Doch Vertrauen in Frankfurt?

Alles koscher. Alles in Ordnung. Mit dem Urteil eines »externen« Rabbinatsgerichtes kommt etwas Dynamik um die Sache mit dem Skandal um koscheres Fleisch in Frankfurt (am Main). Ein Rabbinatsgericht (mit eher charedischem Schwerpunkt) kam zu anderen Schlüssen als die Justiz und die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschlands. Rabbiner Jirmijahu Kohen vom Bejt Din Paris, Rabbiner Jehuda Rabinovitz, Rabbiner Meir Sirota und Rabbiner Mosche Nidam (Gesandter des sefardischen Oberrabbinats) kamen nach Frankfurt um Zeugen zu befragen und eine Entscheidung zu fällen:
Ist das Fleisch koscher gewesen, oder nicht? Ist der beaufsichtigende Rabbiner in diesen Fragen vertrauenswürdig, oder nicht?

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In aller Kürze zusammengefasst:

  1. Der Beschluss ORD (Orthodoxen Rabbinerkonferenz) und die Veröffentlichung dessen, sei Chillul haSchem (eine G-tteslästerung)
  2. Bei den Zeugenaussagen wurde festgestellt, dass die Befragten sich darüber beschwerten, dass der Händler stets zu wenig koscheres Fleisch im Angebot hatte. Diesen Mangel hätte man ja leicht, wenn man es gewollt hätte, mit unkoscherem und umetikettierten Fleisch ausgleichen können.
  3. Die Befragung der beaufsichtigenden Personen und des zuständigen Rabbiners hätten ergeben, dass alle Beteiligten gewissenhaft waren.
  4. Die Selbstbezichtigung der Firma selber, könne man nur schwer nachvollziehen.
  5. Als der zuständige Rabbiner Klein erfahren habe, dass die Firma außerhalb ihrer Geschäftsräume mit nichtkoscherem Fleisch handelt, hätte er ihr die Lizenz entzogen.
  6. Die Entscheidungen von Rabbiner Klein hätten also durch die ORD nicht hinterfragt werden dürfen, denn sie seien korrekt gewesen.

Damit laufen die Aussagen der Prozessbeteiligten und des externen Bejt Dins auseinander. Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz kam zu einem anderen Schluss als das Bejt Din unter Vorsitz von Jirmijahu Kohen.
Das nennt man wohl Dynamik.
Um die Frage aus der Überschrift ansatzweise zu beantworten: Nun doch Vertrauen?
Manchmal wollen es die Leute nicht selber entscheiden müssen. Solange der Prozess vor einem Gericht noch andauert, dürften sie verunsichert bleiben.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wer hat diesen Ad-hoc בית דין beauftragt, die Spesen für Reise etc übernommen (evtl ein Honorar bezahlt)? Wäre es nicht sinnvoll, wenn das zur Einleitung transparent gemacht würde, um der Gefahr des Eindrucks eines Gefälligkeitsgutachtens von vornherein vorzubeugen?

    Wer kennt jemandem, der im Zuge dieser Untersuchung befragt wurde? Es sollen ja auch Aviv-Kunden befragt worden sein.

    Auf entscheidende Fragen wird nicht eingegangen: Warum machte der Maschgiach vor Gericht von seinem Aussageverweigerungsrecht gebrauch?
    (Kein geringerer als Dajan Abramsky war sich nicht zu schade, in Kaschruth-Angelegenheiten vor einem nicht-juedischen Gericht auszusagen .)
    Ist es plausibel, dass die Aviv-Eigner sich vor Gericht und in polizeilich abgehörten Telefongesprächen selbst fälschlich eines Betrugs bezichtigen, und sich wegen Zeugenbeeinflussung sogar in U-Haft nehmen lassen?
    Wieso ist die Sprache so vage und detailfrei? Texte von פוסקים lesen sich doch gewöhnlich ganz anders.

    Jetzt wird es wohl auch politisch spannend:
    Der Kopf dieses בית דין Din, R. Kohen ist offenbar affiliiert mit dem RCE (siehe hier).
    Dieser Organisation werden besonders starke Verbindungen zu חב”ד nachgesagt .
    Die ORD hingegen ist mit der älteren und etablierteren CER assoziiert, siehe hier .
    R. Klein selber ist nach wie vor Mitglied der ORD.

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  2. Mein Brief in dieser Angelegenheit an den Beth Din:

    Beth Din Statement regarding Kashrut at Aviv Store in Frankfurt

    Dear Dayan Kohen,
    Dear Rabbanim of the Beth Din for Kashrut issues in Frankfurt,

    I am writing to you today not only as a journalist, but also as a concerned member of the Frankfurt Jewish community and as a former customer of the Aviv Store in Frankfurt.

    As a journalist, I have been closely following the events in the German court involving the charges against Leslie Winter and Akiva Heller. In this regard, I have been closely monitoring all media coverage of the court proceedings, in addition to being in close contact with people in attendance at virtually every court hearing. As such, I am very much familiar with the witness statements, documents and contents of police tapings, etc., which have been made public and so forth. At the same time, I also have information about supposed tax fraud issues, as well as drug investigations, etc.. And most importantly, I am fully up to date about statements made in the courtroom by believable witnesses, such as those by two of the German butchers, who were employed by Aviv and who have made very detailed statements in regards to how meat was handled at the store, where meat was purchased, as well in regards to interaction with the Mashgiach and so forth – the last time on the Thursday when you were in Frankfurt.

    Please understand that I have the highest respect for the Beth Din and your handling of matters from a Halachic perspective. This is something I cannot stress enough. It is this respect, my current knowledge about the case and the statement you issued, which I am now trying to put in line with one another; something I am finding admittedly very tough to do, though. Thus, I while I understand that there are matters, which you perhaps did not want to make public at this time, I would appreciate it, if you could further elaborate on what brought the Beth Din to the ruling you now published, i.e. who the independent witnesses were that you are basing your ruling on, what documents you have to counter the German court proceedings, etc..

    You should know that the German court proceedings have been widely followed by the public, the Jewish community and especially by former customers of Aviv. The issue is highly sensitive and has caused a lot of uproar and mistrust in general; even brought individual members of the Jewish community to leave the community. And, again, while I have the highest respect for the Beth Din and while I am convinced that you have absolutely sound reasons for your ruling, please understand that the statement currently published by you in German, will most likely cause a lot more harm than do good in the current situation!

    There is too much of the proven evidence and too many of the confirmed witness statement from the German court hearing, which have been made public and which stand in direct contradiction with your currently on the one hand very vague and yet absolutely detrimental German statement. While you use terms like “blasphemy” on the one hand, as a term to describe those questioning Rav Klein, you publicly, unfortunately, argue with unfactual statements, such as the argument that frequently there was too little meat being offered for purchase, against witness statements and documents, which describe in detail when how unkosher meat was being sold and handled, how the Mashgiach was bypassed, how loosely the Mashgiach handled his stamps, seals and working hours, etc.. Resultantly, the effect I am already hearing from people, is causing a serious split within the community, a lot of upset, distrust and disrespect for the Beth Din and terrible generalizations against Orthodox Judaism in general, something I personally find absolutely terrible and disheartening.

    This issue is about far more than just Rav Klein, whom I have always had the highest respect for and who, as I am convinced, most certainly did not knowingly support any wrongdoing under his guidance.

    Looking forward to hearing from you soon, I remain

    Sincerely Yours

    Sacha Stawski

    Antworten

    • Ich stimme Sacha voll und ganz zu. Das Ganze grenzt an eine Tragikomödie. Die Angeklagten haben gestanden und alles zugegeben. Und dann das Statement dieser Rabbiner. Besser wäre es gewesen, wenn der Fehler zugegeben worden wäre. Rabbiner Klein hat von dem Betrug nichts gewusst, das steht für mich außer Frage. Der Maschgiach hat sein Siegel sehr lasch rumliegen lassen, sodass der Betrug dadurch einfach wurde, auch das steht für mich außer Frage. Rabbiner Klein zu vertrauensselig.
      Er selbst kann ja nicht überall sein und muss den Leuten vertrauen, die er mit dieser Arbeit betraut hat. Er ist aber verantwortlich, denn er hat die Oberaufsicht, auch das ist klar. Es ist alles schlimm genug, aber hätte Rabbiner Klein den Fehler zugegeben und gesagt, dass er den Leuten einfach auch vertraut hat, hätte das ganze ein vollkommen anderes Bild auf seine Person geworfen. Aber zu sagen, dass nie unkoscheres Fleisch verkauft worden sei, nachdem alles gestanden wurde ist lächerlich und absolut unglaubwürdig. Das Statement schadet mehr als das es nutzt.
      Simone Hofmann

      Antworten

      • @Sacha:
        Ich hoffe, die Öffentlichkeit erfährt, falls eine Antwort eingeht.

        > drug investigations

        Ich dachte, das sei vom Tisch?

        @Simone:
        > hätte Rabbiner Klein den Fehler zugegeben

        Vor einigen Wochen soll für ihn festgestanden haben, dass er selbst, Maschgiach und Gemeinde mit hoher krimineller Energie durch Aviv getäuscht, hintergangen und betrogen wurden, und er war darüber enttäuscht und entsetzt.

        Umsoweniger begreife ich, was hier geschieht.

        > zu sagen, dass nie unkoscheres Fleisch verkauft worden sei

        Behauptet dieses Ad-hoc בית דין nicht genau genommen etwas anderes, nämlich, dass das unkoschere Fleisch von Aviv an unkoschere Konsumenten verkauft worden sei, und dass R. Klein die כשרות-Lizenz entzogen habe, sobald er davon erfuhr?

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  3. Warum hat Paris sich da überhaupt extra-territorial einzumischen? Wenn die ORD sagt, dass sie diesen Hechscher nicht mehr akzeptieren können, dann ist Ende der Fahnenstange….

    Wahrscheinlich wollen die das internationale Publikum (insbesondere im Zusammenhang mit Catering für Fluglinien) beruhigen…

    Aber einen Rabbiner, unter dessen Hechscher so etwas passiert ist, als besonders gründlich und vertrauenswürdig zu bezeichnen, das ist schon ein starkes Stück…

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    • > Paris einmischen.

      Die 4 kommen ja genau genommen von 4 verschiedenen Organisationen.

      > Internationales LH-Catering Publikum beruhigen.

      Klingt für mich nicht logisch als Motivation. Denn die Catering-Aufsicht ist ja bereits in neuen Händen. Was hülfe es dafür, rückwirkend die Vergangenheit für koscher erklären zu wollen?

      Antworten

  4. Pingback: Urteil in Frankfurt – trotzdem Einkaufsmöglichkeiten | Chajms Sicht

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