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Chajm im Glück

Happiness

Die Flucht aus den Umständen scheint in der Fiktion der Garant dafür zu sein, dass man glücklich werden kann. Dann geht es ab in die Länder, in denen sich die Menschen nicht die Frage stellen können, ob sie mal woanders nach dem Sinn des Lebens forschen können. Der Film Eat. Pray. Love ist ein willkommener Anlass, sich mit dem Grundthema Glück zu beschäftigen:

Essen, Beten, Lieben (Eat, Pray, Love) könnte die Kurzformel oder Zusammenfassung aller jüdischen Feiertage sein, allerdings stimmt die Reihenfolge nicht ganz. Nein. Eat. Pray. Love ist vielmehr der Titel eines Films, in dem Liz Gilbert, gespielt von Julia Roberts, auf der Suche nach etwas ist, was ihr Leben ausfüllt und sie zufrieden macht. Glück könnte man sagen. Der Film, der nach einem autobiografischen Roman entstanden sein soll, führt die Protagonistin nach Italien, Indien und Bali. Lässt sie also durch eine Reise über den halben Globus nach dem Wesentlichen des Lebens suchen, nach dem, was ihr fehlt um glücklich und zufrieden zu sein. Dafür gibt sie ihren gut bezahlten Job auf und verlässt ihren Mann, um nach zwei Stunden Film wieder bei einem Mann zu landen.

Den gesamten Text gibt es hier, auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen

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Sehbefehl für diese Woche

Im Frühjahr lief die Serie auf arte und ich besprach sie hier; nun wird sie Freitagsabends in der ARD laufen (wer Schomer Schabbat ist, könnte die Folgen aufzeichnen) und somit einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Wer ein wenig Russisch versteht, hat natürlich den Bonus, nicht auf die Untertitel achten zu müssen. Jedenfalls ergeht hier der Sehbefehl für eine der besten deutschen Serien der letzten Jahre! Die ARD hat eine Sonderseite erstellt, sie findet man hier.

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Das jüdisch-christliche Abendland?

Im Zusammenhang mit der Hysterie um die Rede von Bundespräsident Christian Wulff zum Tag der deutschen Einheit, kam wieder ein interessanter Begriff im Schlagabtausch der Meinungen auf. Der Begriff von einer christlich-jüdischen Tradition in Deutschland. Um nur ein populäres (leider) Beispiel zu nennen; Hugo Müller-Vogg von der Bild:

Unser Verständnis von Freiheit und Menschenwürde gründet auf unserer christlich-jüdischen Tradition und der Aufklärung. von hier

Mir kommt es ein wenig so vor, als möchte man doch christliche Tradition schreiben, aber neuerdings hat man diese jüdisch-christliche oder christlich-jüdische Tradition entdeckt und niemand kann so recht sagen, woher dieser Begriff eigentlich stammt. Der Begriff Tradition erweckt nämlich den Eindruck, es habe in den letzten zweitausend Jahren eine friedliche Symbiose beider Religionen gegeben. Dabei hat es die auch in der jüngeren Geschichte nicht gegeben. Die jüdische Geschichte in Deutschland ist ja eine jahrhunderte lange Geschichte der Ausgrenzung und zum Schluss dann auch recht einseitigen Liebe. Wie Ramona Ambs schon in ihrem Text Ausgeprägtes Markenbewusstsein feststellt, wird der Begriff aber auch nur dann benötigt, wenn es darum geht, sich gegen eine weitere Partei abzugrenzen:

Als Familienministerin von der Leyen 2006 eine Wertekonferenz (Bündnis für Erziehung) einberief, lud sie dazu nur Vertreter der christlichen Kirchen ein. Das Christentum sei Grundlage, immerhin handle man nach den christlichen Zehn Geboten. von hier

Almut Schulamit Bruckstein oruh stellt dies nun auch im Tagesspiegel fest:

Nein, es gab keine jüdisch-christliche Tradition, sie ist eine Erfindung der europäischen Moderne und ein Lieblingskind der traumatisierten Deutschen. Jüdisch-christlich ist eine Konstruktion, geprägt von einer Genese des Fortschritts, die in der Reformation und in der Französischen Revolution gipfelt. Erst nach der Schoah hat in Deutschland ein jüdisch-christlicher Dialog begonnen. Dabei entsprachen die Trennlinien dieses Dialogs paradoxerweise ziemlich genau den Trennlinien zwischen muslimischen und christlichen Überzeugungen heute. Selten gibt es für die offensichtlichen Gemeinsamkeiten dieser beiden Traditionen auch ein öffentliches Zeugnis, wie etwa zur Zeit, als die Republik über Navid Kermanis Äußerungen zum Kreuz in helle Aufregung geriet und Fürsprecher wie Micha Brumlik am Ende doch, wenn auch eher leise, darauf hinwiesen, dass auch für viele Juden wie soll man es sagen jede Form der Kreuzestheologie letztlich Blasphemie bleibt. von hier

Aber Bruckstein oruh folgert auch etwas daraus:

In Zeiten, in denen muslimische Traditionen unter Generalverdacht stehen, bedarf es einer erneuten Liaison der jüdischen Intellektuellen mit den Muslimen dieses Landes. von hier

Nötig wäre es alleine schon deshalb, weil diejenigen, die gegen den Islam hetzen immer so tun, als würden sie Israel und die Juden toll finden und dabei versuchen, beide als Gegenpol zum Islam zu montieren.

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Hickhack in Hamburg

Eine Villa in Hamburg sorgt für eine Reihe von Verwicklungen. Zunächst warf sie jahrzehntelang ein recht ungutes Licht auf die GEW, nun fällt ein kleiner Schatten auf die jüdische Gemeinde.
Doch der Reihe nach: Die Villa an der Rothenbaumchausse 19 (nicht die schlechteste Hamburger Lage) befand sich bis 1935 in jüdischem Besitz und wurde in diesem Jahr für einen lächerlich niedrigen Preis für ein Lehrervereinshaus gekauft und nach 1945 der GEW zugesprochen und erst seit 2005 wurde überprüft, ob es nicht vielleicht doch Arisierung gewesen sein könnte, die dazu führte, dass die früheren Besitzer sich für einen recht kleinen Betrag vom Haus trennten. In diesem Jahr begannen auch die Diskussionen darüber, ob das Haus nicht ein geeigneter Ort für ein jüdisches Museum sein würde. 2006 wurde dann diskutiert, am Haus eine Informationstafel zur Geschichte anzubringen und 2007 wurde dann beschlossen, die Arisierungsthese sei doch nicht richtig und das Haus rechtmäßig in Besitz der GEW. Der gesamte Prozess wiederholte sich dann, mit einigen Änderungen in den Details, bis ins Jahr 2010 und jetzt -endlich- ist die GEW bereit, das Gebäude unter Preis zu verkaufen (also irgendwie moralisch handeln wollend und zugleich doch nicht anerkennend, dass es sich um Arisierung handelte). Und siehe da! Jetzt hat die Gemeinde den schwarzen Peter gezogen. Ein Investor wollte einspringen und die vergünstigte Immobilie kaufen und das Erdgeschoss mindestens zehn Jahre kostenlos der jüdischen Gemeinde überlassen. Die restlichen Stockwerke sollten an eine Akademie der Weltreligionen vermietet werden. Dies geschieht in Absprache mit der jüdischen Gemeinde und der Investor soll auch aus der Gemeinde kommen. Zunächst war Chabad Hamburg interessiert an einem Ankauf, die jüdische Gemeinde allerdings nicht an einem Verkauf an Chabad. Die Welt berichtete bereits darüber und auch die lokale Presse. Zu einem Artikel über den Nicht-Verkauf in der lokalen Presse, auf der Seite shz.de meldete sich allerdings nun Daniel Killy zu Wort, der von 2005 bis 2007 Pressesprecher der Jüdischen Gemeinde Hamburg war:

Der „jüdische Unternehmer“, der die immobilie „Ro 19“ zum Schnäppchenpreis erwerben möchte, ist Burton Feingold, der Ehemann der stellvertretenden Gemeindevorsitzenden Karin Feingold. von hier

Das gibt der Sache natürlich einen anderen Dreh, wenn in der taz Chabad-Rabbiner Bistritzky sagt, die Sache sei nicht koscher. Im gleichen Artikel wird Ruben Herzberg, der Gemeindevorsitzende zitiert:

Auch Rabbi Bistritzky habe bei der GEW ein Interesse am Kauf der Villa angemeldet, sagt Herzberg. Er habe sie für sein Zentrum kaufen und mit seiner Familie selbst dort einziehen wollen. Mit der Vorstellung, dass streng orthodoxen Chabad-Leute in die GEW-Villa ziehen, sei er aber nicht glücklich gewesen. In Hamburg hätte es dann geheißen: „So sind die Juden“, sagt Herzberg. von hier

Hickhack in Hamburg eben.

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Gemeindemitglied muss man werden wollen

Das Bundesverwaltungsgericht hat am 23.09. ein interessantes Urteil gesprochen: Man kann nicht Mitglied einer jüdischen Gemeinde sein, ohne dass man dies nicht selber möchte. Offenbar auch dann nicht, wenn in der Steuerkarte irgendein Kürzel für jüdische Konfession eingetragen hat. Internetbenutzer würden sagen, die Mitgliedschaft in der jüdischen Gemeinde funktioniert nun über ein Opt-in Verfahren: Man muss die Mitgliedschaft explizit bestätigen. Bisher gibt es bei einigen Gemeinden ein Opt-out Verfahren über die Steuerkarte. Das Bundesverwaltungsgericht nennt das Keine Mitgliedschaft in der jüdischen Gemeinde ohne eindeutige Willensbekundung:

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat heute entschieden, dass die jüdische Gemeinde in Frankfurt ein aus Frankreich zugezogenes Ehepaar jüdischen Glaubens nicht mit Wirkung für das staatliche Recht als Mitglied behandeln darf. Damit entfällt insbesondere die Möglichkeit, das klagende Ehepaar zur Kultussteuer (Kirchensteuer) heranzuziehen.
Nach der Satzung der beklagten Gemeinde bestimmt sich die Mitgliedschaft in ihr nach der jüdischen Religionszugehörigkeit, die insbesondere durch die Abstammung von einer jüdischen Mutter vermittelt wird, und der Wohnsitznahme. Eine so begründete Mitgliedschaft in der rechtlich verfassten Religionsgemeinschaft kann im staatlichen Recht wegen des Grundrechts der Bekenntnisfreiheit nur dann anerkannt werden, wenn sie von einer Willensentscheidung des Betroffenen getragen ist. Das Berufungsgericht hat u.a. der Erklärung der Kläger gegenüber dem Einwohnermeldeamt über ihre Religionszugehörigkeit eine derartige Willensbekundung entnommen.
Dem ist das Bundesverwaltungsgericht nicht gefolgt. Zwar haben die Kläger nach ihrem Zuzug gegenüber der Meldebehörde im Anmeldeformular bei der Frage nach der Religion „mosaisch“ angegeben. Vor dem Hintergrund vielfältiger Strömungen im Judentum geht aus dieser allgemeinen Auskunft über die Glaubenszugehörigkeit aber nicht mit der gebotenen Eindeutigkeit hervor, dass die Kläger, die sich nach ihren Angaben dem liberalen Judentum verbunden fühlen, der in Frankfurt bestehenden jüdischen Gemeinde in ihrer konkreten Ausrichtung zugehören wollen.
Schließlich kann auch nicht davon ausgegangen werden, dass allein die bisherige Mitgliedschaft in einer jüdischen Gemeinde in Frankreich im Falle des Wohnsitzwechsels automatisch die Mitgliedschaft in der jüdischen Gemeinde des neuen Wohnorts zur Folge hat. Bundesverwaltungsgericht

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Keine Siedlungen – Freiheit

Die Zeit hat einen Artikel von Gadi Taub in deutscher Übersetzung veröffentlicht, in dem er sich mit der Gefahr auseinandersetzt, die von den Siedlungen für das gesamte zionistische Projekt ausgehen könnte (hier):

Trotzdem war Zion nur das Mittel, nicht der Zweck. Der Zweck des Zionismus war die Befreiung der Juden: Wenn Juden nicht als Freie und Gleiche zu Bürgern anderer demokratischer Republiken werden könnten, dann benötigten sie eben ihren eigenen unabhängigen Staat, glaubte Herzl. von hier

Gadi Taub hat kürzlich ein Buch über die Siedlungen veröffentlicht (bei amazon hier), in diesem beschreibt er auch eingehend die Geschichte der religiösen Siedler und stellt zugleich klar, dass viele der Siedler keine nationalreligiösen Menschen mit Mission sind, sondern Menschen, die gerne eine bezahlbare Wohnung hätten. Zusammenhänge werden recht gut deutlich, die Situation analysiert, aber eine wirkliche Perspektive erwächst daraus nicht, denn es ist nicht klar, was daraus folgt, wenn man Taubs Analyse folgt.

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Reckless? – ja das ist es

reckless kann man auch mit unbekümmert übersetzen und ja, so geht das neue Buch von Cornelia Funke mit den Märchen der westlichen Welt um, die da als Inventar für ihre (als Mehrteiler geplante) Geschichte namens Reckless dienen. Viel unbekümmerter ist jedoch die Darstellung der Zwerge. Die Zwerge sind sehr geschäftige, ja geschäftstüchtige, geldgierige Gesellen, die auch mal gerne den Mächtigen als Berater zur Seite stehen. Und damit der Wink mit dem Zaunpfahl auch verstanden wird, sind sie natürlich schwarz gekleidet. Ist das nun reckless?
Kommentator Yoram hat in seinem Kommentar auf die Zwerge bei Tolkien hingewiesen und dass auch dort die Zwerge jüdisch angelegte Figuren seien:

I do think of the ‚Dwarves‘ like Jews: at once native and alien in their habitations, speaking the languages of the country, but with an accent due to their own private tongue

und

The dwarves of course are quite obviously, wouldn’t you say that in many ways they remind you of the Jews? Their words are Semitic, obviously, constructed to be Semitic.

J. R. R. Tolkien
Sein ganzer Kommentar (4) weiter unten (oder hier klicken).