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Die letzte Jüdin von Würzburg

Die-letzte-Judin-von-Wurzburg- In diesen Tagen wird Roman Rauschs Roman »Die letzte Jüdin von Würzburg« erscheinen. Ich hatte das Glück und durfte, dank des Autors, einen früheren Blick in das Buch werfen.

Der Roman (also das Buch, nicht der Autor), spielt der vor dem Hintergrund realer Ereignisse:
Ein Pogrom in Straßburg im Jahre 1349. Man geht heute davon aus, dass etwa 2.000 Juden in der Stadt getötet wurden.
Sie wurden der Brunnenvergiftung und dem Bringen der Pest beschuldigt. Interessanterweise fiel dies in eine Zeit, in der die Katholische Kirche genau diese beiden Vorwürfe scharf verurteilte. Im Juli 1348 wandte sich Papst Clemens VI. in einer Bulle gegen die Verfolgung von Juden als Verursacher der Pest, im September 1348 vlegte er nach und machte die Bulle »Quamvis perfidiam« bekannt, in der er klarstellte, dass nichts an Brunnenvergiftungen dran sei. Wer der Bulle entsprechend nicht handelte, sei von Exkommunikation bedroht. Besonders viel schien das Wort des Papstes nicht zu gelten. Im Jahr 1349 war Straßburg nicht die einzige Stadt, in der Juden getötet wurden.

Doch zurück zur Fiktion:
Ein Mädchen namens Jaelle verliert ihren Vater bei den Vorgängen in Straßburg und flüchtet aus Straßburg. In der Verkleidung eines Mannes schlägt sie sich nach Würzburg durch. Unterwegs trifft sie auf einen Mann namens Michael de Leone, der für einen Bischof arbeitet. Jaelle, die jetzt Johan heißt, erhält bei de Leone eine Stelle, mit Wissen ihrer Würzburger Ansprechpartners Rabbiner Mosche. Der verspricht sich davon wichtige Einblicke in die Vorgänge hinter den Kulissen und will vorgewarnt sein in der unruhigen Zeit.

Man kann also sagen: Ein »historischer Roman«, aber nicht in der üblichen Kostüm-Rüschen-Machart, sondern eher daran orientiert, eine Zeit und ein Thema auszuleuchten, welches nicht gerade Mainstream ist. Roman Rausch erspart den Lesern nicht die Grausamkeiten der Pogrome von 1349 und konfrontiert den Leser recht hart mit einer sehr drastischen Schilderung der Ereignisse. Im späteren Verlauf dann, wenn die Handlung in Würzburg voranschreitet, fügt er immer wieder historische Fakten ein und beschäftigt sich in einem Anhang mit dem jüdischen Leben in Würzburg. Eine Geschichte, die es so oder ähnlich in vielen anderen deutschen Städten gegeben hat.
Aber Rausch will kein Pädagoge sein und mit dem erhobenen Finger arbeiten. Er bleibt in der Sprache des Romans und versteht es ganz offensichtlich, den Leser zu unterhalten. Trotz des Seitenumfangs (512), ist es deshalb kein Mammut-Unterfangen, das Buch zu bewältigen.
Ich will mal hochstapeln und behaupten, dass Roman Rausch dem Judenweg von Ruth Weiss einen weiteren historischen Roman über Juden in Deutschland hinzugefügt hat, den man auch lesen kann.

Die Covergestaltung mit einer Seite aus der Barcelona Haggadah, die im 14. Jahrhundert entstanden sein muss, ist übrigens keine besonders schlechte Idee. Die Seiten werden später auch Trenner für die einzelnen Teile des Buches eingesetzt. Leider immer die gleiche Seite der Haggadah…

Das Buch bei amazon.

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Badatz! Update!

LexiKohn (Glossar)

LexiKohn (Glossar)

Im Oktober erschien »Badatz!« und erfreulicherweise gab es ein paar Reaktionen auf das Buch. Unter anderem hieß es im Blog des Österreichischen Jüdischen Museums, dass es vielleicht nicht so schlecht wäre, Begriffe wie Al Chet auch Nichtjuden zu erklären. Für eine Neuauflage des Buchs ist dann auch ein LexiKohn hinzugekommen, also eine Badatz-Variante eines Glossars. In diesem findet der geneigte Leser alle Begriffe, die nicht selbsterklärend sind. Auch Al Chet, Chabad oder Hawdalah.

Und um den Optimierungen noch eine hinzuzufügen: Auch dem Ruf »Support your local bookseller« wurde nachgekommen! Das Buch kann man nun über jeden Buchhändler bestellen – gegen eine Bevorratung durch Buchhändler ist natürlich auch nichts einzuwenden:
ISBN-13: 9783735722621
ISBN-10: 3735722628
Seitenzahl: 164

Deshalb gibt es das Buch nicht nur über amazon, sondern auch über buecher.de. Die e-books werden demnächst mit dem Zusatzkapitel »LexiKohn« aktualisiert.

Eine Leseprobe gibt es hier.

Vormerken! Eine Lesung im Jüdischen Museum Westfalen am 12. Juni 2014.

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Torah für Kinder

Cover von Erzähl es deinen Kindern

Da wurde eine Lücke geschlossen: Bruno Landthaler und Professorin Hanna Liss legen nach langer Arbeit eine Torah-Ausgabe für Kinder (zwischen 6 und 12) vor. »Endlich« muss man sagen. Jüdische Kinderliteratur ist ja, wegen des kleinen Markts, nicht sonderlich verbreitet.

Liss und Landthaler überarbeiteten die einzelnen Wochenabschnitte kindgerecht und fassten das Ergebnis nun als Buch zusammen. »Erzähl es deinen Kindern« ist der Titel der Reihe. Reihe deshalb, weil es am Ende fünf Bücher sein werden. Also eines zu jedem Buch der Torah.

Zu jedem Wochenabschnitt gibt es eine Einleitung, die sich vermutlich an Eltern oder Vorleser richtet. Dann ein Zitat aus dem hebräischen Originaltext und dann anschließend die entsprechende Erzählung. Mitunter kann es vorkommen, dass nicht jeder Text sich für kleinere Kinder eignet. Dieser Text wurde dann kursiv gesetzt und zeigt so, dass man ihn für kleinere Hörer überspringen kann.

An den Rändern haben die Autoren Hinweise untergebracht. Etwa Erklärungen zu einzelnen Begriffen, oder Hinweise dazu, dass der Abschnitt auch zu bestimmten Gelegenheiten in der Synagoge gelesen wird.
Zwölf Bilder des israelischen Illustrators Darius Gilmont sind jeweils auf Einzelseiten untergebracht.

Die (Vor-)Lesetexte dürften Kindern keine Schwierigkeiten bereiten und sie langsam an die Torah heranführen. Erzählt wird natürlich nicht immer der gesamte Wochenabschnitt, sondern Teile davon. Wie das für, sagen wir mal, vorschriftslastige, Wochenabschnitte gelingt, davon kann man sich schon jetzt ein Bild auf kleinetora.juedische-bibel.de machen.

Im Vorwort wird auf eine weitere kindgerechte Heranführung an das Thema Torah und Tanach Bezug genommen: 1964 hat Dr. Abrascha Stutschinsky seine Bibel für Kinder erzählt im Zürcher Javne Verlag veröffentlicht, später erschien sie auch bei Scriba Verlag Köln. Die Autoren der aktuellen Ausgabe verweisen auch auf das Alter. 50 Jahre sei der Text nun alt. Viel wichtiger ist jedoch, dass die Texte nicht nach Wochenabschnitten geordnet sind. Dr. Stutschinsky hangelt sich an den Erzählungen des Tanach entlang und verwendet diese als einteilende Abschnitte. Etwa Die Erschaffung der Welt, Der siebente Tag, Der Turm und so weiter. Das sollte jedoch aber nicht heißen, dass die Ausgabe von Dr. Stutschinsky überholt sei. Sie ist noch immer aktuell und folgt auch inhaltlich einer anderen Herangehensweise. Dr. Stutschinsky hat bei seiner Nacherzählung der Geschichten aus der hebräischen Bibel immer wieder Elemente aus dem Midrasch verarbeitet und öffnet kleinen Lesern und Zuhörern ganz selbstverständlich eine Tür zum Textverständnis, welches in der Tradition verankert und ihr verpflichtet ist.

Werfen wir doch einen Blick in beide Texte und stellen sie einander gegenüber. Dies veranschaulicht schon die verschiedenen Hintergründe.
Der Beginn des Wochenabschnitts Bereschit:

Die Bibel für Kinder erzählt von Dr. Abrascha Stutschinsky:

Vor vielen vielen Jahren gab es noch keinen Himmel, keine Sonne, keinen Mond und keine Sterne, keine Erde, keine Menschen und keine Tiere. Es gab nichts. Nur G-tt wohnte ganz hoch oben mit seinen vielen Engeln. Dort oben war es schön und hell von funkelnden Diamanten und Edelsteinen, und es ging sehr fröhlich zu, denn die Engel sangen wunderschön. Aber unten war es dunkel, kalt und still. Alles war mit Wasser bedeckt.
Da sagte G-tt einmal zu seinen Engeln:
»Ich will es auch unten schön machen.«
Und plötzlich hörte man eine Stimme:
»Es werde Licht!«
Das war die Stimme G-ttes.

(Die Bibel für Kinder erzählt, Seite 13)

Erzähl es deinen Kindern von Hanna Liss und Bruno Landthaler:

Ganz zu Anfang, als G’tt Himmel und Erde erschuf, war die Erde ganz leer, und überall herrschte Dunkelheit. Nur der Geist G’ttes schwebte über dem Wasser.
Da sagte G’tt: »Es soll Licht sein.« Und dann war da ein Licht.

(Erzähl es deinen Kindern, Seite 17)

Die Autoren nutzen durchgängig die Schreibung G’tt (mit Apostroph). Um denjenigen entgegen zu kommen, denen das wichtig ist, so heißt es im Vorwort. Im erklärenden Text zu dieser Schreibung wird G-tt jedoch mit ›o‹ geschrieben. Der frühere Düsseldorfer Rabbiner Michael Goldberger (seligen Angedenkens) frug übrigens einmal, warum wir G-tt immer mit einem Apostroph schreiben, und nicht mit einem Ausrufezeichen? Also: G!tt.

Im hebräischen Text wird ebenfalls auf das Tetragrammatons verzichtet. In der Regel heißt es ה‘. Auf dem Cover jedoch findet man das ausgeschriebene Tetragrammaton. Der G-ttesname ist, nach Moses Mendelssohn, mit »der Ewige« übertragen. Das ist, leider, die verbreitete Übertragung des Namens und deshalb auch hier zu finden. Zumindest bringt es den Vorleser dazu, zu versuchen, die Sache mit dem Namen G-ttes zu erklären. Redaktionell ist es schwierig, einem Text gerecht zu begegnen. Vor dem Hintergrund, dass zwei Juden drei Meinungen haben, muss man zunächst die Tatsache hervorheben, dass die Autoren Mut zu redaktionellen Entscheidungen hatten und nicht unsicher alle Entscheidungen auf die Leser abladen. Lediglich bei einer Entscheidung geht der Autor dieser Zeilen nicht ganz konform mit den Autoren (in aller Bescheidenheit). So bleibt die Arche Noach hier ein Schiff. Zwar erwähnen die Autoren im Text das hebräische Original (tewah), verschweigen aber, dass es sich dabei eher um einen Kasten handelte. Denn, was bedeutet Arche? Eine Frage, die mir während des Vorlesens des Textes gestellt wurde. Kasten, antwortete ich. Noachs Kasten ist aber auch nicht sonderlich charmant.

Das Layout des Textes ist robust (ebenso wie das Papier – bei Kinderbüchern ja auch ein Thema). Bei der Schrift scheint es sich um die Atma Serif zu handeln. Wie bereits erwähnt, ist zusätzlicher Text kursiv gedruckt. Das Vorwort ist jedoch in der gleichen Schrift dargestellt. Hier muss der Leser, der mehr als eine Paraschah am Stück vorlesen möchte, sich also inhaltlich erst einmal ein wenig orientieren und schauen, wo er wieder einsetzt.
An einigen Stellen setzt das hebräische Zitat am Seitenende an und wird dann in der deutschen Übertragung erst auf der nächsten Seite fortgeführt (siehe unten auf der rechten Seite auf dem Foto). Hier wurde eine inhaltliche Einheit voneinander getrennt.

Innenansicht

Der erste Band Bereschit hat 128 Seiten und kostet 24,80 Euro und das ist ein Punkt, den man kritisieren muss. Natürlich ist die Produktion eines Kinderbuchs nicht besonders günstig und der Zentralrat hat dankenswerterweise schon Geld zugeschossen, zumal die Auflage nicht sonderlich hoch sein dürfte. Allerdings bedeuten 24,80 Euro pro Band, dass man am Ende für die gesamte Torah 124 Euro bezahlt. Das ist ein recht hoher Preis und deutet vielleicht darauf hin, dass eher jüdische Einrichtungen und Gemeinden zur hauptsächlichen Zielgruppe gehören. Wer engagiert ist und das notwendige Geld in die Hand nehmen möchte, erhält eine Torah für Kinder, die sicher auch die Eltern animieren wird, sich Gedanken über den Text zu machen.