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Gut – böse – gut – böse – gutbösegutbösegut…

Hebron. Israelische Soldaten patrouillieren in der Stadt. In einem der Häuser läuft der »Gangnam Style«. Sie gehen in das Haus. Drinnen läuft eine Hochzeit. Eine palästinensische Hochzeit.
Aber die Leute sind fröhlich und tanzen. Es besteht offensichtlich kein akkutes Interesse an Feindseligkeiten.
Die Soldaten scheinen das zu spüren und tanzen mit.
Natürlich wird das aufgezeichet. Diese Grenzüberschreitung ist einfach zu cool, um sie nicht zu dokumentieren.

Klingt nett. Ist es irgendwie auch. Allerdings haben die beiden Soldaten ihre Posten verlassen. Nicht so sehr smart. Und nicht nur dafür gab es massiven Ärger. Sie wurden suspendiert.
In einem Bericht des israelischen Fernsehens hieß es, dass zumindest die Gäste mit der Hamas in Verbindung stünden.
Dann die Bedenken: Man bedenke, wenn die Soldaten dies im Gaza-Streifen gemacht hätten – falls dort überhaupt jemand den »Gangnam Style« spielen darf. Dort hätte man vermutlich nach fünf Minuten die Körper der beiden Soldaten durch die Straßen gezogen. Eine Geschichte aus dem extremen Graubereich zwischen gut und böse.

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Klezmerworkshop in Gelsenkirchen

2012 kündigten die Klezmerwelten (in Gelsenkirchen) einen »Klezmerworkshop für junge Menschen« an. Das klang nicht so sehr vielversprechend, weil Klezmer in Deutschland häufig in einem negativen folkloristischen Sinne verstanden wird, dennoch haben wir unsere Skepsis überwunden und der Sache eine Chance gegeben. Insbesondere, weil die beteiligten Musiker aus vielen Ländern kamen und so ein wenig Internationalität mitbrachten.

Es kam natürlich ganz anders: Die Sorgen nach folkoristischer Kost wurden zerstreut und die Zusammensetzung der Akteure haben bewirkt, dass bestimmte Klezmerinterpretationen ihr Gojim naches Image verlieren und den Zuhörern Musik um die Ohren spülten, auf die sie nicht vorbereitet waren, aber insbesondere bei den Nichtsenioren Begeisterung auslöste (siehe etwa hier).
Die teilnehmenden Jugendlichen (mit allen möglichen Hintergründen) beschäftigten sich in kleinen Gruppen mit Instrumentalmusik, Tanz und Gesang – auch mit neuen Formen der Musik und den unterschiedlichsten Instrumenten. So kam eine Saz zum Einsatz oder die Rap-Version eines jiddischen Klassikers. Die Dozenten des Workshops formten daraus innerhalb von einer Woche eine funktionierende Gruppe. Ausdrücklich bedauerlich war die Tatsache, dass aus den Ruhrgebietsgemeinden niemand teilnahm.

Dozenten des Klezmerworkshops 2012

2013 sollten mehr jüdische Jugendliche die Gelegenheit nutzen, Kontakte mit Künstlern aus den USA und UK knüpfen zu können und vielleicht ausloten, was jüdische Kultur ausmacht. Ist Klezmer überhaupt jüdische Kultur? Wie geht man zeitgemäß damit um? Hat Jiddisch komplett ausgedient? (Warum es das nicht tut, kann man hier nachlesen)

Nun haben Jugendliche aus dem Ruhrgebiet eine zweite Chance! Vom 27.10.2013 bis zum 3.11.2013 (zweite Hälfte der Herbstferien in NRW) wird der Workshop wieder stattfinden.

Details zum Workshop kann man sich hier anschauen. Einen Flyer kann man sich hier herunterladen. Im Flyer ist auch zu finden, welche Dozenten in diesem Jahr mitarbeiten werden.

Ein (nicht professionell aufgenommenes) Video von einem Song des Abschlusskonzerts ist hier versteckt.

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Juden und Muslime in Frankreich liefern ab

Ein Schlag ins Gesicht aller, die so gerne hätten, dass sich Muslime und Juden nicht mögen (es soll da bestimmte nichtjüdische Strömungen geben, die das herbeifantasieren). In Frankreich entstanden jetzt unabhängig voneinander zwei Projekte mit jeweils zwei Künstlern. Einem jüdischen und einem muslimischen:

Der algerische Rapper l’Algerino gemeinsam mit Tal (Benyerzi):

Der marokkanische Rapper La Fouine zeigt sich zusammen mit Patrick Bruel.
Das Video scheint so gut anzukommen, dass die GEMA es schon geschafft hat, es den deutschen Zuschauern vorzuenthalten. Wer nicht aus Deutschland kommt (oder sonst an die Clips kommt), kann also hier das entsprechende Video sehen:

Natürlich kann man einwenden: »Das sind doch nur zwei Projekte!« Aber die beteiligten Rapper sind keine Unbekannten und gehen mit gutem Beispiel voran. Eventuell werden ein paar Fans mächtig sauer sein, aber das Signal ist nicht das schlechteste.

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Miqra al pi ha-Mesorah

Chumasch

Oberflächlich betrachtet, geben die meisten Torah-Ausgaben den gleichen hebräischen Text wieder. Das gilt auch für die Vokalzeichen und für die Teamim (Kantillationszeichen). Tatsächlich geht es hier ins Detail. Wenige Ausgaben sind genau gleich. Tatsächlich sind die Herausgeber der jeweiligen Ausgaben häufig auch redaktionell tätig geworden. Beispiele sind etwa Mordechai Breuer, der den Text der Ausgabe Keter Jeruschalajim editiert hat, oder die (in Deutschland gängige) Ausgabe von Wolf Heidenheim, oder auch der Tanach von Koren. Zudem gibt es noch, die bei christlichen Theologen verbreitete Biblia Hebraica Stuttgartensia, die nun ebenfalls erneut überarbeitet wurde.
Online gibt es eine Ausgabe von Mechon Mamre, zu der vermerkt ist, dass sie sorgfältig überarbeitet wurde, allerdings ist nicht ganz klar, was dort überarbeitet wurde. Wer also den Text weiternutzen möchte, darf das nicht tun, weil er mit einem Copyright versehen ist. Die anderen Texte übrigens schon gar nich und wer tippt schon den Text komplett ab?

Nun gibt es eine Ausgabe, die Miqra `al pi ha-Mesorah מקרא על פי המסורה , die sich am Aleppo-Codex und zahlreichen weiteren masoretischen Texten orientiert und den redaktionellen Prozess auch transparent gemacht hat (in hebräischer Sprache hier). Auch im Text selber wird auf Varianten hingewiesen:

maso_phrase
maso_hinweis_fussnote1

Und auch wichtig: Der Inhalt steht unter einer Creative Commons Lizenz – kann also für andere Projekte weiterverwendet werden. Einige Teile sind noch in Arbeit, aber das vorliegende Ergebnis ist bereits beachtenswert.

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App für die Mesusah

Nützlich! Mehr müsste man eigentlich nicht sagen.
Wie der Zustand des Pergaments einer Mesusah ist, ob man für eine Tür eine Mesusah überhaupt benötigt und wie man sie dann befestigt, das erklärt interaktiv eine recht neue App namens Mezuzah Guide:

meusah_guide_screenblog

Der Funktionsumfang geht so weit, dass man mit der Kamera des iPhones oder des iOS-Geräts die Tür erfassen kann und auf dem Bildschirm die optimale Position der Mesusah angezeigt bekommt.

Die App ist kostenlos, aber für den Sofer, der sie herausgebracht hat, ist sie ein neuer Vertriebsweg. Die App kann die Bestellung neuer Mesusot bei ihm, Rabbiner Jitzchok Raskin, anschieben. Die Internetseite findet man hier machonstam.com. Dort findet sich allerdings kein Hinweis auf die App.

Wer demnächst mal die Mesusot überpüfen will, oder überhaupt über eine nachdenkt, findet hier ein sehr nützliches Werkzeug.

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Die Synagogenführung

Synagogenführung!
Das kam Schmulik gerade recht. Eigentlich wollte ergar nicht ins Gemeindezentrum, aber die Gruppe stand davor und der Rabbi ebenfalls. Seitdem Katja vor drei Tagen die Tür laut hinter sich zuwarf, musste Schmulik allein durchs Leben gehen.
Die Synagogenführungen für pädagogische Seminare oder irgendwelche Kurse der Uni boten sich an, Schmuliks Zeit der Einsamkeit ein Ende zu bereiten. Jedenfalls temporär. Rabbi Silberzwajg hatte sich vor etwa 40 Menschen vor dem »Baruch Goldstein Gemeindezentrum« aufgebaut. Der Rabbi liebte diese Termine. Die Zuhörer waren brav und gaben keine Widerworte. Also ganz anders als die Gemeindemitglieder von Rabbi Silberzwajg, die nicht so leicht zu beeindrucken waren. Um die Latte gleich auf die richtige Höhe zu hängen, fiel er dem ersten ins Wort, der sagte, er freue sich auf die »Synagogenführung«. »Wenn das eine Führung ist – was bin dann ich? Der >Führer< ?! Was wollen sie mir damit sagen?« Nachdem das geklärt war, hörten die meisten Gruppen ihm widerspruchslos zu. Rabbi Silberzwajg riss, wie immer, die Geschichte der Namensgebung an. Baruch Goldstein war kein Mann aus der Gemeinde, so erklärte es der Rabbi stets, sondern ein »zionistischer Aktivist«, der leider in Ausübung seiner Berufung ums Leben gebracht wurde. Vorher hieß das Gemeindezentrum wie der langjährige Vorsitzende, das hatte seinerzeit sein Sohn, der neue Vorsitzende so beschlossen. Schmulik erinnert sich noch gern an die große Einladungskarte: »Wir laden Sie ein zur Bar Mitzwah unseres Sohnes Daniel Salomonski, in der Synagoge im Salomonski-Gemeindezentrum am Salomonski-Platz. Wir laden anschließend zum Kiddusch im Salomonski-Saal. Es grüßt die freudige Familie Salomonski«. Die Salomonskis wohnten übrigens zwei Straßen weiter - am Salomonski-Platz. Aber nicht viele Gemeindemitglieder wollten die Erbmonarchie weiter unterstützen. Die Aufstände des arabischen Frühlings machte ihnen Mut. Die Salomonskis erwiesen sich leider als härtere Gegner und so wurde es still im Salomonski-Gemeindezentrum, bis der Rabbi auf den Plan trat. Eines Tages lud er die Familie zu sich nach Hause ein. Eine Woche später verließ die Familie fluchtartig die Stadt. Herr Salomonski hatte nicht einmal Gelegenheit gehabt, dem Gemeinderat zu instruieren, wer nächster Vorsitzender werden solle. Rabbi Silberzwajg erklärte statt dessen das Prinzip der Rabbinergeführten Gemeinde und so kam es dann auch. Viel Familie hatte er nicht. Er musste einen Verwandten in Israel haben, denn stets sprach er einen »MiScheberach« - einen Segen für eine Person namens Jigal Amir »Jigal ben Geulah«. Irgendwie musste die Person ihm ja etwas bedeuten. Aus der Gemeinde traute sich aber niemand so recht, weil niemand so tun wollte, als wüsste er nicht über das Privatleben des Rabbis aus. Nach seiner Einleitung fuhr Rabbi Silberzwajg gerne mit Statistik fort und das war auch eine der ersten Fragen an ihn. Wie viele Juden leben in der Stadt? Vielen Fragestellern rutscht oft ein »noch« dazwischen - »wie viele Juden leben noch in der Stadt?« Rabbi Silberzwajg meinte, es gäbe da verschiedene Zahlen. Wenn man die nichtjüdischen Bewohner fragen würde, wären es zigtausende. Fragt man genauer, würden sie wohl sagen »zu viele«. Würde man die Gemeindemitglieder fragen, würden die wohl antworten, sie seien die letzten – es gehe zu Ende. Käme man zum Gebet, dann würde man den Eindruck bekommen 10 Juden seien noch in der Stadt. Vielleicht sind es zweitausend? Wer weiß das schon? Und wozu soll man das wissen wollen? Die Qualität sei schließlich ausschlaggebend. Wozu soll das jemand wissen wollen? Um zu schauen, ob die Stadt etwa judenrein ist? Der Rest der Führung war Standard: Kurz erklärt, warum Frauen und Männer getrennt sitzen, Torahschrank gezeigt, Fragen zur Torah erklärt, am Ende wurden noch durch einen Anwesenden »kompromittierende Stellen aus dem Talmud« verlesen zu denen Rabbiner Silberzwajg schon einen Handzettel vorbereitet hat. Den kann man für einen Euro nach dem »Rundgang« erwerben. Die Gruppe war ansonsten langweilig für Schmulik. Aber am späteren Nachmittag wurde eine weitere erwartet. Eine Gruppe von Pädagogik-Studentinnen aus der kasachischen Partnerstadt. Das fand Schmulik schon interessanter. Über das Mobiltelefon wärmte er schon einmal das Wasser im Whirlpool vor.