Neu gebaut und umgezogen?

SynagogeDuisburg Atrium

Die Duisburger Synagoge ist ein Vorzeigeprojekt auf das immer wieder gerne hingewiesen wird. Architekt Zvi Hecker schuf ein ein ungewöhnliches Gebäude an Duisburgs Innenhafen. Sie wurde am 21. Februar 1999 eingeweiht und sollte als Zentrum der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen dienen. Die Gemeinde zog damals von Mülheim an der Ruhr nach Duisburg. 9 Millionen Euro hat das Projekt damals gekostet.
Jetzt überlegt man, laut Rheinischer Post, den Standort zu wechseln:

Die jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen überlegt, aus ihrem derzeitigen Domizil am Innenhafen auszuziehen. “Wir haben zwar keine konkreten Pläne, aber es gibt solche Überlegungen”, sagt der Geschäftsführer der Gemeinde, Michael Rubinstein. von hier

Warum?
Dazu gibt es gleich mehrere Antworten. Zum einen liest man:

Die jüdische Gemeinde Dusiburg-Mülheim-Oberhausen will sich von der Synagoge am Innenhafen trennen. Grund: Der Neubau sei zu klein und zu weit abseits gelegen. Man habe bereits ein neues Domizil im Auge, verrät Vorstandsmitglied Patrick Marx. von hier: Der Westen

Das war am 17.3.2011. Am 18.3.2011 heißt es dann etwas erhellender:

Aufgrund fehlender thermischer Abschirmung einiger Gebäudeteile ist die Synagoge am Innenhafen bereits nach zehn Jahren in einem schlechten Zustand. Je nach Höhe der Sanierungskosten müsste sich die Gemeinde nach einer Alternative umschauen. von hier: Der Westen

Dem Artikel ist zu entnehmen, dass die Betonfinger, die Architekt Zvi Hecker entwarf, offenbar ein größeres Problem darstellen (auf dem Bild unten zu erkennen). Sie wurden wohl auf Anweisung des Architekten hin nicht ausreichend gegen Umwelteinflüsse abgeschirmt. Das Material arbeitet also. Dehnt sich aus, zieht sich zusammen. Wasser kann in das Material eindringen und weil alles miteinander verbunden ist, wirkt sich das auch auf das Hauptgebäude aus.

Duisburg Jewish Community Center-Zvi Hecker

Die Sanierungskosten dürften erheblich sein. Auf Der Westen.de heißt es weiter:

Damit nicht genug: Der bauliche Grundfehler wäre damit nicht behoben. Dazu müssten die Betonfinger vom Gebäude getrennt werden. Und hier kommen wir in einem Konflikt mit den Urheberrechten des Architekten, so Rubinstein. Von hier: Der Westen

Notbremse also? Nach zehn Jahren erkannt, dass die Lage nicht gut ist, die Bausubstanz schlecht und die Gemeindemitglieder eigentlich woanders leben.

Die Realität schlägt also mit der großen Faust zu.

Der Architekt erkennt aber, laut Rheinischer Post, nicht, wo das Problem liegt:

Insgesamt sei es um eine Summe von 800 000 Euro gegangen, die die Duisburger Gemeinde vom Architekten verlangt hatte. “Die Gemeinde hat nie architektonisches Verständnis gezeigt. Ich war nicht einmal zur Grundsteinlegung und zur Eröffnung eingeladen”, sagt Hecker. von hier: Rheinische Post

Die Gemeinde habe also kein architektonisches Verständnis? Es scheint also eine gewisse Kommunikationsprobleme zu geben. Eine Gemeinde benötigt einen praktischen, sicheren und ausbaufähigen Raum (heute wohl auch ökonomisch und ökologisch anspruchsvoll). Der Architekt wünscht sich ein Projekt, bei dem gezeigt werden kann, was möglich ist. Viel Symbolkraft (ähnlich wie in Mainz) müsste mit praktischen Belangen verschmolzen werden. Ob Duisburg einen Wendepunkt zeigen wird? Man wird das Projekt weiter beobachten müssen.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

52 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Betonfinger, die … ein aufgeschlagenes Buch symbolisieren sollen”, sind kein adaequater Ersatz dafuer, selbst regelmaessig die “fünf Bücher Mose” aufzuschlagen und zu studieren. Und fuer sowas stupides (und offenbar unpraktisches) werden oeffentliche Gelder ausgegeben!
    Offenbar gibt es ein Gesetz: Je seltener man seine Synagoge aufsucht, desto spektakulaerer soll sie aussehen. Synagogen, die regelmaessig genutzt werden, kommen ohne Schnickschnack aus. Deren Gemeinden investieren nicht in Beton, sondern in die Herzen und Hirne ihrer Mitglieder.

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  2. Tja, die Falle der Landesförderung. Um an die Landesförderung zu kommen und diese möglichst in entsprechender Höhe zu erhalten, werden zu große und vorallem äußerlich repräsentative Synagogen gebaut, quasi als architektonischer Ausdruck des schlechten Gewissens. Ein schlechter Ratgeber. Die nächsten in dieser Reihe dürften dann Gelsenkirchen und Bochum sein. Nicht unbedingt wegen anstehender Baufehler, sondern wegen auf Dauer zu hoher Kosten an notwendiger Infrastruktur und mit dem zu großen Bau verbundener Personalkosten. Schade, schade, schade.
    Da lobe ich mir Recklinghausen!

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  3. @Ronny Jitzchak Das ist ein interessanter Punkt. Einige Synagogen wurden an besonderen Orten gebaut. In Bochum beispielsweise am Stadtpark. Die Durchschnittsmieten dort sind dementsprechend hoch.

    Da muss ich sagen, dass Gelsenkirchen etwa schon günstiger läge, wenn es darum geht, dass eine signifikante Anzahl von Menschen in die Nähe ziehen könnte.

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  4. Zu den Standorten unter dem Aspekt shomer shabbat: Bochum ist die Einheitsgemeinde Bochum-Herne-Hattingen, egal wo in Bochum die Synagoge stünde, sie wäre in Bezug auf die Anreise nie shomer shabbat.
    Dortmund ist die Großgemeinde Dortmund, die, obwohl Avichai Apel dort Rabbiner ist, ebenfalls ein Einzugsgebiet hat, das in Bezug auf die Anreise nie shomer shabbat sein kann. Die einzige echte Alternative in Schland unter dem Aspekt shomer shabbatenes Wohnen wären kleine Minjansynagogen, in deren Nähe sich möglichst viele Gemeindemitglieder ansiedeln. Da muß man dann nur aufpassen, dass das Konzept nicht verstejhtelt.

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  5. Eine andere Alternative wäre es, bei Synagogen mit einem großen Einzugsbereich dann nicht nur an der Fassadengestaltung zu klotzen, sondern effektiv zu klotzen, in dem man sie mit einem angeschlossenem Gästehaus ausstattet, so da man einen komplett Shabbes in und an der Shul verbringen kann.

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  6. Eine wunderbar sukkotive Alternative wäre es natürlich auch, um die Zentralsynagogen mit großem Einzugsbereich entsprechende Wohnwagenparks anzulegen. Das wäre zum einen im Unterhalt günstiger als ein Shabbes-Gästehaus, zum anderen kann man die Menge der Wohnwägen einfacher der Zahl der an Shomer-Shabbat-Shabbatwohnen interessierten Gemeindemitglieder anpassen.

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  7. … Shomer Mizwot …

    Ist das, mit dem in die Synagoge zu spazieren, wirklich so extem wichtig? Und wenn ja, wieso? Also, ich selbst habe meine Eltern in grauer Vorzeit am Schabbes immer mit dem Auto hingefahren und sie ganz diskret in einer Seitenstrasse davor aussteigen lassen. Die anderen Kids hatten ihrer Mischpoche nämlich besonders bei Schlechtwetter den gleichen Gefallen getan und der Rabbi wusste davon ‘offiziell’ auch nichts (Baruch Hashem! :))! Leute, seid doch mal ganz ehrlich, wer wohnt denn schon freiwillig im Einzugsbereich einer Shul? 🙂

    Shalom

    Miles

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  8. @SG:
    Ich denke Schomrei-Schabat-Synagogen haben per Definition kein grosses Einzugsgebiet. Zur einer Kehillah gehört weitaus mehr als nur gemeinsam am Schabat zum Gebet zusammenzukommen. Der Zusammenhalt in Schomrei-Schabbes-Kehillos dürfte aufgrund der damit einhergehenden Nachbarschaftlichkeit weitaus stärker sein als in Gemeinden, wo es üblich ist, aus riesigem Einzugsgebiet mit dem Auto anzureisen.
    Soll heissen, man wird nicht drum herumkommen umzuziehen, wenn man in so einer Gemeinde leben möchte. Was genauer meinst Du mit “verstejhtelt”, und was wäre daran so schlimm?

    @Bravoleser:
    Wechsle Deine Informationsquellen. Meine Gemeinde bekommt keine staatlichen Zuschuss. Die anderen hier auch nicht. Aber die ist auch nicht in Deutschland.

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  9. @Shabbes-Goi Die Wohnwagenvariante ist auch ästhetisch wahrscheinlich die charmanteste 😉

    Ernsthaft: Was würde man für eine funktionierende Gemeinde tatsächlich brauchen? Räumliche Nähe, eine Mikweh (ist laut Halachah wichtiger als das Synagogengebäude, wenn ich mich nicht irre) und dann kommt erst die Synagoge. Einstweilen könnte man dafür andere Räumlichkeiten verwenden.
    Das Phänomen, das ich hier beschrieb https://www.sprachkasse.de/blog/2011/03/01/vom-gemeindeaufbau/ Eigentlich müsste der Bedarf vorgeben, was gemacht wird. Vielerorts ist es umgekehrt.

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  10. @Miles: Nu, wie für alle Mitzvot der Halacha gilt auch für die Shabbes-Mitzvot, es ist Deine persönliche Entscheidung, welche Du einhältst, und welche nicht. Wenn Du welche nicht einhältst, bist Du dadurch nicht weniger Jude oder jüdisch, aber es kann halt sein, dass Du Dich irgendwann dann mal für die Nichteinhaltung verantworten musst, aber das ist ja dann Deine persönliche Entscheidung und, kain anoire, eventuell Dein persönliches Problem. Wenn aber Gemeinden öffentliche Gelder beanspruchen und bekommen, um eine jüdische Infrastruktur aufzubauen, sollte diese Infrastruktur doch so aufgebaut sein, dass sie es den Gemeindemitgliedern potentiell ermöglicht, alle Mitzvot einzuhalten.

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  11. @ Chajm: Wie weit die neuen, großen Synagogen potemkische Shulen sind, sieht man sehr gut an Bochum, ohne der Gemeindeleitung damit Böswilligkeit zu unterstellen. Bochum hat eine mit Regenwasser betriebene Mikwe, deren Installation beim Bau ziemlich viel zusätzliches Geld verschlungen hat. Aus irgendwelchen Gründen ist sie aber nicht komplett fertig gestellt worden, wahrscheinlich fehlt eigentlich nur der rabbinische Hechscher, und ist deshalb nicht in Gebrauch. Man erfüllt Äußerlichkeiten, aber irgendwo fehlt das Wissen für das Warum und Weshalb.

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  12. … Ich, zehn Minuten zu Fuß …
    Meine allergrösste Hochachtung, Yael!

    … Deine persönliche Entscheidung, welche Du einhältst, und welche nicht. Wenn Du welche nicht einhältst, bist Du dadurch nicht weniger Jude oder jüdisch …

    weiss ich, SG, weiss ich! Ich kam vor ein paar Tagen aus Jerusalem zurück, habe während meiner Zeit dort an der Westmauer mit Gebetsriemen wie üblich ein paar Sprüche aufgesagt und sogar zweimal glatt kosheres Falafel zu mir genommen (tja, meine streng orthodoxe Kindheit hat sich wohl doch eingefräst; und das obwohl ich längst keine Schläfenlocken mehr trage und mir auch keine Fäden mehr aus dem Hemd baumeln 🙂 ).

    Beim Spazierengehen in Mea Shearim wurde mir aber wieder folgendes klar: Solange es hier Leute gibt, die den ganzen Tag allein damit verbringen, 613 Mizwot einzuhalten, während man bei uns in Zürich am Schabbes Auto fährt, laute Discomusik hört und bei McDonalds einen leckeren Cheeseburger geniesst, ist das ein Zeichen dafür, dass die Zeiten noch in Ordnung sind! 🙂

    Shalom

    Miles

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  13. @Miles:
    1. “Also, ich selbst habe meine Eltern in grauer Vorzeit am Schabbes immer mit dem Auto hingefahren und sie ganz diskret in einer Seitenstrasse davor aussteigen lassen.”
    2. “tja, meine streng orthodoxe Kindheit hat sich wohl doch eingefräst; und das obwohl ich längst keine Schläfenlocken mehr trage und mir auch keine Fäden mehr aus dem Hemd baumeln”
    Meinst Du das ernst? Klingt ja ziemlich schizophren. “Chinuch al pi darko” stelle ich mir jedenfalls anders vor. Jetzt wundern mich manche Dinge gleich viel weniger…

    Aporopos. Wahre Geschichte: Rabbiner von Leeds wurde eingeladen, an einem Sonntag in Edinburgh Mesader Kidduschin zu sein. Er kam mit dem Zug und nam sich am Bahnhof ein Taxi. Als der Taxifahrer “Ziel erreicht” sagte, konnte der Rabbiner weit und breit kein synagogenaehnliches Gebaeude erblicken und fragte verunsichert nach. Antwort: “Die Synagoge ist hier um die Ecke, aber unsere Fahrgaeste bitten uns gewoehnlich, nicht im Sichtfeld des Synaogeneingangs zu parken.” Ohne Worte.

    @SG: Die Halachot von Mikvaos sind ziemlich komplex. Wenn da nicht von anfang an ein Fachmann die Arbeiten ueberwacht, ist die Wahrscheinlichkeit, dass was halachisch unbrauchbares rauskommt, ziemlich hoch. Und oft genug ist dann nicht mehr viel zu retten.

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  14. … Die Synagoge ist hier um die Ecke, aber unsere Fahrgaeste bitten uns gewoehnlich, nicht im Sichtfeld des Synaogeneingangs zu parken. Ohne Worte …

    @YM: Wieso denn ‘ohne Worte’? Ist doch zumindest am Schabbes eine ganz praktische Sache, oder? 🙂

    Shalom

    Miles

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  15. … Meinst Du das ernst? Klingt ja ziemlich schizophren…

    @YM:
    yup, ich meine das ernst! Hehe, von den Klamotten her sieht mir jedenfalls zum Glück keiner mehr das Jüdischsein an – allenfalls der grossen, krummen Nase wegen! 🙂
    Heisst das nun, man ist nur dann nicht schizophren, wenn man eine Jüdische Kleiderordnung einhält (gibt’s eine solche eigentlich?) und sich bei Coiffeur Pejes wickeln lässt? G-tt bewahre, wäre das schrecklich! 🙂

    Shalom

    Miles

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  16. “am Schabbes eine ganz praktische Sache”
    Heuchelei?? Oder um es positiv zu sehen: ????
    “man ist nur dann nicht schizophren, wenn man…”
    Nein, natuerlich nicht. Aber seinen Kindern Pejes machen und am Schabbes selber Auto benutzen, das habe ich noch nie gehoert. Entweder oder.

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  17. @Miles: “ist das ein Zeichen dafür, dass die Zeiten noch in Ordnung sind”
    Nu, ja und nein. Abgesehen davon, dass Hillel ja sagen würde und Shammai Yankel nein, hat Deine These von der sich ausgleichenden Waage zwischen Ultraorthodox und Schinkenkoscher einen grundlegenden Khazerl-fieß!
    Nämlich der, dass sich dieser Zustand allgemein betrachtet nicht bewußt sondern zufällig einstellt. Eigentlich müßte man, um sich zum Schinkenkoscherjudentum bewußt zu entscheiden, genau so viel über die Halacha wissen, wie ein Orthodoxer, um sich bewußt gegen bestimmte Mitzvot zu entscheiden. Auf der anderen Seite müßte ein Orthodoxer wirklich wissen und nachvollziehen können, was es heißt, säkulärer Jude zu sein, damit er sich bewußt für sein orthodoxes Judentum entscheiden kann. So ist es einfach ein ad libitum.

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  18. … Schinkenkoscherjudentum bewußt zu entscheiden, genau so viel über die Halacha wissen, wie ein Orthodoxer, um sich bewußt gegen bestimmte Mitzvot zu entscheiden. … Orthodoxer wirklich wissen und nachvollziehen können, was es heißt, säkulärer Jude zu sein …

    @SG:
    uff, G-tt sei Dank – da habe ich selbst nochmal richtig Glück gehabt! 🙂 Als orthodox erzogenes Kind, bekam ich von der Halacha nämlich schon einiges mit auf den Weg, und ich wusste auch von klein auf sehr genau, was ein säkulärer Jude ist, wie er aussieht und wie diese Leute im Gegensatz zu uns lebten! Meine Entscheidung irgendwann mal nach meiner Bar Mizwa die Pejes abzuschneiden, den Tallit Katan abzulegen und Cheeseburger zu geniessen kam da durchaus sehr bewusst und wohlüberlegt zustande! Ausserdem glaube ich, dass meine Eltern den Fahrerservice zur Synagoge besonders im Winter sehr zu schätzten gelernt hatten! Also, SG, der von Dir zitierte Hillel hat m.E. völlig recht und ich glaube (oder hoffe zumindest), Deiner o.g. Anforderung nach bewusster Entscheidung gegen einige der Mizwot zu entsprechen!? 🙂

    Shalom

    Miles

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  19. @miles: meine überlegung hatte eher einen allgemeinen statt persönlichen charakter. aber, dass du meiner “”forderung”” entsprichst, davon bin ich natürlich ausgegangen! 😉 zu hillel: ich glaube, man kann sich hier nicht wirklich für ein haus entscheiden, man muss immer beides mitbedenken.

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  20. … Aber seinen Kindern Pejes machen und am Schabbes selber Auto benutzen, das habe ich noch nie gehoert…

    @YM:
    Und Du hast wirklich noch nie gehört, dass es Menschen gibt, die im Laufe der Zeit einiges dazugelernt haben und vernünftiger geworden sind? 🙂 Das wäre aber schade! Zugegebenermassen funktioniert dieser Prozess nicht von heute auf morgen, aber wie sagt man in England so schön, “it’s better late than never”, isn’t it?

    Shalom

    Miles

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  21. @Miles

    Und Du hast wirklich noch nie gehört, dass es Menschen gibt, die im Laufe der Zeit einiges dazugelernt haben und vernünftiger geworden sind?

    Har Har! Für mich würde das (vernünftiger) bedeuten, observanter zu werden 😉

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  22. @Chaim:

    … Für mich würde das (vernünftiger) bedeuten, observanter zu werden …

    es ist mir durchaus nicht entgangen, dass das Kommentatoren wie Du oder YM das so sehen! Und so soll halt jeder nach seiner Facon leben und glücklich werden! Zum Glück haben wir keinen in religiösen Fragen unfehlbaren Papst, der uns verbindlich vorschreibt, wo genau es lang geht! 🙂

    Shalom

    Miles

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  23. @SG: “…damit er sich bewußt für sein orthodoxes Judentum entscheiden kann”
    Wo steht das? In der Torah oder aehnlichen Quellen jedenfalls mal sicher nicht. Im Gegenteil, wir legen aus gutem Grund grossen Wert auf Erziehung. “Schinken-koscher” und sekulaer sind zwei verschiedene Dinge, die man nicht vermengen sollte.
    Mal abgesehen davon, weiss ich persoenlich sehr genau, wie es ist, sekulaer zu sein…

    “persönliche Entscheidung, welche [Mitzwot] Du einhältst, und welche nicht” Und wo steht das? Bei Mosche Rabbenu etc? Oder eher bei John Locke etc?

    “…Papst, der uns verbindlich vorschreibt…” Einen Papst o. ae. haben wir in der Tat nicht. Aber woraus leitest Du ab, deswegen waere Vorgeschriebenes weniger verbindlich?
    Es ist uebrigens sicher kein Zufall, dass bei uns das Thema Freiheit fuer alle bereits 3000 Jahre vor dem Sturm auf die Bastille ein zentrales Thema war. Und es ist auch kein Zufall, dass Juden (ja, auch nicht-orthodoxe) in diesem Geiste bei den Vorkaempfern gehen die Sklavenbefreiung in USA oder gegen die Apartheid in Sued-Afrika oder gegen den Kommunismus der Sowjet-Union weit ueberrepraesentiert waren. Offenbar ist es so, dass einen deutlichen Zusammenhang gibt zwischen der Unterwerfung unter G-tt und der Weigerung, sich der Tyrannei anderer Menschen zu unterwerfen.

    @Miles: 1. “… Menschen …, die im Laufe der Zeit einiges dazugelernt haben und vernünftiger geworden sind”
    2. “am Schabbes eine ganz praktische Sache”
    Stellt sich die Frage, was hier Ursache und was Wirkung ist. Der Jetzer Hara soll ja ganz gut darin sein, das Bohren duenner Bretter zu rationalisieren.

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  24. Papst, der uns verbindlich vorschreibt Einen Papst o. ae. haben wir in der Tat nicht. Aber woraus leitest Du ab, deswegen waere Vorgeschriebenes weniger verbindlich? …

    @YM:
    weil’s mir mein Rabbi so gesagt hat – ihn verehre ich und für mich ist er ‘die’ Authorität schlechthin! 🙂

    Shalom

    Miles

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  25. @Miles & @ Chajm: Vernunft??? Die Frage, wie observant ich leben will ist keine Frage der Vernunft, weil es keine rationale Frage ist. Die Halacha ist nicht rational. Es ist einfach eine Frage, wie viel Observanz Du brauchst, um Dich wohl zu fühlen, und wie viel Energie du bereit bist in Deine Observanz zu investieren. Aber es ist Deine persönliche Entscheidung jenseits jeder Vernunft. Letztendlich ist es provokant formuliert, eine Wohlfühlentscheidung. Yankel fühlt sich in einem sehr observanten Umfeld wohl, weil das Teil seiner von ihm gewählten Identität ist, Miles hat seine Schwerpunkte woanders gesetzt, Chajm hat einen Ausgleich zwischen beiden Aspekten gewählt. Alle drei Entscheidungen sind legitim und keine von den dreien ist weniger jüdisch als die andere. Wichtig bleibt nur, dass die Entscheidung bewußt getroffen wird. Warum? Wegen Bereschit!

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  26. @YM: “persönliche Entscheidung, welche [Mitzwot] Du einhältst, und welche nicht Und wo steht das? Bei Mosche Rabbenu etc? Oder eher bei John Locke etc?” Das steht nirgendwo, sondern ist schlicht und einfach ein causaler Fakt. Was kann Dir denn schlimmstenfalls passieren, wenn Du Dich entscheidest, bestimmte Mitzvot nicht einzuhalten? Die erste direkte Konsequenz ist abhängig davon, in welchem Umfeld Du lebst, und wie dieses Umfeld die Nichteinhaltung der Mitzvot sankioniert. Im schlimmsten Fall muß Du die Wahl treffen zwischen Deinem Umfeld und Deinem persönlichen Mitzvot Kanon. Die zweite, spätere Konsequenz ist dann Hashems Gericht über Deinen Lebenswandel. Wie weit das Deinen den Umfang der Mitzvot, die Du einhälst, ist auch Deine ganz persönliche Entscheidung, die davon beeinflusst wird, wie stark Du an ein Gericht Hashems glaubst, oder, wie weit Du bereit bist, die potentiellen negativen Konsequenzen dann eben zu tragen. Liegt doch auch ohne religöse oder philosophische Autorität dahinter ganz faktisch auf der Hand. Oder ?

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  27. @Shabbes-Goi So weit würde ich nicht gehen. Man sollte doch die Mitzwot nicht aus Angst vor einer Strafe im Jenseits begehen. Es gibt doch eine Geschichte vom Baal Schem Tow, die das ganz nett illustriert:

    Als der heilige Baal-Schem spät am Abend aus der Synagoge zurückkam, sagte er zu niemandem ein Wort, sondern sprach sofort den Kiddusch über den Wein und setzte sich zum Seder, wie es sich gehört. Erst nach dem zweiten Becher Wein begrüßte er den Gast und sprach zu ihm: Ich kenne dein Verlangen: du hast keine Kinder. Da du mir aber diese Freude verschafft hast, schwöre ich dir, dass du noch in diesem Jahre ein Kind bekommen wirst, einen Sohn von deiner Frau, die neben dir sitzt!
    Und der Gast sagte: Mein halbes Vermögen würde ich darum geben! Und sie saßen noch länger beisammen und waren guter Dinge.
    Da hörte aber Baal-Schem eine Stimme vom Himmel, dass er, Rabbi Jisrael Baal-Schem, seinen Anteiles am ewigen Leben verloren hätte, weil er geschworen habe, dass sein Gast einen Sohn bekommen werde; dieser Mann sei aber von Geburt auf zeugungsunfähig und seine Frau unfruchtbar. Doch da er es schon einmal geschworen habe, wolle man im Himmel nicht, dass er meineidig werde, also werde man die Zeugungsunfähigkeit des Mannes und die Unfruchtbarkeit der Frau rückgängig machen; doch er, Baal-Schem, habe sein Seelenheil verscherzt.
    Als Baal-Schem dieses Urteil hörte, war er nicht im mindesten bestürzt; er war sogar erfreut und sagte zu sich selbst: Nun kann ich dem Allmächtigen noch besser dienen, als ich es bisher getan habe, nämlich ganz ohne Lohn, wie es auch geschrieben steht: Seid wie die Knechte, die ihrem Herrn ohne Lohn dienen!

    Dann weise ich darauf hin, was Rambam in seinen 13 Ikkarim Grundlehren im Führer der Unschlüssigen schreibt (und freue mich auf Yankel Moishes Zerlegung dieses Arguments):

    Die elfte Grundlehre besteht darin, dass Er – Er werde erhoben! – Lohn gibt dem, der die Worte der Torah befolgt, und den bestraft, der ihre Verbote übertritt, dass der größte Lohn die Kommende Welt ist und die härteste Strafe kareis ist.
    Kareis kann man so verstehen, dass man geistig abgeschnitten vom jüdischen Volk ist.

    Würde bedeuten, die Strafe für das Nicht beachten der Mitzwot ist ein Nicht beachten der Mitzwot. Die Gelegenheiten am Aufbau einer Gesellschaft mitzuwirken, die gut ist, sind vorbeigezogen. Die Gelegenheit, sich über die Mitzwot am Aufbau zu beteiligen, sind weniger geworden.

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  28. @Baal-Ha-Blog: Nu, “Man sollte doch die Mitzwot nicht aus Angst vor einer Strafe im Jenseits begehen.” war ja nur ein Beispiel unter anderen, wobei ich fest davon überzeugt bin, dass es Menschen gibt, für dieses Argument mit ins Gewicht fällt. Dein Rambam-Zitat zielt ja dann auf die soziale Sanktionierung beim Nichtbefolgen der Mitzvot ab. Aber es hat trotzdem nichts mit Vernunft zu tun, denn denn Frage, ob es Dir wichtig ist, nicht geistig vom jüdischen Volk abgeschnitten zu sein, ist keine rationale, sondern streng genommen, eine emotionale, die stark von Deiner Sozialisation beeinflußt wird. Auch Dein Schluß “Die Gelegenheiten am Aufbau einer Gesellschaft mitzuwirken, die gut ist, sind vorbeigezogen.” ist diskussionswürdig. Es geht ja hierbei um eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich an den Mitzvot orientieren. Wie würdest Du in diesem Zusammenhang “gut” näher definieren?

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  29. P.S.: Ist die Tatsachen, dass wir von den schlecht abgeschirmten Betonfingern der Duisburger Shul mittlerweile bei den 13 Ikkarim gelandet sind, nicht ein echtes Beispiel für den talmudischen Geist dieses Blogs? 😉

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  30. Und noch was. Dass ich hier so auf dem Begriff der Vernunft rumreite, hat nichts damit zu tun, dass ich zu viel Kant gefrühstückt habe.
    Es geht mir nur darum, dass die Frage, welche Mitzvot ich einhalte und welche nicht, eine Frage des sozialen Konsenses ist und wie ich mich sozial verorte, welcher Gruppe ich angehören möchte, von welcher Gruppe ich akzeptiert werden möchte, in dem ich ihre Kriterien erfülle. Egal welche Entscheidung man hier trifft, sie ist immer legitim und alle Entscheidungen sind gleichwertig. Denn schließlich beruhen Gemara und Talmud als Ausformung der Thora-Mitzvot auch auf einem sozialem Konsens, der bestimmt ist von den Gemeinschaften, die ihn aufgestellt haben und von den Lebensbedingungen der Orte, an denen er gebildet wurde.

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  31. @Shabbes-Goi Ich bin mir nicht sicher, ob das vernünftiger von Miles auf die Vernunft im erkenntnistheoretischen Sinne abzielt, oder eher darauf, dass man mit fortschreitendem Alter zur Vernunft kommt, sich also etwas gesetzter verhält. So hatte ich das jedenfalls verstanden.
    Wenn es um ratio geht, dann hast Du sicher zum Teil Recht. Es geht nicht immer vollständig um rationale Entscheidungen – wann ist das bei Menschen überhaupt der Fall 😉

    gut finde ich schon recht treffend definiert. In der Torah geht es doch um einen Weg des Lebens, den man wählen kann (den würde ich als gut bezeichnen) und einen, der davon wegführt.

    @Miles und alle: Niemand sollte urteilen (Du bist nicht gemeint, sondern eine generelle Geisteshaltung anderer), wer vermutlich etwas nicht hält oder tut [Ich greife mal zum Mittel der Mehrfachverwendung von Kommentaren und Material] Resch Lakisch: Unter deinem Volk, sind auch die einfachen Leute (wörtlich leere, also diejenigen, die als leer betrachtet werden) voller Mitzwot, wie der Granatapfel Kerne hat. Schir HaSchirim Rabbah 6, 17 und Sanhedrin 37a

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  32. … sich also etwas gesetzter verhält. So hatte ich das jedenfalls verstanden …

    @Chajm:
    … und das war auch tatsächlich so gemeint! Der jüdischen Identität meiner damals alten, klapprigen Eltern hat’s jedenfalls nicht geschadet, dass ich sie bei Schlechtwetter damals in die Synagoge kutschiert hatte; sonst wären sie nämlich alternativ zu Hause geblieben. Ich fand den Fahrservice eigentlich recht “vernünftig”. 🙂

    … Niemand sollte urteilen, wer vermutlich etwas nicht hält oder tut…

    @Chajm:
    … korrekt! Als Jude der als Kind das volle Programm der Orthodoxen mitgemacht hatte, bevor dann endlich als Jugendlicher Freitagsdisco und Cheeseburger statt Shul und Tscholent angesagt war, stimme ich dem 100%ig zu! Wie gesagt, jeder nach seiner Facon! 🙂

    Shalom

    Miles

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  33. … Egal welche Entscheidung man hier trifft, sie ist immer legitim und alle Entscheidungen sind gleichwertig…

    @SG:
    Aha, supergut! Genau so hat es mir nämlich mal irgendwann mein Rabbi erzählt! Hehe … bist Du kürzlich in aller Heimlichkeit Rabbiner geworden, SG? Gib’s ruhig zu! 🙂

    Shalom

    Miles

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  34. @Miles: “bist Du kürzlich in aller Heimlichkeit Rabbiner geworden”
    Nu, Facebook macht es möglich. Erst habe ich die Seite “Giur in 10 Minuten besucht”, dann die Seite “Rabbi in 28 Tagen!”. Nur Hebräisch kann ich immer noch nicht! 😉

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  35. … Rabbi in nur 28 Tagen …

    @SG:
    Holy Moses, einen ganzen langen Monat bis zur Smicha willst du verplempern? Wow, wusste gar nicht, dass das heutzutage so unverschämt lange dauert! 🙂 Gemessen an der Befähigung haben die allermeisten Rabbis, die ich im Laufe meines Lebens kennengelernt hatte, nämlich garantiert nicht länger als jeweils einen halben Tag dafür investiert! Und auch das ist noch sehr, sehr optimistisch geschätzt! 🙂

    Shalom

    Miles

    Antworten

  36. … Bart steht mir aber, oder …?

    @SG:
    Gelächter! 🙂 Nee, SG, Du siehst total unmöglich aus – wie eben aus dem Ghetto entsprungen! 🙂 Ich lach’ mich schief; habe nämlich gerade mit meinem Enkelkind das Schema aufgesagt und sehe hier nun ‘Dein Bild’, das mich ausgerechnet an meinen super-orthodoxen Opa erinnert! Mann oh Mann, jetzt kommen mir wieder die alten Erinnerungen hoch, wie ich mit ihm abends gebetet hatte (echt!)! Sowas von Scary, dieser Generationenkonflikt! Zum Glück sehe ich selbst weitaus zivilisierter aus als mein Opi und ‘Du’, wenn ich mit meinen Enkeln Umgang pflege ! 🙂

    Shalom

    Miles

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  37. … Na der Giur in 10 Minuten meinte aber das Gespräch mit dem Beth Din bevor es in die Mikwe geht. Ähnlich wird es sich mit den Rabbiner in 28 Tagen verhalten …

    @Yael:
    wie, 10 ewig lange Minuten vor einem Beit Din? Grausam! Was wollen die Typen den von einem wenn man davor steht? Hey, die Kollegen von der anderen Fakultät sind da etwas schneller und legen die Latte hoch; dreimal kurz Alahu Akbar murmeln und jeder gehört vollwertig dazu! Nicht gerade schlecht, oder? 🙂

    Shalom

    Miles

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  38. 10 Minuten ist doch gar nix, meine dauerten immer länger. Es wird ja nicht stur wissen abgefragt, sondern es wird auch auf den Kandidaten eingegangen. Stell dir vor, bei meinem ersten Termin saßen 6 Rabbiner dabei, weil gerade ein paar zu Besuch in München waren.
    Man sitzt übrigens.

    “dreimal kurz Alahu Akbar murmeln und jeder gehört vollwertig dazu!”

    Eben. Nein, auf diese Weise würde ich verzichten, weil ich nie das Gefühl hätte, Konvertiten wäre ihnen etwas wert.

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