Frauenzeitschriften

Schmulik schüttelte den Kopf.
Tanja, dieses einfältige Ding! Mit Kuchen und Torten kannte sie sich aus. Keine Frage! Selber Sahnestück, die Kleine! Aber Politik war nicht ihr Feld. Sie hätte irgendwo gelesen, dass diese »Frau«, die da in München vor Gericht steht, weil sie als rechte Terroristin unterwegs war, ihren Geburtsname mit einem beliebten Rabbiner aus dem Ruhrgebiet teilte. »Lass sehen, Kleine.« Wikipedia. Tatsächlich! Schmulik musste schmunzeln. Aber es kam noch besser. Das stand jedenfalls in der Wikipedia. Ihr Vater sei ein Rumäne. Was waren das für Zeiten? Eine Frau, die so heißt wie ein Rabbiner und deren Vater aus Rumänien stammt, wollte das arische Blut vor dem Untergehen bewahren? Auf der anderen Seite: Bei facebook hatten Schmuliks Freunde gemeldet, dass bei der großen Tombola für Sitzplätze im Gerichtssaal die »Brigitte« dabei war. Frauenzeitschrift also. Tanja kannte die nicht. Tanja las nur das jüdische Frauenmagazin »Rachel« – ohne den ganzen feministischen Schnickschnack. Ja dann würden wir ja demnächst lesen, was die Angeklagte vor Gericht getragen hätte und dann? Selbst gestandene Journalisten schrieben das. Wenigstens waren sie nicht der Meinung, in einer Zeitschrift wie Brigitte könnten Frauen ernsthaften Journalismus betreiben. Nur weil Tanja in Moskau ein Fach namens »Politik« studiert hatte, bedeutete das ja auch nicht, sie hätte Ahnung von Politik. Von Kuchen aber recht viel.

Nach dem ersten Prozesstag fand Schmulik die Kleidungsinfos in der Süddeutschen und der Bild, aber nicht in der Brigitte. Übrigens hatte Schmulik vor einigen Jahren erfolglos versucht, mit einer Redakteurin der Brigitte ins Gespräch zu kommen. Er hatte sich als Lea Zitronenbaum ausgegeben und angeboten, einen Artikel darüber zu schreiben, wie großartig es sei, einen Seitensprung mit einem deutschen Juden zu wagen. Das würde so einiges wieder gut machen und so die kleine Sünde Seitensprung praktisch neutralisieren. Lea Zitronenbaum empfahl ein Gespräch und eine »Testfahrt« mit Schmulik sehr. Die Redakteurin kannte Schmulik aber schon. Die hatte er wohl mal nach einer Synagogenführung abgefischt und hatte seinen Namen nicht mehr in der besten Erinnerung. Also hier kein Artikel.

Tanja meinte, sie würde es nicht wundern, wenn in zwei Wochen niemand mehr über die Angeklagte spräche, weil Prozesse langfristig einfach nicht interessant seien. Aber was wusste die schon?

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

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