Zukunft für Juden in Deutschland und Europa?

Über die demographischen Probleme des Judentums in Deutschland wurde hier ja schon häufiger berichtet und fortlaufend begleitet. Dass die Anzahl der Gemeindemitglieder bereits wieder sinkt, ist dabei schon aufgefallen.
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Die Gründe dafür sind vielfältig. Gestalter jüdischen Lebens haben sich diese Probleme (hoffentlich) klar vor Augen geführt. Es gibt jedoch einen Faktor, der meiner Meinung nach, die demographischen Prozesse entscheidend beeinflussen wird: Antisemitismus. Der ist in Europa praktisch überall vorhanden und hat unterschiedliche Wurzeln. Jörg Lau liefert in seinem Blog einen Zwischenbericht:

Ein Großteil des neuen Antisemitismus kommt von muslimisch geprägten Einwanderern und ihren Kindern. In Amsterdam sind es vor allem marokkanischstämmige Jungs, in Malmö Somalier. Aber das ist nur eine Facette. Die islamisch/islamistische Judenfeindschaft tritt neben den linken Antiisraeldiskurs (mit dem sie sich teils vermischt). In Ungarn hingegen lebt der klassische faschistische Antisemitismus wieder auf. Dort sind Rechtsradikale die Hauptquelle, wie auch im deutschen Osten. von hier

Wie diesem Problem begegnet wird, ist einer der Faktoren, der entscheidet, wie das geschrumpfte Judentum in Deutschland und in Europa in die Zukunft geht.

29.12.10 Aliya_0789
Französische Olim

Alleine im Jahr 2009 gingen 1.557 Juden aus Frankreich nach Israel, 12 aus Deutschland (Quelle) und schon in den Vorjahren gingen buchstäblich tausende französische Juden nach Israel. Die Ursache dafür liegt sicher nicht nur an der ausgezeichneten Öffentlichkeitsarbeit der Jewish Agency. Eine recht eingehende Analyse liefert ein Artikel (aus dem Jahr 2006) der Jerusalem Post:

… a University of Saint-Antoine medical school class was interrupted by four men shouting anti-Semitic threats and beating a Jewish student, while the class and professor looked on in silence; and a 12-year-old girl leaving a Jewish school was beaten by two men who carved a swastika into her face with a box cutter. Synagogues were torched, Jewish cemeteries were desecrated, and Jewish institutions were vandalized, damaged or destroyed. The number and virulence of these violent attacks have indeed been reflected in the number of Jews leaving France for Israel: 11,148 between 2000 and 2005, with a 35-year high of 3,300 Jewish immigrants in 2005. von hier

An anderer Stelle schlug ich vor, ungarische Juden aufzufordern, das Land zu verlassen und die Gemeinden hier zu unterstützen.
Die Fakten sind also nicht besonders aufmunternd, sprechen aber dafür, dass sich jüdisches Leben wieder auf bestimmte Zentren in Deutschland und Europa konzentrieren und es nicht mehr so viele kleine Gemeinden geben wird.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

16 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Antisemitismus hat es immer gegeben und wird es immer geben! Das ist nun wirklich nicht neu! Der ‘jetzige Antisemitismus’ in Europa ist doch aber wohl nur ein zahnloser Tiger, oder!?

    Shalom!

    Miles

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  2. “Der jetzige Antisemitismus in Europa ist doch aber wohl nur ein zahnloser Tiger, oder!?”

    Da hast du aber, was in Ungarn und anderswo abgeht, wenig mitbekommen. Vor allem in Ungarn sind die Nazis im Kommen und das schon sehr lang.

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  3. @Yael: mit dem “zahnlosen Tiger” habe ich meinen geschätzten Rabbi zitiert! Ein hochgebildeter, klar denkender Realist! Und sei Dir sicher, er und auch ich beobachten sehr genau, was in Europa abgeht! Alles Peanuts, jedenfalls verglichen mit dem, was Juden in der Vergangenheit hier erlebt hatten. 🙂

    Shalom!

    Miles

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  4. Wir haben ja bereits festgestellt, dass die Gemeindemitgliedschaft tendenziell überaltert ist. “Einen alten Baum verpflanzt man nicht”, nicht mal kurz nach Tu BiSchwat. Insofern sehe ich von daher weniger demographisches Erodierungspotential. Vielleicht würden die jüngeren gehen (das haben sie auch früher schon getan), aber das würde sich auf das Diagramm oben insofern weniger auswirken, als dass jüngere bereits jetzt oft keine Mitglieder sind…

    Ich vermute ausserdem, dass der Druck durch maghrebinische Araber in Frankfreich größer ist als durch Türken in Deutschland. 1.557:12 spricht ja auch für sich.

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  5. @Miles es mag schon sein, dass es für manche, die nicht in Ungarn, Malmö oder in Holland leben, Peanuts sind, aber der Maßstab ist nicht die Shoa, denn dann kann man jegliche Diskriminierung als lächerlich abtun. Bist du sicher mit der Einschätzung des Rabbis? 😀

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  6. “Jewish Agency: Antisemitismus steigt an

    Vor allem in Frankreich sei der Antisemitismus stark angestiegen, heißt es in dem Bericht der “Jewish Agency”. Insgesamt sei es dort im vergangenen Jahr fünfzehn Mal zu Handgreiflichkeiten gegen Juden gekommen. Gerade europäische Länder wie Belgien, die Niederlande und Schweden könnten einen Anstieg von körperlicher Gewalt verzeichnen. ”

    http://www.israelnetz.com/themen/gesellschaft/artikel-gesellschaft/datum/2011/01/24/jewish-agency-antisemitismus-steigt-an/

    Meldungen dazu könnte man dutzend mal einstellen.

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  7. @Yael: ja, mir der Einschätzung meines Rabbis bin ich einerseits absolut sicher und andererseits auch völlig einig! 🙂 Im Übrigen gehe ich mit Chajm konform, denn nicht die Shoa, sondern “rustikale Prügel” – organisiert und staatlich verordnet, würde ich ergänzend hinzufügen – ist der Massstab. Die Ausschreitungen einiger weniger Irregeleiteter, wo auch immer stattfindend und so erbärmlich diese auch jeweils sind, gehen mir genauso am Allerwertesten vorbei, wie die regelmässigen Prügelopfer im Zürcher Eisstadion nach einem Heimspiel gegen den HC Davos!

    Shalom!

    Miles

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  8. Chajm schrieb nichts von staatlich organisiert. Aber das dir antisemitische!!! Übergriffe “da hinten vorbei gehen, spricht nicht für dich. Den Opfern ist es nämlich völlig egal, ob sie staatlich verordnet sind oder nicht. Dass das in einer Demokratie schlechterdings nicht geht, weißt auch du. Wegsehen hilft nicht oder kennen wir genau das nicht allzu gut? Schade, dass dir da offensichtlich die Empathie fehlt oder liegt es daran, dass man immer den Eindruck bekommt, die Schweizer leben auf einer einsamen Insel? 😀

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  9. @Yael: stimmt, das ‘staatlich verordnet’ wäre nicht Chajm’s, sondern mein ganz persönlicher Benchmark zur Beurteilung einer Gesellschaft. Für mich ein ganz entscheidender Punkt!

    Im übrigen ist es den Opfern – jedenfalls soweit ich sie als meine Patienten kennenlerne – auch ziemlich egal, ob ein Übergriff anti-islamisch, eigentumsdeliktmässig oder eben anti-jüdisch motiviert war. Kannst Du diesem, meinem Gedankengang folgen? Ansonsten besten Dank für die nette Unterweisung in Demokratietheorie! 🙂

    Mit besten Grüssen vom Ufer des Zürichsees!

    Miles

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  10. Eine Gesellschaft muss sich auch an ihren Rassismus und Antisemitismus messen lassen. Der Antisemitismus hat in Dtl. auch nicht erst 1933 angefangen. Mir wäre es nicht egal, warum ich diskriminiert oder geschlagen würde, denn dann wäre die Angst, sich als Jüdin erkennen zu geben viel größer als vorher. Kannst Du diesem, meinem Gedankengang folgen? 😉

    Beste Grüße aus dem verregneten Berlin.

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  11. @Yael: “… nicht egal, warum ich diskriminiert oder geschlagen würde…”
    Liebe Yael, ja, dem kann ich durchaus folgen! Gleichwohl – und mit allem nötigen Respekt – ich sehe das in der Tat etwas anders! Aber das mag vielleicht nur an meinem eidgenössischen Weltbild liegen!? 🙂

    Shalom!

    Miles

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