Reckless? – ja das ist es

reckless kann man auch mit unbekümmert übersetzen und ja, so geht das neue Buch von Cornelia Funke mit den Märchen der westlichen Welt um, die da als Inventar für ihre (als Mehrteiler geplante) Geschichte namens Reckless dienen. Viel unbekümmerter ist jedoch die Darstellung der Zwerge. Die Zwerge sind sehr geschäftige, ja geschäftstüchtige, geldgierige Gesellen, die auch mal gerne den Mächtigen als Berater zur Seite stehen. Und damit der Wink mit dem Zaunpfahl auch verstanden wird, sind sie natürlich schwarz gekleidet. Ist das nun reckless?
Kommentator Yoram hat in seinem Kommentar auf die Zwerge bei Tolkien hingewiesen und dass auch dort die Zwerge jüdisch angelegte Figuren seien:

I do think of the ‘Dwarves’ like Jews: at once native and alien in their habitations, speaking the languages of the country, but with an accent due to their own private tongue

und

The dwarves of course are quite obviously, wouldn’t you say that in many ways they remind you of the Jews? Their words are Semitic, obviously, constructed to be Semitic.

J. R. R. Tolkien
Sein ganzer Kommentar (4) weiter unten (oder hier klicken).

Chajm

Chajm ist nicht nur Autor dieses Blogs und Bewohner des Ruhrgebiets, sondern auch Herausgeber von talmud.de und Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet. Einige seiner Artikel gibt es nicht nur im Internet, sondern beispielsweise auch in der Jüdischen Allgemeinen. Über die Kontaktseite kann man Chajm eine Nachricht senden. Man kann/soll Chajm auch bei twitter folgen: @chajmke. Chajms Buch »Badatz!« 44 Geschichten, 44 zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag, gibt es im Buchhandel und bei amazon.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Unter Fantasy-Fans wird die Frage, ob Cornelia Funke bei der Darstellung der Zwerge in “Reckless” auf antisemitische Klischees zurückgreift, kontrovers diskutiert.
    Ich habe natürlich keinen Überblick über das Meinungsbild der gesamten Fan-Szene, aber insgesamt habe ich doch den Eindruck, dass eine Mehrheit die Vorwürfe für überzogen hält. Ich bin nicht dieser Ansicht: zwar gehe ich davon aus, dass Frau Funke zwar nicht absichtlich antisemitische Propaganda schrieb, aber “vergaß”, dass der “europäische Märchen- und Mythenschatz” schon auf der Ebenen der Volksmärchen voller antisemitischer Motive steckt. Hinzu kommt, dass die Märchensammler und -bearbeiter des 19. Jahrhunderts alle mehr oder weniger Nationalromantiker waren – was zumindest in Deutschland unschön regelmäßig mit Antisemitismus einher ging. Frau Funkes “Zwergenbild” wird außerdem anscheinend stark von der Mytheninterpretation Richard Wagners geprägt ist – und das “seine” Zwerge antisemitische Klischees aufweisen, war durchaus Absicht.
    Anders gesagt: auch Fantasy-Autoren müssen ihren Quellen gegenüber kritisch sein – und auf der Hut vor ihren eigenen “kulturell ererbten” Antisemitismus.

    Der Fall liegt m. E. auch anders, als der der Ferengi in “Star Trek”. Zwar war es vielleicht keine gute Idee, diese Karikaturen extremer Kapitalisten als kleine Leute mit großen Ohren darzustellen, aber da andere “typische” Judenklischee fehlen – die “Erwerbs-Ethik” der Ferengi greift z. B. unübersehbar auf calvinistisch-protestantische Vorstellungen zurück.

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  2. Bei verschiedenen Figuren in der Literatur handelt es sich tatsächlich nicht um isolierte Charaktäre, ohne Vorgeschichte oder Hintergrund, sondern oft handelt es sich um einen Typus. Zwerg wäre doch so ein Typus, den man nicht isoliert betrachten kann. Zwar gibt es auch bei Tolkien Zwerge aber diese unterscheiden sich in einigen Merkmalen von den Zwergen Wagners oder denen aus den mitteleuropäischen Märchen. Ich denke nicht, dass dieser Stoff an Personen vorbeigeht, die sich intensiv mit ihren Figuren beschäftigen.

    Die Ferengi habe ich ursprünglich als Charaktäre verstanden, die so sind, wie böseste antisemitische Klischees Juden sehen. Das macht aber diese Figuren nicht uninteressant. Sind sie mit Absicht so angelegt? Die Frage könnte auch für Funke gelten. Die jüngeren Leser (also die eigentliche Zielgruppe) wird sich diese Frage nicht stellen, ihnen fehlt der Hintergrund.

    Ein Link zu einem Märchen der Gebrüder Grimm:
    http://de.wikisource.org/wiki/Der_Jude_im_Dorn_(1857)

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  3. In der Vergangenheit habe ich leider schon häufiger die Abwesenheit von Kritikfähigkeit bei manchen Fantasy-Fans (und auch teilweise bei Sci-Fi-Fans) feststellen müssen. Zumindest beim Thema Antisemitismus wurde mir immer wieder gesagt, das ich da etwas hineininterpretiere was nicht da oder gewollt sei.

    Abgesehen vom antisemitischen Beigeschmack lohnt es sich das Buch zu lesen?

    Als kleiner Nachtrag zu Tolkien:

    I do think of the ‘Dwarves’ like Jews: at once native and alien in their habitations, speaking the languages of the country, but with an accent due to their own private tongue

    und

    The dwarves of course are quite obviously, wouldn’t you say that in many ways they remind you of the Jews? Their words are Semitic, obviously, constructed to be Semitic.

    J. R. R. Tolkien
    wobei ihm ein bewußter Antisemitismus nicht anzukreiden wäre, da er auch schrieb:

    But if I am to understand that you are enquiring whether I am of Jewish origin, I can only reply that I regret that I appear to have no ancestors of that gifted people.

    (Quelle)
    ? weiteres: ”Dwarves are not heroes”: antisemitism and the Dwarves in J.R.R. Tolkien’s writing.

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  4. Zum Buch im Allgemeinen: Nicht für Kinder geeignet (keinesfalls), ein recht simpler Plot mit dem Personal aus der angelsächsischen und mitteleuropäischen Märchenwelt. Dafür flüssig erzählt, böswillig könnte man behaupten, der Stil sei mittlerweile schon eher Masche. Wer ein Kinder-/Jugendbuch mit Fantasy-Einschlägen sucht, der sollte sich die Geschichten über Tobie Lolness anschauen: http://www.perlentaucher.de/buch/29305.html Schön erzählt und derzeit kommerziell wohl noch nicht so erfolgreich…

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