Zum Stand des Antisemitismus

Die ARD sendete am 28. Oktober (2013) tatsächlich einen Beitrag zum aktuellen Antisemitismus in Deutschland (hier in der Mediathek). Tatsächlich, weil man sich ansonsten öffentlich-rechtlich ja gern mit em>historischem Antisemitismus beschäftigt.
Hier war es eine ganz aktuelle Betrachtung. Dazu kommt die Tatsache, dass man die Sendung direkt nach den Tagesthemen platziert hat – sie also nicht gerade vor den Zuschauern »versteckt« hat.
Jüdische Zuschauer werden nicht viel neues entdeckt haben.
Der interessierte nichtjüdische Zuschauer hingegen konnte sich informieren lassen über Antisemitismus von Rechts, Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen, aber auch über Antisemitismus aus der »Mitte der Gesellschaft« und genau das war auch die schwache Stelle der Dokumentation. Es liegt auf der Hand, dass knallharte Neonazis auch Antisemiten sind und diesen Antisemitismus auch zum Ausdruck bringen. Die Gesellschaft weiß, dass dies gefährlich ist. In seiner ganzen Stumpfheit wird er aber ganz klar kommuniziert und man weiß (hoffentlich), dass man sich davon fernhalten sollte. Über den Antisemitismus unter bildungsfernen muslimischen Jugendlichen weiß man auch schon so einiges. Erfreulicherweise gibt es auch Initiativen dagegen, eine wurde auch vorgestellt.
Allen drei Gruppen – es fehlte noch der Antisemitismus von Links – ist gemeinsam, dass sie Israel so »kritisieren«, dass sie damit natürlich »Juden« meinen. Stereotype oder bestimmte Eigenschaften, die Juden zugeschrieben werden, werden auch auf den Staat Israel angewendet. Das bricht immer wieder hervor und die Trennung schein sehr schwer zu fallen. Ein ganz aktuelles Beispiel für das Verschwimmen der Begriffe Judentum und Israel wäre dieser Text einer Pfarrerin im Ruhestand. Dort geht es um diejenigen, die unter der Herrschaft der »auserwählten« leiden müssen.

Die drei Gruppen bekamen, gefühlt, gleich viel Zeit in der Dokumentation.

Aber: Wirklich lästig, beklemmend und beängstigend ist der Antisemitismus aus der »Mitte der Gesellschaft«, denn der macht Juden das Leben im Alltag schwer und passiert nicht so sehr offensichtlich. Die anderen beiden Gruppen sind zumindest ehrlich und sagen: »Juden? Mögen wir nicht!«
Dieser hätte mehr Raum einnehmen dürfen und vielleicht angefüttert werden können mit (weiteren) konkreten Beispielen. So war die Beschneidungsdebatte etwa kein Thema, vollkommen zurecht aber die wohlmeinenden Zuschriften von Akademikern an den Zentralrat und die israelische Botschaft.
Da werden sicherlich einige Zuschauer vor dem Fernseher genickt haben. Haben sie doch Recht, die Schreiber, werden sie gedacht haben. «Wir sind doch keine Antisemiten, aber…» Und das ist das Problem in der Mitte der Gesellschaft. Mit den Leuten, mit denen man tagtäglich zu tun hat.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ist es nicht eher so, dass die meisten Leute überhaupt keine Juden kennen ? Ich kenne keinen einzigen. Juden sind völlig unsichtbar, aber es wird so diskutiert, als seien sie an jeder Ecke.

    Der Antisemitismus kam m.E. auch daher, dass Juden auf viele geheimbündelnd wirkten. Viele hatten wohl immer den Eindruck, dass es bei Juden zwei Arten von Kommunikation gab: die zu den Nichtjuden und die zwischen Juden und dass diese zwei Kommunikationsformen sich unterschieden.

    In Wirklichkeit ist das normales Diaspora-Verhalten. Katholiken in protestantischen Gebieten, oder umgekehrt, verhielten sich kaum anders.

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