (und auch halachische Texte) machen davon Gebrauch.
Ein paar Beispiele:

Siddur Tehillat HaSchem – der Siddur von Chabad:

Siddur Tehillat HaSchem

Siddur Tehillat HaSchem

Kol Peh Chadasch das (zu Unrecht, vielleicht weil es günstig ist ) beliebte Siddur aus Israel:

Initialwort in Siddur kol Peh Chadasch

Initialwort in Siddur kol Peh Chadasch

Und ein Machzor Kol Bo von der Hebrew Publishing Company:

Machzor nach Nussach Sfard mit jiddischer Übersetzung

Machzor nach Nussach Sfard mit jiddischer Übersetzung

Was man schnell an dieser zufälligen Auswahl bemerkt ist, dass sich die Zweizeiligkeit eine Art Standard zu sein scheint.

Es ist durchaus möglich, dass diese Art der Strukturierung alte hebräische Handschriften nachahmt, aber aus praktischen Gründen auf die Vergrößerung der ersten Worte verzichtet. Vielleicht weil man einfach mehr Buchstaben einer Größe zur Verfügung hatte und auf viele Größenänderungen verzichten musste. In vielen Handschriften findet man jedenfalls Initialwörter – oft noch zusätzlich verziert oder vergrößert:

Dies ist eine spezielle Art von hebräischem Textsatz. Wer einmal damit begonnen hat auf diese Feinheit zu achten, der wird das schnell in vielen hebräischen Büchern finden und sich vielleicht wundern, wie einfach sich Absätze (technisch gesehen aber nicht) strukturieren lassen. Ob das auch für deutschsprachige Texte funktioniert, müssen Leser entscheiden.

Der praktische Teil

Für InDesign Nutzer könnte sich nun die Frage stellen – schön, aber wie mache ich das? Diese Frage versuchen wir nun zu lösen.

Mit den vorhandenen Einstellungen kann man ein Initialwort schaffen, man muss jedoch einen kleinen Umweg gehen.

Zunächst legt man ein Zeichenformat an. Dieses

In Design Zeichenformat anlegen

In Design Zeichenformat anlegen

Man sieht es schon an den Formateinstellungen: Das Zeichen muss sehr viel kleiner sein als die Zeichen des Absatzformates. Bei einer Textgröße von 10 Pt habe ich 4Pt angelegt.
Entscheidend ist dann aber das Hochstellen:

Zeichenformat: Hochstellen

Zeichenformat: Hochstellen

Noch kann man nichts damit anfangen. Das wird erst was mit einem passenden Absatzformat eine runde Sache:

Einstellung Absatzformat

Einstellung Absatzformat

Basieren kann es auf Absatzformat, das man für den Rest des Textes verwenden möchte. Die Magie passiert dann im Bereich »Initialen und verschachtelte Formate«:

Initialen und verschachtelte Formate

Initialen und verschachtelte Formate

Man stellt das Zeichenformat auf dasjenige ein, welches gerade gebastelt wurde. Dann stellt man die Anzahl der Zeilen auf zwei ein. Dann folgt eine bittere Pille: Man gibt die Anzahl der Zeichen des Wortes PLUS ein Zeichen für das Leerzeichen ein. Für ein Beispiel habe ich acht Zeichen gewählt. Ist das erste Wort kürzer oder länger, müsste man eine Reihe weiterer Absatzformate anlegen. Vielleicht von 3 bis 11. Kürzere deutsche Wörter sollte man in der deutschen Sprache nicht erwarten.
Das Ergebnis sieht dann so aus:

Ergebnis Initialwort

Ergebnis Initialwort

Für hebräische Texte kann man das ebenso handhaben. Wie man hebräische Texte mit Standard InDesign realisiert, ist hier beschrieben.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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