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Pessach!

Pessach CD

Pessach! das ist kurz und einprägsam. Pessach! ist der Titel einer CD auf der Rabbiner Michael Goldberger (er war von 1993 bis 2003 Rabbiner in Düsseldorf und lebt und arbeitet heute wieder in seinem Heimatland Schweiz) Lieder und Melodien für den Sederabend ein- und vorgesungen hat.
Neben der technischen Vorbereitung (Chametz wegräumen, aufräumen, Mazzen besorgen, einkaufen, Kochen, Haggadot vorbereiten etc.) ist das das Bestandteil einer inhaltlichen Vorbereitung die den Seder sehr viel lebendiger machen. Klar, man kann den Seder runterspulen und die notwendigen Texte lesen und die richtigen Handlungen in der richtigen Reihenfolge durchführen, aber ist das ein Erlebnis?
Im Booklet zur CD schreibt Rabbiner Goldberger:

Die Sederabende waren nie Geschichtslektionen. Sie waren immer persönlich. Es ging stets um ureigene Ägypten, ureigene Wüsten und ureigene gelobte Länder. Oft bin ich an Pessach selbst ausgezogen und wiedergeboren worden.

Das muss ja nicht einmal perfekt gesungen werden. Rabbiner Goldberger fasst das im Booklet zur CD ganz gut zusammen:

Die Haggada ist wie Trockenpulver. Die persönlichen Erzählungen sind das Wasser, welche es beleben und geniessbar machen. Die Melodien aber sind die Gewürze, die Geschmack und Sinn verleihen.

Allerdings singt Rabbiner Goldberger die 65 (!) Stücke mit einer angenehmen Stimme die nicht abhebt und so zumindest mitsingbar bleibt. Ich würde sogar sagen, die Melodien sind zugänglich. Es ist ja etwas anderes, ob ein Sänger versucht Klasse zu beweisen und stimmliche Mätzchen macht, oder ob er eine Melodie so darbietet, dass der Hörer in die Lage versetzt wird, mit einzustimmen und dadurch erst eine gewisse Kunst zeigt.
Zudem wird nicht ein Seder präsentiert, was diese CD von anderen CDs gleicher Art unterscheidet. Es wurden ja bereits einige ähnliche CDs von Rabbinern und Kantoren vorgestellt, die es dem Hörer ermöglichen wollen, den Seder zu führen. Pessach! präsentiert zu vielen Bestandteilen des Seders verschiedene Varianten wie etwa traditionell (gemeint ist wohl aschkenasisch traditionell, traditionell ist wohl eine Frage des Blickwinkels), sefardisch, Modziz, Chabad und Carlebach. Echad Mi Jodea ist in fünf Varianten vorhanden, Ma Nischtana in drei.

Pessach! Cover

Vielen die den traditionellen Ablauf des Seders aus der Familien kennen, dürfte die CD ein paar neue Impulse geben. Denjenigen, die etwas Hilfe benötigen, bietet die CD diese an. Will sagen: Sie ist etwas für Anfänger und Fortgeschrittene.
Ihren eigentlichen Zweck dürfte die CD dann erfüllt haben, wenn wir die erlernten Melodien dann etwas schief (für mich selber gilt: sehr schief) und gemeinsam am Sedertisch singen.

Von meiner Seite aus ergeht eindeutig ein Kaufbefehl!

Die CD gibt es bei amazon und bei books&bagels

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Kitnijot

Vorsicht Kitnijot

Vorsicht Kitnijot


Nicht wirklich Chametz, aber auch nicht wirklich erlaubt für Pessach: Kitnijot. Man darf es im Haus haben, aber nicht essen. Die Nachbarn dürfen Kitnijot vielleicht essen, weil sie Sefarden sind. Auf einigen Lebensmitteln kann man auch entsprechende Hinweise lesen.
Bamba-Flips dürfte man also zuhause haben, aber nicht essen. Ist vielleicht etwas zu hart? Vielleicht sollte man sie zumindest aus dem Blickfeld räumen?
Wo kommt der Brauch also her? Sind wir zu vorsichtig? Einen Blick auf diese Frage findet man in (m)einem Artikel in der Jüdischen Allgemeinen. Zur Einstimmung eine Woche vor Pessach: Den gesamten Text findet man hier.

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Orangen und Sederteller

Sederteller und Banane

Im Ruhrgebiet legt man ein Stück Kohle auf den Sederteller. Ein Symbol für den Strukturwandel und den Niedergang der Industrie in der Region.
Kaffeebohnen auf dem Sederteller erinnern uns an die ausgebeuteten Arbeiter auf den Kaffeeplantagen der Welt, eine Banane erinnert uns an die Globalisierung.
Sufganijot erinnern uns an Chanukkah und die Feiertage die an Pessach keine Rolle spielen, ja skandalös marginalisiert werden!
Ich weiß nicht, ob bei Broder(s) eine Kartoffel auf dem Sederteller liegt, als Symbol für die deutsche Bevölkerung die irgendwie mit dem Islam zurecht kommen muss.

Oben genannte Symbole gibt es natürlich nicht. Aber man könnte sich einige gut vorstellen. Je nach Region und politischem Anliegen kann man sich weitere Varianten überlegen und wenn man politisch besonders sensitiv ist, legt man sich alle anderen auch auf den Teller. Bis der überquillt.
Aber die Realität ist dieser Fiktion hart auf den Fersen. Auf einigen Sedertellern findet man heute zuweilen Orangen. Zuweilen hört man, das sei ein feministisches Symbol. Tatsächlich geht es aber um die Anerkennung von homosexuellen Juden. Dann gibt es noch Oliven. Die sollen für die israelische Besatzung Palästinas stehen.
Artischocken schlägt Rabbi Geela Rayzel Raphael vor. Im gleichen Dokument schlägt Jim Keen Kiwis vor. Er beruft sich bei der Einführung der Kiwi auf die Einführung von Orangen. Die Kiwi soll die Nichtjuden symbolisieren, die am Seder teilnehmen.
Weil Veganer keine Eier essen, muss auch hierfür ein Ersatz gefunden werden. Noch interessanter wird es, wenn die Sederorganisierer den politischen (und scheinbar religiösen) Grund für das neue Symbol ausschweifend erklären können, aber bei den Klassik-Symbolen ins Stottern geraten.
Das musste auch mal gesagt werden

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Kaddisch

Ein Kaddisch

Fragen und Texte zu Ritus und Minhag sind immer heikel habe ich angenommen. Mit verschiedenen Handlungen sind immer auch Erinnerungen, Emotionen und Haltungen verbunden. Nicht selten kommen hier die Kategorien Falsch und Richtig zum Zug. Als mein Text zum Kerzenzünden erschien, war ich darauf gefasst und wurde angenehm überrascht. Die Rückmeldungen die mich erreicht haben, waren durchaus positiv. Es kann natürlich sein, dass die Redaktion der Jüdischen Allgemeinen mit Beschwerdemails eingedeckt wurde und dass man sich anderswo als bei mir über den Text beschwert hat. Etwa in Yaels Blog

Nun geht es um das Kaddisch-Gebet. Weniger um den Inhalt des Gebets, als vielmehr darum, ob man nun sitzt oder steht. Den gesamten Text findet man hier.

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Der Mathematiker und der Rabbiner

Professor Marcus du Sautoy ist Mathematiker, Autor und jemand, der versucht, Mathematik der breiten Öffentlichkeit näher zu bringen (siehe Rezension hier). Ach ja: Er ist auch bekennender Atheist. Er unterhielt sich auf der Jewish Book Week 2012 (London) mit dem britischen Oberrabbiner Lord Jonathan Sacks über Religion und Wissenschaft. Seit einigen Tagen ist das Gespräch als Video verfügbar:

JBW2012: Religion & Science from Jewish Book Week on Vimeo.

Wir sehen einen inhaltlichen Dialog auf hoher Ebene und einen Beweis (für mich jedenfalls), dass beide Akteure auf recht hoher Ebene unterwegs sind und ein weites Gebiet bearbeiten. Es geht um Jerusalem und Athen, um das hebräische und das griechische Alphabet, um Jonah und und und. Zwischendurch blitzt britischer Humor durch. Wer ein wenig Zeit hat, sollte sich das Video anschauen.

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Kerzenzünden

Shabbat Candles 1

Wenn man herumfragt, erhält man ein recht einheitliches Bild vom Kerzenzünden und seinem (übersichtlichen) Ablauf. Bei den aschkenasischen Juden ist das Hände-vors-Gesicht-Halten schon ein Symbol für sich. Erklärungen habe ich dafüer viele gehört und viele begleitende Handgesten beobachten dürfen. Für die Jüdische Allgemeine habe ich versucht, eine einleuchtende Erklärung für den Ablauf zu finden und zu schauen, wie man es noch machen könnte oder welche Praxis es noch gibt. Den gesamten Text findet man hier.

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New American Haggadah

New American Haggadah
Jonathan Safran Foer, Nathan Englander, Jeffrey Goldberg, Lemony Snicket, Rebecca Newberger Goldstein und Nathaniel Deutsch. Das könnte das Who is Who der modernen jüdischen US-amerikanischen Intellektuellen sein und das ist es vermutlich auch. Gemeinsam haben sie aber eine neue Haggadah herausgebracht, die New American Haggadah (hier kann man hineinschauen) nicht zu verwechseln mit The New American Haggadah die aus der rekonstruktionistischen Bewegung kommt.
Mit Oded Ezer kommt noch ein innovativer israelischer Typograph hinzu. Zugleich ist es eine Haggadah, die den traditionellen Text mitbringt, ihn jedoch mit modernen Elementen verschmilzt und über die Typographie eine starke gestalterische Gewichtung erhält. In seinem flickr-Stream präsentiert er einige Einblicke (anschauen!).
Es hat den Anschein, als sei für alle etwas dabei: Für die jüdischen Hipster, für die Literaturbegeisterten, die Design-Interessierten, für die Orthodoxen, für die Liberalen oder einfach nur für alle, die sich intellektuell mit der Geschichte auseinandersetzen wollen, die zum Seder erzählt wird. Jedenfalls ein gutes Beispiel dafür, was alles machbar ist und über welche Wege man sich dem Thema annähern kann.
Die Haggadah hat 160 Seiten und ist bei Little, Brown and Company erschienen. In Deutschland wäre sie über amazon erhältlich.

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Purim, Verkleidung und Schluss mit lustig

jewish holiday Purim
(Das Bild zeigt eine Megillah-Lesung in Moskau am 7.03.2012)

Purim ist ein fröhliches Fest, aber dennoch die traurige Nachricht als Einstieg: Die famose Rubrik Neulich beim Kiddusch bei der Jüdischen Allgemeinen ist zu Purim so fest eingeschlafen, dass sie nicht mehr erwacht (deshalb: Schluss mit Lustig). Dabei gäbe es sogar noch ein paar Ideen, die in der Schublade liegen.
Sie ist eingestellt worden und wird nun durch eine kurze Erklärung zu einem jüdischen Symbol oder Brauch abgelöst. Die Glossen haben mir viel Freude bereitet und mir nicht immer nur Freunde gebracht.
Es haben sich Personen gemeldet, die meinten, ich habe genau sie beschrieben und dass fanden sie gar nicht nett. Man muss nicht erwähnen, dass ich weder Person noch Ort kannte. Offenbar habe ich zuweilen einfach mal so ins Schwarze getroffen. Mein persönliches Highlight war ein Leserbrief, der sich auf die Geschichte Kleine Geschenke erhalten die Ehe bezog.
In dem Text kaufe ich ein koscheres Kochbuch im roten Einband (vom Wühltisch):

Das ist doch bestimmt eines, in dem steht, Pessach sei das jüdische Osterfest. Mit jeder Menge Geschichten und einer winzigen Sammlung von Rezepten.

Jedenfalls teilte mir Autor in einem sehr bissigen Brief mit, er habe kein rotes Kochbuch verfasst und über ein jüdisches Osterfest stünde auch nichts im Text. Schon gar nicht sei das Buch auf dem Wühltisch zu haben. Überhaupt sei das keine besonders gute Rezension.
Ob der Autor auf die Idee gekommen sei, dass es sich womöglich gar nicht um sein Buch gehe, fragte ich in einer Mail zurück. Ich wies auch auf den Umstand hin, dass es gar keine Rezension sei. Das klingt ärgerlich, hat aber Spaß gemacht und sorgte manchmal für Stoff zu weiteren Geschichten.

Mal schauen, was ich mit den bereits entstandenen Geschichten in Zukunft machen werde.

Auch für die neue Rubrik habe ich gleich zu Beginn einen neuen Artikel zum Verkleiden an Purim verfasst. Wo könnte es herkommen? Den Artikel findet man hier.

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Purim – die Megille hören

Wer eine Lesehilfe für Megillat-Esther benötigt, erhält sie von Rabbiner Rabbi Hillel Chajm Lavery-Yisraeli aus Jeruschalajim – der die Videos offenbar in seiner Wohnung aufzeichnet:

Hier bietet er Schulungsvideos an, um das Lesen tatsächlich nicht nur korrekt zu hören, sondern es auch vernünftig zu lernen.

Rabbiner Lavery-Yisraeli hat in orthodoxen Jeschiwot studiert, engagiert sich aber derzeit für das konservative Judentum in Israel. Er hat zwei Kanäle auf YouTube: rebhi11e1 und How Jew.

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Der Talmud von Artscroll

Die Talmud-Ausgabe von ArtScroll dürfte die bekannteste Übersetzung des babylonischen Talmuds sein. Sie trägt den Namen Schottenstein nach der Familie, die durch Spenden ein solches Projekt erst ermöglicht hat. Die englische Übersetzung war der Anfang. Französisch und Hebräisch folgten bald und ermöglichten eine Erfolgsgeschichte in 73 Bänden. Dass es einst eine englische Übersetzung des Talmuds von Steinsaltz gab, gerät dagegen fast in Vergessenheit. Dass Koren demnächst eine neue Auflage einer englischen Übersetzung des Steinsaltz-Talmuds auf den Markt bringen wird, wird die Verhältnisse aber vermutlich ändern.
Doch zurück zur Schottenstein-Ausgabe:
In der Standard-Ausgabe findet man hinter dem prächtigen Einband auf jeder Doppelseite den hebräischen bzw. aramäischen Text der Ausgabe von Wilna. In den jüngeren Auflagen leicht lesbar und mit modernen Glossen versehen. In älteren Ausgaben ist die Qualität etwas weniger gut. Das Wilna-Blatt beinhaltet natürlich auch die klassischen Kommentare, wie etwa den von Raschi. Wie auf jedem Blatt steht der Text der Mischna und der Gemarah in der Mitte. Auf der gegenüberliegenden Seite ist die entsprechende Übersetzung untergebracht (in fetter Schrift) – allerdings gemeinsam mit dem vokalisierten Originaltext. Jeweils in kurzen Abschnitten und eingefügten Erklärungen und Verdeutlichungen (in normaler Schrift).
Das Bild zeigt eine Seite im Überblick:

Blick in den Artscroll Talmud

Blick in den Artscroll Talmud


Die abschnittsweise Übersetzung bedeutet allerdings auch, dass nicht jede Seite eine Seite des Wilna-Blattes bedeutet. Etwa 8 Seiten der Übersetzung entsprechen einem Blatt. Dennoch ist dieses jeder Doppelseite zugeordnet. An einem kleinen grauen Balken neben dem Originaltext erkennt man, wo man sich gerade im Originaltext befindet.
Die Fußnoten vertiefen die einzelnen Themen und liefern Quellennachweise und Verweise auf die klassischen Kommentare. Ausführlicher geht es kaum und deshalb nimmt der Fußnotenbereich teilweise mehr als die Hälfte der Seite aus.

Textdetail Artscroll

Textdetail Artscroll

Für motivierte Lerner und Lerngruppen ist diese Ausgabe eine riesige Hilfe um in das Meer des Talmuds zu steigen.

Nun geht aber ArtScroll noch einen Schritt weiter und digitalisiert die hervorragende Ausgabe als app für iPad und iPhone. In einem Video (beeindruckend und sehr selbstbewußt) werden die neuen Features gezeigt:

Klar, man kann die Ausgabe am Schabbes nicht verwenden. Aber an den übrigen 6 Tagen der Woche.
Über den Preis ist derzeit noch nichts bekannt.