Artikel

Rosch haSchanah und Fußball

Schalke 04 hat sich für die Gruppenphase der UEFA Europa League qualifiziert. Das freut mich natürlich sowieso, mehr noch aber, dass erneut eine israelische Mannschaft in Gelsenkirchen spielen wird (in diesem Jahr war es bereits HaPoel Tel Aviv), nämlich Maccabi Haifa. Das Spiel wird am 29. September 2011 stattfinden und das ist: Rosch haSchanah. Das scheint für den Verein und die Spieler kein Problem zu sein, denn bisher wurde das öffentlich nirgends kommentiert.
Ausgeschlossen, dass es bisher niemandem aufgefallen ist.
Für viele Israelis scheint die Frage Fußball oder Synagoge keine zu sein, denn einen solchen Termin gab es bereits 2004. Damals sollte Maccabi Tel Aviv im heimischen Stadion auf Bayern München treffen. Das Stadion war ausverkauft.

Schlechtes Timing also für die Begegnung, aber offenbar kein Hinderungsgrund.

Artikel

Folgen eines Ausflugs

Es klingt zunächst banal, aber wenn man ein Kind (oder Kinder) hat, sieht man die Welt häufiger mit anderen Augen. Damit ist nicht kitschig und kuschelig gemeint, dass man die Welt wieder mit kindlicher Naivität neu entdeckt. Sondern vielmehr, dass man versucht, potentielle Gefahren für das Kind zu erkennen. Man lernt irgendwann, diese einzuschätzen und vertraut (mit einem Rest Misstrauen) zu gegebener Zeit darauf, dass andere dies auch können. Menschen, die einen Freizeitpark betreiben, werden, so meint man als Elternteil, mittlerweile wissen, wo etwaige Gefahren lauern könnten und weist darauf hin oder räumt sie aus. Das schafft eine entspannte Atmosphäre und das ist nutzbringend für Eltern und Kinder – vielleicht auch in wirtschaftlicher Hinsicht.
Warum schreibe ich das? Zuweilen verlasse auch ich mal das Ruhrgebiet um dem Rest der Familie aus der schwülen Hitze des Unsommers zu holen. Vermutlich kennt jedes Kind in der Region den Wildpark Frankenhof im münsterländischen Reken. Waldluft, Waldtiere, Waldboden, Spielplätze und vielleicht ein wenig Entspannung. Man müsste die regenfreien Tage auch nutzen. Der Tag versprach das auch. Allerdings wollte er das nicht einhalten. Nach den ersten Metern im Park Kettensägengeräusche, Tiere schreckten auf. Im Streichelgehege warf ein Arbeiter mit großen Zweigen umher. Einige Meter entfernt von uns stand auf dem Hauptweweg ein Fahrzeug mit Kran. Am Kran ein Korb mit zwei Arbeitern die da an einem Baum herumsägten. Allerdings ohne Absperrband oder Hinweis, dass da etwas an den Bäumen gemacht wird. Wird schon richtig sein. Deshalb schrieb ich, dass man irgendwann einen Blick dafür entwickelt, wo sich Gefahren befinden könnten, aber auch darauf vertraut, dass verantwortungsbewusste Menschen den Blick für Gefahren auch haben.
So wunderten wir uns und lamentierten noch über den Lärm der Kettensäge, als unter dem Kran ein Mann mit den Armen fuchtelte und lauthals forderte, man solle endlich etwas tun.
Zu seinen Füßen lag ein kleines Kind.
Ein Arbeiter kam hinunter und entgegnete, alles was man tun könne, wäre es, einen Arzt zu rufen und das würde man nun tun. Das Kind blutet stark schrie der Mann aus Leibeskräften und man hat verstanden, dass zumindest das eigene Kind dort nichts verloren hatte. Bei den ungesicherten Arbeiten passierte der Mann, der jetzt neben dem unbeweglichen Körper des Kindes stand nur wenige Momente zuvor den Wagen und von oben traf ein abgesägter Holzklotz das Kind auf den Kopf. Jemand forderte, das Kind an einen anderen Ort zu bringen. Die Erwachsenen, die zu dem Kind gehörten lehnten ab und wollten die Lage des Kindes nicht verändern. Um nicht als Schaulustige den Ablauf zu stören und das eigene Kind nicht zu verstören, hatten wir bereits räumlichen Abstand gewonnen.
Nur wenige Minuten später traf ein Rettungswagen ein, ein Notarzt und Polizei folgten. Eine ganze Weile später ein Rettungshubschrauber. Wir gingen weiter, waren jedoch besorgt und schockiert über die Ereignisse. Wenigstens waren Ärzte und Rettungsmöglichkeiten verfügbar.
Als wir wieder zuhause waren, erfuhren wir, dass der Junge es nicht geschafft hatte. Der vierjährige Junge starb im Krankenhaus. Das liest sich in der Lokalpresse lapidar, als sei es eine einfache Verkettung ungünstiger Umstände. Wenn man unmittelbar den Beteiligten ins Gesicht sah, etwa dem abwinkenden Waldarbeiter, dann empfindet man das anders.
Das Schicksal des Jungen, der auf dem Bauch neben dem Mann lag, hat mich mehr als schockiert.

Verblüfft bin ich jedoch darüber, dass der Betreiber des Wildparks den Unfall und seine Folgen nicht verantwortungsbewusst kommuniziert. Auf der Website wurde nichts erwähnt (etwa ein öffentliches Wort des Bedauerns). Hatte ich kurz vor dem Ausflug noch zur Kenntnis genommen, dass man eine facebook-Präsenz anbietet, so ist diese am Abend des gleichen Tages bereits gelöscht bzw. nicht mehr aufrufbar (nur im google-Cache) und der entsprechende Hinweis auf die facebook-Geschichte fehlt auf der Internetseite.

Der Tagesausflug rückte plötzlich existentielle Fragen in den Vordergrund, wie wir sie uns üblicherweise allerspätestens zu Rosch haSchanah stellen. Am Neujahrstag wird es geschrieben und am Versöhnungstag besiegelt, wieviele vergehen und wieviele entstehen, wer leben wird und wer sterben, wer an sein Ende gelangt und wer nicht an sein Ende gelangt heißt es in Unetane Tokef und zwingt uns zum Innehalten über die existentiellsten Fragen. Zugleich wird uns immer wieder deutlich gemacht, dass wir selber für unsere Taten verantwortlich sind und bereit sein müssen, die Verantwortung zu übernehmen. Vor HaSchem, aber auch oder gerade vor Anderen.

Das ist nicht die übliche Themenauswahl der Blogbeiträge hier, jedoch sei auch mir mal eine persönliche Anmerkung gestattet.

Artikel

Luach 5772 verteilen

Luach Vorschau

Luach Vorschau


Im Internet gibt es mittlerweile mit hebcal und KaLuach einfache Möglichkeiten, etwas über das jüdische Jahr zu erfahren. Dennoch erfreuen sich gedruckte jüdische Kalender einer gewissen Beliebtheit. Man braucht halt manchmal etwas zum Nachschlagen. Einige Gemeinden geben eigene heraus (mit lokalen Terminen und halachischen Zeiten), der Keren Kayemeth rückt einen heraus, wenn man eine gewisse Summe spendet (was man sowieso tun sollte) und es gibt mindestens zwei weitere, die vollgepackt sind mit Adressen und weiterführenden Informationen die man auch recht schnell bei google finden kann. Einen reinen dünnen Kalender mit den Wochenabschnitten, den Feiertagen und den Monatsnamen gibt es offenbar nicht frei zu kaufen oder irgendwie anders abzugreifen. Einen solchen gibt es nun theoretisch: Er hat auf einer Seite die weltlichen Monatsbezeichnungen, Wochentage und Tage, auf der anderen die jüdischen. Dazu die Namen der Schabbatot und zu jedem Tag die Angabe des Daf Jomi. Eine Woche auf einer Seite (Ausschnitt ist klickbar).Das könnte man nun theoretisch zum Download anbieten, aber wäre es nicht viel smarter, wenn möglichst viele Menschen die Möglichkeit hätten, ein einfaches (DIN-A6) Printexemplar zu erhalten? Wer Interesse hat, den Druck zu übernehmen, kann sich gerne bei mir melden. Die PDF steht bereit und könnte noch personalisiert werden (Widmung auf der ersten Seite, Werbung auf der Rückseite?). Eine Möglichkeit zum Download wird aber später auch folgen.

Artikel

Aufgepasst Klezmer-Menschen

Wann hat man die nichtjüdischen Deutschen eigentlich zur Seite genommen und ihnen erklärt, dass Klezmer die jüdische Musik sei?
Deshalb hier noch einmal auf den Punkt gebracht: Es ist die Musik der osteuropäischen Juden. Keinesfalls zogen Klezmorim früher durch deutsche Städte und besuchten die Synagogen. Vermutlich hätten die Besucher des Tempels von Hamburg sich eher gewundert über die seltsame Musik.
Es ist vermutlich nicht falsch zu behaupten, dass man das Klischee vom osteuropäischen Klezmermusiker im westeuropäischen Judentum vor der Schoah rundherum ablehnte. Heute scheint Klezmermusik zum festen Bestandteil von (durch Nichtjuden organisierten) Gedenkveranstaltungen geworden zu sein. Insbesondere die Veranstalter von Stolpersteinverlegungen haben Klezmer als dramaturgisches Instrument entdeckt, siehe etwa hier, hier, hier, hier, hier oder etwa hier. Das ist noch interessanter, wenn man bedenkt, dass die Musiker sich doch eigentlich mit ihren Stücken und der Art der Musik auseinandergesetzt haben sollten. Meinen sie wirklich, sefardische Juden, oder Juden aus Marokko würden Klezmer hören oder mögen? Chassidische Juden würden sich schön ärgern, wenn man bei einem Anlass zu Ehren eines chassidischen Juden Musik von Komponisten aus der Reformbewegung spielen würde. Ist doch jüdisch? Nicht zufällig heißt ein Kapitel aus Michael Wuligers Koscherknigge: Kein Klezmer bitte, wir sind schon jüdisch.

In Deutschland scheint es anders zu sein. Mit wir meinen es gut räumt man den Einwand zur Seite, man brächte hier osteuropäische Folklore zur Aufführung, wenn es jedoch um etwas ganz anderes geht. Einfach weil man meint, für Juden gehöre sich das so. Ein Vorurteil also. Stereotype die man hegt und pflegt.

Bitte weitersagen und damit aufhören. Danke.