Superhelden-Schabbat

Schabbes! Schmulik ist bereit, denn er ist rechtzeitig aufgestanden. Und das, obwohl ihn Jacqueline die ganze Nacht auf Trab gehalten hat.

Dabei hat sich Schmulik nicht besonders viel Mühe gegeben, sie zu beeindrucken. Trotzdem war sie begeistert. Als sie erfuhr, dass ein Jude sich für sie interessierte (was man so Interesse nannte), war ihr Ehrgeiz geweckt. Davon gab es nicht mehr viele! Das war ja praktisch so, als streichelte man einen weißen Tiger. Nur ohne Allergien, Tierschützer, Siegfried oder Roy. »Judenschützer« gibt und gab es in Deutschland übrigens traditionell nicht so viele wie Tierschützer. Dafür so engagierte Damen wie Jacqueline. Sie hatte dem Wort »Walkürenritt« eine neue und tiefe Bedeutungsebene verliehen. Sie schlief nicht nur ein, sie trat regelrecht weg.

Ein kleines Problem war nur, dass die Exotenfreundin sich kein Kopfkissen gesucht hatte, sondern den Beutel, in dem Schmuliks Tallit steckte und den hielt sie mit beiden Händen fest umklammert. »Darum hätten wir zu ihr fahren sollen« dachte er noch. Aber irgendwie hatte er doch einen Restskrupel und überhaupt wollte er am Schabbes nicht fahren.

Deshalb bestimmte sie, wo es hinging. Schmulik tauschte dann, sanft immerhin, irgendwann den Tallitbeutel gegen ein kleines Kissen. Er konnte sogar weg, ohne sie wecken zu müssen. Schmulik war ganz zufrieden mit seiner Idee, die meisten Wertsachen in einem abschließbaren Raum aufzubewahren. Den Raum gab es schon lange. Er hat sich bewährt. Dort lagerte praktisch alles, was ihm irgendwie wichtig war. Stand ein Gast auf, konnte er sich frei in der Wohnung bewegen – vorzugsweise nach draußen.
Schmulik verwahrte den Wohnungsschlüssel übrigens an einem sicheren Ort. Das ersparte »ich gehe mal kurz Brötchenholen« Dilemma. Wer einmal draußen war, blieb da auch.
Aber zurück zum Tallitbeutel.
Jacqueline musste ganz schön gesabbert haben. Auf dem Tallitbeutel zeichnete sich ein fast perfekter Kreis ab. Der Speichelfleck sah so aus, als gehöre er dahin. Der Kreis umgab den goldenen Buchstaben »Schin«, der, na klar, für Schmulik, stand.
Weil Schmulik praktisch um die Ecke vom »Baruch Goldstein Gemeindezentrum« wohnte, war er zwar schnell in der Synagoge, aber trotzdem ein paar Minuten zu spät. Ungefähr dreißig. Aber sein Auftauchen blieb nicht unbemerkt, denn er war der Minjan-Mann. Er war der zehnte Mann. Eine Art Superheld also. So konnte jeder zum Superhelden werden. Eine Art Schabbes-Hulk.
Die ganze Woche über bist du ein Niemand, ein Nichts. Jemand, der ganz kleine Brötchen backt. Einer, der sich freiwillig hinten anstellt. Derjenige, der im Wartezimmer vergessen wird. Aber als Minjan-Hulk hast du Bedeutung. Du rschwingst das Ruder herum. Du bestimmst, welchen Kurs die Gemeinde einschlägt. Torahlesung oder nicht? Kaddisch oder nicht?
Alles hängt von dir ab. Wenn du willst, kannst du einfach rausgehen und die Gemeinde muss aufhören. Pure Macht über ganze neun andere Männer.

Schmulik bewegte sich also langsam auf seinen Platz zu und genoss die Aufmerksamkeit der neun Beter und der 45 nichtjüdischen Gäste. In matrixartiger Langsamkeit öffnete er den Speichel-Tallit-Beutel und entfaltete in diesem Tempo seinen Tallit. Genau auf dem Rückenteil des Tallits war auch der große Fleck zu sehen. Jacqueline machte offenbar keine halben Sachen. Nun hatte Schmuliks Tallit ein also ein Kreismuster, ein temporäres Brandzeichen seines Schabbes-Gastes.

Der Rabbiner musste irgendwann bemerkt haben, dass der Schabbes-Hulk im Haus war. Schmulik nickte huldvoll. Aufmerksamkeit aller Anwesenden war besser als eine Droge.
»Komm beim nächsten Mal gefälligst pünktlich. Eine Frechheit ist das« war die Ansage des Rabbiners, der sich also überaus dankbar zeigte, dass Schmulik den Minjan gerettet hatte. Der Hulk wurde grün, aber vor Ärger.
»Ich kann auch gehen« wollte er sagen, doch da entdeckte Schmulik unter den weiblichen Gästen eine nette Rothaarige.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nicht nur der Seltenheitswert sondern auch die auf jeder Party spätestens nach dem dritten Sekt diskutierte Frage, ob beschnittene Männer viel länger für den „Walkürenritt“ zur Verfügung stehen, dürften es für Schmulik einfach gemacht haben. Damit hat die Geschichte zwei Helden, Schmulik und Jacqueline. Denn diese Frage auf der nächsten Party nach dem fünften Sekt beantworten zu können, rangiert auf der Heldenskala gleich nach Sex mit einem katholischen Priester.
    Alles schon erlebt, worauf ich mal wieder glücklich war, nie Sekt zu trinken, sondern gleich mit dem Schnaps anzufangen.

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    • Dabei ist die Antwort doch recht schwierig: Länger als wer? Die konkrete Vergleichsmöglichkeit dürfte doch fehlen… die kann vermutlich nur der weibliche Part klären. Aber wie ist es bei Statistiken? Man benötigt erstmal eine ausreichend große (repräsentative) Testmenge 😉

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