Das ist Hawaii

Die Debatte um die Beschneidung, in den Feuilletons und den tagespolitischen Seiten hat bemerkenswerte Reaktionen hervorgerufen. Reaktionen vor allem dort, wo Leser sich zu Wort melden können.
Nach kurzer Lektüre dieser Reaktionen könnte man zu folgendem Ergebnis kommen:

Deutschland ist im Prinzip für Juden wie Hawaii: Ein smarter Ort. Fast ein Paradies. Doch unter der Oberfläche brodelt es und es kann einem alles um die Ohren fliegen.

Es braucht keinen Grund, lediglich einen Anlass. Beginnend mit den besserwissenden Bevormundungen in religiösen Fragen Das brauchen sie gar nicht um jüdisch zu sein, fortschreitend mit einer besseren Einsicht in das eigene Leben. Das Jahrhunderte alte Muster wiederholt sich:

Ihr braucht Blut für Mazzen
Uns ist der Blutgenuss verboten
Ihr braucht es trotzdem für Mazzen
Nein
doch
Jetzt:
Ihr Barbaren schadet Euren Kindern
Wir haben 3700 Jahre Erfahrung mit der Beschneidung. Es schadet nicht. Jedenfalls haben wir keine schlechten Erfahrungen gemacht.
Tut es doch. Ihr habt keine Ahnung

Die Wörter archaisch und barbarisch machen wieder die Runde. Da ist es wieder, das Judentum als negative Symbolfigur zum eigenen positiven Selbstbild.
Nicht unbedingt nennen muss man die Beiträge in denen es um jüdische Funktionäre, dem Stop des jüdischen Einflusses auf die deutsche Gesetzgebung und einige andere alte Hüte, die an den Anlass angepasst worden sind.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

72 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Heiner Geißler (immer noch CDU?!) im Berliner Kurier neulich: die Juden habe „ein absurdes und perverses Gottesbild“.

    Folglich sollten wir unser Gottesbild schnellstmöglich ändern und uns dafür bei Heiner entschuldigen, oder?

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    • … die Juden haben ein absurdes und perverses Gottesbild…

      stimmt auffallend! Übrigens genau wie auch ‚die‘ Christen, ‚die‘ Muslims, ‚die‘ Hindu, ‚die‘ Bahai … you name it! 🙂

      Shalom

      Miles

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    • Den erwähnen Geißler Artikel gibt es hier .

      Schon interessant, dass er den Islam gar nicht erwähnt, obwohl es in dem Kölner Urteil ja zunächst um einen muslimischen Jungen ging. Ist vielleicht auch irgendwie gesünder, dem Islam nicht ein „absurdes und perverses Gottesbild“ zu unterstellen.

      Apropos: Ist er nicht Katholik? Ist ihm klar, wie unsere Gelehrten Dreieinigkeit etc kategorisieren, nämlich als ????? ????

      Nicht sehr charmant von ihm, ausgerechnet von völkischer Einheit zu sprechen…

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    • Genau genommen, hat er dieses Gottesbild nur in Frage gestellt und persönlich bewertet, das aber durchaus polemisch, indem er die Wertung („absurd“) vor die Sachinterpretation („pervers“, gegen die Natur) stellt. Die Wertung wäre aber nur durch die Sachinterpretation verständlich.

      Die Vorstellung wäre ja, Männer haben eine Vorhaut, damit sie abgeschnitten werden kann. Aus bloß biologischer Sicht wäre das wohl nicht erklärbar. Normativität kommt hier ja nur dadurch ins Spiel, dass man sagt, es handle sich hier um ein göttliches Gebot, dass nicht in Frage gestellt wird, auch wenn es widersprüchlich erscheint.

      Das Lustige ist doch: Runtergebrochen müsste Geissler die Meinung kritisieren, dass das Verhältnis zu Gott durch Rituale beeinflussbar ist. Das ist aber in allen Religionen verbreitet und es wäre daher eine sonderbare Ansicht eines Katholiken.

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      • „durch Rituale beeinflussbar“:
        Woher anders als aus der jüdischen „Bibel“ stammt das Wissen über G-tt? Dort wimmelt es von
        a. „Geboten“: nach jüdischer Zählung 613), nicht „10“, wie der europäische Volksmund zu wissen sich einbildet;
        b. Ermahnungen und gar Drohungen, diese einzuhalten.

        Wir mögen das Wort „Ritual“ übrigens nicht besonders. Sicher keine gute Übersetzung für ????, „mitzvah“.

        „Aus bloß biologischer Sicht“:
        Ist das nicht genau der Punkt der religiösen Lebensweise? Sich über vermeintliche „Gesetze“ von „Natur“ und „Geschichte“ hinwegzusetzen? Ginge es nach den „Gesetzen der Geschichte“, wären wir, „das Schaf unter 70 Wölfen“, längst nicht mehr da. Ginge es nach dem „Naturgesetz“, nach dem „survival of the fittest“, müßte ein jeder sich so rücksichtslos wie möglich verhalten….

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        • Ich wollte nur aufzeigen, dass hier doch ein Konflikt zwischen religiöser Auslegung des Zwecks der Vorhaut und biologischer gibt. Schließlich haben auch andere Tiere eine Vorhaut und wohl kaum aus religiösen Gründen.

          Und natürlich ist bloßer Rationalismus oder bloße Interpretation der Religiösität auf naturwissenschaftlicher Basis ungeeignet, das Wesen der Moral und der Religion zu erfassen. Aber ich denke nicht, dass es um die Überwindung dieser Denkarten gibt.

          Aus meiner Ansicht als Philosoph kann man moralische Richlinien selbst ableiten. Die Religion, der ich von Haus aus nahe stehe, hat meines Erachtens keine Lösungen für meine Probleme. Unabhängig davon, rätselt der Mensch doch immer: Wo soll das alles hinführen? Und hier kommt die Gottes-Idee ins Spiel:

          Die einen glauben, alles werde gut, wenn man beschnitten ist und Geboten folgt, über deren Rechtmäßigkeit man sich keinen Kopf machen muss, weil sie Gott gegeben sind; die anderen erwarten jeweils 144 Jungfrauen, weil sie für den richtigen Verein spielen, noch andere glauben daran, dass ihr Seelenheil erst nach ihrem Tod übers Fegefeuer erreicht werden kann. (Und jeder sagt über den jeweils anderen, dass seine Ansicht Unsinn sei.)

          Sie kriegen aus moralischem Ergründen Handlungsregeln heraus, das funktioniert. Aber es kann ihnen niemand sagen, ob die Befolgung dieser Regeln, die schwieriger ist als würde man alles im Leben ökonomisch zu nutzen versuchen, für sie letzten Endes gut ist. Dafür nimmt jede Religion den obersten Schöpfer (und jeder, der sich Atheist nennt, müsste mir erklären, woher er seinen Optimismus nimmt).

          Das ist alles einigermaßen unproblematisch, so lange andere nicht angegriffen werden. Und wenn in der Beschneidungsdebatte Diskutanten auftreten, die eben dies behaupten, dass andere angegriffen werden (auch wenn jedem klar ist, dass das hier nicht bezweckt wurde), dann sollte man inhaltlich darauf eingehen.

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          • „auch andere Tiere“
            Die offensichtliche Erwiderung darauf erspare ich uns hier mal.

            Das ist doch genau der Punkt der religiösen Weltschauung und Lebensweise: Wir haben das Potential und daher die Verfpflichtung, uns über unsere tierische Seite hinauszuentwickeln. Und genau dafür ist die Beschneidung ein Symbol.

            Dazu noch folgende wahre Geschichte:
            Ein bekannter Rabbiner (R. Yaakov Kamenetzki) sass im Flugzeug neben einem prominenten sekulären Wissenschaftler. Der Enkel des Rabbiners reiste mit und behandelte seinen Grossvater mit grosser Ehrerbietung und grossem Zuvorkommen. Der Wissenschaftler war beeindruckt und klagte sein leid: „Meine Enkel wollen nicht viel mit mir zu tun haben, ausser vielleicht es gibt Geschenke. Für die bin ich einfach nur altes Eisen. Wie machen Sie das?“
            „Wir glauben an das Konzept von ????? ??????, den Niedergang über die Generationen. Für meinen Enkel bin ich zwei Generationen näher am bedeutendsten Ereignis der Weltgeschichte, der Offenbarung am Sinai. Für Ihren Enkel sind Sie zwei Generationen näher am Orang-Utan. Warum sollte er Sie dafür respektieren?“

            „als Philosoph kann man moralische Richlinien selbst ableiten“
            Dass es einen angeborenen Sinn für Moral/Ethik gibt, setzt die Bibel offensichtlich als gegeben voraus. Das erklärt beispielsweise, warum die Generation von Noach für ihr Fehlverhalten gestraft wurde, obwohl noch über 1000 Jahre und viele Generationen bis zur Offenbarung und Gesetzgebung am Sinai vergehen sollten.
            Das Geben von „moralischen Richtlinien“ per se ist nicht der springende Punkt. Vielmehr ist es ein neuer Weg, diese Dinge tief zu verinnerlichen und sie zu tun, weil man ihre Richtigkeit erkennt, nicht bloss weil man sich vor weltlicher Strafe fürchtet. Der Unterschied ist: Wie verhält man sich, wenn es keine irdischen Zeugen gibt?

            „Geboten folgt, über deren Rechtmäßigkeit man sich keinen Kopf machen muss, weil sie Gott gegeben sind“
            Das ist ganz falsch. Man muss sich einen Kopf darum machen, und wie! „Torah lernen“ ist das wichtigste und zeitintensivste Gebot. (Noch) nicht verstehen entbindet in der Tat nicht von der Erfüllungspflicht, aber blinder und dumpfer Gehorsam ist das genaue Gegenteil von dem, was angestrebt wird, siehe zuvor.

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            • Geboten folgt, über deren Rechtmäßigkeit man sich keinen Kopf machen muss, weil sie Gott gegeben sind

              Ergänzend:
              Als G-tt ankündigt, „Sodom und Gomorrha“ zu zu zerstören, was macht Abraham? Er protestiert und argument dagegen! Mit Erfolg!
              Als G-tt ankündigt, nach der Sünde mit dem „goldenen Kalb“ das jüdische Volk auszulöschen, was macht Moses? Er protestiert und argument dagegen! Mit Erfolg!
              Und um dem ganzen die Spitze auf zu setzen: Lies mal „Hiob“!

              Antworten

              • Ich bin kein Mediziner, aber nehmen wir an, auch für Säuglinge ist die Beschneidung sehr schmerzvoll. Sicher anders als für Erwachsene, aber bei denen muss auch nicht die verklebte Vorhaut abgerissen werden. Vielleicht sogar traumatisierend, aber ich bin da auch kein Experte.

                Hätte Abraham nicht gegen die Beschneidung protestiert, wenn er über das Ausmaß der Schmerzzufügung besser informiert gewesen wäre? Vielleicht hätte er ein anderes Ritual ausgehandelt ;-).

            • Mit allem einverstanden. Mit meiner knappen, saloppen Bemerkung (für die ich mich gerne entschuldige, aber Blogkommentare haben die Eigenschaft verkürzend zu sein) meinte ich nur die Beschneidung.

              Nach moralischen Normen handeln, „weil man ihre Richtigkeit erkennt“ – wunderbar. Aber wie erkennt man die Richtigkeit? Nach der Einsicht in eine Regel oder nach einem dogmatischen Gebot? (Der Papst meint, den Dogmatismus in der KK umschiffen zu können, indem er sagt, die grundsätzliche Befolgung moralischer Gebote sei dem Menschen ins Herz geschrieben. Mich überzeugt dieser Satz nicht.)

              Dass moralische Gebote gelehrt werden sollten, denke ich auch. Ich denke ebenso, dass es bei dieser Diskussion im Kern nicht um die Frage nach Religiösität, Religion oder Bekehrung geht, wie es hier und da anklingt.

              Der Haken in der Diskussion ist nur das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Man sieht auf einmal, dass dieses Recht, dass vor bösartigen Übergriffen schützen soll, mit religiösen Beschneidungen in Konflikt gerät. Wenn Sie sagen es ist ein Symbol, sagt ihr argumentativer Gegenpart: Man braucht kein Symbol, der Unterricht reicht. Außerdem bestehe eine Rechtsverletzung und diese wiegt schwerer als ein symbolischer Akt.

              Man kann gegen den Rechtsstaat argumentieren (was schwierig ist, wenn man sich auch als Teil dieser Rechtsgemeinschaft versteht) oder dieses eine Recht. Für eine Ausnahmeklausel scheint mir doch sehr schwer zu argumentieren zu sein (wobei ich glaube, dass es politisch so laufen wird, dass ein Gesetz gemacht wird, gegen das kaum jemand klagen kann.).

              Meine persönlichen Bedenken gehen auf das dogmatische Festhalten der Beschneidung im Einklang mit der Ausgrenzung Nichtbeschnittener (aber ich habe herausgehört, dass innerhalb des Judentums unterschiedliche Meinungen bestehen.). Der Neffe meiner Freundin ist nicht beschnitten worden, weil seine Mutter bei einer Beschneidung anwesend war, und sie den Akt abstoßend fand. Ich verstehe das, finde es dennoch schade, dass er damit einen Abstand zu seinen Wurzeln hat. Aber das ist nur eine persönliche Ansicht, sie soll niemanden kränken.

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              • „nehmen wir an, auch für Säuglinge ist die Beschneidung sehr schmerzvoll“
                Ich habe da sehr grosse Zweifel. Ich persönlich war bei mehr Beschneidungen anwesend als – so vermute ich – die meisten anderen hier addiert. Nicht nur das, ich hatte öfters das Privileg, derjenige zu sein, der das Baby hinein- und für unsere Debatte wichtiger: wieder herausträgt. Auf der Basis behaupte ich: Es ist ziemlich harmlos.

                „Man braucht kein Symbol, der Unterricht reicht.“
                Die Vermutung liegt nahe, aber die Empirie legt deutlich das Gegenteil nahe.

                „innerhalb des Judentums unterschiedliche Meinungen“
                Da wäre ich vorsichtig. Daraus, das individuelle Juden, in der Regel ohne religiöse Bindung und meist fast ohne religiöses Wissen, andere Meinungen äußern, macht daraus noch keine Meinung innerhalb des Judentums. Siehe auch die Hinweise von Chajm und Schula unten.

              • Hallo Carsten,
                vor der Beschneidung gab es die rituelle Opferung des Erstgeborenen, wie ja zu lesen ist.
                Die Brith ist demgegenüber auf jeden Fall das menschlichere Ritual. Wie auch die gesamte Kashruth hatte und hat die Beschneidung der Vorhaut einen unzweifelhaften Hygieneeffekt unter den klimatischen Bedingungen der gesamten Region des Nahen Ostens, Nordafrikas und Vorderindiens. In der Antike und auch bis heute ist es effektiver, kluge und vorausschauende Regeln als göttliche Gebote denn als weltliche Erlasse zu veröffentlichen. So archaisch kann das Gebot der Brith nicht sein, denn auch ohne religiösen Auftrag sind mehr nichtjüdische und nicht muslimische Jungs und Männer beschnitten denn jüdische und muslimische. Der im Judentum verbindliche 8. Tag ist der Tag, an dem die Beschneidung mit dem geringsten Risiko durchgeführt werden kann. Je später desto höher das Komplikationsrisiko. Insofern sehe ich als Jude durchaus einen Reformdruck in der Praxis der Beschneidung, doch das eher bei den Muslimen. Der Hygieneaspekt mag angesichts der Möglichkeiten in der 1. Welt sich regelmäßig gründlich zu waschen nicht mehr so vorherrschend sein. Global und religiös betrachtet kann da aber nicht differenziert werden. Offen bleiben medizinisch und empirisch seriös ermittelte Ergebnisse über ein mögliches Trauma bei einer medizinisch nicht indizierten Beschneidung. Zeigen solche Ergebnisse auf, dass es tatsächlich eine Beeinträchtigung gibt, dann muss die Praxis der Brith revidiert werden, denn insbesondere für das Judentum steht die Gesundheit und das Unterlassen jeglicher Schädigung Anderer an oberster Stelle. Bisher wurde zumindest im Judentum die Brith nach bestem Wissen und Gewissen durchgeführt was bedeutet, dass dieses Wissen auch erweitert und durch neue Erkenntnisse bereichert werden darf und sollte. Das Judentum hat um seiner eigenen Schätze der Erkenntnisse und zum Überleben der eigenen jüdischen Identität willen erhebliche Revisionen der Religionspraxis durchgeführt. Die umfangreichste Revision geschah bekanntermaßen nach der Zerstörung des 2. Tempels und niemand innerhalb des Judentums zieht heute die Notwendigkeit und Richtigkeit dieser Revision in Zweifel. Das Argument: So-war-das-schon-immer ist also nicht nur nicht hilfreich sondern auch falsch. Darüber eine Entscheidung zu erwirken, steht allerdings ausschließlich Mitgliedern dieser Glaubensgemeinschaft zu und Niemandem sonst. Insofern ist das Vorgehen des Herrn Holm Putzke -quasi der Wegbereiter der juristischen delegitimierung der Beschneidung durch das Kölner LG- eine anmaßende Überheblichkeit. Gerade in Passau hätte er ein reiches Feld, sich gegen die bereits erlittenen Traumata von Kindern und Jugendlichen zu wenden, welche von katholischen Priestern sexuell missbraucht und dieses juristisch zu ahnden. Dazu fehlt ihm wohl der Mut oder schlicht das Unrechtsbewusstsein. Das ist ein Beleg mehr für seine mangelnde Integrität sich dazu zu äußern. Ich hoffe nicht, dass diese unzumutbare Bevormundung in Deutschland eine legale juristische Basis findet.

              • @Alex Danke für den Beitrag. Mit allem einverstanden. Nur

                „Zeigen solche Ergebnisse auf, dass es tatsächlich eine Beeinträchtigung gibt, dann muss die Praxis der Brith revidiert werden, denn insbesondere für das Judentum steht die Gesundheit und das Unterlassen jeglicher Schädigung Anderer an oberster Stelle.“

                das scheint doch mit strenggläubigen Juden nicht zu machen zu sein. Wie soll eine solche Entwicklung von statten gehen? In meinem jüdischen Umfeld wird andererseits genau das gesagt: „Mir geht die Gesundheit meines Kindes über die Religion.“. Es wäre schon belastend, wenn beides für macnhe Menschen widersprechend wäre.

                Ich glaube, dass wenn in diesem Blog von deutscher Bevormundung gegenüber jüdischer Erziehung die Rede ist, auf Putzke angespielt wird. Anfangs habe ich das hier nicht immer verstanden. Aber wenn Putzke sagt, bei Konflikt der Rechte auf freie Religionsausübung und körperliche Unversehrtheit entscheide das Kindswohl, klingt das merkwürdig. So als könne man das Seelenheil, das von religiöser Erziehung begleitet wird, gegen eine Körperverletzung abwägen.

                Ich sehe noch keine gute Lösung, wie ein sekulärer Staat religiöse Beschneidungen gesetzlich verankern kann ohne mit der Unabhängigkeit von Religionen in Konflikt zu geraten (mag nur mein Problem sein, aber das Sorgerecht scheint mir die Angelegenheit nicht zu lösen, wenn es um Körperverletzung geht). Sollten die medizinischen Studien, die signifikante Traumatarisiken betreffen, richtig sein, sehe ich auf Dauer nicht, dass ein Verbot religiöser Beschneidungen umgangen werden kann.

              • „Sollten die medizinischen Studien, die signifikante Traumatarisiken betreffen, richtig sein, sehe ich auf Dauer nicht, dass ein Verbot religiöser Beschneidungen umgangen werden kann.“

                Es gibt keine solche Langzeitstudien. Siehe M. Brumlik.

              • @Yael Um genauer zu sein: Der Witz an Brumliks Argument ist, dass er sagt, es gäbe keine Studien über 20 Jahre hin weg zu verschiedenen Faktoren bei 8 Tage alten Säuglingen. Das denke ich auch. Nur geht es in dieser Angelegenheit um Beschneidungen an Minderjährigen schlechthin.

                Es ist schon schwierig zu sagen, weswegen die Studien auf Minderjährige schlechthin nicht bezogen werden dürfen und wieso sie für 8 Tage alte Säuglinge komplett ausgeschlossen werden können (so diese Studien denn überhaupt etwas aussagen).

          • @Carsten:
            „Aber es kann ihnen niemand sagen, ob die Befolgung dieser Regeln, die schwieriger ist als würde man alles im Leben ökonomisch zu nutzen versuchen,“
            Schau Dir mal dieses an. Vielleicht öffnet Dir das die Augen über den Zusammenhang zwischen „Ökonomie“ und „Religion“:

            Antworten

            • ‚Ökonomisch‘ bezog sich auf ökonomische Vernunft, worunter heutzutage vereinfacht Kants Vernunfbegriff verstanden wird, also bloß zweckrationales Denken. Dies war also eine bloß technische Anmerkung, dass moralisches Handeln an sich mehr Umstände macht, als wenn man bloß zweckmäßig auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist.

              Den Vortrag des Rabbiners fand ich zwar ansprechend, aber letzten Endes nicht überzeugend. So findet sich der Gedanke der Armenwohlfahrt auch schon im 12. Jahrhundert (S.G. Swanson, The medieval foundations of John Lockes theory of natural rights), und taucht nicht erst im 16./ 17. Jahrhundert auf. Abgesehen davon erklärt der Rabbiner ja gar nicht, wieso die Marktwirtschaft nicht bloß mit Gesetzen und Regulierungen in den Griff zu bekommen wäre. Er behauptet das nur.

              Antworten

              • @Carsten:
                Kant mit „zweckrational“ in einen Topf zu werfen, scheint mir reichlich unzulässig zu sein. Verwechselst Du da was mit Adam Smith und den schottischen Utilitaristen oder so?

                „Armenwohlfahrt auch schon im 12. Jahrhundert“
                Worauf beziehst Du Dich da genauer? Im religiösen Kontext ist das Thema offensichtlich viel älter…

                „Marktwirtschaft mit Gesetzen und Regulierungen in den Griff bekommen“
                Eben, aber wo kommen diese Gesetze und Regeln her? Übrigens gibt es selbst in der FSA gewichtige Stimmen, die „culture“ und „ethics“ nach der jüngeren Serie von Katastrophen und Skandalen wieder mehr Gewicht einräumen wollen.

                Dass der Markt seine Grenzen hat, dürfte spätestens seit dem „Gefangenendilemma“ (-> John von Neumann, Spieltheorie) klar sein.

            • Die rhetorische Frage hier: „Hat Europa seine Seele verloren“ ist vielseitig einsetzbar und der Begriff ist genauso vielseitig austauschbar und ist noch häufiger je nach Sichtweise des/der Antwortenden ausgetauscht worden. Auch die mehr oder weniger umfangreichen Antworten sind austauschbar. Man kann sich jüdische, muslimische, evangelikale Videos dazu anschauen und erkennt die Austauschbarkeit der jeweiligen Antworten. Politisch geht das natürlich auch. Insgesamt sind solche ausführlichen Beiträge in der Regel Nebelkerzen. Schade eigentlich.

              Antworten

  2. Ilya
    Nein. Heiner will nur wieder einmal mit populisischen Äußerungen in der Presse beachtet werden.

    Richtig, Chajm. Wir dachten wirklich bis jetzt, auf d. Insel der Glückseeligket zu sein. Vielleicht reagieren wir auf den scharfen Wind (milde ausgedrückt) der uns entgegenweht deshalb so aufgebracht. Deutschland ist für Juden wohl och nicht so gut wie gedacht, gewünscht, immer wieder postuliert. Jetzt verstehe ich die dauernde latente Angst meiner Eltern vor Atisemitismus.

    Antworten

    • … Wir dachten wirklich bis jetzt, auf d. Insel der Glückseeligket zu sein…

      Na, seine solche ‚Insel‘ gibts für Juden nun wirklich nicht; sie hat es nie gegeben und sie wird es auch in Zukunft nicht geben (diesen Pessimismus habe ich mir schon bewahrt)! Selbst Israel ist auch nicht annähernd das Epizentrum jüdischer Glückseligkeit, oder!?

      Shalom

      Miles

      Antworten

  3. Tja… ich muss gestehen, ich bin – naiv wie ich bin – tatsächlich überrascht. Überrascht, wie vehement „die Bevölkerung“, was immer das heißen mag, ein klitzekleines Stückchen jüdischer Haut verteidigt. Und überrascht, dass die Politik sich gegen diesen gesellschaftlichen Aufschrei stellt und FÜR die religiöse Beschneidung plädiert. Und es überrascht mich, wie sehr mein persönlicher Glaube von anderen als Bedrohung oder Fanatismus angesehen wird… von den vagen Halbwahrheiten mal ganz abgesehen.

    30% der Männer sind weltweit beschnitten. Das sind verdammt viele kriminelle Eltern. Es ist übrigens auch nicht verboten, in der Schwangerschaft zu rauchen, zu trinken oder Drogen zu nehmen – Körperverletzung par excellence. Und irgendwie werden hier Menschen „geschützt“ und „verteidigt“, die sich über diese vermeintliche Körperverletzung nie beschwert haben.

    Man stelle sich vor, jeder Mann dürfte sich erst mit 18 beschneiden lassen. Dann ist es plötzlich keine Sache von einigen wenigen Sekunden mehr, sondern kompliziert und äußerst schmerzvoll – na danke.

    Antworten

  4. „Gutmenschen, die schon immer wussten, was für jüdische Jungs gut ist, besser, als deren Eltern es zu wissen meinten. Sie wissen es besser, ob jüdische Jungs in Israel den Wehrdienst verweigern und ob ihre Eltern doch bitte auch ohne einen Friedensvertrag umstrittene Gebiete an die Palästinensische Autonomiebehörde abtreten sollen. Sie wissen auch, dass jüdische Jungs mit der iranischen Atombombe viel besser leben können als ohne und dass militärische Antworten auf Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen, nicht aber der Beschuss selbst Unrecht sind. Und sie wissen natürlich besser, was mit jüdischen Vorhäuten in Deutschland zu geschehen oder nicht zu geschehen hat.

    Selten konnte man in einer Debatte derart geballte Inkompetenz, Unwissen und vor allem Unsensibilität zugleich erleben.“

    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/das_sagt_der_anwalt_erst_einmal_durchatmen/

    Antworten

  5. Das hat nichts mit Jude oder Nichtjude zu tun, auch der Vater des Reformjudentums, Rabbiner Abraham Geiger, nannte die Beschneidung schon 1843 barbarisch.

    „Es ist ein barbarischer, blutiger Akt, der den Vater mit Angst erfüllt. … Die einzigen Gründe dafür sind die Gewohnheit und die Furcht.“ (Abraham Geigers Nachgelassene Schriften, 5. Band, S. 181)

    Da ist es doch peinlich, dass jetzt, 169 Jahre später, immer noch „liberale“ Juden die Beschneidung verteidigen. Man will sich wohl bei den Datim und Charejdim anbiedern?

    Antworten

  6. „Vater des Reformjudentums, Rabbiner Abraham Geiger“

    Tja, manche halten sich eben lieber an den Vater des Judentums, Abraham Awinu 😉

    „bei den Datim und Charejdim anbiedern“

    Um das mal zu übersetzen:
    Datim: die Religiösen, Charejdim: diejenigen, die (vor G-tt) zittern. Warum sollte man sich von denen abgrenzen wollen?

    Antworten

  7. @Carsten:
    „Die Emperie kann leider täuschen. Deswegen würde ich mich beim Punkt Schmerzzufügung auf Fachleute verlassen.“
    „Ein in Zusammenhang mit der Durchführung einer Beschneidung als gerichtlicher Sachverständiger angehörte Chirurg bezeichnete erst kürzlich die Entfernung der Vorhaut als weniger schmerzhaft als die Entfernung einer Fußwarze und verglich den Eingriff mit der Ablösung eines klebrigen Pflasters.“
    Von hier , siehe auch Yaels Message zuvor.

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    • Kann er sein, viele meinen, es ist keine genitale Verstümmelung. Was soll uns das eigentlich immer alles sagen? Sie haben Ihre Meinung, andere eine andere. Sie werden uns genauso wenig überzeugen, wie wir Sie (wozu auch?). Es hat keinen Sinn hier noch länger zu debattieren. Es sei denn jeder schmeißt mit Artikeln, die nichts lösen, um sich. Sie finden Beschneidungen grausam, gut, wissen wir jetzt. Tut mir leid, aber es nervt langsam gründlich. Ich wäre froh, wenn diese quasi Missionierung hier endlich mal aufhörte.

      Antworten

    • Da würde ich eher die Absicht des Schreiberlings anzweifeln, wobei ich generell die Springer-Artikel merkwürdig aggressiv finde in letzter Zeit. Das Kant-Zitat ist zumindest verfälscht dargestellt http://korpora.zim.uni-duisburg-essen.de/kant/aa23/441.html . Kant „wünscht“ an dieser Stelle niemandem irgendetwas, sondern spricht vom Verhältnis der natürlichen Religion zum Judentum als Religion.

      (Wobei man auch sagen sollte, dass es sich hier um eine Vorarbeit Kants handelt, diese Analysen also nicht in von ihm veröffentlichtem Werk stehen und Kants Analyse der Religionen sehr seiner Zeit verhaftet und diskutabel sind.)

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        • Also Kant fällt raus, blieben so Leute wie Hitler, Stalin und Hitchens als Aufklärer. Was verbindet denn diese Denker, dass es unter dem Stichwort „Aufklärung“ zusammenfassbar wäre? Das kann man einfach nicht ernst nehmen. Es gibt diese Aggressivität, keine Frage, aber das ist doch keine Aufklärung, was Harris und Hitchens betrieben haben. Und beide nicht allein gegen das Judentum. Wie bei Dawkins wird von beiden nicht eingesehen, dass Religiösität der Rationalität nicht widerspricht.

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  8. „Intellektueller“ Antisemitimus und Atheismus sind hochgefährlich, weil wirksamer als plumper Judenhass. Da kann sich Herr Stein noch so abstrampeln, die Kommentare zeigen „Volkes Stimme“. Noch nie hat sich die Bevölkerung sich so für das für das angebliche Wohl der Kinder eingesetzt. Eingesetzt? Ereifert. Wenn ich die Gegenargumente zusammenfasse, dann sind beschnittene Männer traumatisierte, sexuell gehemmte, gestörte Persönlichkeiten und Eltern die das zulassen, reaktionäre, barbarische, verängstlichte Monster. Ich schrieb schon enmal, ich mag nicht ausdenken was passiert, wenn die Beschneidug „erlaubt“ wird.

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  9. Nazi: „An allem sind die Juden schuld!“
    Jude: „Und die Radfahrer!“
    Nazi: „Wieso die Radfahrer?“
    Ihr wißt schon wer: „Warum die Juden?“

    An diesen Witz mußte ich denken, als ich Kenntnis von der entscheidung des Kölner Landrichter erhielt. Sogar Putze räumt inzwiwschen ein, daß die Jursiterei nicht das „richtige Feld“ sei, ber Hauptsache, man hat es „den Juden“ wieder mal gegeben und nur die Quellen für eine „wissenschaftliche Arbeit“ ausgewählt, die das eigene (Vor)Urteil untermauern. Nicht wir Juden sind schuld, die Radfahrer sind es!

    Hoffentlich treffe ich mit diesem Sarkasmus keine7n radfahrende/n blogleser/in!

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  10. Pingback: Poller und Juden | sprachkasse

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