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Chanukkah – Kerzenzünden

Irgendwie schade für mich, da hätte ich gerne zwei deutschsprachige Chanukkah-Kerzenanzünde-Videos verglichen, aber eines der beiden Videos wurde von den Erstellern offline genommen. Als ich das verlinkte, war es nicht ganz unumstritten. Da wurden viele Dinge ein wenig anders gehandhabt, als man das gemeinhin so kennt. Im Deutschen ist dazu der Begriff unorthodox reserviert.
Detailfragen werden in den Kommentaren zum Beitrag damals erläutert. Nun ist das Video offline und damit ist der Markt für deutschsprachige Videos noch überschaubarer (Euphemismus).

Klar war, dass Chabad diese Lücke nun füllt (hier). Das Video ist recht Israelspezifisch und zeigt eine sehr sehr sehr ideale Familie.

Sonst scheint es nichts deutschsprachiges zu geben. Warum nicht? Wie viele rabbinische Ausbildungsinstitute gibt es mittlerweile in Deutschland? Vier? Da müsste also ein wenig mehr gehen.

Den Chanukkah-Madrich (Helfer) von talmud.de gibt es übrigens hier und hier in russischer Sprache.

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Noa(c)h

Ein Old School Bibelfilm? Willkommen zurück in den 60er Jahren!

Darren Aronofsky (Black Swan hat er gemacht, oder The Fountain) hatte das irgendwie nicht im Sinn, als er »Noah« drehte. Meint man jedenfalls, wenn man den gewaltigen Trailer sieht.
Die Handlung dürfte (hoffentlich) bekannt sein. Deshalb kann man sich auf die Umsetzung konzentrieren und schauen, was er aus dem Stoff gemacht hat.
Sind jüdische Elemente drin, oder ist die Geschichte platt erzählt? Im Trailer jedenfalls kann man schon eine gewisse Tendenz zur Orientierung am tatsächlichen Text erkennen. Da ist kein überdimensioniertes Boot unterwegs (wie dieser Unsinn hier), sondern tatsächlich ein Tewat Noach, ein großer Kasten. Dann regnet es nicht einfach nur stark, sondern ganz textsicher öffnen sich auch die Schleusen der Tiefe schleudern in den Himmel. Sieht toll aus. Mehr kann man noch nicht sagen und ist auf den Trailer angewiesen, oder den Cast. Es gibt eine Figur namens Samyaza. Ein Hinweis, dass man sich auch mit dem Buch Henoch befasst hat. Brian Godawa schreibt in seinem Blog hingegen (er las offenbar das Drehbuch), man solle nicht zuviel erwarten.
Anthony Hopkins hat Aronofsky eingespannt, Russell Crowe, Jennifer Connelly, Emma Watson und Logan Lerman. Die bewegen sich in einer Bildwelt, die ein wenig an 300 erinnert. Dazu jede Menge Tiere, wie man im Trailer bestaunen kann. Alle computeranimiert.

Am Ende des Trailers heißt es »Written by Darren Aronofsky and Ari Handel« und der Zuschauer könnte denken »Von wem war die Geschichte gleich?l«

Der Film soll am 27. März 2014 in die Kinos kommen – dann wissen wir mehr.

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Populäre Nicht-Fakten über Israel

In vielen hitzigen Diskussionen begegnet man häufig den gleichen Argumenten. Diese beruhen nicht immer auf den tatsächlichen Fakten. Häufig erwischt man sich, wie man immer und immer wieder die gleichen Dinge beschreibt. So wie die Nicht-Fakten immer und immer wieder genannt werden.
Ein paar populäre folgen hier:

Siedlungsbau

Populäre Verwendung:
Die Siedlungen stehen einem Frieden entgegen. Sie verunmöglichen Friedensgespräche.

UN Teilungsplan von 1947

UN Teilungsplan von 1947

Die Tatsache, dass Israel überhaupt als legitimer Staat anerkannt wird, dürfte der wichtigste Grund sein, aus dem die Gegner des jüdischen Staates keinen Frieden wollen.
Der UN-Teilungsplan, der am 29. November 1947 verabschiedet wurde, schuf einen arabischen Staat aus dem Nichts. Denn bis 1946 war das Land noch britisches Mandatsgebiet. Bevor die Briten kamen, gehörte es politisch zum osmanischen Reich.
Als dann aber der Staat Israel seine Unabhängigkeit ausrief, wollte man die Gunst der Stunde nutzen und den neuen Staat (der auf Grundlage des Teilungsplans entstand) und seine Bevölkerung vernichten. Die Niederlage der vereinigten Armeen schuf die Grundlage für die heutige zerfahrene politische Situation. Auch für die Flüchtlingsfrage. Hätte man 1947 keinen Krieg gegen den neuen Staat geführt, wäre die Situation heute eine andere. Man könnte auch sagen: Man hat alles auf eine Karte gesetzt und verloren.
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HaAm scheli

HaAm Scheli (mein Volk) ist ein wenig pathetisch, aber die Bildsprache ist sehr smart. Man begegnet einer Reihe von Israelis und schaut ihnen ins Gesicht. Der Musiker Lazer Lloyd singt den Song auch mit Gad Elbaz und Schlomo Katz. Dazu gibt es Untertitel (je nach Wahl – durch Klick auf »Untertitel« unten) auf Englisch, Russisch, Spanisch und Portugiesisch. Also alles recht aufwendig vorbereitet.
In Minute 3:19 wird möglicherweise erklärbar, wer sich da so viel Arbeit mit einem Musikvideo gemacht hat. Sehenswert ist es.

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JüdischesBerlin! Warum?

Innerhalb Deutschlands gibt es nur wenig Gemeindeblätter, die sich wirklich von der Masse abheben. Frankfurt hat ein hervorragendes, glänzendes, Magazin und Berlin hatte ebenfalls ein glänzendes, kurzweiliges Gemeindemagazin.
Dass man die Formate mit der Zeit ein wenig anpasst und Layouts an den Geschmack der Leser anpasst, versteht sich (hoffentlich) von selbst. Auch große Printmagazine unterliegen ja einer gewissen Evolution. Die Lesegewohnheiten der Zielgruppe ändern sich ja auch.

Nun hat Jüdisches Berlin die Gemeindezeitung/das Gemeindemagazin der Jüdischen Gemeinde Berlin gleich mehrere Stufen genommen und präsentiert sich vollkommen anders.

Bisher sah eine durchschnittliche Seite so aus:
jberlin_alt_uebersicht

Also eine leicht leserliche Serifenschrift, die Überschrift im Text. Text in vier Spalten – dreispaltig wäre vermutlich optimal gewesen. In diesem konkreten Beispiel steht der deutsche Text auf der gegenüberliegenden Seite.
Auf der Außenseite findet man die Seitenzahl mit der Nummer der aktuellen Ausgabe. So ist oben Platz für die zweisprachige Angabe dessen, was sich inhaltlich auf der Seite abspielt.

Das hat man nun geändert:
jberlin_neu

Das Layout ist nun zweispaltig und offensichtlich in Helvetica (und Arial) gesetzt. Die Seitenzahl steht dick unten auf der Seite. Hinzu kommt, dass der Text in den zwei Spalten nicht immer auf der gleichen Höhe liegt und dadurch ein wenig unruhig wirkt. Die Überschrift ist in blauer Schrift über die Spalte gesetzt. Zusätzlich ist man von einem Magazinformat (230×297) zum Format DIN A4 übergegangen. Natürlich muss dann natürlich auch der Satzspiegel nachgezogen werden. Die aktuelle Überarbeitung wirkt jedoch ein wenig radikal und macht einen weniger professionellen Eindruck als zuvor. Die Zeitschrift wirkte wertiger. Warum also die Umorientierung? Immerhin ist das eines der Gesichter, mit denen sich die Gemeinde präsentiert. Bei den eigenen Mitgliedern, aber auch nach außen.

Chabad Berlin hat vorgemacht, wie man ein DIN A4 Format mit Leben füllen könnte. Nicht sehr spektakulär, aber solide.

Falls es weitere Evolutionsschritte geben wird, wäre es vielleicht überlegenswert, einige Elemente des alten Layouts wieder zu reaktivieren?

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Verdächtige Jubiläen

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Wer mit ein wenig Verstand und Aufmerksamkeit ausgestattet ist, der hat einen Blick für bestimmte Geschäftsjubiläen.
In diesem Jahr ist es die 75. Wenn man von 2013 aus 75 Jahre zurückrechnet, landet man im Jahr 1938. Im Herbst des Jahres kamen viele deutsche Geschäftsleute günstig zu neuen Geschäften. Ein Beispiel: Schalkespieler Fritz Szepan kam so recht günstig an das Geschäft Julius Rode & Co am Schalker Markt in Gelsenkirchen. Oder Josef Neckermann, der von Siegmund Ruschkewitz dessen Textilkaufhaus in Würzburg erwarb.

Grundlage dafür war die »Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben« (RGBl. 1938 I, S. 1580) vom 12. November 1938. Mit dieser Verordnung wurde Juden der Betrieb von Einzelhandelsverkaufsstellen sowie die selbständige Führung eines Handwerksbetriebs mit Wirkung zum Jahresende 1938 untersagt. Jüdische Inhaber waren also gezwungen, ihre Geschäfte aufzugeben und weit unter Preis zu verkaufen. Für die Käufer eine bequeme Ausgangslage: Ein Verkäufer, der mit dem Rücken zur Wand steht und verkaufen muss.
In dieser Woche feierte das, sehr bekannte, Düsseldorfer Bettenhaus Hönscheidt die 75. Ein Jubiläum also. Daraufhin meldete sich die Jüdische Gemeinde Düsseldorf (siehe Berichte hier und hier) und erinnerte daran, dass das Bettenhaus keineswegs 75 Jahre alt würde, sondern eigentlich Fritz Grossmanns Familie das Geschäft 1865 eröffnet habe. Die Inhaberin wiederum sieht nichts kritisches daran. In einer Stellungnahme, die auch auf der Website publiziert wurde, heißt es, die Militärregierung und das Amt für Wiedergutmachung hätten den Fall geprüft und den Fall 1950 juristisch abgeschlossen. Was nichts am Einwurf der Jüdischen Gemeinde ändert, denn der geht es um den früheren jüdischen Inhaber.

Schauen wir mal, welche Geschäfte in diesem Jahr die 75 noch ins Fenster hängen.

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Klezmerworkshop – Rückblick

Konzert Klezmerworkshop

Der Klezmerworkshop in Gelsenkirchen in der Rückschau?
In einem Wort:
»Unverzeihlich«

Jugendliche und Kinder beschäftigten sich sechs ganze Tage gemeinsam mit jiddischer Musik, jiddischer Kultur, jüdischer Kultur, sprachen miteinander und untereinander Jiddisch, Deutsch, Englisch oder Russisch, besuchten gemeinsam Kabbalat Schabbat und ein paar Veranstaltungen. Die Jugendlichen vernetzten sich unter sich und mit Musikern wie Merlin Shepherd aus Brighton, Daniel Kahn aus Berlin (auch Detroit), Ilya Shneyveys aus Riga, Miléna Kartowski aus Paris, Jake Shulman-Ment aus New York, Diana Matut aus Halle, Deborah Strauss aus New York, Shakir Ertek aus Freiburg und Workshopleiter Andreas Schmitges. Die Jugendlichen konzentrierten sich auf ihre Instrumente, aber nutzten Tagesabschnitte auch, um in andere Bereiche hineinzuschauen. So ging es auch um Rhythmus, Tanz und Bewegung und war nicht nur ein reines Hinarbeiten auf ein Abschlusskonzert – welches natürlich auch stattfand. Es war also eine Art Musik-Machane für das einige Teilnehmer auch weitere Anfahrten hinnahmen.
Auch die Neuauflage des Workshops war eine Möglichkeit, in das bunte Spektrum der jüdischen Kultur zu schauen, welches normalerweise außerhalb des Ruhrgebiets stattfindet. Man müsste sich von hier aus dorthin bewegen, um daran teilhaben zu können.

»Unverzeihlich« also, dass es tatsächlich junge jüdische Musiker gab, die nicht den Weg in die Jüdische Gemeinde Gelsenkirchen fanden.
Wenn sich die Teilnehmer selber eine Neuauflage wünschen, ist das Zeichen genug, dass vieles richtig gemacht wurde.

Ein paar Szenen aus dem Abschluss-Konzert:

Das gleiche Stück gibt es auch aus einer anderen Perspektive (und weniger professionell) von mir gefilmt (hier).

Als Reverenz an die russische Musikkultur wurde auch eine russische Romanze gemeinsam gesungen:

Vermutlich einmalig war ein jiddischer Rap über Döner im Ruhrgebiet. Hierzu gibt es keine Aufnahmen – man hätte also selber kommen müssen…

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Daniel Kahn and The Painted Bird – Klezmer?

Irgendwann muss die Konzertreihe Klezmerwelten einfach wegbrechen und die gefällige Klezmerkost anbieten, die der Zuhörer erwartet. Fröhliches Musikantenschtetl. Bisher ist es nicht der Fall. Am Abend des 31. Oktober ging es im Saal der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen jedenfalls damit weiter, Erwartungen zu durchkreuzen und zu zeigen, dass Klezmer auch mehr kann, als irgendwie so zu tun, als sei es der Soundtrack zu einem traurigen Film über die jüdische Geschichte. Wer daran Interesse hat, dem wird gerade von Ben Becker die passende Kost serviert.

Daniel Kahn

Daniel Kahn

Letztendlich war es da nur folgerichtig, dass dann auch Daniel Kahn & The Painted Bird eingeladen wurde. Der bemühte sich redlich, zwischendurch möglichst grimmig zu wirken – ganz wie seine Songs. Keiner wollte schmeicheln oder den Zuschauer mit Nostalgie streicheln. Statt dessen zeigte er uns allen, warum Mordechaj Gebirtig ein Genie war und wie aktuell seine Texte noch heute sein können – wenn man sie gekonnt in die heutige Zeit überträgt und genau das macht Daniel Kahn mit seiner Gruppe (Hampus Mehlin am Schlagzeug, Michael Tuttle am Kontrabass, Jake Jake Shulman-Ment an der Geige). Aber nicht nur klassische jiddische Texte überträgt Daniel Kahn, sondern auch Texte von Leonard Cohen (seinem Rabbi, wie Daniel Kahn sagte) und Franz Josef Degenhardt. Dessen die alten Lieder hat Kahn ins Englische und Jiddische übertragen und mit einer zeitgemäßen Note versehen. Stets ein wenig ironisch. Bei der Interaktion mit dem Publikum fragt man sich, was er wohl von ihm hält? Kennt er die verschiedenen Erwartungshaltungen an Klezmer im Allgemeinen und an ihn im Besonderen?
Ist das noch Klezmer? Bestimmt, aber nicht der Klezmer der Celan-Feidman-Fraktion. Immer wieder warf sich Kahn in Pose, riss mehrmals die Faust nach oben und gab sich kämpferisch.
Unterstützt wurde Kahn übrigens zwischendurch von Ilya Shneyveys am Flügel und Merlin Shepherd an der Klarinette. Am Ende lud er die Kinder und Jugendlichen des Klezermerworkshops Gelsenkirchen nach vorn. Nach dem Konzert bestand kein Zweifel daran, dass den Workshop-Teilnehmer gezeigt wurde, wie man zeitgemäß mit diesem Teil der jüdischen Kultur heute umgeht.
Ein rundes Bild ergab sich auch deshalb, weil alle anderen Dozenten vor Daniel Kahn auftraten und zeigten, was sie musikalisch können. Shakir Ertek, Miléna Kartowski, Diana Matut und Deborah Strauss traten miteinander und als Solisten auf und zeigten ihre individuellen Stärken.

Anhand des ארבעטלאזע מארש Arbetloze marsch (der auch in Gelsenkirchen aufgeführt wurde) von Mordechai Gebirtig kann man ganz gut sehen, was Daniel Kahn mit den alten Stücken heute anstellt: