Landser und Rabbiner

Das Heftchen »Der Landser« ist eingestellt worden und dass diejenigen, die Geschichten von einer sauberen und tapferen Wehrmacht geil fanden oder finden, nun keinen Nachschub mehr erhalten, ist ausdrücklich zu begrüßen. Der »harte Nationalkitsch« ist vom Tisch.
Ohne Zweifel dürfte auch ein Teil der Leserschaft mittlerweile aus biologischen Gründen nicht mehr am Bezug eines solchen Heftchens interessiert sein. Aber Apologeten dürfte man immer finden. Es dürfte immer eine winzige Zahl Unbelehrbarer geben.
Interessant ist aber, dass Rabbiner Walter Rothschild sich dazu zählt. In der Welt bricht er »eine Lanze für den Landser« und nennt die Geschichten »authentisch und realistisch«.
Als hätte es die letzten Jahrzehnte kritischer Auseinandersetzung mit dem Thema niemals gegeben.
Anschließend argumentiert er, Computerspiele würden Gewalt ja auch verherrlichen und verschiebt so den Fokus von der deutschen Wehrmacht auf Gewalt im Allgemeinen.
Doch die Darstellung von Gewalt war nicht das Problem des »Landsers«.
Die Frage sei erlaubt, was die Provokation soll?

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon. Sein Buch »Tzipporim: Judentum und Social Media« behandelt den jüdischen Umgang mit den sozialen Medien. || Um per Mail über neue Beiträge informiert zu werden, bitte hier klicken

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Ich finde das traurig. Alles kann den Deutsch-Nationalismus fördern, jede Obsession. Einschließlich der Obsession für Bratwurst und Bier.”

    Mit diesem Zitat möchte ich die Sache etwas anders aufgreifen. Herr Walther Rothschild hat Recht damit, vor allem mit diesem Beispiel. Wie oft komme ich an Stammtischen alter Herren, Schützenvereinen usw. vorbei und kann nur den Kopf schütteln über typisch ausländerfeindliche Kommentare jedweder Natur.
    Andererseits, ein Magazin, dass sich gerade mit Geschichten aus dieser Zeit befasst und dabei auf der Seite der Verlierer steht und sich auch mit dieser Seite beschäftigt, taugt deutlich mehr dazu, die Ausländerfeindlichkeit zu unterstützen und zu schüren (natürlich auch aus dem Grund der sehr Einseitigen Perspektive) Es liegt auch hier in der Hand des Benutzers, wie beim Stammtisch.
    Als schade würde ich das verschwinden des Landsers nun nicht bezeichnen, aber die Kritische frage bleibt bestehen, ob das, durch was es ersetzt wird, nicht am Ende doch unangenehmer ist?

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  2. Der Artikel von Herrn Rothschild ist so abgefasst, dass man befürchten muss, dass es sich nicht um eine Provokation handelt. Er meint das vermutlich ernst und das darf man angesichts seiner “Argumentation” schlimm finden. Man kann sich die Situation natürlich aus der Perspektive eines einzelnen Soldaten anschauen (“Regen, Schlamm, Staub ..) und ihn bemitleiden oder bewundern. Aber darum ging es bei den Landserheften doch gar nicht. Herr Rothschild versteht offenbar nicht, dass diese Hefte, die früher einmal in jedem Kiosk aushingen, den Krieg der Wehrmacht einschließlich der SS verherrlichen und legitimieren sollten. Krieg haben schließlich alle geführt, die eine Seite hat gewonnen, die andere wohl recht unglücklich verloren. Verbrechen kommen nicht vor. Das kannte ich bisher nur vom rechten Spektrum, noch nicht von einem Vorstandsmitglied der Progressiven Juden.

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  3. Ein guter Freund hatte Viet Nam 65-75 überlebt, arbeitete an meinem Wohnort. Körperlich ging es ihm gut aber da gab es diese “unsichtbaren” Verwundungen. ich wollte helfen aber als junger Mensch versteht man manche Sachen nicht und er sagte meist auch immer diesen einen Satz: “du kannst es nicht verstehen wenn du nicht da gewesen bist”. An einem Tag gingen wir durch die Strassen, er zog ein Messer und erstach sich selbst. ich war so wütend … auf mich, auf die Welt, auf den Krieg , auf alles. Was tat ich? ich ging selbst in den Krieg und (über)lebte 10 Jahre am Stück etwas was man nie beschreiben kann wenn man nicht selbst da gewesen ist.

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  4. Wir lernen ja gerade, dass der Euro der Friedenssicherung in Europa dient. Mit anderen Worten, gäbe es kein Geld Euro, hätten unsere (ich bin ein deutscher Staatsbürger) Panzerbataillonen schon wieder den Halt erst am Wolga gemacht.
    Bundeswehr wird in die Schulen nicht reingelassen. Die Schüler können ja auf die Gedanke kommen den Russen und Amis mit gleicher Münze zurück zu zahlen und die Kapitulation für nichtig erklären.
    Es scheint als ob man sich selbst und eigenen System nichts zutraut. Das andere Geld- und schon haben wir Friedensprobleme. Kommen die Mörder (Soldaten sind es ja bekanntlich) in die Schule- und schon wird die ganze Klasse verseucht.
    Das Problem ist nicht das kleine, unbedeutende Heftchen, sondern die Gesellschaft, die das Problem mit irrsinnigen, gerade zu komischen Mitteln zu bekämpfen versucht.

    Währenddessen wirbt NPD munter weiter.

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  5. Na ja, über (‘Literatur-‘) Geschmack lässt sich bekanntlich streiten! Aber: vermutlich hat der Rabbi sogar recht wenn er meint, dass diese Stories eine authentische, realistische Komponente enthalten! Gleichwohl, lesen würde ich die Landser-Geschichten auch nicht unbedingt. Da gibt es definitiv bessere Zeitvertreibe, so z.B. Perry Rhodan Heftchen oder jaaaaa, Arzt(liebes)Geschichtchen! 🙂

    Shalom,

    Miles

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  6. Kann es eine gesunde deutsche Identität ohne die Jahre 1933-1945 geben bzw. allein aus der Täterperspektive? Wenn “Der Landser” ein Ventil für Heldenverehrung der Jahre war, dann war es gut so. Braucht man den Landser jetzt als solches Ventil nicht, weil man das Ventil nicht braucht, dann um so besser. Ich befürchte aber, dass das Klientel ins Internet und zu den relevanten rechten Kräften gewandert ist.

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  7. Irgendwie scheint hier der Faden verloren gegangen zu sein. Bei den Landserheften geht es um eine „Erinnerungsform.“ Man kann im Sinn Knopscher Geschichtsdarstellung (ZDF) alte Leute ihre Erlebnisse erzählen lassen. Auch dazu ist es notwendig, diese in den allgemeinen Kontext einzubetten, weil Erinnerungen nach Jahrzehnten von den nachfolgenden Erlebnissen verändert werden. Authentischer, weil unverfälschter, sind zeitgenössische Darstellungen, z. B. in Form von Tagebüchern oder Briefen. Selbst dann gilt es – die Aufgabe eines Historikers – herauszufinden, was daran typisch oder eher ungewöhnlich ist. Wenn wir also etwas über den Krieg erfahren wollen, wird es kaum ausreichen, uns mit einzelnen Erlebnissen zu beschäftigen. Das Ziel der Landserhefte war es aber nie, in einem solchen Sinn aufklärend zu wirken. Es handelt sich vielmehr um Tendenzdarstellungen, wo solche Erinnerungen nur instrumentalisiert wurden, um eine politische Botschaft zu verkünden. In diesem Fall geht es um die systematische Ausblendung von Kriegsverbrechen, um Wehrmacht und SS moralisch zu rehabilitieren. Wenn sich Menschen vom rechten Spektrum für diese Landserhefte begeistern, ist das nicht ungewöhnlich. Wenn es ein Vorstandsmitglied der „Progressiven Juden“ tut, deren Vorfahren zu den Opfern von Wehrmacht und SS gehörten, ist das eher ungewöhnlich.

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