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Jüdischer Friedhof in Dortmund-Hörde

Im Ruhrgebiet trifft man auf Spuren jüdischen Lebens vor der Schoah, wenn man genau hinschaut. Zwischen, oder in, Wohngegenden jeweils kleine Zeugnisse. In vielen Fällen sind es Friedhöfe. Häufig verschlossen. Vor allem in den Städten, die aus mehreren kleineren Ortschaften zusammenwuchsen, können es mehrere sein. In Dortmund etwa. Der Stadtteil Hörde ist ein solcher Fall. Hier wohnte, urkundlich erwähnt, um 1500 mindestens eine jüdische Familie. 1911 entstand im Hörder Kampweg ein Friedhof, der einen wesentlich älteren ersetzte. Dieser ältere musste dem Phönix-Stahlwerk weichen. Vorhandene Grabsteine und die sterblichen Überreste der Beigesetzten des alten Friedhofs wurden hierher überführt. Während der Schoah wurde der Friedhof teilweise von den Anwohnern als Garten benutzt und einige Steine entfernt. Nach dem Krieg wurde das, was noch herzustellen war, wieder hergestellt.

Einige der alten Steine vom alten Friedhof stehen nun an der Friedhofsmauer in der Hörder Kampstraße. Einer davon ist dieser:
Matzeva on the jewish cemetery of Dortmund Hörde

Man kann erahnen, wie viele Gräber nicht wiederhergestellt werden konnten:

Jewish cemetery Dortmund-Hörde

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Sein Tscholent komme über sie

Am Morgen wachte Schmulik schweißnass auf. Zitternd griff er nach der ersten Zigarette des Tages.
Er hatte vollkommen wirr geträumt. Irgendeines der Wodka-Gläser am Abend, musste eines zu viel gewesen sein. Nachdem er die Fernsehdiskussion Die Deutschen wollen keine jüdischen Nachbarn sind sie deshalb Antisemiten? gesehen hatte, wollte er die schlechte Performance seines Bruders in der Sendung runterspülen.

Seit Rachel ausgezogen war und sich mit dem Satz Ich brauche meinen Freiraum verabschiedet hatte, fand Schmulik wieder den tiefsten Schlaf, den er sich vorstellen konnte. In seinem Traum hatten Laienschauspieler nun auch im Ruhrgebiet Passionsspiele eingeführt. Die wundersame Heilung eines leprösen Blumenverkäufers am Hinterausgang des Bahnhofs hatte dazu geführt, dass sich eine Gruppe von Neubekehrten und Neugetauften dazu verpflichtete, nun jährlich die Passion des Erlösers nachzuspielen.
Im Gegenzug erwarteten sie, dass der Erlöser sie vor weiteren Krankheitsfällen verschont.
Nach überlieferten Vorbildern, zog nach der Vorstellung ein wütender Mob mit Fackeln durch die Stadt. Um der Modernität Rechnung zu tragen, hieß der Slogan statt Christus-Mörder nun Christ-Killer. Und aus Ermangelung an jüdischen Mitbürgern wurde alles Mögliche angezündet, was irgendwie im Weg herumstand.
Bis sich jemand an Schmulik erinnerte. Sein Leserbrief an den Ruhrgebiets-Beobachter, in dem er forderte, das Stadion der Stadt müsse nach Theodor Herzl benannt werden, wurde von der umsichtigen Redaktion ausnahmsweise mit voller Adresse abgedruckt.
So versammelten sie sich schließlich vor Schmuliks Haustür, kamen aber nicht rein. Schmulik öffnete nicht. Statt dessen skandierten sie unten Sein Blut komme über Dich und der blonde Christus-Darsteller wurde auf das Kreuz gebunden und in die Höhe gereckt. Der Bursche tat Schmulik im Traum ein wenig leid. Wusste er vorher, worauf er sich da eingelassen hatte?
Sein Blut komme über Dich, sein Blut komme über Dich. Beängstigend fand Schmulik das. Für den blonden Jesus. Immerhin ging es ja um sein Blut.
Vorerst wollte Schmulik den Mob ruhig stellen und entschied sich dafür, dass sein Tscholent stattdessen über sie kommen sollte. Als er gerade auf dem Weg zum Ofen war, um den Tscholent zu holen, erwachte er und schreckte hoch. Es war nur ein Traum!

Als Schmulik in die Küche kam, hatte Olga schon das Frühstück vorbereitet. Olga hatte er kürzlich beim Seder abgeschleppt. Ein guter Fang für ihn.
Nach dem ersten Aufruf von WhatsApp, um zu sehen, ob sich die rothaarige Tanja vielleicht gemeldet hatte, die er beim zweiten Seder traf, las er die Nachricht von Mustafa. Dem Fotografen. Er käme heute Abend in die Stadt. Hat einen Auftrag.

Soll die Premiere von Passionsspielen im Ruhrgebiet fotografieren.

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Die Rabbinerkonferenzen – Freunde?

Briefwechsel Rabbinerkonferenzen

Eine ganze Zeit lang gab es in Deutschland zwei Rabbinerkonferenzen. Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz der orthodoxen Rabbiner und die Allgemeine Rabbinerkonferenz für die meisten Rabbiner, die nicht Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz sind oder waren und zu verschiedenen Strömungen des Judentums gehören.

Wenn man gewisse Spannungen erwartet hätte, hätte man sie natürlich hier erwartet. Doch mit der wachsenden Anzahl von Chabad-Rabbinern, wurde eine weitere Rabbinerkonferenz begründet, die allerdings Deutscher Rabbinerrat heißt. Weil von der wachsenden Anzahl von Chabad-Rabbinern die Rede war, ist klar, zu welcher Strömung die Mitglieder dieser Konferenz größtenteils gehören: Zu Chabad.
Es hat den Anschein, als sei das notwendig geworden, weil die Orthodoxe Rabbinerkonferenz keine Chabad-Rabbiner aufnehmen wollte.

Die beiden Organisationen existierten ersteinmal unabhängig voneinander und dann muss es Widerstand gegen die Formierung des Rabbinerrates gegeben haben, denn, so berichtet jedenfalls Chabad, wandte sich jemand offenbar an das Oberrabbinat des Staates Israel, genauer gesagt, an den sefardischen Oberrabbiner Schlomoh Amar und der wiederum wandte sich mit einem Brief an Chabad.

I turn to you, dear Rabbis of Germany, and call upon you to try and find what unites the Jews for the sake of G-d, and not what causes Machlokes (Chas V’Shalom). It is befitting for the honor of Torah that all Orthodox forces in Germany united together and work hand in hand in the face of the challenges and important missions which are facing you, and I do not see any obstacle in your path.
Auszug aus der englischen Übersetzung von hier

Chabad wiederum antwortet darauf und lässt wenige Fragen bezüglich der Einschätzung der Orthodoxen Rabbinerkonferenz offen:

It is true that Germany has an organization of modern-Orthodox Rabbis known as the ORD, which unites the Rabbis of the official communities, but for some odd reason this organization is only willing to accept Rabbis of official communities, and is steadfastly refusing to accept religious Rabbis, leaving the vast majority of religious Rabbis without any central body supporting them.

This is not the place to present all the shameful episodes and harrassment which the ORD has given to Rabbis who tried to join their ranks, we will just present a few short points, and hopefully at some point the Rabbi will grant us the opportunity to present the complete picture.

The Rabbi is surely aware of the sad situation in Germany, which has official communites which are affiliated with the Reform movement, and some communities which are „united“ (that have both an orthodox and reform departments), but even the latter do not follow the Torah way.
Auszug aus der englischen Übersetzung von hier

Der Autor des Artikels, Shalom Abramowitz, zeigt ebenfalls eine klare Haltung zur religiösen Ausrichtung der ORD:

The genuinely Orthodox Rabbis (including Chabad Rabbis) have been trying as much as possible to influence their local communities to adhere to Halachic standards and to to fall for any Reform-Style ideas presented by the ORD.
von hier

Eines steht fest: Langweiliger ist es durch den Zuwachs nicht geworden.
Doch die Differenzen werden vermutlich nicht durch das israelische Oberrabbinat gelöst werden, sondern irgendwann die Tatsache, welche der beiden Konferenzen tatsächlich mehr Einfluss auf ihre Anhänger haben.

Warum man sich übrigens an das Rabbinat des Staates Israel wendet, ist mir noch nicht so ganz klar. Es ist ja für den Staat Israel zuständig und nicht für Deutschland.

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Ungelöste Probleme an der Kotel

Kotel jerusalem
Bild von Juan Reyero (flick.com) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons

HaKotel – die Westmauer. Früherbeteten da Frauen und Männer gemeinsam und später wurde eine Mechitze eingezogen. Seitdem beten Frauen und Männer schön getrennt. Das wird nicht unbedingt in Frage gestellt, vielmehr die Tatsache, wer auf dem Platz vor der Westmauer bestimmt, was geschieht. Besser gesagt: Welche religiöse Gruppe entscheidet, wie man sich dort zu verhalten hat?
Ein Name, der einem ständig in diesem Zusammenhang begegnet ist, Anat Hoffman. Sie steht dem Israel Religious Action Center der Reformbewegung vor und engagiert sich für die Women of the Western Wall. Zu Rosch Chodesch, also zum Beginn des neuen (jüdischen) Monats, treffen sich Frauen, um an der Westmauer gemeinsam zu beten. Allerdings tragen sie auch Tallitot und wurden dafür verhaftet. Während sie dort beten, werden sie übrigens gerne mal von der anderen Seite gestört ist wohl doch zu interessant, was auf der anderen Seite der Mechitze, im Frauenteil passiert. Wenn man dort ist, um zu beten, sollte man das auch machen.
Heute begleiteten die Damen auf der anderen Seite die drei Männer von dem bekannten Bild der Soldaten, welche die Westmauer befreiten. Dennoch gab es wieder Verhaftungen. Die Begleitung durch die Helden war öffentlichkeitswirksam. Lösen wird sie das Problem nicht.

Die Befreier der Kotel, so heißt es auch bei viele Kommentaren, etwa bei facebook, hätten die Westmauer nicht dafür befreit. Gemeint ist eine Exklusion der Frauen. Sie dürften selber bestimmen, was sie tun und was nicht. Und genau das scheint das Hauptanliegen der Women of the Western Wall zu sein. Nicht etwa das Gebet, oder die Verbindung mit dem Ort und das scheint mir problematisch. Das Mission Statement jedenfalls sagt nur aus, dass man das Recht auf etwas habe. Es scheint weniger um die Inhalte zu gehen, als vielmehr um die Haltung gegen eine andere Gruppe.
Die eine Gruppe hat offenbar die Agenda klarzustellen, dass es da Gruppen gibt, die Frauen nicht das Tragen von Tallit und Teffilin zugestehen. Diese Gruppen gibt es tatsächlich. Aber das anzunehmen, ist vermutlich ihr Recht, auch wenn man es nicht mag. Genauso, wie die Women das Recht sehen, dies zu tun.

Das ungelöste Problem ist: Wie bringt man alle diese konkurrierenden Ansichten an dem öffentlichsten Ort des Judentums zusammen? Das bleibt das ungelöste Problem. Hoffen wir, dass alle Akteure an einer Lösung interessiert sind.

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Missionare unterwegs

Die interessantesten Themen kommen häufig von den Lesern und Kommentatoren. Hier hat Elzer zum Thema aktive Mission kommentiert. Allerdings geht es um Mission durch Juden.

Eine Gruppe, die sich Birkath Avraham nennt, macht Werbung für das Judentum, oder besser, für ihre Interpretation von dem, was sie unter Judentum versteht. Die Argumentationsweise erinnert ein wenig an die vielen salafistischen Videos, die für den Islam werben, oder das, was die Salafisten für den Islam halten. Alles schön einfach gehalten und die Argumente sind eher, naja, das soll jeder selber entscheiden:

Unterm Strich wirkt das alles irgendwie verbissen und angestrengt. Vielleicht doch keine so schlechte Idee, eigentlich nicht zu missionieren, sondern erstmal ein gutes Vorbild zu sein.

Die Gruppe hat auch einen Siddur hochgeladen – den kann man hier einsehen.

Einige Argumente wurden bereits hier diskutiert, zu Elzers ursprünglichem Kommentar.