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Angst? Ich?

Fear of G-d

Von der Urgroßmutter meiner Frau erzählt man sich, sie sei regelmäßig in die Synagoge gegangen. Ja, es waren andere Zeiten damals. Man ist bei jeder Gelegenheit in der Synagoge gewesen. Aus Angst. Man hatte Angst, es sich mit Gtt zu verscherzen, oder manchmal mit den Nachbarn. Die waren erstaunt, wenn man nicht ging und fragten nach.

Den gesamten Text aus der Reihe Neulich beim Kiddusch, kann man auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen lesen hier

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Katzen und die Schoah

In verschiedenen Blogs heißt es, Katzen-Content geht immer, aber dieser Katzen-Content ist schon sehr sehr speziell. Hatten wir schon einen Roman aus der Perspektive von Hitlers Schäferhund Blondi, so gibt es nun auch die Reichspogromnacht aus Sicht einer Katze. Benno and the Night of Broken Glass (Homepage des Verlags mit Buchvorstellung) heißt das Bilderbuch von Meg Wiviott, das Kindern von 7 bis 11 die Schoah näher bringen soll. Das Buch schildert aus Sicht der Katze, wie Juden zunächst als Teil der Gesellschaft leben, ausgegrenzt werden, Bücherverbrennungen, die Reichspogromnacht und schließlich, dass die jüdischen Familien nicht mehr da sind. Die Perspektive ist distanziert, die Illustrationen eher Collagen. Mehr erfährt man eigentlich nicht über das Schicksal der Familien oder Personen: Familien sind da, füttern Katze, Familien werden weggebracht, Fütterer weg. Dazu kommt die Frage, ob man so etwas Kindern in dem Alter zumuten kann und ob das die richtige Herangehensweise ist. Niedliche Tiere zu malen, um etwas kindgerecht zu gestalten, dürfte nicht ausreichen. Kinder, die solche Geschichten ernst nehmen, wird es möglicherweise schockieren, auch wenn die emotionale Bindung zu den jüdischen Figuren kaum besteht, weil diese eigentlich nicht charakterisiert werden.

Einige Bilder aus dem Buch kann man sich auf der Homepage von Illustrator Jose Bisaillon anschauen (hier)
Wer es sich unbedingt als Buch anschauen will, kann es in Deutschland über amazon kaufen.

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Unappetitliches Freiburg

Nach Hamburg stellt nun die Israelitische Kultusgemeinde Freiburg einen langjährigen Rabbiner frei. Wie die Badische Zeitung berichtet, habe es gravierende Unregelmäßigkeiten gegeben. Geschäftliche und religiöse. Rabbiner Benjamin Soussan – Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz -sei fristlos entlassen worden. Damit ist es das zweite Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz, welches gewisse Schwierigkeiten hat. Der Webmaster der Gemeinde war jedenfalls fleißig und hat jegliche Spur des ehemaligen Gemeinderabbiners getilgt. Dabei hieß es noch vor kurzer Zeit Unser Rabbiner Benjamin Soussan, Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz und Landesrabbiner von Baden, kümmert sich mit ganzem Herzen um die Freiburger (google cache). Hoffentlich einer der letzten Fälle.

Update: Die Jüdische Allgemeine hat den Fall in einer aktuellen Ausgabe ebenfalls beleuchtet. So heißt es:

Die ORD zeigt sich in einer Stellungnahme entsetzt über die Vorwürfe an Rabbiner Soussan und spricht von einer einseitigen Rufmordkampagne: Landesrabbiner Soussan sei ein ordentliches Mitglied der ORD und als Rabbiner anerkannt als Landesrabbiner bleibe er auch weiterhin im Amt.
Kampagne Noch schärfer reagiert in einer Pressemitteilung der Oberrat sämtliche Vorwürfe seien frei erfunden und entbehren jeglicher Grundlage. Die scharfe Reaktion von ORD und Oberrat erfolgte wohl auch darum, weil der Freiburger Streit via Badische Zeitung auch an die nichtjüdische Öffentlichkeit gelangte. von hier

und die Badische Zeitung kontert:

Was die Anerkennung Benjamin Soussans als Rabbiner angeht, so steht diese für die IRGB außer Frage: „Rabbiner Benjamin David Soussan ist anerkanntes Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz in Deutschland (ORD). Die IRGB anerkennt grundsätzlich alle Rabbiner der ORD.“ Die ORD selbst spricht von Rufmordkampagne. Soussan ist Gründungsmitglied der ORD. Die Organisation existiert seit 2003. Seit Dezember 2010 ist Soussans Sohn Julien-Chaim im Vorstand. Dokumente, die die Vorwürfe widerlegen, wurden der BZ auch auf Nachfragen nicht vorgelegt. von hier

Weiter heißt es in dem Artikel

Drei Tage vor den BZ-Berichten hatte der Oberrat schriftlich den sogenannten Restvorstand der jüdischen Gemeinde der Vorsitzende Mikhail Kats war Mitte 2010 zurückgetreten gebeten, diese Vorwürfe nicht öffentlich zu machen und vorgeschlagen, sich auch im Interesse Soussans auf eine Abfindung zu einigen. Zitat: „So könnte es nach außen hin als normaler Übergang dargestellt werden.“ Gegenüber der BZ erklärte Fuhl, von dem Plan, Soussan in den Ruhestand zu verabschieden, höre er zum ersten Mal. auch von hier

Wobei mir nicht vollkommen klar ist, warum die Badische Zeitung so sehr ausführlich über den Fall berichtet, der für den Großteil der Leser eigentlich von geringem Interesse sein dürfte.

Update 2 – zum Thema Aufmerksamkeit Die Frage nach dem Interesse für die Leser hat die Badische Zeitung mittlerweile beantwortet. Man berichte über die Vorgänge in der Gemeinde so, wie man auch über entsprechende Vorgänge in einer katholischen oder evangelischen Gemeinde berichten würde. Die angesprochenen Problematiken wären überall Thema und von öffentlichem Interesse.

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Zukunft für Juden in Deutschland und Europa?

Über die demographischen Probleme des Judentums in Deutschland wurde hier ja schon häufiger berichtet und fortlaufend begleitet. Dass die Anzahl der Gemeindemitglieder bereits wieder sinkt, ist dabei schon aufgefallen.
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Die Gründe dafür sind vielfältig. Gestalter jüdischen Lebens haben sich diese Probleme (hoffentlich) klar vor Augen geführt. Es gibt jedoch einen Faktor, der meiner Meinung nach, die demographischen Prozesse entscheidend beeinflussen wird: Antisemitismus. Der ist in Europa praktisch überall vorhanden und hat unterschiedliche Wurzeln. Jörg Lau liefert in seinem Blog einen Zwischenbericht:

Ein Großteil des neuen Antisemitismus kommt von muslimisch geprägten Einwanderern und ihren Kindern. In Amsterdam sind es vor allem marokkanischstämmige Jungs, in Malmö Somalier. Aber das ist nur eine Facette. Die islamisch/islamistische Judenfeindschaft tritt neben den linken Antiisraeldiskurs (mit dem sie sich teils vermischt). In Ungarn hingegen lebt der klassische faschistische Antisemitismus wieder auf. Dort sind Rechtsradikale die Hauptquelle, wie auch im deutschen Osten. von hier

Wie diesem Problem begegnet wird, ist einer der Faktoren, der entscheidet, wie das geschrumpfte Judentum in Deutschland und in Europa in die Zukunft geht.

29.12.10 Aliya_0789
Französische Olim

Alleine im Jahr 2009 gingen 1.557 Juden aus Frankreich nach Israel, 12 aus Deutschland (Quelle) und schon in den Vorjahren gingen buchstäblich tausende französische Juden nach Israel. Die Ursache dafür liegt sicher nicht nur an der ausgezeichneten Öffentlichkeitsarbeit der Jewish Agency. Eine recht eingehende Analyse liefert ein Artikel (aus dem Jahr 2006) der Jerusalem Post:

… a University of Saint-Antoine medical school class was interrupted by four men shouting anti-Semitic threats and beating a Jewish student, while the class and professor looked on in silence; and a 12-year-old girl leaving a Jewish school was beaten by two men who carved a swastika into her face with a box cutter. Synagogues were torched, Jewish cemeteries were desecrated, and Jewish institutions were vandalized, damaged or destroyed. The number and virulence of these violent attacks have indeed been reflected in the number of Jews leaving France for Israel: 11,148 between 2000 and 2005, with a 35-year high of 3,300 Jewish immigrants in 2005. von hier

An anderer Stelle schlug ich vor, ungarische Juden aufzufordern, das Land zu verlassen und die Gemeinden hier zu unterstützen.
Die Fakten sind also nicht besonders aufmunternd, sprechen aber dafür, dass sich jüdisches Leben wieder auf bestimmte Zentren in Deutschland und Europa konzentrieren und es nicht mehr so viele kleine Gemeinden geben wird.

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Vom Kommen und Fernbleiben der Gäste

Guest table

Als ich kürzlich mit meinem Sohn zusammensaß, überkam mich das Ich-umarme-die-Welt-und-dich-gleich-mit-Gefühl. So etwas hat immer Folgen. Obwohl meine Frau genaue Instruktionen dazu hat, wie sie sich zu verhalten hat, wenn das ozeanische Gefühl einsetzt, ließ sie mich gewähren. Ich kam nämlich auf die Idee, mal wieder Anna und Jonathan einzuladen. Gleich am nächsten Freitagabend. Kiddusch in kleiner Runde. Das wird bestimmt gemütlich, und wir haben die beiden seit mindestens einem Jahr nicht mehr gesehen.

Den gesamten Text aus der Reihe Neulich beim Kiddusch, kann man auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen lesen hier

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Jude für beschränkte Zeit

Isaac Lewinson kam nach Ende des Krieges aus Theresienstadt nach Siegburg und war dort aktives Gemeindemitglied, denn damals gab es dort noch eine Gemeinde. Heute gehört dieser Bezirk zur Synagogengemeinde Bonn. Er lies sich sogar in den Vorstand der Gemeinde wählen, mit Anfang 30 schon beeindruckend. Bei Beschneidungen war er dabei, bei Versammlungen stets einer der Wortführer und sammelte eifrig Geld für andere Verfolgte des Nazi-Regimes. Isaac Lewinson war aber auch fleißig und betrieb einen Großhandel. Startkapital könnte das Geld gewesen sein, dass der VVN den Opfern auszahlte. 2000 RM waren das damals. Als Mitglied des Gemeindevorstandes stand Herrn Lewinson auch die doppelte Ration von Care Paketen zur Verfügung, die doppelte Menge Lebensmittelkarten stand ihm ebenfalls zur Verfügung. Aber Herr Lewinson konnte auch anders. Wenn es darum ging, seine Interessen bei den Behörden durchzusetzen, wurde er auch mal laut, pöbelte herum und schließlich gingen mehrere Beschwerden über ihn bei der Gemeinde ein. Aus heutiger Sicht eine typische Nachkriegsgeschichte und auch keine Ungewöhnlichkeit.

Tatsächlich aber war Isaac Lewinson ein Nazi, also ein echter Nazi und hieß eigentlich Alfred Mende. Er kam 1945 aus der Nähe von Chemnitz nach Siegburg und konnte alle nötigen Dokumente vorweisen, wurde dann aber in Siegburg erkannt. Seine jüdische Existenz dauerte also nur wenige Jahre. Er soll bereits Kreisorganisationsleiter der NSDAP in Dresden gewesen sein und Absolvent der Kaderschmiede Krössinsee in Pommern. In einem Zeitungsbericht aus dem August 1948 heißt es, er solle selber auch Aufseher in Theresienstadt gewesen sein – möglicherweise liegt da aber eine Verwechslung mit Herbert Mende vor. Zu einem Jahr und drei Monaten Haft wurde Mende verurteilt und der Fall verschwand wieder in totaler Vergessenheit. Bemerkenswerterweise war er auch nicht der einzige Nazi, der so untertauchen konnte. Von einigen Fällen nahm ich bisher an, es handele sich um urbane (jüdische) Mythen, aber offensichtliche ist auch das undenkbare möglich.

Leider sind die Gerichtsakten, die uns heute mehr über Mende und sein Leben in der Gemeinde hätten verraten können, mittlerweile vernichtet.
Aufmerksam auf den Fall wurde ich durch Dr. Harry Maors Beschreibung der Nachkriegsgemeinden »Über den Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinden nach 1945« (Mainz, 1961). Maor schrieb:

»Bei der Unsicherheit der Aufnahmekriterien – sollte das Religionsbekenntnis zählen oder genügte die jüdische Abstammung – und infolge des geschilderten Umstandes, dass oft beide Kriterien unvollständig waren, ist es nicht verwunderlich, dass in einigen Fällen sogar Betrüger Erfolg haben konnten, von denen es einer, ein ehemaliger KZ-Aufseher aus Dresden, bis zum Vorsteher einer kleinen Gemeinde brachte. «

Das war eben »Isaac Lewinson«. Falls jemand weitere Hinweise irgendwoher beitragen kann, wäre das sehr fein. Die Geschichte würde ich gerne weiterverfolgen.

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Bewegung im Ruhrgebiet

Page of Talmud
Es kommt Bewegung ins Ruhrgebiet Inhalte geraten zurück in den Blickpunkt. Ab Januar 2011 wird es in Gelsenkirchen regelmässige Treffen für/mit interessierten Juden geben, die sich mit Mischnah und Talmud beschäftigen wollen. Am Schabbatnachmittag wird es zunächst ein gemeinsames (orthodoxes/traditionelles) Minchah geben, einen kleinen Imbiss und dann eine gemeinsame Auseinandersetzung mit Text und einem interessanten Thema. Das erste Treffen wird am 15. Januar 2011 sein. Interessenten können einen Blick auf talmud.de/minchah werfen. Die genaue Anschrift gibt es nach einer persönlichen Mail.