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Schoah als Kulisse

Gerade las ich die Rezension von Hannes Stein über Alvin Rosenfelds Polemik gegen die Banalisierung des Schoa-Gedenkens (siehe hier), da werde ich auf Rainbow in the Night aufmerksam gemacht.
In dem Musikvideo, singt (Kantor) Yaakov Lemmer zwischendurch auch als Häftling eines Konzentrationslagers. Wenn er eine Frau wäre, würde man seine Erscheinung vielleicht saftik nennen jedenfalls hat das nichts mit der Realität in Konzentrationslager zu tun.

Die Häftlinge sahen auch nach ihrer Befreiung nicht so aus, wie im Video imaginiert:
Auschwitz Liberated January 1945

Wohl genährt, bärtig, singt er hinter einem Stacheldrahtzaun sein Lied. Das Ghetto ist bestenfalls verzerrt dargestellt. Pathos rettet das nicht. Ein gutes Beispiel dafür, wie man das Andenken verzerren kann.

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Das Buch Tanja – Sehr feine Ausgabe

Das Buch Tanja - Umschlag

Das Buch Tanja - Ansicht

Das ist etwas für die bibliophilen Seelen unter uns.
Das kann man getrost behaupten, auch wenn man von dem Buch zuvor niemals etwas gehört hat.

Obwohl in letzter Zeit wieder einige jüdische Bücher (also jüdische jüdische Bücher, nicht Bücher über das Judentum) neu gedruckt werden, so sticht die Ausstattung des Buches Tanja doch deutlich heraus. 930 Seiten, Goldschnitt, Leineneinband, Lesebändchen und Schutzumschlag. Im Innenteil wurde ähnlich sorgfältig gearbeitet. Die deutsche Typographie stammt von Professor Ralf de Jong, die hebräische wurde von Dr. Ittai Tamari verantwortet. Bisher habe ich keine derart aufwändige Neuerscheinung eines jüdischen Buches in deutscher Sprache gesehen. Man lernt dadurch etwas wichtiges.
Nämlich: Es wäre theoretisch doch möglich, so etwas (für den Leser) bezahlbar zu machen und überhaupt zu realisieren. Aber möglich ist es natürlich nur dann, wenn Sponsoren oder Spender die Herausgabe unterstützen. Im Ausland wird das bei jüdischen Büchern häufiger gemacht.
Im vorderen oder hinteren Bereich findet man häufig Widmungen dieser Unterstützer. Das setzt natürlich voraus, dass das Werk von einer gewissen Anzahl von Menschen für unterstützenswert gehalten wird.
Vielleicht könnte man das auch als Zeichen für die Zukunft deuten? Man wandelt den vielzitierten Spruch vom Haus, das man baut, weil man bleiben will ein wenig ab und behauptet wer ein Buch druckt will bleiben. Meint: Man vertraut darauf, dass das Buch aktuell in Zukunft eine interessierte Schar von Lesern und Lernern hat und haben wird und dass es sich lohnt (in wirtschaftlicher und ideeller Hinsicht) ein solches Projekt durchzuführen.

Bei dem Buch Tanja (oder auch Likkutej Amarim) handelt es sich um eine Schlüsselschrift (ich denke, das kann man so formulieren) von Chabad und so erklärt sich die Motivation der Unterstützer und die große Wertschätzung dem Inhalt gegenüber (den Inhalt habe ich in aller Kürze in der Rezension für die Jüdische Allgemeine angerissen, siehe hier – in aller Kürze darstellen lässt sich der nicht). So wird dann Goldschnitt wie dieser möglich:

Das Buch Tanja - der Goldschnitt

Goldschnitt

Im Inneren des Buches finden wir den hebräischen Originaltext, sowie die Übersetzung von Rabbiner Levi Sternglanz (die man hier online lesen kann). Ihr Stil ist sehr interessant. Die Übersetzung erinnert stark an klassische Texte. Das hat einen zeitlosen Charakter, schafft aber auch eine gewisse Distanz zum Text:

Die zweite Seele des Juden ist buchstäblich ein Teil G?ttes von droben, wie es steht: Und Er blies den Hauch des Lebens in seine Nase, und Du hast [die Seele] in mich geblasen
zitiert nach dem Text auf der Internetseite, hier

Damit folgt der Inhalt der Form. Sie liegt auch irgendwo zwischen klassisch und modern. Klassisch wäre die Verarbeitung und der hebräische Schriftsatz (Drugulin), modern mit Anleihen an hebräische Werke, die einen Kommentar beinhalten, wäre die Aufteilung der Seite und die farbliche Unterscheidung von Inhalt und Kommentar.

Blick in das Buch Tanja

Blick in das Buch Tanja

Auf den äußeren Rändern (die farblich abgesetzt sind) sind viele erklärende Kommentare untergebracht. Sie schaffen eine gewisse Lernatmosphäre. Sicher ist es auch kein Buch, welches man einfach mal herunterlesen kann. Viele Begriffe aus der Welt der Kabbalah begegnen einem. Dafür gibt es natürlich ein leicht aufzufindendes Glossar. Dieser Teil des Buches ist nämlich hinten auf anderem Papier gedruckt.

Buch Tanja - Deutscher Text mit Rand

Buch Tanja - Deutscher Text mit Rand

Lohnt sich das Buch für Nicht-Chabadniks? Wenn man sich auch inhaltlich mit Chabad auseinandersetzen will (im Sinne einer inhaltlichen Beschäftigung), dann sollte man zumindest ungefähr wissen, worum es dort geht und sich auf ein paar Seiten einlassen. Schaden tut es nicht. Der Umfang der zitierten Quellen ist riesig. Viele Themen tun sich auf, die man vielleicht vertiefen oder hinterfragen möchte und schon ist man drin im Buch. Die Quellen liegen nun in Buchform auf dem Tisch. Ein erstaunliches Projekt.

Eine weitere Rezension von mir gibt es in der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen, hier online zu finden. Es handelt sich übrigens um eine einbändige Ausgabe.

Das Buch ist über books&bagels erhältlich.

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Wuppertal hat einen neuen Rabbiner

Bergische Synagoge

Im November hieß es hier, der Wuppertaler Rabbiner ginge nach Düsseldorf. Das tut er tatsächlich auch und hinterlässt so einen freien Platz für einen nachrückenden Kandidaten.
Dieser steht offenbar nun fest.
Es ist Rabbiner Dr. David Vinitz, Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz, der bisher im Landesverband Westfalen-Lippe, unter anderem, die Gemeinden Bochum und Recklinghausen als Wanderrabbiner betreut hat. Dr. Vinitz stammt aus Sibirien, hat in Irkutsk zunächst Geschichte studiert und sich dann später in Israel dazu entschlossen Rabbiner zu werden. Für die Organisation Shavei Israel kümmerte er sich zunächst um Subbotniki und kam dann nach Dortmund, um von dort aus die übrigen Gemeinden des Landesverbandes zu versorgen. Mit einem festen Bezugspunkt wird er die Möglichkeit haben, ein wenig mehr Energie in einen konkreten Ort investieren zu können.
Viel Erfolg in Wuppertal!

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Verbindung WordPress zu Facebook

Unter den Lesern dieses Blogs sind nicht wenige, die auch bloggen und darunter sind auch welche, die ein Konto bei Facebook haben.
Recht praktisch ist es für die bloggenden Facebookmitglieder, wenn ihre Blogeiträge aus WordPress (in erster Linie auf der eigenen Domain) direkt im Facebook-Profil erscheinen. Schön wäre es, wenn die Beiträge vielleicht auch ein Bild aus dem aktuellsten Artikel enthalten.
Bisher war ein Mittel der Wahl networkedblogs. Eine Anwendung, die automatisiert und regelmäßig Blogbeiträge abholt und diese unter dem eigenen Namen eingestellt hat. Allerdings nur mit einem Screenshot des Blogs, der irgendwann einmal angelegt wurde. Nicht vom aktuellen Beitrag. Zudem öffnete sich bei einem Klick nicht die Seite, sondern die Seite erschien in einem Rahmen von networkedblogs. Hat funktioniert, war aber nicht überragend.
Eine interessantere Lösung ist die Verbindung des großartigen Werkzeuges ifttt.com mit einem WordPress-Plugin namens WordPress Like Thumbnail. Dieses Plugin sorgt dafür, dass bei Verlinkung aus facebook heraus, nicht irgendein seltsames Bild erscheint, sondern entweder eines aus dem Artikel, oder ein festgelegtes Standardbild. Das Plugin ist hier zu finden.
Bei ifttt habe ich ein entsprechendes Rezept angelegt. Man findet es hier. Es fischt den RSS-Feed ab, entnimmt einen Teil des Textes, stellt den Titel davor und stellt das mit einem Link auf Facebook ein. Das dürfte dann etwa so aussehen:

Blogbeitrag bei Facebook

Blogbeitrag bei Facebook


Natürlich muss man ifttt die entsprechenden Rechte einräumen, aber das ist schnell erledigt und das muss man auch für jede andere Anwendung tun, die man mit facebook interagieren lässt. Nutzer, die ein WordPress Blog von wordpress.com nutzen, können ein entsprechendes Werkzeug von WordPress.com nutzen, oder ifttt ohne das famose Plugin nutzen.

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Wie bedeckt müssen Frauen sein?

SDC10488

Seit den Vorgängen in Beit Schemesch ist die Stimmung aufgeheizt und so mancher Kommentator im Netz oder der Printpresse sieht in der Orthodoxie generell eine Tendenz zur Radikalisierung. Die New York Times hat sich die Mühe gemacht, ein wenig Sachlichkeit in die Debatte einzubringen und einfach mal einen orthodoxen Rabbiner zu Wort kommen lassen. Rabbiner Dov Linzer von der Jeschiwah Chovevei Torah hat deshalb für die New York Ausgabe vom 20. Januar einen kleinen Text dazu verfasst (hier online). Rabbiner Linzer lässt keinen Zweifel an seiner Überzeugung:

This is not a problem unique to Judaism. But the Talmud, the basis for Jewish law, offers a perhaps surprising answer: It places the responsibility for controlling mens licentious thoughts about women squarely on the men.
Put more plainly, the Talmud says: Its your problem, sir; not hers.
von hier

Sein Abschluss ist auch eine Art von Aufruf an diejenigen, die sich lautstark einmischen:

Jewish tradition teaches men and women alike that they should be modest in their dress. But modesty is not defined by, or even primarily about, how much of ones body is covered. It is about comportment and behavior. It is about recognizing that one need not be the center of attention. It is about embodying the prophet Micahs call for modesty: learning to walk humbly with your God. von hier

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Der Megafrosch

Pyxicephalus adspersus, Boston Aquarium

Die bekanntesten Abschnitte aus der Torah verleiten vielleicht dazu, sie etwas oberflächlicher als üblich zu lesen. Der Leser meint, er könnte nicht überrascht werden und nicht alle Torahkommentare können alle Bereiche abdecken (leider). Überhaupt fällt irgendwann auf, welche Schwerpunkte die Herausgeber gesetzt haben und welche Sätze aus der Torah überhaupt nicht zur Kenntnis genommen werden. Aber das ist ein anderes Thema.
Was der, oben genannte, Megafrosch ist, erkläre ich in meinem Kommentar zum Torahabschnitt Wa’era in der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Der gesamte Artikel ist hier online. Der Megafrosch wäre jedenfalls eine gute Vorlage für einen Katastrophen-Horror-Film.

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Münster hat einen neuen Rabbiner

Seit letztem Schabbat hat Münster in Westfalen einen neuen Rabbiner und der neue Rabbiner der Stadt kommt aus Münster. Efraim Yehoud-Desel ist jedenfalls bereits so lange in Münster, dass man behaupten kann, er ist nicht neu in der Stadt. Wie die Westfälischen Nachrichten berichteten, kommt Yehoud-Desel zwar ursprünglich aus Rischon Le-Zion, ist aber schon länger für den Religionsunterricht in der Stadt verantwortlich und amtiert dort als Vorbeter. Zudem hat er mit alefbet.de eine Seite zum Jüdischen Religionsunterricht geschaffen.
Wie dem Artikel zu entnehmen war, hat Yehoud-Desel in Amsterdam/Hilversum studiert und von Rabbiner Tzvi Marx seine Ernennungsurkunde erhalten. Rabbiner Tzvi Marx ist für die Stichting PaRDeS (früher Folkertsma Stichting) tätig und unterrichtet Talmud am Liberalen Levisson Instituut, welches liberale Rabbiner für die Niederlande ausbildet. Rabbiner Marx hat seinerseits eine Smichah der Yeshiva University.

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Vorsicht Kulturkampf!

Anfang Dezember ging es los. In Israel, so hörte man, gibt es Streit zwischen der Orthodoxie und den säkularen Juden. Kulturkampf! hieß die Parole (siehe etwa hier und hier) in den Print und Onlinemedien. In der Berichterstattung wird dann alles durcheinander geworfen. Die antizionistische Neturej-Karta ist mal stellvertretend für Israel, dann bauen die plötzlich doch Siedlungen auf Land, das ihnen nicht gehört. Frauenfeindlich sind sowieso alle und hinter dem Mond leben auch alle. Zudem wollen sie den Staat Israel zu einer Theokratie machen. Das kommt heraus, wenn man alle Nachrichten durcheinander mischt und eine Art Zusammenfassung daraus macht.
Weil es um Israel ging, war es sowieso wichtig und so fand das dann auch die entsprechende Beachtung. Ende Dezember forderte ich hier dazu auf, dass man sich zunächst mal informieren solle, bevor man das Spiel mitspielt und einen Konflikt größer macht, als er ist.

Interessanterweise hat Henryk Broder genau das gemacht, was ich mit Zusammenfassung meinte: Alle Bestandteile schön vermischt und in Welt posaunt, die Charedim zerstörten den Judenstaat. Natürlich unter den sachlichen Überschrift Wie Ultraorthodoxe den Judenstaat zerstören (siehe hier). Unter der Überschrift versammelt er alle Geschichten, mischt sie schön zusammen und macht ein wenig Stimmung. Interessant und symptomatisch für den gesamten Artikel ist:

Gut, unsere Taliban schicken keine Kinder mit Dynamit-Taschen auf den Weg ins Paradies. Aber: Bevor ein jüdischer Fanatiker Jizchak Rabin ermordete, hatten ein paar exzessiv orthodoxe Rabbiner in einer Art Fatwa den Verräter Rabin zum Abschuss freigegeben. von hier

Dass der Täter Jigal Amir aus der national-religiösen Bewegung kam und die Ermordung auch extremen Kräften dieser Strömungen zuzuordnen ist, scheint hier nur ein störender Fakt zu sein.
Fakten sind aber leider so unhysterisch

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The Lonely Man of Faith

Lonely Man of Faith - Artikelbild

Für zwei Neuerscheinungen des Koren-Verlages muss ich ein wenig weiter ausholen und ein paar Hintergründe schildern. Nicht allen Lesern dürfte klar sein, welch großartige Neuerscheinungen das sind.

Von Rabbiner Joseph Soloveitchik (1903-1993) The Rav haben möglicherweise schon diejenigen gehört, die sich ein wenig mit moderner Orthodoxie beschäftigen. Mir ist der Name ein paar Mal begegnet, ich konnte aber zunächst nicht sehr viel damit anfangen, bis ich eines Tages an einem Schiur zum Thema Tfillah teilnahm und Rabbiner Soloveitchiks Sichtweisen ein wenig eingehender dargestellt wurden. Als jemand, der den Existentialismus mit jüdischem Denken vereinigte. Er sähe den Menschen als freies Individuum, das seine Umgebung und sich selber verändern kann und aktiv an der Schöpfung weiterarbeitet. Tatsächlich lehrte Soloveitchik genau das. So heißt es in seinem Buch Halakhic Man – Isch haHalachah

The most fundamental principle of all ist hat man must create himself. It is this idea that Judaism introduced into the world.
(Halakhic Man – Isch haHalachah)

Eine interessante Idee, die noch über das liberale Tikkun Olam hinausgeht und bei mir jedenfalls zu einer intensiveren Beschäftigung mit Soloveitchik geführt hat.
Der Mensch ist jedoch nur creator, wenn er sich auch für diesen aktiven Aufbau entscheidet. Solovitchik unterscheidet zwischen der Spezies Mensch und den Mensch G-ttes, der aktiv in der Welt entscheidet.
Spezies Mensch entscheidet nichts, erschafft nichts und geht passiv durch die Welt.
Das Werkzeug und die Brille des Aktiven, mit der die Welt wahrgenommen wird, ist die Halachah.
Immer wieder treffen wir in Soloveitchik verschiedenen Schriften den religiösen Menschen der Neuzeit, der auf der Suche nach Transzendenz und seiner Sehnsucht nach einer losgelösten Existenz. Dem setzt Soloveitchik gegenüber, dass die Selbstzufriedenheit und das Streben nach innerer Harmonie kein Ziel des halachischen Menschen sei, sondern eher im Gegenteil.
Die Bereitschaft, sich dem g-ttlichen Auftrag zuzuwenden macht die Probleme der Welt erst viel bewusster und das kann auch schmerzen. Man denke etwa an Ijow (Hiob), der erst durch seine Beschäftigung und Auseinandersetzung mit G-tt seine Misere in der Welt erfährt.

Auf der anderen Seite ist G-tt zugleich König, aber auch zugänglicher Awinu Vater (dazu kommen wir gleich noch).

Tschuwah, die Umkehr, ist deshalb auch keine Abkehr von der Welt oder den derzeitigen Zuständen. Der reuige Sünder entschuldigt sich nicht bei G-tt, tut Buße und hofft, dass G-tt, der entrückt ist, ihm verzeiht. Tschuwah bedeute vielmehr ein Einsehen, aber auch ein aktives Umgestalten der Situation und der eigenen Lage. Zwar wird G-tt im Gebet um Vergebung gebeten, allerdings ist er ein erreichbares Gegenüber und nicht weit entfernt vom Menschen.

Halacha kann nach Soloveitchik der Religiosität eine konkrete Ausdrucksform geben. In The Lonely Man of Faith heißt es:

…that the feeling become thought, and experience be acted out and transformed into an objective event.
dass das Gefühl ein Gedanke wird und das Erfahrung in Handeln Ausdruck findet …

oder an anderer Stelle schreibt er: knowledge without action serves no purpose.

The Lonely Man of Faith - Cover

The Lonely Man of Faith – Cover

Es gibt ein paar Säulen, die veröffentlicht worden sind und in denen er seine Weltsicht entwickelt. Zu nennen sind insbesondere Isch haHalachah, das in englischer Übersetzung als Halakhic Man verfügbar ist und The Lonely Man of Faith, sowie eine Reihe weiterer Veröffentlichungen. Sie sind nicht leicht zu verstehen, muss man einräumen, aber sich zu bemühen, lohnt sich. Es ist seltsam, dass dieser große Schatz in Deutschland nicht gehoben wurde und keines seine Werke auch nur auszugsweise in einer deutschen Übersetzung veröffentlicht wurde. Dabei hat Soloveitchik in Berlin studiert.

In The Lonely Man of Faith schloss für mich ein wenig der der Kreis zwischen Gedanken zum Gebet und zur Aufgabe und Beschaffenheit des Menschen.

Was ist der Kern des Lonely Man of Faith?

Es geht um den Menschen, der laut Schöpfungsgeschichte in zwei Anlagen erschaffen wurde Adam II und Adam II. Oder wie ich gerne schreiben würde Adam Rischon und Adam Scheni. Damit erläutert Rabbiner Soloveitchik nicht nur plausibel und erschöpfend, warum die zwei Berichte über die Erschaffung des Menschen in der Torah überhaupt existieren, sondern erläutert auch, was das aus uns Menschen macht. Der eine Mensch sucht nach G-tt und erkennt sein Alleinsein im Universum und der andere Mensch beherrscht die Erde und baut weiter an ihr. Er interessiert sich zwar dafür, wie sie funktioniert, aber nur, um dies für sich zu nutzen. Der andere Mensch sieht, wie sie funktioniert und fragt Warum?:

Adam I wird zusammen mit Chawa nach dem Bilde G-ttes erschaffen worden und hat den Auftrag, die Natur und die Welt Untertan zu machen.
Adam I ist derjenige, der die Welt dementsprechend beherrscht und alle Beziehungen seinerseits werden funktional, pragmatisch im Rahmen dieser Aufgabe gesehen, um Arbeit zu teilen und den Fortbestand zu erhalten. Auch die Beziehung zu G-tt ist eher utilitaristisch geprägt. Er baut auf: durch die Eroberung des Weltalls, sein Wissen, moderne Technologie und kulturellen Fortschritt.

Hatte Adam I noch den Auftrag, den Garten zu unterwerfen, ist Adam II der Mann/Mensch des Bundes, der Hüter des Gartens, der aufpasst und bewahrt. Erst durch das Eingreifen G-ttes wird aus dem eingeschlechtlichen Adam ein zweigeschlechtlicher zur Erleichterung seiner existentiellen Einsamkeit. Nach dem Bilde G-ttes geschaffen zu sein, reicht nicht mehr aus, der Lonely Man of Faith fragt nach dem Sinn des Lebens und strebt nach Erlösung.

Beide Typen sind in jedem Menschen angelegt und beide will der Mensch gerne vereinen.
In seinem Buch beschreibt Soloveitchik Adam I und Adam II und den Zustand der Welt, in der sie sich heute befinden und das ist nicht nur auf das Judentum allein bezogen. Alle Menschen, die Religion nicht als Ego-Geschichte verstehen, werden die Auseinandersetzung von Religion und moderner Welt interessant und vielleicht auch herausfordernd finden.

Aber auch das Gebet tauchte hier wieder auf und zeigt ein wenig, wie sich aus der Textauslegung eine kleine Philosophie entwickelt.

Der Dialog mit G-tt findet, nach Rabbiner Soloveitchik in Prophetie und Gebet (Englisch: Prophesy and prayer) statt. Bei der Prophetie spricht G-tt mit dem Menschen, im Gebet spricht der Mensch mit G-tt.
Die Tages-Gebete erinnern immer und immer wieder an G-tt und den Dialog. Es dient zwar auch der Introspektive, aber eben auch dem Dialog mit G-tt. Interessant übrigens, wie weit wir von den alten, vielleicht eher volkstümlichen Vorstellungen, vom Gebet entfernt sind. Gab es doch eine Zeit, in der man annahm, man bete und löst etwas aus, oder nimmt Einfluss auf G-tt.

Eine Seite aus The Lonely Man of Faith - Koren Verlag

Blick ins Buch

Wie Prophetie, hat das Gebet seinen Platz in der Gemeinschaft. Der einzelne Prophet steht nur für seine Gemeinschaft und ist deren Repräsentant. Es geht nicht um die spirituelle Entwicklung der Person Prophet, sondern um den großen Zusammenhang. Prophetie hatte ja auch niemals nur eine mystische Bedeutung, sondern transportiert immer einen konkreten Auftrag. Weitergesponnen heißt das natürlich auch, dass die Mitzwot keine Privatsache sind, sondern der Gemeinschaft obliegen und hier beginnt eine Reibung mit der säkularisierten Welt und dem modernen Streben nach mehr Spiritualität, welches aber die damit verbundenen Werte und Aufgaben immer weiter ausblendet. Wenn Spiritualität (mein Zusatz an dieser Stelle, nicht die Erklärung von Soloveitchik) sich nicht auch mit moralisch-ethischen Imperativen verbindet, ist eine reine Egogeschichte und hat mit Religion nichts mehr zu tun. Als Beispiel könnte ich direkt an die modische Beschäftigung mit Kabbalah erinnern. Wenn das nicht mit dem Rest der Torah zusammengeht, hat das nichts mit dem ursprünglichen Zweck zu tun.
Weil wir keine Prophetie haben, greifen wir auf das Gebet zurück, um mit G-tt in Verbindung zu treten – im Zusammenhang mit einer Gemeinschaft und diese Gemeinschaft hat eine Aufgabe auf der Welt. Aber das ist in diesem Zusammenhang nur ein Aspekt.

Der Koren Verlag hat das Buch neu herausgegeben und diese Neuausgabe ist durchaus ein Fortschritt zur alten (sofern man diese kennt). So werden hebräische Begriffe und Sätze, die Soloveitchik einführt, vollständig übersetzt und sind typografisch hervorragend in das Gesamtschriftbild eingefügt worden. Zudem gibt es ein einleitendes Vorwort. Für diejenigen, die mehr wissen wollen: Koren-Schriftsatz zusammen mit Arno.
Das Buch gibt es auch bei amazon. Hier die Buchbeschreibung auf den Seiten von Koren.

Ein Siddur mit Kommentar von Rabbiner Joseph Soloveitchik ist ebenfalls erschienen. Eine ausführliche Rezension folgt!