Das jüdisch-christliche Abendland?

Im Zusammenhang mit der Hysterie um die Rede von Bundespräsident Christian Wulff zum Tag der deutschen Einheit, kam wieder ein interessanter Begriff im Schlagabtausch der Meinungen auf. Der Begriff von einer christlich-jüdischen Tradition in Deutschland. Um nur ein populäres (leider) Beispiel zu nennen; Hugo Müller-Vogg von der Bild:

Unser Verständnis von Freiheit und Menschenwürde gründet auf unserer christlich-jüdischen Tradition und der Aufklärung. von hier

Mir kommt es ein wenig so vor, als möchte man doch christliche Tradition schreiben, aber neuerdings hat man diese jüdisch-christliche oder christlich-jüdische Tradition entdeckt und niemand kann so recht sagen, woher dieser Begriff eigentlich stammt. Der Begriff Tradition erweckt nämlich den Eindruck, es habe in den letzten zweitausend Jahren eine friedliche Symbiose beider Religionen gegeben. Dabei hat es die auch in der jüngeren Geschichte nicht gegeben. Die jüdische Geschichte in Deutschland ist ja eine jahrhunderte lange Geschichte der Ausgrenzung und zum Schluss dann auch recht einseitigen Liebe. Wie Ramona Ambs schon in ihrem Text Ausgeprägtes Markenbewusstsein feststellt, wird der Begriff aber auch nur dann benötigt, wenn es darum geht, sich gegen eine weitere Partei abzugrenzen:

Als Familienministerin von der Leyen 2006 eine Wertekonferenz (Bündnis für Erziehung) einberief, lud sie dazu nur Vertreter der christlichen Kirchen ein. Das Christentum sei Grundlage, immerhin handle man nach den christlichen Zehn Geboten. von hier

Almut Schulamit Bruckstein oruh stellt dies nun auch im Tagesspiegel fest:

Nein, es gab keine jüdisch-christliche Tradition, sie ist eine Erfindung der europäischen Moderne und ein Lieblingskind der traumatisierten Deutschen. Jüdisch-christlich ist eine Konstruktion, geprägt von einer Genese des Fortschritts, die in der Reformation und in der Französischen Revolution gipfelt. Erst nach der Schoah hat in Deutschland ein jüdisch-christlicher Dialog begonnen. Dabei entsprachen die Trennlinien dieses Dialogs paradoxerweise ziemlich genau den Trennlinien zwischen muslimischen und christlichen Überzeugungen heute. Selten gibt es für die offensichtlichen Gemeinsamkeiten dieser beiden Traditionen auch ein öffentliches Zeugnis, wie etwa zur Zeit, als die Republik über Navid Kermanis Äußerungen zum Kreuz in helle Aufregung geriet und Fürsprecher wie Micha Brumlik am Ende doch, wenn auch eher leise, darauf hinwiesen, dass auch für viele Juden wie soll man es sagen jede Form der Kreuzestheologie letztlich Blasphemie bleibt. von hier

Aber Bruckstein oruh folgert auch etwas daraus:

In Zeiten, in denen muslimische Traditionen unter Generalverdacht stehen, bedarf es einer erneuten Liaison der jüdischen Intellektuellen mit den Muslimen dieses Landes. von hier

Nötig wäre es alleine schon deshalb, weil diejenigen, die gegen den Islam hetzen immer so tun, als würden sie Israel und die Juden toll finden und dabei versuchen, beide als Gegenpol zum Islam zu montieren.

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon. Sein Buch »Tzipporim: Judentum und Social Media« behandelt den jüdischen Umgang mit den sozialen Medien. || Um per Mail über neue Beiträge informiert zu werden, bitte hier klicken

101 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich hoffe, Schabbes-Goi, dass du nichkopftuchtragende Frauen so siehst, als würden sie sich bewusst auf das äußerliche reduzieren lassen? 😉
    Aber wie erklärst du dir, dass es in islamischen Staaten (vor kurzem wurde von Frauen dort berichtet), dass sie sich, trotz Verschleierung, über massive männlich-sexuelle Belästigungen beklagen?
    Für mich ist es übigens ein Unterschied, ob jemand Kopftuch trägt oder eine Burka/Vollverschleierung, weil die Gestik und Mimik des Gesichtes ein sehr wichtiges Kommunikationsmittel ist. Ich sehe den Menschen gern ganz ins Gesicht.

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  2. PS: Ich muss noch eines erwähnen, was mir in Berlin immer mehr auffällt und was dem Argument frau wolle sich nicht auf das Äußere reduzieren lassen (was übrigens allen Frauen so geht, man nehme nur an, Frauen würden Männer nur auf das Äußere reduzieren) und trage deswegen Kopftuch. Ich sehe in Berlin seit Jahren vielmehr, dass junge Türkinnen oder Araberinnen zwar Kopftuch tragen, aber sehr grell geschminkt sind und unten enge Jeans, kürze Röcke und Pumps tragen. Sie kleiden sich daher sehr wohl westlich, aber tragen Kopftuch. Das Argument weswegen sie Kopftuch tragen, ist da völlig falsch. Das mal nebenbei, denn wir kommen immer mehr vom eigentlichen Thema ab.

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  3. @Schmitti Nein, Nein – ich meinen den hervorragenden Text über Pornographie.

    Zum Thema Entwicklung und Herkunft des Christentums verweise ich mal auf das Buch The early Christian world herausgegeben von Philip Francis Esler, Routledge 2000.

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  4. Ich habs persönlich noch nicht gesehen (entweder laufen Frauen ganz “züchtig” herum oder halten sich äußerlich an gar nichts), aber das es das gibt, ist eigentlich logisch.
    Ich definiere keine/n nach dem Äußeren. Ich trage z.B. auch Jeans, aber das hat meines Erachtens nichts mit dem Grad der Religion zu tun. Ich wollte nur auf den Widerspruch hinweisen: Oben vorschriftsmäßig, unten “was kostet die Welt”. Egal ob Jude/Jüdin oder Moslem/Muslima.

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  5. @Yael

    Ich sehe in Berlin seit Jahren vielmehr, dass junge Türkinnen oder Araberinnen zwar Kopftuch tragen, aber sehr grell geschminkt sind und unten enge Jeans, kürze Röcke und Pumps tragen. Sie kleiden sich daher sehr wohl westlich, aber tragen Kopftuch.

    Genau diese Frauen werden dann von orthodoxen dafür kritisiert, das sie sich nicht züchtig genug kleiden würden. Die Frauen können es auch keinem recht machen.

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  6. Sehr schöne und perspektivische Reaktion:
    “Nun konzentriert euch mal auf auf die konkret-persönliche Sphäre in eurem Leben. Das heißt: Fragt euch mal, von wievielen Deutschen in eurem Umfeld ihr in den letzten Monaten unverschuldet gezielt unter türken- oder moslemfeindlichen Gesichtspunkten persönlich angefeindet wurdet. Und dann fragt euch, mit wie vielen Deutschen ihr normale und freundliche Gespräche geführt oder eine schöne Zeit verbracht habt. Und nun vergleicht. Hier sitzt meine erste Wirklichkeit – und nicht in der von Medien und öffentlichen Debatten konstruierten Welt.

    Und wenn ich mich doch mal richtig unwohl fühle bei dem Gedanken, dass es da draußen Menschen gibt, die kategorisch alles, was mit meiner Herkunft und meinem Glauben zusammenhängen, verachten, dann erinnere ich mich gerne an eine Stelle im Johannes-Evangelium, in dem von Isa alias Jesus folgende Worte tradiert werden:

    “Wenn die Welt euch hasst, dann denkt daran,
    dass sie mich zuerst gehasst hat” (Joh. 15,18)

    Und wenn ich mich manchmal dazu verleitet fühle, den Anfeindungen in der Öffenlichkeit mit einer gezielten Distanzierung paroli bieten zu wollen, dann kommt mir oft dieses erhabene koranische Grundprinzip zu Hilfe:

    “Das Gute und das Böse sind fürwahr nicht gleich. Wehre (das Böse) mit Besserem ab, und schon wird der, zwischen dem und dir Feindschaft war, dir wie ein echter Freund werden. Aber dies geschieht nur denjenigen, die standhaft sind, ja nur Menschen von besonderer Begnadung.” (Sure 41, Verse 34-35)

    In diesem Sinne: Lasst es uns besser machen!”
    Den kompletten Artikel findet Ihr hier:
    http://andalusian.de/index.php?option=com_zoo&task=item&item_id=56&Itemid=53

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  7. Und noch ein sehr guter Artikel zu dem Thema
    http://blog.zeit.de/joerglau/2010/10/19/changes-in-the-german-debate-about-islam_4262

    Das grundlegende Problem bleibt, dass es der Bundesrepublik an jeglichem positiven Eigenprofil und Selbstverständnis mangelt. Statt stammtischverblödeter Leitkulturphrase braucht es hier eine dezidierte Eigendefinition auf der Basis des Grundgesetzes, das einfach als Wert und Richtlinie im Bewußtsein nachhaltig verankert werden muß statt es zu Gunsten rein machtpolitischer Ranküne und Lobby-Proporz weiter auszuhöhlen. Bei letzterem spielen leider gerade die Parteien, die ein christliches C in ihrem Namen führen, immer wieder eine sehr traurige Rolle.

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  8. @Immanuel:
    “Würde man dies berücksichtigen (was meines Erachtens eine sprachliche Notwendigkeit ist), könnte kein Mensch zugleich als Jude und Christ bezeichnet werden (es sei denn, er hat eine gespaltene Persönlichkeit und kann zwei sich gegenseitig ausschließende Glaubenssätze zur gleichen Zeit glauben).”
    Super, damit erklärst Du dann also Jeshua ben Josef, alias Jesus von Nazareth eindeutig für Schizophren! Die Hundert Argumentationspunkte dieser Woche gehen eindeutig an Dich und damit bist Du der Gewinner!

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  9. @SG: Das gilt nur, wenn man der Meinung ist, dass Jesus oder “Jeshua ben Josef”, wie Du Ihn revisionistisch nennst Jude war, und dass das Christentum aus dem Judentum entstanden ist. Beides bleibt bis heute unbewiesen.

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  10. @Schmitti: Wenn Jeshua ben Josef ( was ist daran übrigens revisionistisch ?
    der Mann war Aramäer, die Namensgebung läuft auch hier nach dem hebräischen Prinzip, eigener Vorname kombiniert mit dem Namen des Vaters, und Jeshua ist schlichtweg die aramäisch hebräische Version des römischen Jesus) kein Jude gewesen sein sollte, ist das Christentum eine Religion ohne Gott. Soweit meine Erinnerungen in die dunkle Zeit zurück ragen, als ich selber noch Christ war, bezieht er sich in allen 17 neuen Testamenten auf Hashem, auf die Thora und versteht sich selbst als essiatologischer Reformer des Judentums. Wenn er kein Jude gewesen wäre, würde das ziemlich wenig Sinn machen, oder?
    Übrigens beweisen läßt sich hier überhaupt nichts, da im Falle Jeshua ben Josefs kein einziges historisches Dokument vorliegt, dass auch nur seine Exitenz verifiziert, sondern eben nur die 17 neuen Testamente, die aber Glaubensschriften, also keine wirklich historischen Dokumente sind.

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  11. @S-G: Aha, beweisen lässt sich hier als überhaupt nichts. Warum also reden alle von Jesus so, als sei er (so wie er in den Evangelien dargestellt wird) eine historische Person gewesen? Es gibt jedenfalls keinen Beweis, dass er Aramäer war, oder dass er “Jeshua ben Josef” hieß. Diese Behauptungen sind überhaupt nicht zulässig, solange seine Existenz nicht nachgewiesen ist. Dieser Jeshua- und Hashem-Kram steht bislang nur in radikalevangelikalen (lies: revisionistischen) Bibelübersetzungen. Natürlich können die Menschen gerne glauben, dass er Jude war, dass er in irgendeiner Form (aber natürlich in einer jüdischen Form!) existierte, und dass die Geschehnisse im Evangelium so (und nur so) korrekt sind. Aber Glaube ist nicht gleich historische Wahrheit. Gegenfrage: War Odysseus ein Jude? Natürlich nicht. Aber Leopold Bloom war Jude. Genauso: der Jesus der Bibel ist allem Anschein nach jüdisch. Aber gilt das auch für die historische Person, die dahintersteckt? Nicht unbedingt. Deswegen gilt Dein Argument nicht, dass das Christentum eine “Religion ohne Gott” ist, wenn Jesus “kein Jude gewesen sein sollte”. Das ist Quatsch. Das Christentum ist nur dann eine Religion ohne Gott, wenn ihr Gott historisch nie existiert hat. Ohne einen historischen Jesus gibt es keine Auferstehung, kein Ostern, kein Christentum. Wenn sich herausstellt, dass es eine historische Person hinter dem biblischen Jesus gab, sie aber ägyptisch, griechisch, persisch, römisch oder was weiß ich was war, dann ist trotzdem alles in Butter. Denn mit dem Jüdischsein hat das nichts zu tun. Das angebliche Jüdischsein Jesu ist lediglich Teil der Geschichte, die in den Evangelien erzählt wird und selbst das ist Ansichtssache, wie immer bei Büchern, die Geschichten, aber nicht Geschichte erzählen.

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  12. Hallo Sven!
    Ganz, ganz herzlich Dank für den Link zu dem wirklich guten Artikel.
    Endlich mal ein echter Lichtstreif am Horizont.
    Wobei es leider genau solche Artikel sind, die dann im öffentlichen “Diskurs” nicht wahrgenommen werden, weil sie die Thematik mit der gebührende Komplexität angehen statt sich einer “völkischen” Stammstisch-Diction zu bedienen.

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  13. Interessant in diesem Zusammenhang (Wulffs Rede und das Interview) ist, dass unser Bundespräsident behauptete, dass “der Islam” zu Deutschland gehört, aber der türkische Präsident dies nicht aufgegriffen hat: Er sagte gerade nicht, dass “das Christentum” zur türkischen Gesellschaft gehört, sondern nur, dass “die Christen” dazugehören. Ein großer Unterschied. (So wurde es jedenfalls in den Nachrichten zitiert.) Die Moslems säkularer Staat hin oder her wissen, dass sie die östlichen und südlichen Regionen des Mittelmeerraums besetzt halten und es historisch nicht “ihre” Regionen sind. Würde Gül sagen, dass “das Christentum” zur Türkei gehört, dann würde das (jedenfalls in den Augen der Türken) “dem Christentum” Tür und Tor öffnen, diese Regionen eines Tages zurückzugewinnen vielleicht nicht kriegerisch, wie es einst die Moslems taten, aber doch “kämpferisch”, wie es der Herr Protestant im Interview ausgedrückt hat. Nur wir Deutschen, so scheint es, geben unser Territorium freiwillig her.

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  14. @Yael

    Hier zeigt es sich wie christlich-jüdisch das Land angeblich ist! Inklusive Kommentare.

    http://www.merkur-online.de/nachrichten/bayern-lby/klage-schweinemast-juedischer-friedhof-dpa-968024.html

    Migrantin! Yael

    Das ist echt hart. Würde sowas in die nähe einer islamischen Gemeinschaft gebaut und sie würde sich wehren, hätten wir wieder eine Debatte über Integration und die Parallelgesellschaften. Und einige würden die Zivilisation daran hängen, das man Schweinemasten bauen darf. Wohl bekommts!

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  15. Stand da nicht irgendwo in der Thora, die ja in grundlegenden Ansätze für alle drei Religionen gilt, nicht etwas von Verantwortung gegenüber der Schöpfung und damit auch gegenüber Tieren?

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  16. Keine Ahnung. Aber zu diesem speziellen Thema: Jüdische Ethik hat nichts mit deutschem Recht zu tun. In zivilisierten westlichen Ländern wie Deutschland oder den USA gibt es etwas, das wir “Eigentum” und “Marktwirtschaft” nennen, das dem Besitzer z.B. einer Immobilie das Recht gibt, damit zu machen, was er will, es sei denn, dass Gesetze damit gebrochen oder Verordnungen (z.B. bzgl. Umweltschutz) missachtet werden. Somit hat der Eigentümer das Recht, dort eine Schweinemast zu betreiben, genau wie NewsCorp und Rockefeller das Recht haben, bei Ground Zero in New York ein islamisches Zentrum zu bauen. Wenn der jüdischen Gemeinde in Nordheim die Schweinemast nicht gefällt, können sie ja die Grundstücke um den Friedhof aufkaufen. Ansonsten bleiben nur zwei Möglichkeiten: (a) sich dem deutschen Recht zu fügen und die deutsche (christliche geprägte) Kultur zu respektieren, oder (b) um invertierten Respekt gegenüber der eigenen Minderheit zu bitten. Aber letzteres ist eine moralische Frage, keine rechtliche was nicht heißt, dass sie nicht vor Gericht verhandelt werden kann , aber sie dürfen nicht von vornherein erwarten oder gar verlangen, dass der Eigentümer einfach so sein Land wieder verkauft und wegzieht. Aber vielleicht knickt er ja doch ein, denn er hat ja bereits den Betrieb verkleinert (verkleinern müssen?).

    (Die Kommentare zum Merkur-Artikel habe ich nicht gelesen. Interessieren mich nicht.)

    Aber Yael hat recht. Das ist ein gutes Beispiel, dass es hierzulande christlich zugeht, nicht “judäochristlich”.

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  17. Hier gilt wohl auch das Nachbarschaftsrecht im BGB:

    906 Zuführung unwägbarer Stoffe

    (1) Der Eigentümer eines Grundstücks kann die Zuführung von Gasen, Dämpfen, Gerüchen, Rauch, Ruß, Wärme, Geräusch, Erschütterungen und ähnliche von einem anderen Grundstück ausgehende Einwirkungen insoweit nicht verbieten, als die Einwirkung die Benutzung seines Grundstücks nicht oder nur unwesentlich beeinträchtigt. Eine unwesentliche Beeinträchtigung liegt in der Regel vor, wenn die in Gesetzen oder Rechtsverordnungen festgelegten Grenz- oder Richtwerte von den nach diesen Vorschriften ermittelten und bewerteten Einwirkungen nicht überschritten werden. Gleiches gilt für Werte in allgemeinen Verwaltungsvorschriften, die nach 48 des Bundes-Immissionsschutzgesetzes erlassen worden sind und den Stand der Technik wiedergeben.
    (2) Das Gleiche gilt insoweit, als eine wesentliche Beeinträchtigung durch eine ortsübliche Benutzung des anderen Grundstücks herbeigeführt wird und nicht durch Maßnahmen verhindert werden kann, die Benutzern dieser Art wirtschaftlich zumutbar sind. Hat der Eigentümer hiernach eine Einwirkung zu dulden, so kann er von dem Benutzer des anderen Grundstücks einen angemessenen Ausgleich in Geld verlangen, wenn die Einwirkung eine ortsübliche Benutzung seines Grundstücks oder dessen Ertrag über das zumutbare Maß hinaus beeinträchtigt.

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  18. Wo ist der Bezug? Tja, der Bezug wäre der, dass die Masthaltung heutiger Form den ethischen Grundsätzen der Thora, und damit den ethischen Grundsätzen des Judentums, Christentums und des Islams widersprechen.

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  19. @S-G: Wo steht, dass die Masthaltung den ethischen Grundsätzen des Christentums widerspricht? Und selbst wenn es so ein christliches Gebot geben sollte, warum wäre das von Bedeutung? Wir haben in diesem Kontext staatliche Gesetze, die es einzuhalten gilt. Religiöse Gesetze werden i.d.R. nur dann herangezogen, wenn die staatlichen Gesetze einen Sachverhalt nicht abdecken, wie z.B. Erbschaftsfragen im Rahmen der Vielehe bei Moslems, wo dann auch deutsche Gerichte die Scharia anwenden (und anwenden dürfen).

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  20. @ Schmitti :”Das ist ein gutes Beispiel, dass es hierzulande christlich zugeht, nicht judäochristlich”.
    Nur, dass das von Dir zitierte BGB nicht auf irgendwelcher christlicher Rechtsprechung basiert, die es ja so nicht gibt, oder auf dem Kirchengesetz, sondern maßgeblich auf dem Code Napoleon, dem Preußischen Recht, sowie dem römischen Recht, wobei hier mit römisch nicht römisch-katholisch gemeint ist.
    Und wenn Du schreibst, dass es in der BRD christlich zugehe, was genau meinst Du damit? Das hier Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet werden? Das man hier die linke Wange hinhält, wenn man auf die rechte geschlagen wird? Das Angela Merkel über das Wasser geht oder das bei der Arge demnächst einfach statt der Auszahlung von Hartz IV mit fünf Broten fünftausend gespeist werden?

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  21. Lieber Schmitti! Nichts liegt mir ferner, als Dich von hier vergraulen zu wollen, dazu streite ich viel zu gern mit Dir.
    Da Dir meine Polemiken nicht argumentativ genug sind,
    also rein argumentativ:
    da Du im Thread hier die BRD immer wieder für das Christentum ursupierst,
    Pardon, da geht die Polemik wieder mit mir durch,
    ich meine natürlich, dass Du argumentierst, dass die BRD in ihren Normen, Werten und in ihrer Rechtsauffassung und ihrer Rechtsprechung maßgeblich vom Christum beeinflusst wurde, ich aber in meinem beschränktem Horizont dieser Argumentation nicht folgen kann und daher Dir sehr zu Dank verpflichtet wäre, wenn Du mir ein paar konkrete Beispiele liefern könntest, wo sich spezifisch christliche Werte, moralische und ethische Grundsätze in der Kultur, Moral, Ethik und Rechtsprechung der BRD wieder finden lassen.

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  22. Das ist nicht nötig, um zu beweisen, ob eine Region oder ein Staat christlich oder nicht ist, denn Wert- und Moralvorstellungen ändern sich, auch die religiösen, nicht nur die säkularen und juristischen. Es ist ganz einfach eine historisch-territoriale Frage. Für die Entscheidung, ob eine Region christlich ist, muss man sich in der Archäologie umschauen. Gibt es in Deutschland 1300-Jahre-alte und neuere Ruinen von islamischen Gebäuden oder Inschriften, d.h. Beweise einer lange anhaltenden islamischen Kultur hierzulande, und nicht nur eines kurzen Intermezzos wie in Spanien? Gibt es nicht. Hier gibt es so gut wie nur römisches und römisch-christliches. Also kann man schwerlich behaupten, dass “der Islam” zu Deutschland gehört. Das wäre historisch und wissenschaftlich unredlich. (Die vor-römischen germanischen Barbarenkulte gehören da wohl eher zu Deutschland als der Islam.) Schauen wir umgekehrt in die Türkei, d.h. nach Kleinasien, nach Syrien, Jordanien, Nordafrika, Arabien: Gibt es dort Ruinen und alte Inschriften des Christentums, die auf eine langanhaltende christliche Kultur und Geschichte hinweisen? Auf jeden Fall. Also kann man mit Fug und Recht (und wissenschaftlich-historisch korrekt) behaupten, dass nicht nur “die Christen” in diese Regionen gehören, wie Gül das behauptet, sondern auch “das Christentum”.

    Was die Gesetze angeht, leben wir in einem säkularen Staat mit halbwegs getrennter Kirche, und Kirchenrecht (egal welcher Religion) wird nicht häufig angewandt. Unsere Gesetze heute liefern keinen besonderen Hinweis auf den Grad der Christlichkeit dieses Landes. Der geschichtliche Ursprung schon eher. Und wenn man dann eine anti-religiöse bzw. anti-christliche säkularisierte humanistische Agenda hat, dann ist es natürlich zweckdienlich, alles beim Code Napoleon und anderen zeitgleichen halbwegs säkularen Corpora beginnen zu lassen und die christlichen Ursprünge zu verschweigen, wie zum Beispiel das byzantinisch-römische (und damit christliche!) Ius Civilis, auf dem der Code Napoleon basiert usw.

    Und es ist generell falsch, das auf die BRD einzuengen was ich übrigens nie getan habe, denn Deutschland ist historisch und kulturell mehr als der gegenwärtige deutsche Staat. Nur: Im obigen Fall der Schweinemast ist es so, dass die gegenwärtigen Gesetze gelten. Und da steht nichts von Schweinemastverbot neben Friedhöfen. Hier geht’s ums BImSchG, BGB etc. Christen lehnen Schweinefleisch nicht ab, da es ein beinahe heiliges Tier ist, dem Bauern schon immer wichtig, z.B. für die Bodenbearbeitung im Ackerbau, und der Boden ist uns heilig: ora et labora. (Die Wüstenvölker wussten davon wahrscheinlich wenig. Dafür verstanden sie mehr von Bewässerungstechnik.) Und man kann spekulieren: Wenn Deutschland geschichtlich gewachsen kein christliches Land, sondern ein islamisches oder jüdisches Land wäre, wäre es dann denkbar, dass es spezielle staatliche Gesetze (neben Scharia & Co.) gäbe, die z.B. eine Schweinemast neben einem islamischen oder jüdischen Friedhof (oder gar die Schweinemast generell) verböten? Eigentlich schon, oder? Es ist ein argumentum ex silentio, aber stichhaltig.

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  23. “Tja, der Bezug wäre der, dass die Masthaltung heutiger Form den ethischen Grundsätzen der Thora, und damit den ethischen Grundsätzen des Judentums, Christentums und des Islams widersprechen.”

    Das ist richtig, aber wie immer in den meisten Leben zählt der Profit. Es wäre anders, wenn wir nicht immer alles so billig wie möglich haben wollen. Diese Massentierhaltung, die nur auf Profit aus ist, ist dann leider das Resultat.

    @schmitti

    wie wäre es mit dem Tierschutzgesetz? Das ist mehr als sehr oft nicht mit der Massentierhaltung in Einklang zu bringen. Wir kennen die Bilder aus dem Fernsehen, wie Puten und Hühner und Kaninchen gehalten werden. Das zeugt nicht von Respekt dem Lebewesen gegenüber.

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  24. Im Übrigen hat nicht nur die jüdische Gemeinde geklagt, sondern auch andere (Wasserzweckverband, zwei Gemeinden und ein Waldbesitzer.)
    Was die jüdische Gemeinde auch moniert hat:
    ” monierte, dass der Bauherr mehrere Angebote für Alternativgrundstücke gar nicht geprüft habe, weil sie nicht unmittelbar an den elterlichen Hof angrenzten. “

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  25. @schmitti

    in Israel werden auch Schweine gehalten, das gibt zwar immer wieder ein Konfliktpotential, aber es ist in Israel nicht mehr fremd. Es ist also nicht verboten.

    “Christen im Heiligen Land haben immer schon Schweine gezüchtet und ihr Fleisch verkauft. In Bethlehem und Jerusalem wurden allerdings Schweine-Fleisch-Läden des Hana Seniora schon während der ersten Intifada ab 1987 unter dem Druck von Islamisten geschlossen. In Israel produziert seit 1959 der Kibbutz Mszra Schweinefleisch und vermarktet es landesweit in unkoscheren Supermärkten. Mosche Tajar vom Kibbutz Lahav, wo ebenfalls Schweine gezüchtet werden, erklärte: “Wir betreiben ein offizielles Forschungsinstitut zum Testen von Medikamenten. Per Gerichtsurteil dürfen wir für die Tests ungeeignete Schweine zu Wurst verarbeiten.” Denn laut israelischem Gesetz dürfen ansonsten Schweine nur in “christlichen Gegenden” gezüchtet werden. Seit der Masseneinwanderung sowjetischer Juden 1990 sind russische Supermärkte mit unkoscheren Fleischprodukten nicht mehr wegzudenken. ”

    Immerhin.

    Der Friedhof stammt übrigens aus dem 18. Jhr. Juden sind in diesem Land ja nicht vom Himmel gefallen, sondern leben nun schon seit über 1000 Jahren hier.
    Zeit genug!

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  26. @Schmitti:
    “Für die Entscheidung, ob eine Region christlich ist, muss man sich in der Archäologie umschauen.” Inwieweit bestimmen Altertümer heute den Ethos und die Moral, geben Handlungsrichtlinien?

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  27. @Schmitti: ” Und wenn man dann eine anti-religiöse bzw. anti-christliche säkularisierte humanistische Agenda hat”
    Habe ich gar nicht, ich fragte nur nach dem konkretem Einfluss christlicher ( nicht kirchlicher Ethik) auf den in der BRD verbindlichen Handlungsnormen. Eine Frage, auf die ich immer noch keine Antwort erhalten habe.

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  28. @serdal

    “Das ist echt hart. Würde sowas in die nähe einer islamischen Gemeinschaft gebaut und sie würde sich wehren, hätten wir wieder eine Debatte über Integration und die Parallelgesellschaften. Und einige würden die Zivilisation daran hängen, das man Schweinemasten bauen darf. Wohl bekommts!”

    Ich muss schmunzeln: Denn so weit auseinander ist es nicht. Wie oft habe ich gelesen (vom deutschen Michel), die Juden würden sich nicht integrieren und sich nicht anpassen. Da kann der Stammbaum mehrere hundert Jahre nachzuweisen sein, aber mit der Integration haperts immer noch. Und wie einer im Artikel meinte, sind Juden generell auch Migranten. Es geht in diesem Land sehr schnell, dass man, wenn es dem Michel in den Kram passt, nicht hierher gehört.

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  29. @Schmitti: “Und es ist generell falsch, das auf die BRD einzuengen was ich übrigens nie getan habe, denn Deutschland ist historisch und kulturell mehr als der gegenwärtige deutsche Staat.”
    Nenne mir bitte eine historische Staatsform, oder ein meinetwegen ein Königreich, Kaiserreich, das sich als Deutschland ( ohne jedwede Ergänzung) bezeichnet und legitimiert hat???
    Das Deutschland, das Du meinst, ist ein so indifferenter und schwammig definierter Homunkulus, dass es kaum eine Argumentationsbasis hergibt, höchstens eine neoromantische Gefühlsbasis. Demokratische Verhaltensnormen basieren aber glücklicherweise nicht auf dumpfen Gefühlen, sondern auf Vernunft, Einsicht und Erkenntnis.

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  30. @Yael: Tierethik hat mit dem Geruch einer Schweinemast nichts zu tun. Und wieso sind Juden “generell Migranten”? Es gibt Juden, die in Deutschland geboren sind und ebenso deutsche naturels sind. (Oder habe ich was falsch verstanden?)

    @S-G: Religionen sind historisch an Territorien gebunden. Wir sehen es an der Reconquista in Spanien, den Kriegen zwischen Protestanten und Römern in Deutschland, an den Konflikten in Tschetschenien, auf dem Balkan, auf Sri Lanka etc. Eine große Zahl von Konflikten entfachen sich entlang der Grenzen, die einst die Grenzen eines religiösen Einzugsbereiches waren bzw. auf deren beider Seiten sich unterschiedliche religiöse Mehrheiten gegenüberstehen. Das ist eindeutig territorial. Es hat also nichts mit dem Dritten Reich zu tun, sondern mit Geschichtswissenschaft und eindeutigen Konfliktmustern. Come again.

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  31. @schmitti

    ich bezog mich auf die Kommentatoren des Artikels.

    “-Wir sind das Land indem Migranten und alle zugezogenen mehr Rechte haben als
    -Man darf im eigenen Land wohl gar nix mehr machen.
    -seine “Zelte” am besten gleich mitten in der Wüste aufschlagen, aber schon gleich nicht in Deutschland.”

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  32. @Schmitti: “Es hat also nichts mit dem Dritten Reich zu tun, sondern mit Geschichtswissenschaft und eindeutigen Konfliktmustern. Come again.”
    Wenn sich Relgionen nicht auf ihr ihnen gemäßes Territorium, Glaubensfragen, die das Handeln des Glaubenden bestimmen, beschränken, sondern von Herrschenden für territoriale Ansprüche vereinnahmen lassen, dann hat das für mich schon gewisse inhaltliche und strukturelle Analogien mit dem Dritten Reich. Allerdings nicht nur mit dem, sondern auch mit denen davor und denen danach.

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  33. Shalom Leute!
    Eine Wahnsinnsdiskussion hier; von Migranten über Burka bis hin zur Schweinezucht in Israel!

    Ich bin jetzt übrigens gerade in Jerusalem und stand noch vor drei guten Stunden in Designerklammotten, aber mit Kippa und Tefillin geziert, ziemlich verloren vor der Westmauer herum und habe wiederholt versucht, meine Gebetssprüchlein still zu rezitieren. Inmitten einer Horde johlender, tanzender und extatisch betender ultraorthodoxer Juden in rabenschwarzer Tracht ist mir das wiedermal sehr, sehr schwer gefallen (verflucht laut sind die Jungens!) und irgendwie fühlte ich mich auch diesmal wieder etwas fremd am Platze, der ja immerhin auch meine allerwichtigste religiöse Stätte ist. Oh ja, ich glaubte in diesem Moment tatsächlich mehr Gemeinsamkeiten mit einem Zürcher Protestanten oder einem Luzerner Muslim zu empfinden, als mit meinen orthodoxen Glaubensbrüdern. Zum Glück traf ich zwei amerikanische Juden, denen es ganz ähnlich erging und so sind wir gemeinsam durch die El-Wad getingelt, an den muslimischen Verkäufern vorbei, eine katholische Prozession an der Via Dolorosa kreuzend und das alles flankiert von orthodoxen bzw. weltlichen Juden und supergeil aussehender Arabergirls mit und ohne Kopftuch! 🙂

    Was will ich damit sagen? Die hier angerissenen interreligiösen ‘Probleme’ gibt’s hier im Heiligen Land überhaupt nicht. Hier macht jeder sein eigenes Ding und keine Socke interessierts; mal abgesehen von ein paar verwirrten und verirrten Eiferern, die die Nachrichtenlage bestimmen. Und genau deshalb komme ich immer wieder gerne hier her, auch wenn ich trotz sauberem Iwrith und Jiddisch ein Ausländer bleibe.

    So und jetzt gehe ich mit den Amis eine Kleinigkeit speisen – nämlich nach Ostjerusalem und garantiert unkosher! Wo ist gleich nochmal das Restaurant, in dem Benny Netanjahu gerne sein Schweinekotelett verzehrt? 🙂 Denn natürlich gibt es auch hier ein paar Metzgerein, die diese ach so unsauberen Tierchen lecker zuzubereiten wissen; übrigens: geführt von Juden! Ein bemerkenswertes Land! Long live Israel! 🙂

    Weiterhin gut Schabbes!

    Miles

    Antworten

  34. Miles wie er leibt und lebt! Unverbesserlich! Da ist er ErewShabbes nicht nur in EretzIsrael, sondern sogar in Jerushalaim, und was macht er? Kneppelquetschen mit den ollen unverbesserlichen Ashke-Nasen!
    Lass es Dir gutgehen, genieße es in vollen Zügen und schick mal ein dickes Paket: ” Keine Socke schert sich um des anderen Ding” vorbei!

    Antworten

  35. @SG: eines noch …

    werde mal Herrn Hugo Boss fragen, wenn ich ihn sehe! 🙂 So, in ein paar Stunden gibt es meinen Rückflug; G*TT sei Dank ist dann noch Shabbat und El Al darf nicht fliegen! Swiss spingt mit Codesharing ein und das kann nur ein Vorteil sein! 🙂

    Shalom!

    Miles

    Antworten

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