Koscheres Fleisch – Vertrauensbrüche

avv_heller

Wenn man über Kaschrut und deren Einhaltung spricht, dann spricht man immer auch von Vertrauen: Vertrauen das der Käufer dem Verkäufer entgegenbringt, oder Vertrauen, das der Gast demjenigen entgegenbringt, der ihn bewirtet.
Man kann dem mit einer Flut mit Zertifikaten begegnen (dem Hechscher), es bis auf die Spitze treiben und irgendwann nur noch bestimmten Zertifikaten vertrauen. Das ist keine sehr angenehme Geisteshaltung. Das dürfte nicht also der charmanteste Weg sein. Meint man (vernünftigerweise).

Und dann passieren Dinge, wie diese:
In Frankfurt soll ein Händler (Aviv) nicht geschächtetes Fleisch als koscheres verkauft haben. Die Jüdische Allgemeine spricht von einem Schaden von einer halben Million Euro. irgendwiejüdisch schrieb schon in der vergangenen Woche über den Bericht, hier.
Gab es einen ähnlichen Vorfall nicht auch in Wien?

Der betroffene Lebensmittelhändler belieferte nicht wenige jüdische Einrichtungen im jüdischen Deutschland. So wie es heute ausschaut, mutmaßlich, also mit nicht-koscherem Fleisch. Wenn es tatsächlich so gewesen sein sollte (noch ist ja niemand verurteilt), dann hätte er mehrere Schäden verursacht. Zum einen das Grundmisstrauen in Kaschrut weiter geschwächt und denen Recht gegeben, die eine strengere Überwachung wollen, zum anderen hätte er die Kunden in die Irre geführt und sie finanziell geschädigt.
Das bedeutet aber auch: Der Verkäufer kann kein besonders observanter Jude sein. Ansonsten würde er vermutlich fürchten, für diese Irreführung auch irgendwann metaphysisch zur Verantwortung gezogen zu werden. Innerhalb der eigenen Gemeinde würde er vermutlich kein Bein mehr auf den Boden bekommen.

Eine Frage muss man aber stellen:
Was ist, wenn es nicht stimmt? Bislang sind es nur Vorwürfe.
Die Vorwürfe ergaben sich aus einer anderen Ermittlung der Polizei, so heißt es auch in der Jüdischen Allgemeinen.
Konkret bedeutete dies: Man beobachtete den Lebensmittelhändler wohl wegen des Besitzes und Schmuggels von Drogen.
Woher der Anfangsverdacht stammt, ist derzeit nicht bekannt. Wer in Antwerpen Rosinenkuchen orderte, könnte ja schließlich auch etwas anderes meinen. Das Journal Frankfurt berichtet in diesem Zuge von ergebnislosen Hausdurchsuchungen.
Eine Art Resteverwertung dieser Ermittlungen waren offenbar die Vorwürfe des Weiterverkaufs nicht-koscheren Fleisches. Und so ging die Ermittlungsbehörde taktvoll vor und sandte den Kunden von Aviv zu diesem Thema einen Fragebogen.
Und wie wir gerade sahen, ist der Einkauf koscherer Waren eine Frage des Vertrauens. Was machen also die Kunden, die einen solchen Fragebogen erhalten, der das Ziel hat, zu ermitteln, ob der Händler nicht-koscheres Fleisch verkauft?
Richtig: Sie kaufen woanders und besorgen sich das Fleisch in München oder in Frankreich. Der Markt Aviv musste also schon schließen, bevor etwas konkretes vorlag. Und das, obwohl der Gemeinderabbiner dem Laden sein Vertrauen ausgesprochen hat. Vertrauen die Gemeindemitglieder ihrem Rabbiner nicht? Vertrauten sie einem anderen Händler mehr?

Der Punkt ist: Mit dem Eintreffen des Schreibens bei den Kunden dürfte sich die Geschäftsgrundlage erledigt haben.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Letzten Schabbat haben wir beim Kiddusch genau über dieses Thema gesprochen: Koscher Einkaufen in Frankfurt und die damit verbundenen Probleme. Als Vegetarierin habe ich mir wenig praktische Gedanken wegen des Fleischproblems gemacht. Ich war und bin, glücklicherweise, schlicht und einfach von dem Thema “koscheres Fleisch” nicht betroffen. Die Frage, die Du in den Raum gestellt hast ” Vertrauen die Gemeindemitglieder ihrem Rabbiner nicht?” ist mehr als berechtigt. Wenn ich meinem Rav nicht vertrauen kann, wem kann ich dann noch vertrauen?

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  2. “Wenn es tatsächlich so gewesen sein sollte (noch ist ja niemand verurteilt)”

    Der Presse ist zu entnehmen, dass die Angeklagten am Telefon wohl mit ihren Machenschaften geprahlt haben. Am Sachverhalt scheinen mir von daher wenig Zweifel zu bestehen. Halachisch gesehen ist eine Selbstbezichtigung allerdings nach meinem Kenntnisstand irrelevant.

    “Der Verkäufer kann kein besonders observanter Jude sein.”

    Ist hinlänglich bekannt. Was mich wundert, wie sie es geschafft haben, dass Ding unter der Nase des Maschgiach (den ich kannte) durchzuziehen.

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  3. “Der Markt Aviv musste also schon schließen, bevor etwas konkretes vorlag. Und das, obwohl der Gemeinderabbiner dem Laden sein Vertrauen ausgesprochen hat. Vertrauen die Gemeindemitglieder ihrem Rabbiner nicht?”

    Angesichts der Preisspanne zwischen normalem Fleisch und koscherem Fleisch sollte es niemanden verwundern, wenn der eine oder andere Händler einen Koscher-Stempel auf das Fleisch drückt, ohne vorher die Dienste eines Rabbiners in Anspruch genommen zu haben. Und auch der eine oder andere Rabbiner wird bestimmt nicht der Versuchung widerstehen können, ohne Prüfung Koscher-Stempel zu verteilen. Wo das große Geld winkt, ist der Betrug nicht weit weg. Zum Glück werden das nur Rabbiner der orthodoxen Richtung sein. Der Koscher-Stempel eines konservativen Rabbiners ist nichts wert.

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      • Ich kann mir nicht, nicht einmal ansatzweise, vorstellen, dass Rav Klein, eine oder die “Schwachstelle” in diesem System ist. Ich sehe Ihn jeden Schabbat beten. Ich denke, man sollte auf den Abschluss der Untersuchungen warten und sich vor Vorverurteilungen – egal in welche Richtung- hüten. Diese Situation zeigt doch nur überdeutlich, dass offenbar Menschen, wenn es um Kaschrut vor der eigenen Haustür geht, blind genau DEN Medien und Autoritäten vertrauen, die sie lauthals verdammen, wenn es um eine objektive Berichterstattung aus Israel geht. Ich würde meine selektive Wahrnehmung doch mal hinterfragen.

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  4. Pingback: Folgenschwere Vertrauensbrüche | Chajms Sicht

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