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Der kleine Finger und die Torah

Finger - WeSot haTorah In einigen Synagogen macht man es, in anderen nicht: Wenn die Torah erhoben wird, strecken viele Männer der Torah den kleinen Finger entgegen. Das kann verwirren. Woher kommt dieser Brauch? Warum steht es nicht im Artscoll Siddur? Ist es Vorschrift? Man traut sich ja kaum jemanden anzusprechen. Das könnte Unwissenheit signalisieren! Wenn man jemanden fragt, sagt die Person häufig: Wir machen das halt so. Das ist Minhag. Aha – Minhag. Na dann - könnte man sagen, oder schauen, woher dieser Brauch wohl kommen könnte. Das war gar nicht so einfach, weil die Herkunft bzw. die Quelle dieses Brauchs nicht unbedingt belegt ist. Irgendwann wird darüber berichtet und die Geste ausgedeutet. In meinem aktuellen Artikel für die Jüdische Allgemeine versuche ich die Spur ein wenig zurück zu verfolgen und ein wenig Licht auf den kleinen Finger zu werfen. Der ganze Artikel ist hier zu finden.

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Über die Mesusah

Old Jerusalem Yochanan ben Zakai Synagogue Mezuzah

Im Idealfall erkennt man jüdische Wohnungen, Häuser oder Einrichtungen daran, dass Mesusot an den Eingängen befestigt sind. Interessant (fand ich jedenfalls) die Begründung, warum die Mesusot so befestigt werden, wie wir es aus dem aschkenasischen Judentum kennen und aber auch die Interpretationen, die man dazu gleich mitgeliefert bekommt, wenn man gesagt bekommt, nur schräg befestigte Mesusot seien korrekt angebracht. Wie so oft: So ist es natürlich nicht.
Den gesamten Text findet man auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen.

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Meinungsmaschine und Trolle

Kurz vor Pessach und auch während der ersten Feiertage werden große Matzeknödel durchs Schtetl gerollt und außerhalb des Schtetls eine Sau durchs Dorf getrieben. Es ist ein antisemitisches Gedicht erschienen!
Die leicht zu empörenden Weitersager auf Facebook und in den Blogs sagen es weiter gegenseitig, wie die Engel aus der Keduschah, die einander zurufen Heilig, Heilig, Heilig.

Der einzige Effekt: Die gewünschte Wirkung des Machwerkes tritt ein. Es erhält Aufmerksamkeit und durch diese gerät der Autor wieder ins Licht der Öffentlichkeit und genau das hat er beabsichtigt. Ein cleverer Schachzug des Dichters. Ein schlechtes Gedicht erzeugt Aufmerksamkeit und jeder partizipiert und ist Teil der Verwertungskette, die erst durch die Empörungsmaschine so richtig in Fahrt kommt und jeder möchte gerne partizipieren von der kurzen Aufmerksamkeit, die das Thema generiert.
Erst durch die vielen Aufreger hat die Website der Süddeutschen wahrscheinlich Rekordzugriffszahlen zu verzeichnen gehabt.

Thilo Sarrazins Thesen wurden auch erst durch die entsprechende Empörungsmaschine richtig populär und aus der kleinen Auflage (25 000) wurden mehrere große, so dass über 1,3 Millionen Exemplare verkauft wurden (Quelle).

Es wäre vielleicht manchmal gut, wenn derartige Thesen einfach unbeachtet wieder untergehen, so wie gute Bücher, gute Gedichte oder gute Filme einfach untergehen, weil sie nicht ausreichend viel Aufmerksamkeit generieren können. Vieles spricht dafür, dass man die Provokation auch mal wegstecken kann. Andernorts heißt es ja auch Don’t feed the troll.
Die Fakten bezüglich Israel, Iran und Hamandinedschad sind so klar und offensichtlich, dass wir eigentlich niemanden mehr brauchen, der uns erklärt, wie es tatsächlich ist.

Wenn Grass sein Lebenswerk mit letzter Tinte noch mit einem Schatten versehen möchte (was ihm ja bereits vorher gut gelang), soll er das machen. Wenn wir allen etwas entgegnen möchten, die im Netz ähnliches kommentieren oder publizieren, hätten wir viel zu tun. Vielleicht konzentrieren wir uns auf etwas produktives?

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Ein besserer Artikel für Juden?

Artikel aus der Zeit

Hier in der ZEIT treten sie gegeneinander an:
Die bärtigen, unheilvoll schauenden russischen Juden aus Berlin gegen die Konvertitentruppe aus Potsdam.
Die einen sind die sinister schauenden Juden und die anderen irgendwie nicht so richtig jüdisch.
Das ist in Kurzform ein Artikel über den derzeitigen Stand der Rabbinerausbildung in Deutschland und den Markt für Rabbiner hier in Deutschland.

Scheinbar fehlt die Opfergeschichte. Bei beiden Gruppen. Die Autorin, Andrea Jeska, will vielleicht Enkel von Überlebenden (Sie sind Rabbiner ohne eigene Holocaust-Erfahrung schreibt sie) und eine Priese Ablehnung oder Zurückweisung. Immer wieder steuert ihr Artikel auf das Thema Schoah zu. Das ist ein großer Aspekt, wenn wir darüber sprechen, warum das Judentum von Punkt Null anfängt, aber über die religiöse Situation in den Gemeinden zu berichten, wäre in diesem Zusammenhang nicht uninteressant gewesen. Wie viele Rabbiner gibt es tatsächlich? Wie lange waren diese hier tätig? Wer brauchte die Synagogen? Was machen Rabbiner heute in den Gemeinden? Wie ist die derzeitige Situation der Gemeinden?

Und plötzlich brauchte man Synagogen, Glaubensbegleitung und Rabbiner. Wanderrabbiner kamen ins Land, Fly-in-fly-out-Personal aus Israel, den USA, England. Sie reisten von Gemeinde zu Gemeinde, sie taten ihr Bestes es war nicht genug. von hier

Dazwischen ist nichts außer der Stimme der Autorin. Sie bedient sich geschickterweise einer dritten Person, um den wirklich schmutzigen Müll vor die Tür zu tragen. Jedenfalls irgendwie, so halb, ein wenig. Etwa: Broder habe sehr interessante Dinge über Walter Homolka sagen, aber das dürfe sie leider nicht schreiben.
Wenn man beide vorgestellten Varianten der Rabbinerausbildung in dem Artikel gegenüberstellt und als gegenüberliegende Pole versteht, bleibt nicht mehr viel übrig. Die irgendwie zweifelhaften Rabbiner und die Rabbiner, die Lichtjahre von der säkularen und emanzipierten deutschen Gesellschaft getrennt sind, wie Jeska es formuliert und die Rabbiner aus Potsdam, die, wenn man ihre Darstellung (Judentum aus der Retorte) gelesen hat, irgendwie unauthentisch wirken. Beide Gruppen haben eine solche Darstellung nicht verdient.

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Integriert und interagiert!

gefillt.de

Irgendwann muss man sich doch mal integrieren! Angesprochen sind hier die deutschsprachigen jüdischen Leser! Lernt Russisch! Integriert Euch endlich! Eine kleine Überlebenshilfe gibt es auf gefillt.de Hier wurden die wichtigsten Phrasen zusammengetragen. Mehr muss man fast nicht wissen. Zudem gibt es noch ein paar Hintergrund-Informationen zu kulturellen Eigenheiten, oder die Hierarchie des Trinkens. Gedacht ist der Sprachführer eigentlich für amerikanische Besucher des jüdischen Deutschlands. Also diejenigen, die noch immer meinen, sie kämen hier mit Deutsch irgendwie weiter. OK. Ein paar deutsche Juden gibt es noch zuweilen. Aber auch die lernen doch aktuell Russisch? Wer das Büchlein liest, versteht, wie das hier gemeint ist und beginnt kein generelles »Ejchah« über die Zustände in den Gemeinden. Lest einfach das Vorwort, der beiden Herausgeber des Büchleins:

Das Buch kann man hier online durchblättern.

Do you want to visit the “jewish” Germany? The country of Samson Raphael Hirsch? Moses Mendelssohn? Giacomo Meyerbeer? There are some things you’ll have to prepare in advance: Learning some basic phrases, for example. Wouldn’t it be nice to communicate to some people in the synagogue? Therefore “Zakooska – Russian Language Guide” was created. The Russian Language Guide? Yepp. You wanted to learn some phrases in the local vernacular, right? “Zakooska – Russian Language Guide” helps you to achieve this goal. But also to learn how to interact with (russian) jewish mothers and other people you’ll meet. The guide is available here.

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Eine äthiopische Haggadah

Eine äthiopische Haggadah ist sie eigentlich nicht, die The Koren Ethiopian Haggada, vielmehr ist es eine Haggadah über äthiopische Juden. Sie bringt also keinen Seder nach Ritus nach Art der Juden aus Äthiopien mit, sondern vielmehr einen orthodoxen Standardseder angereichert mit Auszügen, Geschichten, Bildern und gestalterischen Elementen, die aus der Welt dieser Juden mit, die lange vom rabbinischen Judentum getrennt waren und dennoch eigene Bräuche und Riten erhalten haben und zum größten Teil Äthiopien verlassen haben (nach zwei großen Auswanderungsoperationen 1984 und 1991).

Ordnung des Seders Amharisch-Hebräisch

Ordnung des Seders Amharisch-Hebräisch

Mein Wissen über den verlorenen Stamm hielt sich in Grenzen. Beschränkte sich eben auf die geschichtlichen Fakten. Über die verbliebenen Bräuche, über die religiöse Welt der äthiopischen Juden wusste ich nicht so sehr viel. Weil es offenbar vielen Menschen so geht, hat Koren wohl diese Haggadah vorgelegt. Es wird die Geschichte des Exodus (und da sind wir beim Seder) aus Äthiopien erzählt, aber auch ein Reihe von Geschichten und Quelltexten in englischer Übersetzung angeboten. Dazu recht viele Fotografien und Dokumente, die das Leben in Äthiopien und später in Israel dokumentieren. Einige dieser Quellentexte stammen von den Falascha selber, andere stammen von Juden, die sich für die äthiopischen Juden interessiert haben, bevor der Staat Israel existiert hat. Etwa von Joseph Halvy.
Einige gestalterische Elemente, die sich aus der äthiopischen Kunst bedienen, wurden ebenfalls verwendet.
The Koren Ethiopian Haggada - Blick ins Innere

The Koren Ethiopian Haggada - Blick ins Innere


Die Fülle des Materials ist riesig, gestaltet ist das Buch hervorragend (Koren halt). Es ist spannend, darin zu blättern und etwa die äthiopischen Sagen über Mosche zu lesen. Am Sederabend wird man kaum dazu kommen, wirklich alles vollständig wahrnehmen zu können (es sei denn, der Leiter des Seder ist wirklich sehr sehr langsam). Die Texte sind jedoch kein Kommentar zur Haggadah, sondern erzählen die Geschichte eher begleitend. Für diejenigen, die schauen wollen, dass jüdisch nicht nur aschkenasisch bedeutet, ein guter Schritt. Immerhin müssen sie nicht einmal ihren eigenen Nussach verlassen und lernen dennoch etwas dazu.

Die Haggadah ist derzeit auch über amazon erhältlich.