Banken und Juden

Sperrvermerk

»Wozu brauchen Sie denn einen Kredit, ich dachte Sie seien Jude?« wird wohl kaum ein Bankberater sagen. Hoffentlich. Dennoch wird er wahrscheinlich demnächst wissen, welcher seiner Kunden Juden sind. Zwar wird dies wohl nicht unmittelbar für jeden Sachbearbeiter einer Bank zu erkennen sein, aber die Information ist im Haus verfügbar. Jedenfalls dann, wenn dies in der Steuerkarte vermerkt ist und Kirchensteuer bzw. Kultussteuer abgeführt werden muss.

Das betrifft aber nicht nur Banken, sondern auch Versicherer, Kapitalgesellschaften oder Genossenschaften.
Diese werden ab dem 1. Januar 2015 einmal jährlich die Religionszugehörigkeit der Kunden beim Bundeszentralamt für Steuern abfragen und auch erhalten. Diese Information wird dann in die eigenen Systeme übernommen. Damit soll die Kirchen- bzw. Kultussteuer, die auf die Abgeltungsteuer entfällt, automatisch an das Finanzamt abgeführt werden können. Aber das könnte man auch selber über die Steuererklärung erledigen.

Ob es ein angenehmes Gefühl ist, dass jetzt auch Banken und Versicherungen ihre jüdischen Kunden als solche identifizieren können, muss oder kann jeder für sich selber entscheiden. Ob es paranoid ist, zu behaupten, dass wir nicht wissen, was mit den Daten in den Unternehmen angestellt wird, muss auch selber entschieden werden.
Wer ein seltsames Gefühl dabei hat, darf oder kann dagegen Widerspruch einlegen:

Bis zum 30. Juni (!) kann man dies tun. Aber nicht über die Bank oder die Versicherung, sondern direkt beim Bundeszentralamt für Steuern.

Einfach Dokumenten ID 010156 im Suchfenster des Formular-Management-Systems (FMS) der Bundesfinanzverwaltung eintragen und schon kann man einen Sperrvermerk beantragen.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hmm, ja, ich habe ein sehr ungutes Gefühl dabei. Nur wird in Berlin die Steuer nicht via LSK abgeführt, sondern direkt an die Gemeinde und bei der Steuererklärung habe ich das nicht angegeben – schon vorsorglich. Ich denke, ich werde dann doch besser Einspruch einlegen. Danke Dir für den HInweis!

    Juna

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    • In Berlin registriert das EinwohnerInnenmeldeamt und damit auch das Finanzamt bei uns – als Religionszugehörigkeit, da es keine jüdische Kultussteuer einzieht. Das ändert sich auch nicht, wenn Du direkt an die Gemeinde gezahlte Kultussteuer in der Steuererklärung geltend machst. In dem Fall kennt nur die Sachbearbeiterin im FA Deine Religionszugehörigkeit, die Mittelung an die Bank lautet schlichtamente “keine Kirchensteuerpflicht”.

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  2. “Ob es ein angenehmes Gefühl ist, dass jetzt auch Banken und Versicherungen ihre jüdischen Kunden als solche identifizieren können, muss oder kann jeder für sich selber entscheiden.”

    Ich möchte anmerken, dass es zwar in diesem Artikel nicht behauptet wird, aber es entsteht Eindruck aus dem Artikel, dass die Banken werde nur die jüdischen Kunden als solche identifizieren können. Dazu muss man betonen, dass die Banken werden alle Religionszugehörigkeiten identifizieren können, die über die Kirchen/Kultussteuer eintreiben.
    Wenn man heute seine Religionszugehörigkeit auf die Steuerkarte gesetzt hat, hat man es schon heute einer ganz breiten Öffentlichkeit mitgeteilt: Verwaltung/Buchhaltung beim Arbeitgeber; Kindergarten und ähnliches für die Berechnung der Sätze (man muss die Steuerbescheide einreichen) und viele anderen Stellen. Bereits heute wissen es auch die Banken, denn auch die Banken wollen die Steuerbescheide sehen bei jeglichen Kreditanfrage um den Einkommen fest zu stellen.

    Ja, es bekommt eine neue Dimension. Aber auch nur eine zusätzliche.
    Und noch mal zu betonen: es geht nicht nur um die jüdische Religionszugehörigkeit.

    Wer jetzt Angst bekommt von seinem Bankberater:”Wozu brauchen Sie denn einen Kredit, ich dachte Sie seien Jude” zu hören zu bekommen, der dürfte ja bis jetzt kein einziges mal seinen Chef über eine Gehaltserhöhung oder generell über Gehalt angesprochen zu haben. Aus Angst eben.

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  3. Das betrifft allerdings nur die Bundesländer, in welchjenen die jüdischen Gemeinden die Kultussteuer durch das Finanzamt einziehen lassen, in allen anderen Ländern steht bei uns einfach ein – im Feld Religionszugehörigkeit. Dieser bedeutet nämlich nicht – wie umgangssprachlich oft angenommen – “Mitglied keiner Religionsgemeinschaft”, sondern “Mitglied keiner oder einer nicht die Kultussteuer durch das FA einziehen lassender Religionsgemeinschaft”. Dem Steuereinzug durch das FA und damit der Registrierung der Religionsangehörigkeit durch das Finanzamt hat der zuständige Landesverband im jeweiligen Staatsvertrag ausdrücklich zugestimmt. Das lässt sich durchaus mit dem Hinweis auf geschichtliche Erfahrungen kritisieren – ist dann aber eine Kritik an der eigenen Vertretung. So ganz nebenbei: Das FA weiß nicht, wer Jude ist, sondern wer Mitglied einer jüdischen Gemeinde in den entsprechenden Bundesländern ist. Das ist nicht ganz unwichtig, denn das Kind einer aus der jüdischen Körperschaft öffentlichen Rechts ausgetretenen, aber keiner anderen Religionsgemeinschaft angehörigen Mutter ist dank dieser Differenzierung jüdisch.

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  4. 1 – Vielen Dank für die Antwort auf die Frage, die ich mir mehrmals gestellt hatte, ob Angehörige der jüdischen Religion “kirchensteuer”-equivalent zahlen, wie das in D üblich ist.

    2 – Wäre interessant zu wissen, wie das mit den verschiedenen Glaubensrichtungen aussieht: orthodox … reform, …. bis “Jews for Christ”. Da wäre mir ein Antwort lieb.

    3 – Enttäuschend ist, dass im Artikel implizit definiert ist, dass nur ‘k-steuerpflichtige Juden’ Juden sind. Da ist Chaim wohl bei den Katholen in die Lehre gegangen. Die Definnition hat doch viele Facetten auf beiden Seiten der Grenze, die es zudem eigentlich gar nicht gibt.

    Mein bester Freund “ist Gd-sei Dank Atheist”, wo hat der seinen Platz?

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    • Gerne beantwortet 😉

      Zu 2: Dann, wenn die Gemeinden als KdöR organisiert sind, können sie auch Kultussteuern einziehen.

      Zu 3: Eigentlich war das nicht impliziert. Hier geht es doch nur um diejenigen Personen, die über das Kürzel auf der Steuerkarte zahlen. Diejenigen die es nicht haben, sind aber dennoch Juden und unterstützen ihre Gruppe anders oder auch einfach mal gar nicht 😉

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  5. Vielen Dank, Chaim.

    Habe eine Liste der Gemeinden gefunden – ist diese denn ungefähr komplett?

    ib = israelitische Religionsgemeinschaft Baden
    iw = israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg
    isby = Landesverband der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern
    jh = Jüdische Gemeinde Hamburg
    ishe = Jüdische Gemeinde Frankfurt (HE)
    il = Jüdische Gemeinden im Landesverband Hessen
    isnw = Nordrhein-Westfalen: israelitisch (jüdisch)
    isrp = Jüdische Kultusgemeinden Bad Kreuznach und Koblenz (RP)
    issl = israelitisch (SL)

    Mein Kommentar zum Ansatz des FA: er widerspricht dem vielgepriesenen Recht auf Privatspäre. Es sollte ein z.B. 4-stelliger Zahlen oder Buchstabenkode genutzt werden, der nichts mit dem Namen zu tun hat.

    Habe noch kein Land kennengelernt, in dem Leute mit Juden keine Gefühle oder Vorurteile verbinden, außer nicht-christlichen Länder.

    Man sollte zuerst jemanden kennenkernt, und dann eventuell sein Urteil bilden oder Gefühle entwickeln.

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